Interview mit Mr. Sanz von GrooVenom

Neues Album, weniger Mitglieder, die Texte nicht mehr auf Englisch…seit „Modern Death Pop“ hat sich einiges getan im Hause GROOVENOM. Zur Veröffentlichung ihres neuen Albums „Wir müssen rden“ sprachen wir deshalb mit Sänger Mr. Sanz über sämtliche Veränderungen in und um die Band sowie deren Ausflug in cineastische Sphären.


Hi! Als erstes Mal vielen Dank, dass du dir die Zeit für das Interview genommen hast. Wie stehen die Aktien im GROOVENOM-Camp?
Hi Christoph! Besser könnte es nicht laufen: Der Release steht vor der Tür, Shows stehen an und die Resonanz ist durchweg euphorisch. Unsere Ärsche gehen zwar ein bisschen auf Grundeis vor lauter Stress, aber es gibt kein schöneres Gefühl als endlich die Früchte einer jahrelangen Vorarbeit zu ernten.

Lass uns mit dem Offensichtlichen Anfangen – auf „Wir müssen reden“ sind alle Text auf Deutsch, nicht mehr auf Englisch. Wie kam es dazu?
Wir haben es quasi mit „Hallo Welt“ vom letzten Album schon angeteasert… Deutsche Sprache steht uns erstaunlich gut und hebt uns irgendwie auch besser vom Modern Metal Einheitsbrei ab. Außerdem passt es zu den angesprochenen Themen auf dem Album besser. Hier konnte ich einfach lyrisch besser auf den Punkt bringen worum es mir geht.

Was verbirgt sich hinter dem Albumtitel „Wir müssen reden“?
Ein Appell! Der Spruch löst ja eigentlich bei jedem Menschen Stress aus. Miteinander reden, also wirklich in die Augen zu schauen und Wahrheiten, Empfindungen und Gefühle auszudrücken scheint den meisten Menschen zunehmend schwerer zu fallen. Stattdessen gehen wir lieber den Umweg über Kommentarspalten bei Facebook oder kotzen uns in Whatsapp-Chats aus, immer mit der Sicherheit im Notfall den Gesprächspartner blockieren zu können und der Realität einen virtuellen Riegel vorzuschieben. Leider hilft uns dass auf lange Sicht nicht weiter und unsere Fähigkeit zu kommunizieren schwindet nachweisbar. Daher fordern wir auf, wieder das Gespräch zu suchen dem Dialog wieder mehr Bedeutung zu schenken.

Auch die Musik wirkt in sich runder, weniger breitgefächert, als auf den bisherigen beiden Alben. War das eine bewusste Entscheidung?
Selbstverständlich! „Pink Lion“ und „Modern Death Pop“ waren, nett ausgedrückt, eher Compilations. Wir haben uns ausgetobt und viele Genres gestreift. Das wollten wir diesmal anders machen und uns auf ein straightes Songwriting und einen roten Faden fokussieren.

Was kam zuerst: Die musikalische Fokussierung oder die deutschen Texte? Oder lief das losgelöst voneinander?
Zeitgleich. Die ersten Songideen riefen in mir das Gefühl hervor, deutsche Texte zu probieren. Das passte wunderbar, also haben wir das Schema durchgezogen.

Woher kam die Inspiration bzw. die Einflüsse für das neue Material, sowohl musikalisch als auch textlich?
Da kamen verschiedene Dinge zusammen. Wir wollten dem „Riff“ wieder mehr Platz im Songwriting zukommen lassen und haben uns da Inspiration aus dem Groove Metal und Industrial Sektor geholt. Das kam aber eher intuitiv, ebenso wie die Entscheidung unsere Trance-Keyboards gegen Synthwave- und EBM-Elemente auszutauschen. Das hat sich einfach runder angefühlt und erzeugte einen angenehm düsteren Retro-Vibe, den wir definitiv mit dem Album erreichen wollten. Die Texte fühlten sich in diesem Soundkonstrukt einfach noch finsterer und böser an, also genau die Wirkung die sie erzielen sollten.

Seit „Modern Death Pop“ seid ihr auf ein Quartett „geschrumpft“. Hat diese Veränderung sich auf die Entstehung des neuen Albums ausgewirkt?
Eigentlich nicht, da die schaffenden Köpfe im Hintergrund geblieben sind. Es hat lediglich den Durchlauf der Entscheidungen beschleunigt und vereinfacht.

Zu den ersten drei Singles „Unter deine Haut“, „Grau“ und „Du und Ich“ habt ihr jeweils ein Video veröffentlicht, die aneinandergereiht einen Kurzfilm mit durchlaufender Handlung ergeben. Wie kam es zu der Idee für dieses durchaus ambitionierte Projekt?
Wir wollten von Anfang an für dieses Album keine Performance-Videos drehen, da sich für unser Empfinden langsam abgenutzt hat und die Stimmung auf diesem Album einfach nach „mehr“ verlangt. Es fühlt sich wie ein Soundtrack an, demnach lag der Schluss nahe dazu einen Film zu erschaffen. Wir haben uns also die drei Songs herausgepickt, weil sie stilistisch und inhaltlich einen guten Bogen spannen und dazu eine Story entwickelt, die eine abgeschlossene Handlung ergeben.

