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Beyond Creation – Algorythm

Wer dieses Jahr schon Obscuras neues Album „Diluvium“ kaum erwarten konnte, hat nun einen zusätzlichen Anlass zur Freude bekommen. Denn dem Nischenbereich „Technical Death Metal mit Fretless Bass“ fügen auch die Kanadier BEYOND CREATION ein weiteres Album hinzu. „Algorythm“ heißt das dritte Werk, das das Quartett erneut via Season Of Mist in die Welt entsendet.

Wesentlich gelungener als der semiclevere Wortwitz des Albumtitels ist glücklicherweise die Musik, die genau da anknüpft, wo der Vorgänger „Earthborn Evolution“ aufhörte. Erneut präsentieren BEYOND CREATION ihren progressiven Technical Death Metal, der stets songfokussiert bleibt, statt sich in leider nicht Genre-unüblicher Fähigkeitsangeberei zu verlieren. Das gelingt den vier Musikern auf „Algorythm“ tatsächlich noch mal ein Stück besser als ihren Kollegen von Obscura auf deren neuen Platte.

Songs wie „Surface’s Echoes“ oder „In Adversity“ erinnern mit ihren flotten, fetzigen Riffs bisweilen an Bands wie The Black Dahlia Murder. Gemächliches, atmosphärisches Spiel wie in „Ethereal Kingdom“ hätte dagegen teilweise auch von den letzten beiden Gojira-Alben stammen können. Egal ob filigraner Death Metal wie in „The Inversion“ oder gefühlvoller Ausdruck wie im Instrumentalstück „Binomial Structures“: BEYOND CREATION schaffen in ihren Kompositionen mühelos den Spagat zwischen anspruchsvoller – und damit auch anstrengender – Musik und angenehmen Passagen zum Abschalten und Fallenlassen.

Die Produktion kommt noch mal ein ganzes Stück weniger aggressiv und dafür smoother daher als bei ihren ersten beiden Alben. Damit hat die Band ihren Sound weiter der Unterstützung des Fretless Basses angenähert, der in ihrem Klangbild schon immer eine große Rolle spielte. Während auf besagten Vorgängern Dominic Lapointes Bassspiel weit in der Vordergrund gerückt wurde, sodass er oft die Gitarren ins Abseits verwies, fügen sich Hugo Doyon-Karouts Melodielinien noch mal ein Stück ausgeglichener und weniger aufmerksamkeitssuchend in den Gesamtsound ein. Was natürlich nicht bedeutet, dass er nicht auch seine Momente zum Glänzen bekommt. Allein die wundervoll melancholische Melodie am Ende von „Entre Suffrage Et Mirage“ sowie seine Soli im Titeltrack und dem fantastischen Schlusssong „The Afterlife“ beweisen, dass sein Spiel dem seines Vorgängers und dem seines Obscura-Kollegen Linus Klausenitzer in nichts nachsteht.

Was man leider auch auf „Algorythm“ vergeblich sucht, sind wirklich herausragende Hits. Das Bestreben der Band, sich Eingängigkeit oder geradlinigen Songstrukturen zu verschließen, führt natürlich zwangsläufig dazu, dass das Album als Gesamtkonstrukt konzipiert ist statt als Sammlung einzelner Songs. Und als solches gibt es natürlich auch Schwankungen in der Spannungskurve, die zwangsläufig mit der Aufmerksamkeitskurve des Zuhörers korreliert. Dass Simon Girards Gesangsmetren, zumindest im Englischen, vollkommen unnatürlich und willkürlich konstruiert wirken, statt sich dem natürlichen Fluss der Sprache zu fügen, kommt dem natürlich nicht gerade zugute.

