Interview mit Olo und blady von Obscure Sphinx

Bereits ihr Debüt-Album kann guten Gewissens als Meisterwerk bezeichnet werden – und auch mit ihrem zweiten Album „Void Mother“ enttäuschten die Polen von OBSCURE SPHINX ihre stetig wachsende Fanschar nicht. Im Interview berichten Olo (Gitarre) und blady (Bass) von ihrer in Eigenregie organisierten und dennoch steil bergauf gehenden Karriere, ihrem neuen Album „Void Mother“ und der Metal-Szene in Polen.

Obscure Sphinx

LeerzeileIhr seid gerade auf Tour mit Behemoth – wie läufts?
Olo: Gut, danke. Ich bin etwas krank, was mich etwas nervt, aber das wird schon wieder. Ich freue mich auf die zwei verbliebenen Shows mit Behemoth am Wochenende.
blady: Die Tour läuft wirklich großartig. Die Clubs sind voll das Feedback überwältigend und alles läuft 100% professionell! Wir freuen uns sehr, dass „Void Mother” live so gut ankommt. Ich bin mir sehr sicher, dass wir uns an diesen „Czarna polska jesień” (A.d.Red.: „schwarzer Herbst”, Name der Tour) noch sehr oft erinnern werden.

bgEuer neues Album ist unlängst erschienen. Wie fühlt es sich an, das Album endlich veröffentlicht zu sehen?
Olo: Es ist großartig, die Reaktionen sind beeindruckend. Momentan bringt jeder Tag neue gute Nachrichten wie Reviews, Interviews, neue Fans und so weiter. Es ist eine sehr aufregende Zeit für uns, vor allem diese ersten Wochen, wenn die Leute die CD kaufen und wir die ersten Shows mit dem neuen Material spielen.
blady: Es ist sehr befriedigend, wenn die Leute etwas, für das du zwei Jahre so hart gearbeitet hast, so zu schätzen wissen. Wir sind einfach nur glücklich und warten, was die Zukunft so bringen wird.

 

Ihr agiert immer noch ohne Label im Rücken – habt ihr deshalb viel Arbeit mit der Promotion und dem Versand und dergleichen?
Olo: Ja, das ist wie ein zweiter Job für uns im Moment, so viel, wie es da zu tun gibt … aber das freut uns natürlich. Es macht uns glücklich, auch wenn es bedeutet, ein paar hundert Päckchen zu versenden.
blady: Wir beantworten jeden Tag E-Mails, checken, was im Internet läuft und suchen nach neuen Möglichkeiten, unser Material zu bewerben. Aber das ist ja auch unsere Leidenschaft, insofern will ich mich nicht beschweren. Vor allem, wenn man für nahezu alles, was man tut, so positives Feedback bekommt.

Nachdem ihr 2012 den „New Blood-Award” des Summer Breeze hier in Deutschland gewonnen hattet, hätte ich erwartet, dass das neue Album über ein Label erscheint. Warum habt ihr euch dazu entschieden, es wieder auf eigene Faust zu veröffentlichen?
Olo: Nun, wir hatten nicht wirklich die Wahl, uns lag kein ernstzunehmendes Angebot vor. Aber wir haben auch nicht all zu eifrig gesucht – zumindest in Polen. Wir sind nicht wirklich an diesen miesen Deals interessiert – mit unserem derzeitigen Bekanntheitsgrad können wir das alles ganz gut alleine stemmen. Der „New Blood Award” war eine große Sache für uns, aber wohl nicht so groß, als er uns kommerziell attraktiv gemacht hätte. Man muss einfach zur Kenntnis nehmen, dass die Zeiten sich geändert haben, und Plattenlabels Bands nicht mehr unter Vertrag nehmen, weil sie gut sind, sondern weil sie gut und bekannt sind und man viel Geld mit ihnen machen kann. Sie warten darauf, dass Bands groß werden, bevor sie sie unter Vertrag nehmen. Das ist wegen der allgemein geringen Verkaufszahlen und so weiter verständlich, aber in der Realität bedeutet das, dass die Bands viel Arbeit selbst übernehmen müssen, um sich das Interesse eines größeren Labels zu verdienen. Wir sind dazu bereit. Aber vielleicht haben sie auch einfach noch nichts von uns gehört. (lacht)

