Interview mit Ruun von Antigone’s Fate

Mit seinem Debüt „Insomnia“ hat Solomusiker Ruun die Geburtsstunde seines neuen Projekts ANTIGONE’S FATE eingeläutet. Melodische Gitarrenläufe, beschwingte Akustikgitarren, klassisches Piano und gefühlsbetonter, kraftvoller Gesang – der Melancholic Black Metal des deutschen Einzelkünstlers scheint keinerlei Grenzen zu kennen. Warum das Projekt erst Jahre nach den ersten Ideen ins Leben gerufen wurde, weshalb es nach einem tragischen griechischen Mythos benannt ist und welche Instrumente auf zukünftigen Alben noch zum Einsatz kommen könnten, erfahrt ihr unter anderem in diesem Interview.

Antigone ist eine bekannte Figur aus der griechischen Mythologie, die Tochter von Ödipus. Im Mythos wird sie lebendig begraben. Wieso hast du dein Soloprojekt ANTIGONE’S FATE danach benannt?
Die Figur der Antigone ist eine tragische. Sie wurde in eine intrigante, gestörte Welt geboren und wollte am Ende nichts anderes als Harmonie. Doch ging jeder Anlauf, etwas Gutes zu bewegen, nach hinten los. Wer ihr wirklich wichtig war, starb. Was sie wollte, löste sich in Staub auf. Ihre Wünsche verhallten in der Leere und ihr Streben und ihre Suche nach Vernunft lösten sich in Rauch auf. Daran zerbrach sie. Die fleischgewordene kindliche Sehnsucht nach Geborgenheit, innerem Frieden und Liebe. Im Grunde genommen rannte sie Tag um Tag gegen eine Mauer der Ignoranz, Ablehnung und Dummheit.
So ist es Antigones Schicksal, ANTIGONE’S FATE, das Tag für Tag das Leben so vieler bestimmt. Ohne, dass ihnen ein Theaterstück nachempfunden wird. Ohne, dass sich wer für sie interessiert. Ohne, dass wie durch Magie die Rettung aus dem Nichts erscheint und den bleiernen Mantel der Lethargie von ihnen abschüttelt.
Die Tragik im „echten Leben“ liegt hierbei darin, so vielen anderen, denen es ebenso geht, jeden Tag dabei zuzusehen, wie ihr Inneres verfault. Ohne einen silbernen Märchenstreif am Horizont.

Deine Texte und Songtitel sind auf Deutsch verfasst, der Name des Projekts ist hingegen auf Englisch. Wolltest du dir mit letzterem die Möglichkeit offen halten, auch im Ausland Anklang zu finden oder hat das andere Gründe?
Ob ich nun unter deutscher Flagge Englisch singe oder umgekehrt, ist für mich kein Thema, über das sich wirklich nachzudenken lohnt. Am besten, offensten und ehrlichsten kann ich mich in meiner Heimatsprache ausdrücken. Jedoch bringt die Muttersprache eine Aussage nicht immer zwangsweise so präzise auf den Punkt, wie man es gern hätte. Hier passte beim Bandnamen eben Englisch gut, bei wem anders vielleicht wieder eine andere Sprache.

Die ersten Ideen für ANTIGONE’S FATE hattest du schon vor einiger Zeit, richtig? Wie kommt es, dass du sie erst jetzt bzw. gerade jetzt umsetzt?
„Monumente des Verfalls“ ist bereits über fünf Jahre alt, einiges an Material für weitere Veröffentlichungen, das auf meiner Festplatte lagert, hat über zwei Lenze auf dem Buckel. Die Lieder passten einfach zu keinem meiner Projekte, gleich ein neues musikalisches Unterfangen starten, wollte ich allerdings auch nicht unbedingt.
Nachdem sich die Fragmente, aber auch komplette Stücke mehr und mehr sammelten und durch bestimmte Anlässe das Material für „Insomnia“ obendrauf innerhalb von zwei Wochen entstand, waren die folgenden Ereignisse die logische Schlussfolgerung. Als klar wurde, in welche Richtung es geht, war der Name schnell gefunden, ein Logo bei Moonroot Art in Auftrag gegeben und die Grafiken fürs Album flink erstellt.