Trotz dieser Kritikpunkte stellt „Algorythm“ aber ein äußerst starkes Album im Bereich des technischen Death Metals dar, das Fans dieses Genres überwiegend zusagen dürfte. Als Alleinstellungsmerkmal lässt sich natürlich der prominent platzierte Fretless Bass nicht bezeichnen. Nachdem Obscura exakt das gleiche Stilmittel verwenden, könnte man BEYOND CREATION zwangsläufig den Vorwurf der billigen Imitation machen. Dass sie sich in Sachen Songwriting aber mindestens auf dem gleichen Niveau befinden, dürfte diesen aber schnell entkräftigen. Man sollte beziehungsweise muss „Algorythm“, wie auch schon seine zwei Vorgänger, als Genre-Ergänzung statt als Kopie verstehen.

Arsis – Visitant

Was auch immer dafür gesorgt hat, dass das neue Album der amerikanischen Tech-Deather ARSIS ganze fünf Jahre auf sich warten ließ – das Artwork war es wohl nicht. Zum Glück verbirgt sich hinter dem wenig einprägsamen Bild, für das überraschenderweise der gleiche Künstler wie bei  allen vorigen Alben verantwortlich ist, deutlich spektakulärere Musik.

Denn während der futuristische Aspekt der früheren Cover-Artworks einem fast oldschooligen, dabei aber ziemlich langweiligen Motiv weichen musste, bleibt die Musik aus dem Hause ARSIS vielseitig, modern und unverkennbar: Melodischer Tech-Death trifft auf flotte Thrash- und Extreme-Elemente. So erinnert die behende Gitarrenarbeit, etwa im Opener „Tricking The Gods“, an Bands wie Keep Of Kalessin, wohingegen der Gesang den Thrash-Einschlag fett unterstreicht. Nicht zuletzt, da die Stimme von Bandkopf James Malone streckenweise an Kreators Mille Petrozza denken lässt („His Eyes“).

Noch etwas thrashiger wird es im folgenden „As Deep As Your Flesh“ mit seinem Mix aus flotten Riffs, griffigen Bridges und flinken Soli in den Vordergrund, ehe sich ARSIS wieder etwas mehr dem Tech-Death zuwenden – die eh schon fließenden Grenzen der Genres wurden von ARSIS ja seit ehedem regelmäßig übertreten und verschoben. Auf „Visitant“ gönnen sich die Amerikaner jedoch mehr solche Wechsel – und damit Vielfalt – als etwa zuletzt auf dem durchweg ziemlich brutalen Vorgänger, „Unwelcome“ (2013). Ausrutscher wie das peinliche „Forced To Rock“ von „Starve For The Devil“ (2010) sparen sich ARSIS dafür dankenswerterweise.

Doch nicht nur der generelle Stil, auch der Sound ist weiterentwickelt und weckt zugleich (gute) Erinnerungen an frühere ARSIS-Alben: Verfeinert, aber nicht verfremdet, ist beides ein gutes Beispiel für „gelungene Modernisierung“.

Am Ende ist „Visitant“ ein Album, das vielleicht (zum Glück) nicht den durch sein Artwork geweckten Assoziationen, zumindest aber den Erwartungen an ARSIS gerecht wird: Ein kurzweiliges, technisch höchstklassiges Extreme-Metal-Album, das Freunden großer Fingerfertigkeit Freude bereiten wird – unabhängig davon ob sie eigentlich aus dem Death-, Thrash- oder Extreme-Sektor kommen.

Piah Mater – The Wandering Daughter

Dass Opeth dem Death Metal im Jahr 2011 voraussichtlich endgültig abgeschworen haben, wurde offenbar nicht nur in der Fangemeinde als Verlust wahrgenommen – die zahlreichen Veröffentlichungen anderer Bands, die den Stil von Klassikerplatten wie „Still Life“ aufgreifen, legt die Vermutung nahe, dass auch viele professionelle Musiker noch nicht über den Kurswechsel der Schweden hinweg sind. Da Metal schon längst ein globales Phänomen darstellt, ist es eigentlich nicht verwunderlich, dass sich nach den Österreichern Vinsta nun auch aus Brasilien eine Gruppe zu Wort meldet, die mit ihrem Schaffen ihren Prog-Death-Idolen huldigt. Konkret handelt es sich um PIAH MATER und ihr zweites Album „The Wandering Daughter“.

