Interview mit Igor Arbuzov von Blazing Rust

Die russische Metal-Szene ist weitaus umtriebiger, als man es hierzulande mitbekommt. Umso schöner ist es daher, dass mit BLAZING RUST gerade eine viel versprechende Underground-Band aus St. Petersburg auf dem europäischen Markt Fuß fasst. Bereits mit ihrem gefeierten Debüt „Armed To Exist“ konnte das Quintett einen Vertrag mit dem deutschen Label Pure Steel Records ergattern, die nun auch ihre zweite Platte „Line Of Danger“ veröffentlicht haben. Und weil wir und diese seltene Gelegenheit, Einblick in den Metal-Untergrund von Mütterchen Russland zu bekommen, auf keinen Fall entgehen lassen wollten, baten wir Sänger Igor Arbuzov zum Gespräch.

Logo der Band Blazing Rust

Hallo Igor und vielen Dank für deine Zeit! In Zeiten wie diesen eine wichtige Frage: Geht es dir und deiner Familie gut?
Hi! Ich habe euch zu danken! Uns geht es gut, aber das Virus ist nicht zu leugnen und in Russland haben sich bereits sehr viele Menschen mit COVID-19 infiziert. Die offiziellen Zahlen sind nicht schlecht, aber kaum jemand glaubt das.

Seit der Veröffentlichung eures Debüts „Armed To Exist“ sind etwa drei Jahre vergangen. Was hat sich seither bei euch getan?
Unser erstes Album ist sehr gut angekommen und wir haben rund um den Globus viele neue Fans gewonnen. Auch die Presse war ziemlich begeistert, also war das eine Win-Win-Situation. Leider konnten wir aber nicht sehr viel touren – für eine Underground-Band ist das sehr schwierig, wenn man dabei nicht pleite gehen will. Allerdings hatten wir hier in Russland einige gute Konzerte mit der Platte. Zudem haben wir uns von unserem Bassisten Eric Strom getrennt. Kurz vor den Aufnahmen standen wir also mal wieder ohne Bassist da. Unser guter Freund Dimitry Pronin (Ex-Gaia, Ex-Red’scool) ist dann für die Aufnahmen eingesprungen, was für uns ein Segen war.

Das Cover von "Line Of Danger" von Blazing RustEuer zweites Album heißt „Line Of Danger“. Wie unterscheidet es sich von seinem Vorgänger?
Für mich ist „Line Of Danger“ das zwingendere Album – in den Songs steckt eine Menge Energie. Zudem gibt es ein paar Nummern, die wir selbst gerne als „Epen“ bezeichnen. Auch der Sound ist deutlich besser als auf unserem Erstlingswerk. Wir wollten aber vermeiden, dass das Album zu poliert klingt, weshalb wir unseren rohen Sound bewahrt haben, was sehr gut zu unserer Musik passt. Wir benutzen kein Autotune und editieren weder Gitarren noch Drums bis zur Perfektion. Das würde für uns nicht funktionieren. Es ist unser Ziel, den Geist der 80er in unserer Musik zu erhalten.

Wie liefen das Songwriting und die Aufnahmen zum neuen Album ab?
Es begann alles mit einem Song von mir, der letztendlich zum Opener des Albums wurde. Er heißt „Let It Slide“. Wir haben ihn in sehr kurzer Zeit fertig geschrieben. Danach haben wir uns zusammengesetzt und jedes Riff, das Roman (Dovzhenko, Gitarre, Anm. d. Red.), unser Haupt-Songwriter, vorbereitet hatte. Wir haben uns ein paar Notizen gemacht und besprochen, was davon möglicherweise zu einem Song werden könnte. Das war der Beginn der Arbeiten und im Frühjahr 2019 war alles bereit für die Aufnahmen. Unser Gitarrist Serg Ivanov fungierte einmal mehr als unser Tontechniker und Mischer und wir haben so ziemlich alle Spuren in unserem eigenen kleinen Studio aufgenommen. Den letzten Schliff bekam das Album von Robert Romagna (Audiostahl, Anm. d. Red.), der das Mastering übernommen hat. Wir sind mit dem Endergebnis sehr zufrieden und können es kaum erwarten, dass die Fans es hören können.

Welche Themen behandelt ihr in euren Texten?
Das Album hat kein übergeordnetes Konzept, sondern jeder Song dreht sich um sein eigenes Thema. Manchen Nummern geben vor, eher ernst zu sein und behandeln aktuelle gesellschaftliche Probleme, allerdings auf paraphrasierende, verschleiernde Art und Weise. Andere Songs würde ich auf eine positive Art als „frivol“ bezeichnen. In manchen Songtexten findet sich auch Mystisches.