Die Uraufführung des Kurzfilmes in seiner Gesamtheit – und die erste Ausstrahlung des Videos zu „Du und ich“ – erfolgte stilecht in einem Dresdner Programkino. Auch das ist alles andere als Standard. War das von Anfang an ein Plan, oder entwickelte sich das erst im Laufe der Arbeit an Album und Kurzfilm?
Das kam bei einem Bier im Proberaum aus Spaß zur Sprache… Dann haben wir einfach angefragt und es hat geklappt. Ich glaube, manchmal muss man sich einfach nur trauen und einen Schritt weiterdenken. Wir sind jedenfalls sehr froh diese Erfahrung gemacht zu haben. Als Band seinen eigenen kleinen Film auf der großen Leinwand zu sehen… das fühlt sich einfach „richtig“ an.

Die Videos sind allesamt mit sehr expliziten Szenen von Sex und Gewalt gespickt. War euch eine indirektere Bildsprache zu subtil oder mögt ihr es einfach gern etwas derber auf der großen Leinwand?
Wir wollten einen stilisierten Arthouse-Streifen machen, der sich von der Masse abhebt indem er eben Szenarien nicht nur andeutet, sondern auch zeigt. Die Limitierung kommerzieller Verbreitung und Herabstufungen auf YouTube haben wir bewusst in Kauf genommen um uns nicht kreativ einzuschränken. Das kann man jetzt naiv oder auch mutig nennen – wir sind mit dem Ergebnis jedenfalls absolut zufrieden. Viel mehr kann man aus einem Low-Budget Projekt nicht rausholen. Die Gewalt und der Sex sind ja auch definitiv handlungsrelevant und verfallen nie dem Selbstzweck. Provokation und Grenzüberschreitung waren halt schon immer unser Ding, auch wenn das immer einige Menschen abschrecken wird.

Wie lange habt ihr an der Konzeption und der Umsetzung der Videos gesessen?
Circa ein halbes Jahr von der Idee bis zur letzten Klappe. Danach noch einige Wochen Postproduktion.

Lohnte sich der ganze Aufwand für den Kurzfilm aus deiner Perspektive? Kann man weitere Projekte dieser Natur erwarten?
Es lohnt sich künstlerisch immens. Diese Musikvideos sind zwar in der Herstellung wesentlich aufwändiger aber dafür auch nachhaltiger. Wir sind kreativ daran gewaltig gereift und haben auch eine ganz andere Perspektive zu unserer Musik erhalten. Normalerweise sind Musikvideos ein begleitendes Promo-Instrument für das Album. Wir fanden es spannend diesen Aspekt umzudrehen und den Film voranzustellen, welcher vom Album begleitet wird. Ich kann nicht sagen, dass wir das nun immer so machen, aber wir haben definitiv Blut geleckt.

Ihr habt zu „Modern Death Pop“ auch ausgiebig getourt. Wie bekommt man das mit seinem Alltagsjob und –leben koordiniert?
Gutes Zeitmanagement, akkurate Planung und fest einkalkulierte Pausen.

Habt ihr schon weitere Shows oder Touren für das laufende Jahr geplant?
Wir spielen einige Tourdates mit OST+FRONT und sind im Sommer auf diversen Festivals zu sehen. Im Herbst planen wir dann ausgiebig zu touren. Infos dazu werden wir bald auf unseren Social Medias bekanntgeben.

Zum neuen Album gab es mit Out Of Line auch ein neues Label. Wie kam es dazu und wie entstand der Kontakt?
Ich glaube der Erstkontakt kam damals nach unserem Auftritt auf dem WITH FULL FORCE zu Stande. Als wir an „Wir müssen reden“ schrieben haben wir das aufgefrischt und unsere Pläne vorgestellt. OUT OF LINE waren interessiert und haben uns ein cooles Angebot gemacht. Das Label ist groß, bringt viel Erfahrung und Engagement mit und hat viele Mitarbeiter unter seinem Dach. Außerdem sind mit Combichrist und Blutengel absolute Topacts am Start die international charten. Da kann man viel lernen!

Zum Abschluss würde ich gern noch mit dir das traditionelle Metal1.info-Brainstorming spielen:

Amo (Bring Me The Horizon): Ein musikalisches Gesamtkunstwerk!
Arthouse Filme: Melancholia, Antichrist (Lars von Trier), Requiem for a Dream, mother! (Darren Aronofsky), Drive, Only God Forgives (Nicolas Winding Refn) oder auch Mandy (Panos Cosmatos) gehören zu meinen Lieblingsfilmen und haben „Wir müssen Reden“ textlich sowie optisch stark beeinflusst. Mein Herz schlägt für Arthouse-Filmkunst, auch wenn vielen Mainstream-Blockbustern und Franchises nicht abgeneigt bin.
Grimes: Kenne nur das BMTH-Feature und einzelne Songs, aber ihr Sound gefällt mir ganz gut.
Star Wars: Großer Fan seit frühester Kindheit. Und trotzdem großer Fan von Episode 8!
GrooVenom in 5 Jahren: Ein musikalisches Gesamtkunstwerk!

Alles klar! Dann nochmal vielen Dank für deine Zeit!

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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