Interview mit Redouane Aouameur von Lelahell

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Redouane Aouameur zählt zu den Vorreitern des Metal in Algerien. Mit „Alif“, dem neuen Album seiner Band LELAHELL hat er nun ein Death-Metal-Album veröffentlicht, das sich vor keiner europäischen oder amerikanischen Produktion verstecken muss. Welche Hindernisse die Veröffentlichtung verzögert haben, aber auch, wie es um den Metal in Algerien generell steht, war Thema unseres Interviews mit Aouameur.

„Alif“ war ursprünglich für 2016 geplant. Warum hat es bis jetzt gedauert, das Album zu veröffentlichen?
Wir hatten einige Probleme im Produktionsprozess. Die erste Aufnahmeversion des Albums war Ende 2016 fertiggestellt, aber wir waren gezwungen, die Gitarren erneut aufzunehmen, weil es hier Probleme gab. Das Album wurde dann auch nochmal neu gemischt, weil wir zuerst nicht den richtigen Produzenten gewählt haben. Das Arbeiten auf Distanz ist immer schwieriger als in der Realität; es braucht mehr Zeit, um etwas zu erreichen, das dich wirklich zufriedenstellt.

Vor einiger Zeit hattet ihr eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, um finanzielle Hilfe für die Albumproduktion zu bekommen. Ist es so gelaufen, wie ihr es erwartet hattet, also war diese Kampagne ein Erfolg?
Wir haben 12% des Gesamtbetrages erhalten, aber wir sind sehr zufrieden. Weißt du, warum? Weil wir das Wichtigste für eine solche Kampagne gelernt haben: Dass du eine gute Fanbasis aufbauen und in ständigem Kontakt mit deinen Anhängern stehen musst!

Kam die Unterstützung hauptsächlich aus eurer Heimat Algerien oder von Leuten aus Europa, Amerika und generell anderen Ländern?
Unterstützung erhielten wir vor allem aus Frankreich, dem zweiten Einzugsbereich von LELAHELL nach unserer Heimat. In Algerien gibt es ein Problem mit Onlinebezahlung, so dass die Leute nicht die Möglichkeit hatten, ihren Beitrag über Indiegogo zu senden. Um dem abzuhelfen, haben wir das Crowdfunding live in Algier gemacht: Die Leute hatten die Chance, durch den Kauf unseres Merchandisings während des Konzertes einen Beitrag zu dieser Kampagne zu leisten. Da kam ein guter Betrag zusammen!

Würdest du es noch einmal so machen?
Um eine gute Crowdfunding-Kampagne zu machen, muss man eine wirklich gute Fanbasis haben. Wir arbeiten daran, also werden wir es das nächste Mal besser machen!

Lass uns über das Album selbst sprechen: Es heißt „Alif“ – was bedeutet das?
„Alif“ ist der erste Buchstabe des arabischen Alphabets. In der arabischen Kalligraphie verwenden wir ihn als Hauptreferenz, um die Größe der nächsten Zeichen zu bestimmen. Wir haben diesen Namen gewählt, weil dieses Album die wichtigste musikalische Referenz für die nächsten, kommenden Veröffentlichungen sein wird.

Was ist die Idee hinter dem Cover – was können wir hier sehen?
Das Artwork hat der deutschee Künstler Björn Gooßes von Killustrations (Dew Scented, Aborted, Sodom, …) entworfen. Als wir von LELAHELL mit ihm wegen eines möglichen Covers in Kontakt getreten sind, wusste Björn sofort, dass dies etwas Besonderes sein würde.
Ich habe ihm das recht ausgefeilte textliche Konzept über eine Person namens Abderrahmane und seine Leidensgeschichte erklärt. Er musste das in ein eindrucksvolles Bild verwandeln, und er kam mit Abderrahmane auf dem Wüstenboden, der einen Kreis von Blut um sich zieht, um sich vor Gefahren zu schützen. Ich denke, es ist ein sehr ungewöhnliches Bild und fängt das Gefühl ein, das wir mit unserer Musik hervorrufen wollen.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Artwork, Albumtitel und Text?
Jede LELAHELL-Veröffentlichung ist konzeptionell mit dem Charakter von Abderrahmane verbunden, konzentriert sich aber auf einen weiteren evolutionären Schritt – ein weiteres Kapitel in seinem eigenen Buch. In den Texten unserer ersten EP „Al Intihar“ ist Abderrahmane müde von seinem eigenen Leben voller Zwänge, also begeht er Selbstmord. Unser erstes Album „Al Insane…. the (Re)Birth of Aberrahmane“ beschäftigt sich mit seiner Wiedergeburt. Unser neues Album „Alif“ konzentriert sich nun auf Abderrahmanes erste Schritte in seinem neuen Leben, genau wie ein Kind, das sprechen, gehen und die Welt um sich herum kennen lernt. Doch diese ist voller Feinde und Ängste, deshalb muss Abderrahmane sich vor diesen Gefahren schützen.