Du spielst auch in anderen Bands, doch da das Songmaterial für diese zu untypisch gewesen wäre, hast du dein eigenes Projekt ins Leben gerufen, stimmt’s? Wie genau ist das zu verstehen?
Weniger Bands, allenfalls verschiedene eigene Projekte. Es mag zwar sein, dass verschiedene Menschen verschiedene Einflüsse und damit einen frischen Wind bringen können. Allerdings bringen sie auch die Not, ständig diskutieren, eventuell Kompromisse eingehen, andere von etwas überzeugen, dies bereden, das bequatschen zu müssen und so weiter… Das muss einfach nicht sein. Musik entsteht rein aus einem kreativen Schaffensprozess heraus, nicht aus endlosem Hin und Her. Wer klare Vorstellungen hat, der braucht auch niemand anderen, um sie umzusetzen.
Am effizientesten mache ich alleine Musik und das wird sich so bald wohl auch nicht mehr ändern.
Demzufolge ist mit ANTIGONE’S FATE ein weiteres Kapitel dieser Reise aufgeschlagen worden. Es gibt auch andere Projekte, an denen ich arbeite, aber die tun nichts zur Sache. Es soll die Musik für sich sprechen, keine Hintergrundgeschichte.

Welche Bands und Musiker haben dich geprägt?
Da gibt es einige. Wenn ich auf meine vergangenen Arbeiten zurückblicke und mir ansehe, wie ich heutzutage klinge, so kann man von einem stetig fortlaufenden Prozess sprechen. Vorlieben kommen, entwickeln sich weiter, werden ausgebaut oder gehen auch wieder. Auf diesem Weg einen deutlichen und bleibenden Einschlag hinterlassen haben da Bands wie Windir, Woods Of Desolation, Gallowbraid, Alcest, Arsaidh (jetzt Saor), Taake, Mistur, Istapp, aber auch anderer Richtungen wie Insomnium, Be’lakor, Dark Tranquillity, Woods Of Ypres, Mithotyn… Unendlich viele Musiker aller möglicher Bands, die zu einem Zeitpunkt oder immer noch wichtig für mich waren oder sind.

Im Januar 2018 erscheint endlich dein Debüt „Insomnia“. Die vier Songs darauf sind außergewöhnlich vielfältig, du springst darin oft zwischen den Genres hin und her. Wonach entscheidest du, welcher Song nach welchen Stilmitteln verlangt?
Ich entscheide da gar nichts. Würden die Lieder am Reißbrett entstehen, wäre ich mir nicht sicher, ob sie tatsächlich so lang würden. Es entscheidet nicht der Song an sich, nach was es ihm dürstet oder etwas in der Art. Vielmehr sind es mal die Texte, die deutlich den Ton durch ihre Grundstimmung angeben. Wie weiter oben schon angeschnitten, sind geschriebene Texte nichts Anderes als Gedanken, Emotionen, die in Bezug auf ein Thema, das einen beschäftigt, niedergeschrieben werden. Diese zu vertonen, führt zu etwas, das persönlicher kaum sein könnte.
Kann man sich durch das Gelesene bereits etwas in den Schreibenden versetzen, unterstützt die Musik insofern noch obendrein, dass man die Worte nicht bloß liest, sondern hören und damit fühlen kann.
Bei „Insomnia“ entstanden die Texte (bis auf das bereits über fünf Jahre alte „Monumente des Verfalls“) vor der Musik. Sie entstanden in schneller Abfolge in einer sehr schwierigen Phase. Drückte beim Vertonen eine Melodie, ein Gitarrenlauf oder eine Harmonie das aus, was zu den niedergeschriebenen Worten führte, dann hat sie gepasst.
Müsste ich es wirklich kurz fassen, dann würde ich sagen: Ich entscheide nicht nach einem Plan, sondern nach Emotionen.

Mal setzt du melodische Leadgitarren ein, dann beschwingte Akustikgitarren und dann wiederum klassisches Piano, dein Stil ist also wirklich weit gefächert. Gibt es noch etwas anderes, das du in Zukunft noch ausprobieren möchtest, das es auf „Insomnia“ noch nicht zu hören gibt?
Alles, was irgendwo passt, werde ich benutzen. Gerade in Zeiten hochwertiger technischer Unterstützungen in Form von Synthesizern oder anderem Werkzeug ist es spielend einfach, seinen Klang zu erweitern. Seit ein paar Monaten besitze ich eine Violine, seit Kurzem auch ein Banjo. Die Violine ist ein sehr frustrierendes Instrument, hatte man zuvor nie mit Streichinstrumenten zu tun. Vielleicht wird man sie jedoch auf zukünftigen Veröffentlichungen mal hören. Womöglich würde sogar ein eigentlich als fröhlich klingend bekanntes Instrument wie ein Banjo gut hineinpassen. Wer weiß?