Mag man die Vorbilder von PIAH MATER auf dem Intro „Hyster“, das die Platte mit verträumten Akustik- und Clean-Gitarren sowie wortlosem Frauengesang eröffnet, noch nicht eindeutig benennen können, so werden diese spätestens im darauffolgenden „Solace In Oblivion“ unüberhörbar offensichtlich. Einfach alles von den mächtigen, gutturalen Vocals über die groovenden Rhythmusgitarren und Drums bis hin zu den mal verspielten, dann wiederum langgezogenen, unheilvollen Leadmelodien und Soli schreit hier förmlich nach schwedischem Progressive Death. Ganz genauso verhält es sich mit den herrlich stimmungsvollen Jazz-Gitarren-Einschüben, in denen auch sanfter Klargesang zum Einsatz kommt, der wiederum Assoziationen zu Ne Obliviscaris herstellt.

Das spielerische Geschick, das PIAH MATER dadurch zur Schau stellen, ist wahrhaft beeindruckend – ob hierbei auch von Kreativität die Rede sein kann, steht allerdings auf einem anderen Blatt. Als Paradebeispiel eignet sich insbesondere das wunderbar beschwingte „The Sky Is Our Shelter“, das wie eine allenfalls leicht aufgeputschte Version von Opeths „Harvest“ klingt. Gänzlich einfallslos können PIAH MATER schlussendlich trotzdem nicht sein, denn in ein paar Aspekten unterscheiden sich die Nummern des Trios dann doch von jenen ihrer skandinavischen Kollegen.

In dieser Hinsicht ist etwa erwähnenswert, dass „The Wanderung Daughter“ in den aggressiven Abschnitten ein paar Schritte weitergeht als beispielsweise „Blackwater Park“, was sich vor allem im hin und wieder doch ziemlich schnittigen Tremolo-Picking, in den gelegentlichen Blast-Beats und in den öfter variierten Screams äußert („Sprung From Weakness“). Auch die eigentümlichen Keyboards im abschließenden Fünfzehnminuter „The Meek‘s Inheritance“ stellen eine kleine, aber feine Dreingabe dar, mit der PIAH MATER ihre ansonsten eher herkömmlichen Songstrukturen ein wenig auffrischen.

Es gibt fraglos eine ganze Menge lobenswerter Attribute, mit denen man PIAH MATER und ihre zweite Platte bedenken kann – Originalität ist jedoch leider nicht darunter. Um überhaupt auf einem mit Bands wie Opeth oder Ne Obliviscaris vergleichbaren Niveau zu agieren, bedarf es allerdings schon einer gehörigen Portion Talent. Dass PIAH MATER sowohl mit den nötigen technischen Fertigkeiten als auch mit dem kompositorischen Feingefühl gesegnet sind, kann man im Fall von „The Wandering Daughter“ nicht in Zweifel stellen, obgleich die Songs noch eine Spur flüssiger arrangiert sein könnten. Wer an Opeth seit „Heritage“ das Interesse verloren hat, bekommt hier somit einen mehr als würdigen Ersatz geboten.

Exocrine – Molten Giant

Metal und Science-Fiction haben bekanntermaßen eng miteinander verknüpfte Fangemeinden. Insbesondere im Technical Death Metal gibt es Alben mit Artworks im Comic-Stil und Songs über Ungeheuer, die die Menschheit bedrohen, im Überfluss. Einem speziellen Subgenre der Sci-Fi-Filmkunst, dem von Riesenmonstern wie etwa Godzilla handelnden Kaiju, haben die Franzosen EXOCRINE mit ihrer dritten Platte „Molten Giant“ nun ein musikalisches Denkmal gesetzt. Die Neugier mag sich an diesem Punkt noch in Grenzen halten, doch eine Band, die bereits mit Obscura und Archspire durch Japan getourt ist, kann ja wohl so schlecht nicht sein, nicht wahr?

