Interview mit Attila Csihar von Mayhem

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Mit „Liturgy Of Death“ haben MAYHEM eben erst ihr siebtes Studioalbum veröffentlicht. Inwieweit die Band ihn thematisch limitiert, warum er jetzt Straigt-Edge lebt und wie MAYHEM trotz Ugly-Christmas-Sweater-Merch noch Underground sind, berichtet Fronter Attila gutgelaunt im Interview.

Du hast alle Lyrics für das neue Album geschrieben. In welcher Stimmung musst du sein, um Lyrics für ein MAYHEM-Album zu schreiben?
Es ist wie so eine Trance, oder ich weiß nicht, wie das richtige Wort dafür ist, wenn meine Kanäle offen sind. Also kann ich sowas nicht schreiben, wenn ich zum Beispiel an so einem schönen Morgen wie diesem hier sitze. Es ist nicht so, dass ich eine Liste mit Themen habe und mir eins davon rauspicke, nach dem Motto: Das wird funktionieren … nein, es ist eher so, dass ich diese Vision habe und sichdas ganze dann einfach manifestiert, was verrückt ist. Als ich gemerkt habe, dass es so tiefgründig ist, so bedeutungsschwer, habe ich realisiert, was für eine riesige Herausforderung das ist, und ich dachte mir: Ich bin jetzt 55, vielleicht bin ich erwachsen genug, um damit umzugehen.

Das kam einfach zu mir, und ich habe begriffen, wie tiefgründig es ist, und dann habe ich einfach angefangen, erste Text-Skizzen zu machen. Wenn ich die Inspiration spüre, setze ich mich manchmal einfach hin und schreibe es schnell runter, und dann komme ich später wieder darauf zurück. Ich habe sehr viele Notizen. Ich versuche, die richtige Inspiration zur richtigen Zeit zu erwischen. Das geht nicht jederzeit. Aber natürlich muss ich mich auch ein bisschen dazu zwingen. Es ist so halb Arbeit, halb Trance-Zustand. Ich mag es tatsächlich ganz gerne. Am meisten mag ich es, live zu spielen, aber komponieren, schreiben ist auch gut.

„Ich bin jetzt total Straight Edge.
Ich trinke nicht mal Kaffee“

Es ist kein Geheimnis, dass du auch ein riesiger Fan von Cannabis bist – helfen dir Drogen, in diesen tranceartigen Zustand zu kommen, oder bleibst du lieber nüchtern, wenn du an Lyrics arbeitest?
Das stimmt, ich liebe Cannabis, aber ich weiß nicht, wie es gekommen ist … ich bin jetzt tatsächlich Straight Edge. (lacht) Ich habe damit aufgehört. Mal sehen, wie lange das hält. Das hat vielleicht mit meinem Alter zu tun. Als ich die Lyrics geschrieben habe, habe ich wahrscheinlich ab und an ein bisschen was geraucht, aber das ist nicht essenziell, es ist nicht der entscheidende Punkt. Eigentlich glaube ich, es ist besser, wenn ich clean bin. Aber manchmal kommen Inspirationen unter dem Einfluss von Cannabis. Das ist auch OK. Aber ich mag es nicht, high zu sein und dann zu arbeiten. Es läuft eher andersrum: Ich schreibe etwas, und dann rauche ich vielleicht einen Spliff und schaue nochmal drauf. Aber na ja – ich bin jetzt total Straight Edge. Ich trinke nicht mal Kaffee. Ich trinke schwarzen Tee – das ist das Härteste bei mir … (lacht)