Deine Texte sind alle in arabischer Sprache verfasst – warum hast du dich für arabische Texte entschieden, was ja bedeutet, dass alle Leute außerhalb der arabischen Welt die Texte nicht verstehen werden?
Die Texte auf Arabisch zu schreiben ist eine persönliche Entscheidung. Es trägt dazu bei, dem Klang von LELAHELL diese originelle Note zu verleihen, denn in unserer Sprache gibt es viele Buchstaben und Wörter, die anders klingen als die lateinische oder andere Sprachen. Wenn jemand die Bedeutung der Texte verstehen will, darf er uns gerne einfach eine Nachricht schreiben und wir übersetzen ihm den Text!

Versucht ihr absichtlich, einen arabischen Touch in das Riffing zu bringen, oder kommt das einfach durch euren musikalischen Hintergrund?
In unserer Kindheit haben wir alle lokale und traditionelle Musik im Radio gehört, so dass es für uns ganz natürlich ist, diese subtil in unsere Musik einfließen zu lassen. Aber nicht so stark, wir spielen ja Death Metal!

LELAHELL ist derzeit mehr oder weniger ein Ein-Mann-Projekt – zumindest hast du alle Instrumente (außer dem Schlagzeug) selbst aufgenommen. Warum?
Ich habe alle Instrumente aufgenommen. Wenn du alle Songs und alle Teile der Musik schreibst, willst du immer, dass sie so klingen, wie du sie dir vorgestellt hast.

Für die Aufnahme hast du den deutschen Schlagzeuger Hannes Grossmann rekrutiert. Warum ihn?
Schon zu Beginn des Entstehungsprozesses von „Alif“ habe ich einen Schlagzeuger für die Aufnahme dieses Albums gesucht. Ich kontaktierte viele Schlagzeuger und derjenige, der meine Aufmerksamkeit wirklich auf sich zog, war Hannes Grossmann. Er ist sehr talentiert, sehr professionell und er hat etwas, was die meisten Schlagzeuger von heute nicht mehr haben: Er geht künstlerische Risiken ein, er spielt auch extremen Metal kann aber auch andere Stile spielen und ist auch technisch zu alledem fähig!

Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert? Kannst du uns etwas darüber erzählen, wie (und wo) ihr zusammengearbeitet habt?
Zuerst wollten wir per Internet arbeiten, aber ich entschied mich, für die Schlagzeugaufnahmen in seinen Studio (Mordor Sound Studio) nach Deutschland zu kommen, um dem Album das Feeling der menschlichen Interaktion zu geben. Das war eine sehr gute Entscheidung. Hannes ist ein toller Kerl! Die Kommunikation war sehr gut, hör dir das Ergebnis an!

Ihr seid seit 2012 eine voll besetzte Band, trotzdem hast du die anderen Instrumente selbst aufgenommen, und wer hat den Mix/Master des Albums gemacht?
Der Bass, alle Gitarren und der Gesang wurden in meinem eigenen Studio (Fermata Studio) in Algier aufgenommen. Die Drums wurden eben in Deutschland im Mordor Sound Studio in Veitsbronn (Hannes Grossmanns Studio) eingespielt. Nach der Aufnahme wurde der erste Mixversuch im Cutfire Studio in Italien gemacht, aber das Ergebnis war nicht so gut, wie wir erwartet hatten.  Also beschlossen wir, die Wieslawsky-Brüder für diesen Job zu kontaktieren – und das Ergebnis war erstaunlich! Es war die beste Wahl für dieses Album. Wenn du an der Produktion eines Albums arbeitest, ist der schwierigste Teil, die richtige Person zu finden, die die gleiche Idee deiner Musik hat. Wir haben sie gefunden!

Habt ihr vor, auch live zu spielen?
Um dieses Album zu promoten, veranstalten wir am 18. August eine Release-Party in Algier in einem großen Park namens Dounia Parc. Im November sind wir zwei Wochen in Europa unterwegs, um „Alif“ zu promoten. Los geht es in Spanien, dann weiter über Frankreich, Italien, Slowenien, Polen, die Tschechische Republik, die Slowakei und Ungarn.