Quantitativ haben sich EXOCRINE schon mal im Voraus ein Lob verdient: Eine Bilanz von drei Full-Length-Veröffentlichungen in gerade einmal vier Jahren zeugt insbesondere bei einer Hobby-Band von immensem Schaffensdrang. Doch auch die Musik selbst untermauert den Eindruck, dass sich das Quartett seinen heiß begehrten Support-Slot vor Obscura redlich verdient hat. Im Grunde genommen bringen EXOCRINE sämtliche Voraussetzungen mit, die hervorragenden Tech-Death ausmachen. Die Franzosen können blitzschnell shredden und solieren, sich aber auch zugunsten epischer Leadmelodien bis zu einem gewissen Grad zurücknehmen – oder ganz einfach fett draufhauen.

Die tiefer als tiefen Growls und das oftmals abgehackt-brutale Hochgeschwindigkeitsdrumming lassen den Härtegrad nie allzu lange abflachen. Folglich stehen EXOCRINE ihren Landsmännern von Beyond Creation stilistisch näher als den jazzigeren Cynic. Als kleine Überraschung haben die Technik-Nerds zwischendurch auch ein paar elektronische Keyboard-Passagen eingebaut, die sich gut als Wiedererkennungsmerkmal eignen und darüber hinaus wunderbar zum futuristisch-dystopischen Textkonzept der Platte passen.

Leider beschränken sich diese cineastisch anmutenden Einschübe weitgehend auf die Intros und Outros der Songs. In dieser Hinsicht hätten EXOCRINE wirklich ein wenig mehr experimentieren können. Da im Songwriting der Wagemut somit etwas zu kurz kommt, bleibt auch nicht allzu viel davon längerfristig im Gedächtnis (mit Ausnahme des kämpferischen Refrains von „Hayato“). Ansonsten gibt es jedoch weder an der akkurat eingespielten Musik noch an der scharfkantigen, glasklaren Produktion etwas Nennenswertes zu kritisieren.

Man kann wohl ohne Gewissensbisse behaupten, dass EXOCRINE mit „Molten Giant“ ein für sein Genre typisches Album geschaffen haben, das viele der Vorzüge, aber auch einige charakteristischen Schwächen des Stils in sich trägt. Die Franzosen beherrschen ihre Instrumente ganz vorzüglich, sodass man auch gewillt ist, ihnen die bescheidene Laufzeit von lediglich 35 Minuten nachzusehen. Die Gratwanderung zwischen Eingängigkeit, Einzigartigkeit und Komplexität gelingt EXOCRINE jedoch (noch) nicht in gleichem Maße wie etwa The Faceless oder Fallujah. All jene, die sich nicht daran stören, wenn eine Band nichts gänzlich Neues auf den Tisch bringt, können bei „Molten Giant“ trotzdem bedenkenlos zugreifen.

Alkaloid – Liquid Anatomy

Progressive Metal ist nicht gleich Progressive Metal, das wissen die Fans dieses Genres am besten. Verstehen manche darunter eine Art musikalisch nicht ganz so banalen Power Metal, ist es für andere eine härtere Version dessen, was in den 70ern und 80ern als Progressive Rock bekannt war. Dann wiederum gibt es auch das richtig abgefahrene Zeug, das dem Adjektiv „progressiv“, also „fortschrittlich“, tatsächlich gerecht wird, indem neue Grenzen ausgetestet werden. Bei dem man zum Teil auch nach fünf Mal hören noch nicht so ganz rafft, was da genau abgeht. Zur letzten Kategorie gehört „Liquid Anatomy“, das zweite Album der deutschen Progressive-Extreme-Metal-Supergroup ALKALOID. Die Formation mit drei Gitarristen setzt sich aus Musikern zusammen, die in Bands wie Obscura, Dark Fortress, Aborted oder Necrophagist mitwirk(t)en.