Was die Lyrics betrifft, ist der grundlegende Ton von MAYHEM ja bereits gesetzt – es muss um etwas Dunkles gehen, um Tod und Zerstörung. Fühlst du dich dadurch kreativ eingeschränkt?
Ja, in gewisser Weise hast du recht: Das ist eine Einschränkung. Ich meine, meine Lyrics sind ziemlich dunkel. Es ist ein MAYHEM-Album, also muss das so sein, denke ich. Ich habe mich beim Schreiben sozusagen auf meine dunkelsten Gedanken und Seiten fokussiert. In ein paar Songs gibt es allerdings auch eine Art Befreiung. Es gibt verschiedene Aspekte … ich komme aus vielen Blickwinkeln an dieses Thema heran, das – wiederum – das universalste Thema ist, dem jeder Mensch begegnen muss. Normalerweise ist es sehr beängstigend und dunkel. Ich denke, jede Dunkelheit und dunkle Kunst kommt letztlich aus dem Todesthema. Aber ich versuche auch, diesen Aspekt zu verstärken oder zu erhellen: dass der Tod auch das Ende des Leidens ist, das Ende der Verwirrung, das Ende dieses ganzen Elends im Leben, weißt du, das Ende unserer Probleme und unserer Schmerzen und unserer Krankheiten und unserer Begrenzungen und allem. Also all unser Karma oder das, was wir durchs Leben tragen. In diesem Sinn hat das Thema auch eine helle Seite.

„Ich bin auch ein Mensch – zum Glück und leider“

Aber wenn ich für MAYHEM schreibe, bin ich schon auf eine Art limitiert, weil ich persönlich eigentlich auch eine helle Seite habe. Aber mein ganzes Leben und alles dreht sich irgendwie um die dunkle Seite, das hat sich so ergeben. Aber das ist irgendwie ausbalanciert. Ich bin auch ein Mensch – zum Glück und leider. Auch ich habe Familie und Menschen, die ich liebe, ich liebe Tiere, Haustiere, ich liebe die Sonne, weißt du, ich liebe die Natur. Es ist also nicht so, dass ich einfach nur eine restlos düstere Person bin. Aber ja, wenn es um MAYHEM und meine Kunst allgemein geht, ist es immer irgendwie darauf begrenzt. Oder es ist eher so, dass das ganz von selbst so kommt. Es würde sich nicht natürlich anfühlen, über die andere Seite zu schreiben. Irgendwie ist das mein Pfad.

Im allerersten Song des Albums, „Ephemeral Eternity“, gibt es auch eine Passage auf Ungarisch. Was hat dich zu diesem Sprachwechsel innerhalb des Songs inspiriert?
Ich fand es einfach cool. Warum nicht? Ein paar Leute haben mich dazu inspiriert. Meine Bandkollegen haben manchmal gefragt, und auch andere Leute, warum ich kein Ungarisch benutze, weil Ungarisch ja meine Muttersprache ist. Ich bin Ungar, also ist es auch ein bisschen für die Leute dort. Es klang auch einfach cool. Außerdem ist Ungarisch eine sehr alte und ziemlich einzigartige Sprache. Sie steht irgendwie sehr, sehr für sich allein. Das alles zusammen hat mich inspiriert.

„Euronymous und Dead sind
natürlich immer Teil der Band“

Die letzten Worte auf dem Album, wenn man die Bonus-Tracks mitzählt, sind „Deathlike Silence“ – ich nehme an, das ist kein Zufall, sondern eine Referenz an Euronymous’ berühmtes Label?
Ja, absolut … das ist kein Zufall. Ich habe diese Jungs immer im Kopf, weißt du. Euronymous und Dead sind natürlich immer Teil der Band, und bei den Liveshows rufen wir sie nach wie vor immer herbei: Jede Nacht, jede MAYHEM-Show, und das ist jetzt schon Jahrzehnte so, beschwöre ich sie herbei. Die Leute hören es nicht … normalerweise mache ich das in den Songs von „De Mysteries Dom Satanas“, zum Beispiel während „Life Eternal“, wenn der lange Intro-Teil anfängt, flüstere ich ihre Namen und ich rufe sie herbei. Aber nicht nur sie – auch meine Freunde Jon Nödtveidt oder Joey Jordison, die gestorben sind … oder andere Musiker, Freunde, mit denen ich spirituell verbunden war. Also rufe ich alle meine Musikerfreunde herbei, die gestorben sind … aber besonders sie. Dieses neue Album handelt auch davon, deshalb sind sie entscheidend, sie sind der Tod in unserer Familie. Sie sind schon gestorben, also ist es ein bisschen, sie zu erwähnen, und es ist ein bisschen wie dahin zurückzugehen und ja, sie in diesem Sinn heraufzubeschören.