Wie steht es um den Metal in Algerien im Allgemeinen – gäbe es überhaupt viele Möglichkeiten, live zu spielen?
Es gibt ein großes Problem, was Locations angeht. Die meisten sind Kinos, die von der Regierung betrieben werden, deswegen lassen sie uns dort keinen Metal spielen. Aber wir spielen manchmal draußen, an bestimmten Orten. Generell spielen wir aber nicht öfter als ein-, zweimal im Jahr.

Du bist schon seit den frühen Neunzigern aktiver Metal-Musiker. Wie hat sich die algerische Metal-Szene im Lauf der Jahre entwickelt?
Ich finde, dass die Bands heutzutage die aktuellen Gegebenheiten mit all ihren Vorteilen nicht richtig ausnutzen. Die Musiker sind faul geworden und wollen lieber Photos und Demos auf Facebook veröffentlichen. Schreibt Alben und nehmt sie anständig auf!

Kaufen Metal-Fans in Algerien CDs oder laden sie Musik hauptsächlich aus dem Internet herunter?
Sagen wir mal, neunzig Prozent ziehen die Musik aus dem Internet und die anderen kaufen Underground-Zeug oder machen Tauschgeschäfte. Man kann sich darüber nicht beschweren, weil die Leute keinen Zugang zu CDs haben, in unserem Raum gibt es keinen Vertrieb.

Bekommt ihr dann überhaupt Unterstützung aus der Szene, finanziell oder generell?
In der Anfangszeit wurden wir von unserer Regierung unterstützt, sie hat Konzerte organisiert und uns dabei unterstützt, unsere Musik zu verbreiten. Eigentlich haben wir aber keinen Support, nur einige wenige Leute, die bei unseren Shows Merchandise und CDs kaufen.

Was bedeutet es, ein Metalhead in Algerien zu sein? Welche Auswirkungen hat es auf dein tägliches Leben und wie reagieren „normale“ Leute auf dich?
Ich denke, ein Metalhead zu sein ist überall gleich. Die „normalen“ Leute werden immer über dich urteilen, weil du schwarze Shirts trägst oder Musik hörst, die sie als „Krach“ bezeichnen. Sie stecken dich in Schubladen und nennen dich „Teufelsanbeter“, „gewalttätig“, „respektlos“ und „kriminell“.

Was hält deine Familie davon, dass du in einer Metal-Band bist?
Von Beginn an habe ich immer Unterstützung von meiner Familie bekommen. Ich finde, für einen Musiker ist es das wichtigste, von der Verwandtschaft unterstützt zu werden!

Wie steht es heute um den Metal in Algerien: Ist es gesellschaftlich und politisch akzeptiert, seine Liebe zu dieser Musik durch einen besonderen Lebens- oder Kleidungsstil, etwa lange Haare und Bandshirts, offen zu zeigen?
Es geht hier nicht so streng zu, wie du es dir vorstellst. Wir können Metalshirts tragen und lange Haare haben, ohne damit schon zu sehr zu provozieren. Es dürfen natürlich keine Shirts mit umgekehrten Kreuzen oder nackten Mädchen sein …

Was ist mit der Szene? Gibt es in Algerien eine aktive, lebendige Metal-Szene mit Bars, Clubs, Konzerten, Festivals und Geschäften, die Metallartikel anbieten?
Im Jahr 2018 haben sich die Dinge geändert. Es gibt einige neue, vielversprechende Bands, die neu gegründet wurden und schon einige interessante Veröffentlichungen herausgebracht haben. Es gibt auch mehr Konzerte. Aber nicht genug! Wir versuchen, die Kommunikation mit der Regierung zu verbessern, um mehr Zugang zu den Veranstaltungsorten zu bekommen. Und warum nicht ein großes, internationales Festival erschaffen?

Vielen Dank für das Gespräch! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Deutschland:
DE
Das letzte Album, das du gehört hast (und das dir gefallen hat):
Immortal – Northern Chaos Gods.
Donald Trump:
US-Blödsinn!
Das Ende von Slayer:
Ist das wirklich das Ende von Slayer?
LELAHELL in zehn Jahren: Fünf Alben, ein Vertrag mit Metalblade Records und Headliner für große Festivals!

Nochmals vielen Dank für Ihre Zeit. Die letzten Worte gehören dir:
Vielen Dank für das Interview, unterstützt LELAHELL oder geht sterben!


Der kursiv gehaltene Text entstammt ursprünglich dem exklusiv im Buch zur Serie „Metallisierte Welt – auf den Spuren einer Subkultur“ enthaltenen Interview aus dem Jahr 2016.


Als Vertreter ihrer Heimat ALGERIEN sind LELAHELL in unserem Buch „Metallisierte Welt“ vertreten!

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