Wo siehst du die Vor- und Nachteile, auf diese Art sein Album zu veröffentlichen?
Olo: Die finanzielle Seite ist Vorteil und Nachteil zu gleich: Du musst dein eigenes Geld zusammenkratzen, um die CD aufzunehmen, pressen zu lassen, Merchandise herstellen zu lassen und so weiter. Aber auf der anderen Seite bekommst du dann alles ohne Abzüge, was du verkaufst. Es ist uns wichtig, so in unsere Band zu investieren, dass wir möglichst effizient arbeiten. Wir haben aber auch Glück, dass wir sehr große Aufmerksamkeit der Presse bekommen – wir müssen um Interviews wie dieses nicht betteln. Das ist wirklich viel wert.

OS1 (fot Artur Ilach)

War dieser „New Blood Award” etwas, das euch merklich weitergebracht hat in eurer Karriere, oder eher ein Sieg für den Moment?
Olo: Nun ja, wie gesagt hat er uns keinen kommerziellen Erfolg gebracht, aber andererseits hatten wir dadurch die Gelegenheit, für eine neue Hörerschaft im Ausland zu spielen und herauszufinden, wie unsere Musik dort ankommt. Es war für uns sehr motivierend, zu merken, dass es den Leuten gefällt – ja, dass manche Leute sich wirklich in unsere Musik verliebt haben. Insofern war es ein gutes Zeichen, dass wir alles eine Stufe höher bringen sollten und versuchen, Europa zu erobern. Man muss ja nicht extra erwähnen, dass die deutschen Fans unglaublich sind. Ich erinnere mich noch daran, dass wir unsere CD am Merch-Stand deponiert haben und der Kerl meinte, zehn Stück würden reichen, weil in der Regel nicht mehr verkauft würden. Wir haben ihm 30 da gelassen und am Ende waren alle verkauft. Er hatte uns sogar anzurufen versucht, damit wir mehr bringen, aber wir waren schon zu betrunken, um ans Handy zu gehen. (lacht)

Glaubst du, die Leute reagieren unterschiedlich auf eine Band mit einer Sängerin als auf eine Band mit einem Sänger, weil es etwas besonderes ist? Glaubst du also, dass die Tatsache, dass ihr als Extrem-Metal-Band eine Sängerin habt, für euch von Vorteil ist?
blady: Wie schon bei der Geschichte mit der Eigenveröffentlichung kann es ein Vor- wie auch ein Nachteil sein: Sängerinnen sind im extremen Metal immer etwas Seltenes und Besonderes, zugleich bekommt man aber auch oft die Meinung zu hören, dass solche Bands es nicht einmal Wert sind, angehört zu werden, weil Metal eben männlich sein muss und aus. Zum glück ändern auch diese Leute in der Regel ihre Meinung, wenn się uns hören oder zu unseren Shows kommen, weil wir eben nicht wie Nightwish oder Within Temptation klingen. (lacht) Wir haben zwar eine Front-Frau, aber was Wielebna macht, ist 100% extrem und entspricht absolut jedem „Metal”-Anspruch.

obscure sphinx cover 1obscure sphinx coverDer augenscheinlichste Unterschied zwischen eurem ersten Album und dem Neuen ist das Artwork. Es schaut dieses Mal deutlich aufwändiger und küstlerisch anspruchsvoller aus.
Wer ist für das Bild verantwortlich und was steckt hinter dieser Figur auf dem Artwork – steht sie im Kontext mit den Texten oder dem Titel?