Wie wichtig sind dir Lyrics generell im Kontext des Albums als Gesamtkunstwerks? Ist es eher so, dass Texte das mittel zum Zweck sind, damit du deine Vocals wie ein weiteres Instrument hinzufügen kannst, oder geht es mehr um eine Botschaft?

Ich wünschte, ich könnte es locker sehen, Mann! Nein, für mich ist es wirklich schwer und hart und tiefgründig. Das letzte Album, „Daemon“, war ein bisschen anders, weil ich alle in den Prozess des Lyrics-Schreibens einbezogen habe. Darum war es ein bisschen weniger persönlich. Aber bei „Ordo Ad Chao“ habe ich sehr viel Arbeit in die Texte und die Recherche dafür gesteckt … also zumindest für mich bedeuten sie sehr viel. Insofern ist es interessant zu sehen, wie viel davon die Leute verstehen. Natürlich ist es ein Lyrik, ich kann nicht wirklich erklären, worum es geht. Es muss ein künstlerisches Werk sein, und irgendwie kryptisch, aber ja, es hat eine tiefe Bedeutung. Ich wünschte, ich könnte es einfach locker angehen, und einfach irgendwelche Texte schreiben.

Du hast vorhin erwähnt, dass du das jetzt seit Jahrzehnten machst – vier, um genau zu sein. Necrobutcher hat vor Kurzem gesagt, dass MAYHEM trotzdem immer noch eine Underground-Band ist. Stimmst du ihm in dem Punkt zu? Und wenn ja, wie würdest du in diesem Kontext „Underground“ definieren?
Ich würde sagen, ich stimme zu, ja. Ich meine, natürlich ist unser Name sehr bekannt. MAYHEM ist heute viel größer als je zuvor, aber ich glaube nicht, dass wir uns verändert haben. Schau dir unseren Backkatalog aus diesen 40 Jahren an: Es ist nicht so, dass wir je versucht hätten, kommerziell erfolgreich zu sein. Eher das Gegenteil ist der Fall. Na ja, vielleicht die letzten zwei Platten, weil wir mit dem letzten Album, „Daemon“, etwas zu unseren Ursprüngen zurückgekehrt sind. Aber wenn du dir die Alben davor anschaust … und selbst das letzte Album: Das war wahrscheinlich davon beeinflusst, dass wir davor eine lange „De Mysteriis Dom Satanas“-Tour hatten, daher sind wir mit „Daemon“ so ein bisschen in der Zeit zurückgegangen. Aber sowas ist nie geplant, es ist eher ein Strom, ein Fluss. So sind wir von „Daemon“ zu „Liturgy Of Death“ gekommen.

„In diesem Sinn sind wir ziemlich Underground:
Wir haben nie unseren Arsch verkauft“

Aber es sind diese Verbindungen: Wenn du dir „Grand Declaration Of War“ anschaust … ich denke nicht, dass das in irgendeiner Weise eine kommerzielle Platte ist. Und dann kam noch „Chimera“ hinterher, das ist die Maniac-Ära. Danach habe ich „Ordo Ad Chao“ gemacht, das wiederum alles ist, nur keine kommerzielle Platte. Und das verbindet sich mit „Esoteric Warfare“. Und jetzt wieder diese zwei Alben … also ich weiß nicht, was als Nächstes kommt, aber so läuft das. Und in diesem Sinn sind wir ziemlich Underground: Wir haben nie unseren Arsch verkauft. Und Leute machen Filme über uns, mit denen wir nichts zu tun haben. Wir haben sogar wirklich versucht, das zu stoppen … und es war nicht möglich! Also ist es, wie es ist, und natürlich hat die Geschichte der Band sie sehr brühmt gemacht. Aber ich glaube nicht, dass wir künstlerisch buckeln. Es ist nicht einmal so, dass wir es das nicht wollen, es ist einfach so: Wir können es einfach nicht. Tatsächlich spüre ich einen riesigen Widerstand in mir, es fühlt sich so an, als ob alles zu leicht wird, weißt du. So sollte es niemals sein.