Mit welchem der Instrumente, die zum Einsatz kommen, fällt dir das Arbeiten am schwersten und weshalb?
Ich spiele nun seit zehn Jahren Gitarre, ähnlich lange Bass, Singen übe ich beinahe ähnlich lange, einige andere Instrumente kommen auch noch dazu. Mit all den Kenntnissen würde ich wohl sagen – das schwierigste Instrument sind die eigenen Finger. Wenn der flinke Gitarrenlauf auch beim fünfzigsten Anlauf nicht sitzt, hapert es am ehesten an der Schnittstelle von Kopf zu Instrument.

Dein Gesang ist ebenfalls sehr vielfältig. Neben den Growls und Screams ist vor allem dein kraftvoller, melancholischer Klargesang sehr markant. Wie kommt es, dass du primär diesen Stil einsetzt?
Das ist ganz einfach – ich fühle mich damit am wohlsten. Über die Jahre hat sich ein ganzes Arsenal an Stimmvariationen und Gesangsarten angesammelt. Manche gut, manche weniger gut und manche kaum mehr als ein kurzer Ausflug in bestimmte Gefilde. Ich habe das Gefühl satt, sich verstellen zu müssen, um in eine bestimmte Sparte hineinzupassen. Es sei jedem selbst überlassen, mit dauerhaftem Gutturalgesang glücklich zu werden. Die Texte und die Gefühle, die ich mit ebenjenen verbinde, fühlten sich melodisch in die Welt geschrien aber am besten für mich an.

Ausgehend vom Titel könnte man meinen, dass es auf „Insomnia“ um Schlaflosigkeit geht. Tatsächlich sind die Texte um einiges vielschichtiger und metaphorischer. Was also steckt hinter dem Titel, inwiefern repräsentiert er das Album?
Abgesehen davon, dass es gerade halb drei nachts ist, während ich deine Fragen beantworte… Es gibt Phasen, in denen steht man jede Nacht vor demselben Dilemma. Versucht man, endlich einzuschlafen, um nicht länger wach sein und die Last und die Gedanken, die man an sich gekettet hinterherzieht, für die paar Stunden des Schlafes vergessen zu können, oder zögert man den Schlaf noch weiter hinaus, um dem nächsten Tag so lange wie möglich entfliehen zu können? Schlaf und Träume als vermeintlich letzte Zuflucht vor dem eigenen Leben, oder die Schlaflosigkeit als Flucht vor dem nächsten tristen Tag? Das sagt das titelgebende „Insomnia“.

Der Quasi-Titeltrack hat dann auch noch die Zahl 32.3 im Namen. Was steckt dahinter?
Diese Chiffre zu entschlüsseln, ist einem selbst überlassen.

Auf „Monumente des Verfalls“ gibt es eine Stelle, an der man einen sehr schrillen, kreischenden Ton hört. Was hat es damit auf sich?
Zu jedem Zeitpunkt des Albums habe ich, bis auf ein paar wenige vorab vorhandene Ideen, so gesungen, wie es sich richtig anfühlte und auch Spontanitäten beibehalten, sofern sie nicht völlig aus dem Rahmen fallen. Dadurch mag es sicher Ecken und Kanten, auch unorthodoxe Formen bei der Gesangsarbeit geben. Manchmal drückt „aus dem Rahmen fallen“ aber genau das aus, worauf man abzielt.

Hast du unter den vier Tracks einen Favoriten oder eine bestimmte Passage, die du besonders gelungen findest? Falls ja, welche und warum?
Nein. Alle Lieder beinhalten ein Sammelsurium dynamischer Passagen, Momente und Abschnitte, besonderer Melodien und Harmonien, alle besitzen ihre eigene Atmosphäre und ihren eigenen Rhythmus, in dessen Takt sie sich über ihre Spielzeit entwickeln. Ob nun über sieben oder über 17 Minuten Spieldauer.