„Liquid Anatomy“ lässt sich dabei am ehesten mit einem Quantenphysikvortrag vergleichen: Man braucht fachliche Vorkenntnisse, um überhaupt eine Chance zu haben, irgendetwas zu verstehen. Man muss sich eine Stunde lang sehr konzentrieren, um dem Ganzen folgen zu können (und selbst dann ist nicht garantiert, dass man alles versteht) und obwohl man das alles superspannend und faszinierend findet, ist man doch froh, sich danach vor die Glotze hocken und einfach berieseln lassen zu können. Die große Stärke und wohl gleichzeitig auch größte Schwäche der Platte ist, dass sie musikalisch so anspruchsvoll ist, dass sie sich einen großen Teil einer potentieller Hörerschaft verspielt, aber mit Sicherheit einen treuen Kern aus begeisterten Anhängern gewinnt.

Aber ist das hier das ultimative Prog-Meisterwerk, auf das die Welt gewartet hat? Das sicher nicht. ALKALOID besteht aus fünf absolut großartigen Musikern, deren Spiel nicht nur hinsichtlich technischer, sondern auch kompositorischer Komplexität unglaublich beeindruckend ist. Dennoch muss man nicht jede Entscheidung auf dem Album gutheißen. Im vollkommen überladenen „In Turmoil’s Swirling Reaches“ etwa entschließt die Band sich dazu, statt einer schlüssigen Songstruktur lieber jedem Musiker ein eigenes Solo zuzugestehen (ja, allen drei Gitarristen, dem Bassisten und dem Schlagzeuger). „As Decreed By Laws Unwritten“ versucht sich über acht Minuten lang an mäßig gelungenen Gojira-Midtempo-Stampf-Riffs. „Interstellar Boredom“ dagegen macht seinem Namen alle Ehre, wenn ALKALOID minutenlang Spannung aufzubauen versuchen, die sich letztlich in einem zu kurzen und enttäuschenden Höhepunkt entlädt.

Wesentlich öfter aber schaffen sie es dann wirklich zu begeistern. Der Opener „Kernel Panic“ tarnt das Album zunächst mit einem Classic-Rock-Riff, bei dem einzig der 7/4-Takt verrät, dass der Schein trügt und die Band kurze Zeit später brachial-anspruchsvollen Extreme Metal um sich schleudert. „Azagthoth“ legt mit einem orientalisch anmutenden Teil los, über den Dark-Fortress-Vokalist Morean ein seltsam passendes, zu großen Teilen aus Oberton-Klickgeräuschen bestehendes Gitarrensolo spielt und der Song dann – zwar ebenfalls total verspult, aber auch wundervoll groovy – richtig loslegt. „Chaos Theory And Practice“ beginnt dagegen genauso, wie der Titel es vermuten lässt. So komplex das Stück auch ist, ist es ausgerechnet dieser Song, in dem der Band erstmals eingängige Momente gelingen.

Schade ist, dass ALKALOID zu den wenigen Ausnahmemusiker gehören, die sowohl exzellente technischen Fähigkeiten besitzen als auch musikalisch hochkomplexes und innovatives Songwriting beherrschen, sich auf „Liquid Anatomy“ aber sich trotzdem zu oft zu „Schaut mal, was wir alles Können“-Gebaren hinreißen lassen. Am deutlichsten wird das im knapp 20-minütigen Schlusstrack „Rise Of The Cephalopods“, in der ALKALOID noch mal alle Register ihres Könnens ziehen, vor allem aber beweisen, dass sie ihre Ideen nicht immer in funktionierende Strukturen einbetten können (oder wollen). Trotz allem rettet sich „Liquid Anatomy“ mit Hilfe der musikalischen Brillanz vieler der Ideen noch auf ein positives Fazit. Fans von absurd komplexer, hochanspruchsvoller Musik dürften hier auf ihre Kosten kommen. Alle anderen können über sowas wohl nur den Kopf schütteln.