Wenn du sagst, dass es zu leicht wird: Ist Black Metal in den letzten Jahren allgemein zu kommerziell oder mainstream geworden? Ich meine, Bands wie BEHEMOTH und SATYRICON füllen heutzutage riesige Hallen. Erleben wir einen Black-Metal-Hype?
Definitiv! Aber wir nicht! OK, wir haben auch ein bisschen mehr Publikum, aber wir sind nicht wie BEHEMOTH. Wir spielen nicht in diesen Arenen, oder ich weiß nicht, was die Jungs machen. Bei allem Respekt, es sind alles meine Freunde, Adam und alle, das sind supercoole Leute … aber jeder geht seinen eigenen Weg. Wir haben immer den härteren Weg genommen. Aber wie auch immer: Ich komme aus den 1980ern, mit TORMENTOR haben wir damals schon viele Shows gespielt … ich hatte mit TORMENTOR schon das gleiche Publikum. (lacht) Für mich hat sich nichts verändert! Ernsthaft, MAYHEM haben in den 1980ern nicht live gespielt. Wir hatten mit TORMENTOR viele Shows, und in Ungarn hatten wir dmals schon ein Publikum von ungefähr 1.000 Leuten. Dann ist das ganze Ding gestorben. Oder es sah zumindest aus, als würde es sterben – aber dann kamen die Norweger, als es super Underground war. Damals war es so: ein umgedrehtes Kreuz zu tragen und im Black-Metal-Look auf der Straße herumzulaufen war wie ein direkter Aufruf zu Ärger. Es war anders.

MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025
Attila mit MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025

Jetzt gibt es ein riesiges Publikum: Schau dir Festivals wie HELLFEST an. Das hätte ich nie im Leben gedacht. Das hat als extremes Festival angefangen und ist riesig. Es ist jetzt eines der größten Metal-Festivals der Welt, mit 100.000 Leuten, das ist irre. Ich denke, das ist eine gute Sache … was uns angeht, ist es mir egal, weißt du. Aber es zeigt auch, dass wir recht hatten. Wir hatten von Tag eins an recht, weil wir damals so allein waren. Man hat uns fast wie Terroristen behandelt. Das war total verrückt. Und es zeigt, dass wir zur richtigen Zeit da waren. Die Zeit hat das gezeigt. Die Zeit zeigt immer, wer recht hat und wer nicht. Und ich schätze, es wird wieder genauso sein: Wir werden sehen, welcher Wert erhalten bleibt. Unser Wert, oder SATYRICON oder BEHEMOTH oder vielleicht wir alle … die Zeit wird es zeigen.

„Wir sind auch selbstzerstörerisch:
Wir zerstören sogar unser eigenes Image“

Aber in gewisser Weise sind MAYHEM auch Teil davon: Um Weihnachten herum habe ich offiziell lizenziertes MAYHEM-Merchandise gesehen, mit dem „De Mysteriis Dom Satans“-Artwork, aber auch Santa Claus, der in seinem Rentierschlitten über die Kirche reitet, und dem Spruch „De Mysteriis Dom Santa“. Was, ehrlich gesagt, irgendwie ziemlich lustig ist, aber … okay, du siehst so aus, als wüsstest du nicht, wovon ich rede?
Ich habe keine Ahnung, wer zur Hölle diesen Scheiß macht, weißt du. Natürlich haben wir …