Hier in Deutschland wissen wir noch nicht allzu viel über BLAZING RUST. Erzähl uns doch ein bisschen über die Geschichte der Band!
Die Bandgründung geht auf die Idee der beiden Brüder Dimitry und Roman Dovzhenko zurück, die vorher bei Drama aktiv waren und noch immer bei Pyre spielen. Sie stehen auf Black- und Death Metal, aber mein Herz schlägt schon immer für den klassischen Heavy Metal. Wir kannten uns flüchtig und eines Tages haben sie mich gefragt, ob ich einen Sänger kenne, der Lust hat, in einer Heavy-Metal-Band zu singen. Ich war damals hauptsächlich Gitarist, aber als ich ihre Demoaufnahmen hörte, entschied ich mich, vorzusingen. Meine Ideen für den Gesang gefielen ihnen und sie fragten mich, ob ich mitmachen will. Die anderen Musiker waren ihre ehemaligen Drama-Bandkollegen Serg Ivanov (Gitarre) und Paul Torden (Bass). Zusammen haben wir alles Songs für unser erstes Album vorbereitet, aber Torden ist kurz vor den Aufnahmen ausgestiegen, weshalb Roman den Bass selbst einspielen musste. Eric Strom wurde sein Nachfolger und spielte alle Konzerte zu „Armed To Exist“ mit uns, aber leider verließ auch er die Band kurz bevor wir für das zweite Album ins Studio gingen. Unser Kumpel Dimtry Pronin übernahm den Bass für das Album, aber jetzt sieht es aus, als hätten wir einen festen Basser gefunden, dessen Name in Kürze bekannt gegeben wird.

Welche Bands sind eure wichtigsten Einflüsse?
Ich selbst kam zum Heavy Metal, weil ich die alten Kassetten und Schallplatten meines Vaters gehört habe. Darum hat alles mit britischem Hard Rock angefangen: Black Sabbath, Deep Purple und Uriah Heep. Ich bin auch jetzt noch ein großer Fan dieser Bands. Später habe ich dann ganz unterschiedliche Metal-Spielarten für mich entdeckt. Ich würde sagen, dass ich ein sehr offener Metalhead bin, weil man in meiner Musiksammlung sowohl Cannibal Corpse als auch Chicago findet. Wenn es um die Bands geht, die BLAZING RUST beeinflussen, dann sind das natürlich Iron Maiden, Dio, Judas Priest, Saxon und Diamond Head. Wir kommen immer wieder zu diesen Gruppen zurück.

Bands aus Russland interviewt man nicht alle Tage – wie dürfen wir uns die Szene in Russland und eurer Heimatstadt St. Petersburg vorstellen?
Wenn ihr auf Classic-, Heavy- oder Speed- und Thrash Metal steht, dann solltet ihr auf jeden Fall unsere Genre-Veteranen Aria (АРИЯ), Master (МАСТЕР), Black Coffee (ЧЕРНЫЙ КОФЕ), Kruiz (КРУИЗ) und Shah hören. Da könnt ihr jedes ihrer Alben aus den 80ern und 90ern herausgreifen. Sie waren damals echt groß und haben in Stadien gespielt – ein paar von ihnen gibt es sogar heute noch. Bei weitem nicht alle russischen Bands sind weltweit erfolgreich. Ich glaube, im Augenblick gilt das sogar nur für die Folk-Metaller Arkona. Die lokale Szene in St. Petersburg ist ziemlich vielseitig. Wir haben hier recht viel Alternative Metal und Black und Death Metal sind derzeit stark im Kommen – ich rede über Bands wie Pyre und Edoma sowie viele andere. Im Grindcore-Bereich sind Internal Damage gerade total angesagt. Und erdige Hard-Rock-Bands wie Sweat und Reds’cool sind ebenfalls erwähnenswert.

COVID-19 wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus, aber tourende Bands und Clubs werden besonders hart getroffen. Wie geht es euch damit?
Wir betrachten die Situation mit schwerem Herzen. Es tut echt weh, wenn man zusehen muss, wir Clubs, deren Besitzer sich komplett für das Geschäft aufopfern, einer nach dem anderen schließen müssen. Und von der Regierung kommt keinerlei Unterstützung für kleinere und mittlere Betriebe. Was im Augenblick geschieht, ist eine Schande.

Werdet ihr nach Deutschland kommen, wenn wir irgendwann zu einer Art Normalität zurückgekehrt sind?
Wir würden liebend gerne nach Deutschland kommen, also nervt eure lokalen Promoter bitte damit! Sollte sich etwas ergeben, werden wir für euch die beste Show spielen, die wir drauf haben!

Vielen Dank für dieses Interview! Lass uns zum Schluss noch unser traditionelles Brainstorming machen. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein?
Black Obelisk: Kein Fan.
Bier: Ist allgegenwärtig.
Lockdown: Eher ungewöhnlich.
Pay To Play: Verpiss dich!
Scorpions: Sind ziemlich groß in Russland.
BLAZING RUST in zehn Jahren: Mindestens drei oder vier weitere Alben, zuhause respektiert, touren durch Europa und spielen auf Festivals. Wer weiß?

Noch einmal vielen Dank für deine Zeit. Möchtest du abschließend noch etwas loswerden?
Unterstützt eure lokale Szene und Underground-Bands! Egal ob ihr Musiker oder Fans seid: Gebt niemals eure Träume auf und möge eure Lieblingsmusik für immer mit euch sein! RAWK!

Ein Foto der Band Blazing Rust

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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