Olo: Während wir das Album gemacht haben, bin ich auf Klaudia Gaugiers Kunst gestoßen. Sie ist eine Puppenkünstlerin. Ich bin über ihre Seite oder Fanpage gestolpert und habe die Acherontia-Puppe mit der Motte auf dem Gesicht gefunden. Das war wie ein Weckruf, also habe ich sie kontaktiert und nach einer möglichen Kooperation gefragt. Zuerst haben wir überlegt, die Puppe, die wir zuerst gesehen hatten, zu benutzen. Aber als wir mit Klaudia gesprochen hatten, entschied sie, eine komplett neue zu machen, die andere Emotionen ausdrücken sollte. Sie wollte sich für die Puppe von der Musik, den Texten und der Gesamtatmosphäre des Albums inspirieren lassen. Wir haben ihr da freie Hand gelassen und ihr erlaubt, alles zu machen, was ihr gefällt, so lange die Puppe eine Motte auf den Augen hat. Zunächst war es also die Idee für ein gruseliges, rätselhaftes Bild mit Bezug auf den Bandnamen und das Konzept. Aber dann hat es sich in etwas viel größeres entwickelt, so dass das finale Artwork jetzt mehr über das Album aussagt als tausend Worte.

Ich finde, die Songs klingen jetzt etwas durchdachter und strukturierter als auf euerem Debüt, das für mich eher einen spontanen Charakter hatte. Würdest du dieser Einschätzung zustimmen und lässt sich das auch mit eurer Art, damals und heute Songs zu schreiben, in Zusammenhang bringen?
Olo: Ich persönlich kann nur für dieses Album sprechen, da ich erst kurz nach dem Release des Debüts zur Band gestoßen bin. Ich würde sagen, dass die Attitüde, mit der wir jetzt Songs schreiben, etwas bipolar ist: Die meisten Ideen entstehen beim Jammen, tatsächlich sind viele Songs oder Passagen nichts weiter als Probe-Jams, die wir neu einstudiert haben oder sogar einfach spontan gespielt haben und die sich dabei einfach richtig angefühlt haben. Zugleich schreiben wir aber auch Material daheim, das wir dann zusammen arrangieren und auch im Hinblick auf das Album als ganzes durchdenken und formen.
blady: Auf dem ersten Album war es aber auch nicht anders: Diese Musik kommt aus unseren Sehlen, wir „erschaffen” sie nicht. Als Olo in die Band kam, waren wir uns nicht sicher, ob er in der Lange wäre, sich in ein solches bestehendes Bandgefüge einzufinden. Aber sehr schnell war klar, dass wir eine gleiche Art teilen, die Dinge zu erleben und ich denke, dass wir zusammen etwas sehr besonderes erschaffen haben.

OS3 (fot Oskar Szramka)

Was war die Idee dahinter, die Clean-Gitarren-Melodie des Openers eures ersten Albums in „Waiting For The Bodies Down The River Floating“ wieder aufzugreifen? Oder war das Zufall?
Olo: Das sind ja nur zwei Noten, die ähnlich sind – aber das war keine Absicht.

In Polen gibt es ja eine starke Black- und Death-Metal-Szene – gibt es auch für Sludge und Djent eine Szene?
blady: Um ehrlich zu sein, halte ich unsere Band nicht für eine Djent-Band. Ja, wir spielen achtsaitige Gitarren und das ist sicher auch der Grund, warum wir ein bisschen so klingen, aber das ist dann auch schon das Ende der Gemeinsamkeiten. Djent ist deutlich technischer, während wir uns vor allem auf Emotionen fokussieren. Es tut nichts zur Sache, wie viele Noten du in einer bestimmten Zeit spielen kannst oder ob du über acht Saiten sweepen kannst oder nicht – was zählt, ist, was du fühlst, wenn du die Musik hörst.
Aber zurück zur Frage: Es gibt hier nicht viele Djent-Projekte, aber die Sludge-Szene wird von Jahr zu Jahr größer. Bands, die ich hier nicht unerwähnt lassen möchte, sind beispielsweise Belzebong, Fleshworld oder Satellite Beaver. Und Blindead, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass ihr von denen noch nicht gehört habt.

OS2 (fot Artur Ilach)

Und gibt es noch weitere polnische Underground-Bands, die du uns empfehlen kannst?
blady: Polen hatte immer schon eine sehr starke Underground-Szene. Bands, die ich persönlich sehr mag und die mir grade einfallen wären Butterfly Trajectory, Entropia, Mord’A’Stigmata und natürlich Morowe.