Das war EMP in Deutschland.
OK … ich bin nicht sicher, was das ist. Tatsächlich machen sie [die anderen Mitglieder von MAYHEM] manchmal gerne Witze. Das stimmt. Ich meine, wir haben einen schwarzen Humor, ohne den könnten wir nicht überleben. Also müssen wir manchmal irgendwie unser eigenes Eis brechen. Aber es sollte nicht zu weit gehen. Ich wusste nichts von diesem Shirt. Ich werde sie danach fragen … was zur Hölle. Aber ich habe anderes Zeug gesehen wie „De Mysteriis Dom Bahamas“ und diesen ganzen Scheiß. Es ist OK. Ich meine, das kommt nicht von mir. Leute machen, was sie wollen, sogar meine Bandkollegen … manchmal gehen sie ein bisschen zu weit, aber es stimmt: Wir sind keine Band wie … wir sind nicht wie verdammte Todesheilige mit Pokerface und so. Nein. Ich mag auch Humor. Aber ich mache nur ungern Witze über Kunst. Es ist ein schmaler Grat, wie weit man dabei gehen kann. Schwarzer Humor und Ironie sind nicht das Gleiche. Manchmal gehen wir zu weit, aber, weißt du, das ist MAYHEM … es ist uns egal. Auch das fällt unter die Freiheit der Kunst. Wir sind auch selbstzerstörerisch: Wir zerstören sogar unser eigenes Image, was nicht gesund ist, aber es ist, wie es ist: Wir bauen gern etwas auf, aber in gewisser Weise zerstören wir es auch gerne.

MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025
Teloch mit MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025

Was die Musik angeht, so wurden alle Songs des neuen Albums von Morton „Teloch“ Iversen und Charles Hedger geschrieben. Beide sind jetzt seit ungefähr 15 Jahren Teil von MAYHEM, aber ehrlich gesagt glaube ich, dass es für viele Fans immer noch zwei Parteien in MAYHEM gibt, die OGs und diese jungen „neuen Typen“. Ist MAYHEM in gewisser Weise mit ihnen in die nächste Generation übergegangen, dadurch, dass sie die Musik schreiben und jetzt den Stil von MAYHEM prägen, oder wie sieht das aus der Innenperspektive aus?
Zunächst einmal hatte bisher noch kein Line-up von MAYHEM jemals so lange Bestand wie dieses, es ist also ziemlich stabil. Und zweitens: Ja, du sagst 15 Jahre und sie sind immer noch Youngers sind … das ist verrückt, wenn man mal darüber nachdenkt, und es tut mir leid. Ich finde nicht, dass es so sein sollte, aber was sollen wir sagen? Ich bin seit 1991 dabei, 25 Jahre oder so. Bei den anderen sind es 40 Jahre oder so, ich weiß nicht, wo wir anfangen sollen zu zählen. So gesehen bin sogar ich „neu“ in der Band, verglichen mit Nekro oder auch Hellhammer. Als ich angefangen habe, Musik zu machen, also als ich 1985 oder 1986 das erste Mal auf einer Bühne stand, war ich 15. Und ich erinnere mich, ich habe damals schon BLACK SABBATH geliebt. Ich habe mir BLACK SABBATH-Fotos angeschaut und dachte mir: Wer sind diese uralten Typen mit ihren riesigen Schnurrbärten? Und damals gab es BLACK SABBATH erst 15 Jahre. Jetzt ist MAYHEM 40 Jahre alt! Es ist verrückt.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen,
was diese Kids über uns denken“

Was geht dir durch den Kopf, wenn du diese Zahl hörst, fast ein halbes Jahrhundert MAYHEM?
Es ist, wie es ist, aber die neue Generation kommt nach! Das ist sicher. Ich sehe junge Leute im Publikum, was ich unglaublich finde. Mir kamen BLACK SABBATH wie alte Leute vor – eine 15 Jahre alte Band. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was diese Kids über uns denken. Wenn jemand in seinen Teenagerjahren kommt, um uns alte Typen zu sehen, wie wir auf der Bühne extremen Metal spielen. Das ist seltsam. Aber sie sind extrem begeistert, und ich liebe es, sie zu sehen. Diese jungen Leute kommen zu unseren Shows, das ganze Gesicht mit Corpsepaint bemalt, sie stehhen in der ersten Reihe. Ich sehe die aufgerissenen Augen dieser jungen Fans … sie sind total in Trance, wie hypnotisiert. Das ist verrückt. Aber ja, ich mache jede Nacht ein Ritual, also kanalisiere ich nur. Ich selbst mache nichts, ich kanalisiere nur dieses Ritual. Ich schätze, das funktioniert, sonst wären sie ja nicht da.