Barren Earth – A Complex Of Cages

Was vor elf Jahren als Idee von Olli-Pekka Laine – Bassist und Gründungsmitglied von Amorphis, zu denen er nach 17 Jahren Abwesenheit letztes Jahr zurückkehrte – begann und sich zur Supergroup mit Musikern aus Moonsorrow, Kreator und Hamferð entwickelte, hat nun bereits Album Nummer vier erreicht. „A Complex Of Cages“ heißt das neue, mit einem genialen Albumcover ausgestattete Werk von BARREN EARTH und stellt die zweite Platte mit Hamferð-Vokalist Jón Aldará dar, der seit dem Vorgänger „On Lonely Towers“ den ausgestiegenen Swallow-The-Sun-Sänger Mikko Kotamäki ersetzt.

Wenn „A Complex Of Cages“ eines ist, dann ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass jener Sängerwechsel die absolut richtige Entscheidung war. Obwohl Kotamäki gerade in Sachen Growls kein schlechter Sänger ist und gut zu Swallow The Sun passt, ist Jón Aldará nun mal einfach verdammt noch mal Jón Aldará. Dieser unscheinbare blonde Kerl von den Färöer-Inseln, der zusätzlich zu kraftvollen, tiefen Growls auch eine absolut grandiose Klargesangsstimme besitzt, gegen die der schwach und technisch unsicher säuselnde Kotamäki nicht ankommt. Aldará ist es zu einem großen Teil zu verdanken, dass „A Complex Of Cages“ so wahnsinnig gut funktioniert.

Gleich die ersten drei Stücke, „The Living Fortress“, „The Ruby“ und „Further Down“, brennen sich bereits beim ersten Durchgang mit ihren emotionalen, wunderschönen Refrains in die Gehörgänge des Hörers. Dagegen kommen die zweifellos mehr als soliden, aber eben nur selten herausragenden anderen Instrumente kaum an, was irgendwo schon immer ein Grundproblem bei BARREN EARTH war. Es ist nicht so, dass die Musik unspektakulär ist, aber die Konkurrenz in Bezug auf technische Fertigkeiten und außergewöhnliches Songwriting ist gerade im Progressive Metal sehr groß. Dennoch zeigen sich BARREN EARTH auf ihrem vierten Album sehr kreativ und können neben ihren melodischen Passagen auch diverse vertracktere Riffs und Soli vorweisen.

Gerade in der ersten Hälfte liefert die Truppe einen interessanten Track nach dem anderen. „Zeal“ beispielsweise beginnt als düsteres Klavierstück, das in einen stampfenden, verspielten Midtempo-Song übergeht, ehe das Sextett in einen wundervollen, melodischen Schlussteil wechselt.
In der zweiten Hälfte der Platte geht BARREN EARTH dann leider kurzzeitig ein wenig die Luft aus, bevor „Withdrawal“ das einstündige Album dann zu einem ruhigen, aber angemessenen und gelungenen Ende bringt. Obwohl „Dysphoria“ und „Spire“ wahrlich keine schlechten Songs sind, fallen sie im Vergleich zum restlichen, wahnsinnig starken Album doch etwas ab. Songs wie „Solitude Pith“ dagegen sind einer der Gründe, warum „A Complex Of Cages“ unbedingt mehrere Durchläufe benötigt, um wachsen zu können. Wo der über zehn Minuten lange Track in der ersten Hälfte noch recht unscheinbar daherkommt, legt er in der zweiten so richtig los und punktet mit hervorragenden Keyboard-, Bass- und Gitarrensoli.

Überhaupt muss an dieser Stelle Keyboarder Antti Myllynen gelobt werden: Gerade im Metal, wo der Posten für spektakuläres Riffing und ausschweifende Soli für die Gitarristen reserviert ist, weiß Myllynen sich gekonnt zu behaupten und die gängigen Keyboarderklischees aus dem Power Metal zu umgehen. Sein technisch ausgereiftes und dennoch stets atmosphärisches Spiel, das von Lead-Synthies über Orgel bis hin zu Flötenklängen reicht, setzt stets die richtigen Akzente, ohne übertrieben zu wirken oder unterzugehen. Doch auch die Saitenfraktion macht ihre Sache ähnlich gut und fällt positiv durch Gespür für Melodik, Groove und gezielte Verzierungen auf.