Veröffentlicht wird „Insomnia“ über Northern Silence. Warum hast du gerade dieses Label ausgewählt und wie hat es sich ergeben?
Ich habe das fertige Material an einige Labels und Distributionen geschickt. Es kamen auch schnell ein paar Angebote rein. Die anderen zugunsten Northern Silence Productions ausgeschlagen habe ich jedoch, ohne viel überlegen zu müssen.
Wie viele großartige Bands und Musiker wurden von NSP entdeckt, wie viele davon haben mich in meinem Schaffen von Grund auf beeinflusst, wie viele Kleinodien wurden den Massen zugänglich gemacht… Nach einigen sehr ausgiebigen konstruktiven Gesprächen wurde ebenso schnell klar, dass man da mit jemandem redet, dem die Musik wirklich am Herzen liegt. Ja, die Entscheidung war einfach.

Hast du vor, mit ANTIGONE’S FATE auch live aufzutreten oder wird es vorerst ein reines Studioprojekt bleiben?
Es wird keine Auftritte geben. Der Arbeitstitel von „Insomnia“ lautete „Tagebuch“. Als solches sehe ich ANTIGONE’S FATE. In Tagebücher schreiben viele, was sie über ihre vierzehn bis achtzehn Stunden Wachzeit erlebt haben. „Insomnia“ handelt nicht von Erlebtem, sondern Durchlebtem. Auf einer Bühne könnte man so etwas nicht in der Form wiedergeben, wie sie im Schaffens- und Kreativprozess entstand. Es könnte nicht 100% echt sein. An so etwas verschwende ich keinen Gedanken, wäre das Ergebnis nur vorgespielt.

Darf man in absehbarer Zeit einen Nachfolger zu „Insomnia“ erwarten oder ist noch unklar, ob es weitere Alben geben wird?
Zu Zeiträumen kann ich nicht viel sagen. Jedoch existiert bereits genug Material für mehr als zwei weitere Veröffentlichungen.

Kommen wir anschließend noch zu unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming:
Mythologie: Essentiell als Tugendkompass, als Bestandteil der eigenen Identität und Sammlungen erfüllender Geschichten.
3-Minuten-Songs: In drei Minuten kann viel passieren. Aber auch nichts.
Naturmystik: Kann zur Läuterung der Seele beitragen. Natur ist mehr als nur Flora, Fauna, Flüsse und Bäume.
Elektronische Musik: Gewaltiges Repertoire zweckerfüllender Musik. Chillstep, Retrowave zum Einschlafen, Dubstep, Drum’n’Bass zum Aufdrehen.
Netz-Neutralität: Unverhandelbar als grundlegender Baustein einer freien Gesellschaft.
ANTIGONE’S FATE in fünf Jahren: Hoffentlich nicht mehr nötig.

Dann zum Abschluss ein großes Dankeschön für deine Antworten. Die letzten Worte gehören dir:
Zu leben heißt, zu kämpfen. Zu kämpfen gegen dich selbst, zu kämpfen gegen den Alltag, zu kämpfen gegen all die Widrigkeiten, die nichts anderes sind als Windmühlen. Man ist nicht allein, ist man des Kampfes müde.
Ich hoffe, meine Musik hilft dort weiter, wo Worte es nicht können.
Danke für das entgegengebrachte Interesse.

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2 Kommentare zu “Antigone’s Fate”

  1. Winterpercht

    F32.2 Schwere depressive Episode ohne psychotische Symptome

    Unter Umständen ähnlich wie bei F41.0. Interessantes Interview, Projekt kam in letzter Zeit immer mal wieder in meinen Fokus, Review und Interview gaben jetzt den letzten Ansporn und ich habe die Scheibe bei Bandcamp erworben. Das Ganze als „Depressive Black Metal“ abzutun, würde der richtig abwechslungsreichen und bisweilen wunderschönen Musik (allein die Soli sind traumhaft) absolut nicht gerecht werden. Richtig starkes Material aus Deutschland!

    1. Stephan Rajchl Post Author

      Hey Winterpercht,
      schön, dass du dich ein weiteres Mal für einen meiner Texte interessierst! Ich hatte auch schon die Ahnung, dass es sich bei der Zahl um eine ICD-Nummer handelt, aber ich wollte trotzdem fragen, weil ich darauf spekuliert habe, dass Ruun auch gleich auf den Grund dafür eingeht, aus dem er den Quasi-Titeltrack damit bezeichnet hat. Tja, Musiker sind halt manchmal gern geheimniskrämerisch…
      Freut mich sehr, dass ich dich zu einem Kauf anregen konnte, den du dann auch nicht bereut hast! Im Review steht ja schon alles wichtige, ich finde wirklich, dass das bereits ein frühes Jahres-Highlight ist. Werd ich sicher auch noch lange hören.

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