Apropos Line-up und Stabilität ist: Wenn du zurückdenkst an den Zeitpunkt, als Blasphemer nach „Ordo Ad Chao“ ausgestiegen ist – war es da fraglich, ob die Band überhaupt eine Zukunft hat? Soweit ich mich erinnere, kam Morten dann wie ein Retter hinzu und hat im Grunde die Musik für „Esoteric Warfare“ gleich mitgebracht?
Ich glaube nicht, dass das stimmt. Er hatte das Album nicht fertig. Wir haben zusammen angefangen, daran zu arbeiten, als er eingestiegen ist. Er hatte ein paar Ideen, aber tatsächlich haben wir die quasi abgelehnt. Dann musste er wieder von vorne anfangen … das ist so ein typisches MAYHEM-Ding … (lacht) Aber es stimmt, es war wirklich, wirklich schwierig. Nachdem Blasphemer gegangen ist, war ich eigentlich … nicht mit gebrochenem Herzen, aber … ich weiß nicht, wie ich es sagen soll: Wir waren in so vielen Dingen auf einer Wellenlänge, und wir waren eine richtig gute kreative Einheit. Aber ich habe seine Entscheidung am Ende verstanden, und ich habe sie natürlich respektiert. Wir alle haben sie respektiert. Es war seine Entscheidung, die Band zu verlassen, aus welchen Gründen auch immer. Aber es war wirklich schwierig, Ersatz zu finden: Morton war zu der Zeit nicht verfügbar, er spielte bei GORGOROTH. Charles war zu dem Zeitpunkt bei CRADLE OF FILTH, was ein bisschen seltsam klingt, aber ich habe eigentlich nichts gegen diese Band. Wenn Leute sich darüber beschweren … das ist mir eigentlich egal. Ich schaue auf die Personen, und er hat halt zufällig in dieser Band gespielt. Wie auch immer: Wir wollten andere Bands nicht auseinanderreißen, um Leute daraus zu holen, also mussten wir mit Krister [Dreyer, alias Morfeus] und Vagus Nox arbeiten. Die waren auch großartig, aber irgendwie hat die Chemie nicht gestimmt.

MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025
Attila mit MAYHEM beim BRUTAL ASSAULT 2025

„Es ist wirklich schwer,
das für die Leute glaubhaft rüberzubringen“

Bei MAYHEM zu sein bedeutet mehr, als nur in einer Band zu sein. Du musst wirklich dein Leben opfern. Ich habe Charles damals gesagt: Alter, bist du sicher, dass du dein Leben zerstören willst? Und manchmal bezieht er sich heute noch darauf. Das ist natürlich ein Witz, aber ich sage dann immer: Ich habe dich gewarnt, Mann! (lacht) Aber im Ernst, es fordert viel mehr, als wenn du einfach in irgendeiner Band spielst. Dein Leben wird sich darum drehen, und dein Leben wird in dieser dunklen Energie und um diese Dunkelheit herum sein. Das ist viel, was du auf deinen Schultern tragen musst. Es ist eine verrückte Geschichte, ein verrücktes Erbe, und es geht um Integrität. Das ist eigentlich keine leichte Aufgabe. Selbst für mich war es das nicht, als ich das erste Mal in die Band kam: Ich bin live aufgetreten, seit ich 15 war, und ich war immer extrem sicher, habe auf der Bühne wirklich abgerissen. Als ich mit MAYHEM auf die Bühne ging, das erste halbe Jahr oder Jahr lang, hatte ich das Gefühl: Heilige Scheiße, das ist so anders. Das ist nicht so leicht. Es ist wirklich schwer, das für die Leute glaubhaft rüberzubringen. Die Leute haben Erwartungen, wenn sie zu einer MAYHEM-Show kommen, und sie dazu zu bringen, zu glauben, uns es abzunehmen, darauf zu vertrauen, dass es echt ist, was ich sage … das war eine schwere Aufgabe. Insofern schätze ich, ist es für die Gitarristen genauso. Es ist sehr schwierig. Blasphemer hat auch einen sehr hohen Standard gesetzt, ebenso Euronemus. Das sind riesige Schuhe, die man ausfüllen muss!