Obgleich das Album nicht gänzlich frei von Schwächen ist, hat die Supergroup BARREN EARTH mit „A Complex For Cages“ ein ausgezeichnetes Werk erschaffen. Hamferð-Vokalist Jón Aldará hat nun endgültig seinen passenden Platz im Songwriting gefunden und beeindruckt mit umwerfenden Gesangsmelodien, zu denen sein Vorgänger schlicht nicht in der Lage gewesen wäre. Obwohl vor allem das musikalisch starke Debüt „Curse Of The Red River“ viel zu bieten hatte, haben BARREN EARTH spätestens jetzt auf dem vierten Album ihren Sound im progressiven, melodischen Death Metal gefunden, der voll und ganz zu den Musikern passt und in dem sich die Band wohlfühlt.

Pestilence – Hadeon

2014, ein Jahr nach der Veröffentlichung des siebten Albums „Obsideo“, schien das Kapitel PESTILENCE für immer geschlossen: Die Band sei „dauerhaft zur Ruhe gelegt“, ließ Patrick Mameli die Fans damals wissen. So ganz ohne PESTILENCE konnte der Ausnahmegitarrist dann aber doch nicht: Seit 2016 ist die Band unter seiner Führung, ansonsten aber einmal mehr auf allen übrigen Positionen mit neuen Musikern besetzt, wieder zurück. Die Manifestation der neuerlichen Reunion in Form neuen Materials ließ nicht lange auf sich warten: Mit „Hadeon“ erscheint nun das achte Studioalbum.

Bereits nach den ersten Takten von „Non Physical Existent“ ist klar: Wo PESTILENCE drauf steht, ist auch 2018 noch PESTILENCE drin. Ohne Verschnaufpause haut das Quartett dem Hörer auch diesmal technisch versierte, mitunter fast mechanisch klingende Riffs um die Ohren. Doch nicht nur das Riffing, auch der bandtypische, sterile Gitarrensound sorgt für massig Wiedererkennungswert. Und spätestens Mamelis heiserer Gesang macht das Resultat vollkommen unverwechselbar – Vergleiche mit anderen Bands sind also überflüssig.

Vergleicht man „Hadeon“ jedoch mit den vorangegangenen Werken, stellt man – wohl zur Freude vieler Fans – einen gewissen Retro-Charme fest: Gerade die eingestreuten Effekte (wie die spacige Gesangsmodulation in „Astral Projection“), aber auch die verspielten Soli und atmosphärischen Parts („Subvisions“) erinnern an die „guten, alten Zeiten“. Die Produktion, für die wie schon bei „Obsideo“ Christian „Moschus“ Moos vom Spacelab Studio verantwortlich zeichnet, tut hier ihr Übriges: Anders als beim knackig-modern klingenden Vorgänger schwingt im Sound diesmal eine angenehme Oldschool-Note mit.

Was die Songstrukturen angeht, agieren die Niederländer einmal mehr bandtypisch monoton: Oftmals belassen es PESTILENCE bei zwei Riffs (und ein paar wenigen Variationen), die den Song in endlosen Wiederholungen bis zum Solo (und darüber hinaus) tragen müssen. Dass alle beteiligten Musiker dabei größte Spielfertigkeit an den Tag legen, schützt „Hadeon“ zwar nicht davor, dass der eine oder andere Song (auf sehr hohem Niveau) dann doch etwas stumpf klingt. Da das aber quasi schon in der PESTILENCE-DNA verankert ist, sollten sich zumindest Fans der Band daran aber nicht weiter stören.