Wie eingangs erwähnt, seid ihr grade mit Behemoth auf Tour. Kommt ihr auch bei deren Fans gut an?
Olo: Viel besser als erwartet! Ich würde vermuten, dass Behemoth-Fans eher die gebildeten Metalheads sind, die mehr suchen als nur stumpfe Blast-Beats und Circlepits. Behemoth haben mehr zu bieten als das, deshalb bremsen uns ihre Fans auch nicht aus, nur weil wir keinen Black oder Death Metal spielen. Als Fan begrüße ich es immer sehr, wenn Bands verschiedener Stile bei einem Auftritt zusammenkommen.

Und wenn ihr euch selbst ein Tour-Package ausschen dürftet – mit welchen Bands würdet ihr gern auf Tour gehen?
Olo: Tool oder Cult Of Luna, aber ich würde auch echt gerne mal was mit Gojira machen. Und eine Rammstein-Tour wäre sicher auch interessant… (lacht)
blady: Ich fände geil, mit Amenra zu spielen. Ihre Herangehensweise an die Musik und alles drum herum kommt meiner sehr nahe. In aufgelassenen Kirchen und Höhlen zu spielen – diese spezielle Atmosphäre, die sie um ihre Band herum aufbauen … das ist beeindurckend. Solltest du die Band nicht kennen, kann ich dir nur das Video auf youtube wärmstens empfehlen, in dem sie ihren Song „Ritual” live spielen. Es heißt „Amenra Aorte.Ritual 23.10 live dvd”. Ich bekomme jedes Mal Gänsehaut, wenn ich das anschaue.

1393685_691566580861979_1544574381_nWenn wir schon so viel vom live spielen reden: Kommt ihr denn auch in absehbarer Zeit mal wieder zu uns nach Deutschland?
Olo: Definitiv. Wir stecken grade mitten in den Planungen für Shows im nächsten Jahr, deshalb haben wir noch keine Details, aber wir haben so viele Fans in Deutschland, dass wir sie ganz sicher nicht außen vor lassen werden!

Die letzten Worte gehören euch – gibt es noch etwas, das ihr los werden wollt?
Olo: Vielen Dank an alle, die uns unterstützen – nicht nur indem sie unsere CDs kaufen, sondern auch damit, dass sie sich ein paar Minuten Zeit nehmen, uns zu schreiben, wie wichtig ihnen unsere Musik ist. Das bedeutet uns wirklich unglaublich viel und macht auch aus dem beschissensten Tag einen guten. Wir würden uns freuen, euch alle auf den Live-Shows die Gehirne herausschütteln zu sehen!

Ok, dann danke ich euch an dieser Stelle nochmals. Zum Abschluss noch das traditionelle Metal1.info-Brainstorming.
Muss man gesehen haben, wenn man Warschau besucht:
Olo: Vieles. Steig einfach auf ein Fahrrad und fahr im Stadtzentrum herum.
Yony: Die Altstadt
Wielebna: Das Warsaw Rising Museum
Dein Lieblingssong:
Olo: Zu viele, um sie aufzuzählen, aber … „Echoes” von Pink Floyd, „Bleeding Me” von Metallica, „Floods” von Pantera, „Darkness Within” von Machine Head und aktuell „Vicarious Redemtion” von Cult Of Luna und „Stand” von Devin Townsend Project.
Yony: „Morphée Rouge” von Dirge
Wielebna: „Becoming” von Pantera
Interviews beantworten:
Olo: Ich liebe es, vor allem, wenn die Fragen gut sind.
Yony: Macht meistens Spaß
Wielebna: Cool, vor allem, wenn die Fragen interessant und tiefgründig sind.
Das letzte Album, das du dir gekauft hast:
Olo: King Crimsons „Red” als Vinyl – danach habe ich echt lange gesucht.
Yony: „Vesper” von Entropia
Wielebna: „Absence” von Blindead
Das letzte Buch, das du gelesen hast:
Olo: „Samsara” von Max Cegielski
Yony: „Imperial Commando: 501st” von Karen Traviss
Wielebna: George’a R. R. Martin – „A Dance With Dragons”
OBSCURE SPHINX in zehn Jahren:
Olo: International bekannt mit einigen beeindruckenden Alben
Yony: Wacken-Open-Air-Headliner
Wielebna: Auf Tour!

Photo-Credits:
Band-Photo 1 und 3: Artur Ilach
Band-Photo 2: Oskar Szramka