Ihr habt 40 Jahre MAYHEM auf dem Buckel, du selbst bist jetzt über 50 … was glaubst du, wie lange wird es MAYHEM noch geben? Planst du, auch mit 60 oder 70 noch live zu spielen, oder gibt es irgendwelche Pläne, in Rente zu gehen?
Ich weiß nicht … wir werden sehen. Jeder sagt, wir klingen besser als je zuvor, und ich könnte kein größeres Kompliment hören als das. Es ist verrückt, das als 40 Jahre alte Band zu erreichen. Ich meine, es ist Hellhammers Entscheidung: Wir sagen uns immer gegenseitig, dass es Zeit ist, auf unsere Gesundheit zu achten. Ich mache jeden Tag Planks, ich bin jetzt Straight Edge. Ich stelle mich irgendwie der Tatsache, dass wir älter werden, und deswegen nicht mehr denselben verrückten Scheiß machen können wie früher. Aber das ist okay.

Ich persönlich mache so ziemlich das Gegenteil von in Rente gehen – TORMENTOR ist mit dem Original-Line-up on fire. Ich habe meine Solo-Sachen, VOID OF VOICES, ich habe gerade ein neues experimentelles Projekt mit Igor Cavalera gestartet. Und außerdem arbeite ich an etwas mit Rhys Fulber von FRONTLINE ASSEMBLY, der mein Held aus den 1980ern ist. Also ich mache immer noch voll weiter – es ist eher zu viel. Aber ich liebe es, Musik zu spielen, Musik ist mein Leben. Mein Hobby ist Hi-Fi. Ich höre die ganze Zeit Musik. Ich mache die ganze Zeit Musik. Musik und meine Familie – das ist es … vielleicht noch meine Harley Davidson. Manchmal fahre ich damit in der Stadt rum, aber ich mache keine Touren damit. Also darum dreht sich mein ganzes Leben: Musik und meine Familie. Tatsächlich nimmt Musik normalerweise viel mehr Zeit ein als meine Familie. (lacht) Das ist ein bisschen traurig. Ich versuche, Zeit zu sparen, aber es ist schwer, Nein zu sagen bei diesen Projekten mit Igor oder mit Rhys. Ich verspreche mir immer: keine Bands mehr, und dann passiert es doch immer wieder.

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Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

8 Kommentare zu “Mayhem

    1. Oh, warte – da ruf‘ ich Attila doch gleich nochmal an und sag ihm das. Von welcher Gatekeeping-Agentur bist du noch gleich? Richte ich jedenfalls aus. Ich bin mir sicher, als Szene-Neuling ist er für einen solchen Tipp dankbar!

  1. Cooles Interview u. cooler Typ, der Attila. Mayhem sind eine Institution im Black Metal u. trotzdem kein Mainstream, weshalb ich die Band sehr schätze.

    1. Ja, das kann ich so nur bestätigen – extrem authentischer Mann, weder ein Anzeichen von Arrognaz, noch von aufgesetzter Trueness oder sonstwas. Das findet man grade in der BM-Szene so leider wirklich selten …

  2. Schönes Interview. Wie immer auch mit kritischen Fragen, die der Medienprofi souverän beantwortet. So kann es eben auch gehen und zeigt, dass Attila auch ein Mensch ist. Hat Spaß gemacht zu lesen!

    1. Danke für die netten Worte, freut mich, wenn dir das IV gefallen hat – und ja, so macht das eben auch Spaß, wenn Leute damit umzugehen wissen und ehrlich reagieren.

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