Schlussendlich ist „Hadeon“ sowohl der logische „Obsideo“-Nachfolger als auch eine tiefe Verneigung vor den Frühwerken der einflussreichen Tech-Deather aus den Niederlanden: Was „Hadeon“ in puncto Riffs bisweilen an Pepp fehlt, macht das Album an anderer Stelle mit verspielten Soli und schicker Retro-Atmosphäre wett. In knapp 40 Minuten geben PESTILENCE so einen gelungenen Abriss dessen, wofür sie mit ihrem Namen 2018 stehen. Aber auch, warum der Name nach 32 Jahren (und zuletzt einigen eher mittelmäßigen Alben) seine Strahlkraft zu Recht nicht verloren hat.

Embrace The Dawn – The Effigist

Bei einem Bandnamen wie EMBRACE THE DAWN werden wohl viele erst mal an kitschigen Gothic oder Symphonic Metal denken. Wirft man jedoch einen Blick auf das Cover-Artwork von „The Effigist“, dem Debüt der besagten, 2015 gegründeten Band mit Mitglieder aus allen Winkeln der Welt, wird augenblicklich klar, was hier wirklich gespielt wird: hochmoderner Technical Death Metal. Dennoch liegt man auch mit der symphonischen Spielart des Metal nicht ganz daneben, denn diese und andere Einflüsse hat sich das internationale Quartett ebenfalls auf seine Fahnen geschrieben. Ob „The Effigist“ trotz seiner knappen Spielzeit von einer halben Stunde wohl wirklich derart vielfältig ist?

Tatsächlich üben sich EMBRACE THE DAWN beim Musizieren nicht nur in wüstem Geprügel und haarsträubender Fingerakrobatik. Vielmehr statten die Tech-Deather ihre Songs stets mit den Stilmitteln aus, nach denen diese verlangen, auch wenn man sich dafür aus dem eigenen Genre-Terrain herauswagen muss. Den Auftakt im Opener „Cold Black Hole“ machen beispielsweise düstere Ambient-Klänge, ein verzerrter Funkspruch und melancholische Clean-Gitarren, ehe sich EMBRACE THE DAWN schließlich auf ihr primäres Instrumentarium besinnen.

Trotz aller Vielfalt fühlt sich das Viergespann nämlich merklich im technischen Todesmetall zuhause, sodass kraftstrotzende Growls, pfeilschnelle Riffs und Soli sowie punktgenaues Drumming doch die vorherrschenden Merkmale der Platte sind. Die eingangs erwähnten symphonischen Elemente beschränken sich lediglich auf die Chöre im epischen Refrain von „Cerebral Sanitation“ und die unheilverkündenden Streicher im abschließenden „Tartarus“. Interessanterweise reizen EMBRACE THE DAWN jedoch auch ihre Möglichkeiten als Tech-Death-Musiker nicht vollends aus – was den Songs durchaus zugute kommt.

Die von Bands wie Archspire aufgestellten Geschwindigkeitsrekorde werden auf „The Effigist“ nicht gebrochen, herkömmliche Blast-Beats sucht man selbst in den treibenderen Songs meist vergebens. Für eine Tech-Death-Truppe spielen EMBRACE THE DAWN also gar nicht mal so technisch – Ausnahmen wie die rasanten Frickeleien auf „Singularity“ bestätigen die Regel. Spielerisch ist dennoch alles einwandfrei, ebenso in puncto Produktion, die mit ihrem kräftigen und sauberen Klang sämtlichen Standards des Genres entspricht. Das kreative, stimmige Songwriting kann somit ungestört zur Geltung kommen.

EMBRACE THE DAWN mögen nicht ganz so außergewöhnliche Musik machen, wie man eingangs vermuten könnte, und sie ringen dem Hörer kaum jemals dasselbe Staunen ab wie Archspire oder Fallujah. Mit „The Effigist“ haben sie jedoch ein äußerst gelungenes Album kreiert, das beweist, dass die Newcomer sowohl die Ideen als auch das Können haben, um mit ihrer Konkurrenz mitzuhalten. Wer also Lust auf einfallsreichen Technical Death Metal, aber nur wenig Zeit zur Verfügung hat, für den ist das Debüt des Quartetts genau das Richtige.