Interview mit Fix von Odroerir

Was lange währt, währt endlich gut? Über die langerwartete Platte „Götterlieder II“ und andere Dinge sprachen wir mit ODROERIR-Kopf Fix. Weitere Themen waren Vergangenheit und Zukunft der Band, Strömungen in der Szene und Geschichtsrezeption.

Hallo nach Thüringen und Glückwunsch, dass „Götterlieder II“ mittlerweile tatsächlich das Licht der Welt erblickt hat. Wie geht es euch nun, da einige Wochen seit der Veröffentlichung vergangen sind?
Ja, wir hatten selbst schon nicht mehr daran geglaubt, dass das jemals geschehen wird, aber es erfolgen anscheinend immer noch Wunder.
Wie es uns geht, kann ich dir ehrlich gesagt gar nicht mitteilen, da wir uns alle zusammen viel zu selten sehen, aber ich schätze mal ganz akzeptabel. Und was meine Person betrifft, kann ich mich momentan nicht beschweren, außer der chronischen finanziellen Krise, fühle ich mich eigentlich ganz super!

Fünf Jahre sind eine lange Zeit. Fasst doch mal kurz zusammen, was den Weg für die Fortsetzung der „Götterlieder“ so steinig werden ließ.
Die größte Bremse dabei, war der langwierige Aufnahmeprozess (egal aus welchen Gründen auch immer!?!?), der sich vom ersten Ton bis zum Masteringtermin fast auf zwei Jahre hingezogen hat.Also könnten wir dies schon mal theoretisch abziehen! Dann wären es nur noch Drei!?Minus der Zeit für Komposition und ausarrangieren der einzelnen Lieder, sagen wir mal großzügig 12 Monate, hätten wir nur noch zwei Jahre die zu füllen sind.Da eh fast jeder von uns auch noch in anderen Bands aktiv ist, die auch Platten aufnehmen, Konzerte spielen und allgemein sehr Zeitaufwendig sind, finde ich ist das restliche schwarze Loch, was noch übrig bleibt, geklärt!? Oder!?
Ja, ich weiß, es ist eine verdammt lange Zeit, aber NEVERMORE haben genauso lang gebraucht und die verdienen sich damit ihren Unterhalt und müssen nicht konventionell malochen, also sind wir doch gar nicht so schlecht!Wir werden aber versuchen uns in der Hinsicht in Zukunft zu verbessern, denn es sind ja schon etliche Stücke von Götterlieder III fertig komponiert!

Wie entstehen bei euch Songs – insbesondere solche Mammutstücke wie „Allvater“?
Die Lieder entstehen immer alle bei mir Zuhause, wie ich es schon von Anbeginn handhabe, denn ich bin nicht so sehr der Proberaumtüftler und erst recht kein demokratischer Songschreiber.Meistens klimpere ich auf einem meiner unzähligen Instrumente rum und wenn daneben mal was Interessantes dabei herauskommt, wird’s dementsprechend auch gleich aufgenommen und mit dem restlichen Instrumentarium irgendwann komplettiert.
So ist auch Allvater entstanden, denn ich probierte auf meiner Akustikklampfe eine neue und selbstkreierte offene Stimmung aus, weshalb sie auch fast das vollständige Lied mit bekleidet.Somit ist dies eigentlich auch das Grundgerüst von dem besagten Lied und hat es maßgebend mit gestaltet. Wie oben schon erwähnt, wurden die Rhythmusinstrumente und die ganzen anderen Melodien nach und nach dazu sorgfältig ausgearbeitet, bis irgendwann ein homogenes Ganzes entstand. Die einzelnen Solostellen, durften sich dann die anderen Mitstreiter selbst ausdenken!
Übrigens hat unser Produzent auch zwei Gastsolos bei jenem Lied mit beigetragen.

Angesichts der vielen Instrumente, die auf dem Album Verwendung finden, fragt man sich, ob ihr euch diese selbst beigebracht habt oder ob es Hilfe von außen gab. Wie sieht’s aus?
Ich bin in jeder musikalischen Beziehung ein Autodidakt und alles was Saiten und Bünde zum Greifen hat, reizt mich zum spielen, weswegen man auf den neuen Aufnahmen noch mehr Instrumente hören wird. Aber so richtig spielen kann ich die Dinger ehrlich gesagt auch nicht, denn Mandola, Mandoline und die Zister die auf Götterlieder II vertreten sind, haben alle eine unterschiedliche offene Stimmung, was auch diesen ungewöhnlichen/altertümlichen Klang ausmacht.
Darüber gibt’s natürlich auch keine Anleitungen wie man sowas spielt oder wie darauf Akkorde gegriffen werden, da ist Kreation und Eigeninitiative gefragt und alles erlaubt was harmonisch und/oder musikalisch klingt.Da ich früher auch mal Schlagzeug spielte, habe ich auch gleich die ganzen Percussions für das neue Album mit aufgenommen.
Veit ist übrigens der einzige von uns, der schon im Kindesalter unter Anleitung Geige lernte und dementsprechend auch Noten lesen kann. Bei mir reicht’s gerade so für „Alle meine Entchen…“ aus bzw. die vereinfachte Pseudonotenschrift für Gitarre & Co, der sogenannten Tabulatur!

Ein Problem, über das ich vor Jahren schon einmal kurz mit Stickel sprach, ist die Umdichtung der ja schon an sich sehr kunstvollen Eddaverse. Manches ist dabei m.E. nach nicht besonders glücklich verlaufen, warum also ließt ihr die Texte nicht gleich wie in den gängigen Übersetzungen von Felix Genzmer oder Karl Simrock?
Oder gleich die von Gorsleben, oder noch besser in der Originalsprache!?!?!Falls du dir mal die Texte genauer angeschaut hättest, wäre dir auch aufgefallen, dass sie keine Stabreime haben, sondern in dem uns schon so gewöhnten mitteleuropäischen Endreimen enden und das in unterschiedlichsten Gedichts-, Vers und Erzählformen. Auch sind etliche Liedtexte aus verschiedenen Passagen von der EDDA erst von mir in einem Stück zusammengefasst oder anderweitig komplettiert worden.
Natürlich habe ich auch einige Passagen und Wortgebilde so integriert, daß sie von dem Originaltext nicht sonderlich abweichen, um den Grundcharakter bzw. dem Inhalt nicht so sehr zu verfälschen!
Weiterhin versuche ich die Lieder einigermaßen chronologisch aufzubauen, was natürlich auch nicht immer geht, weil sich vieles überschneidet. Zum anderen muss ich die ganzen Ausführungen der einzelnen Themen inhaltlich so komprimieren, dass keine Sinnentleerung oder unnütze Kürzungen dabei entstehen, damit sie auch in die Songs passen.Wie schon mal erwähnt ist dies eine künstlerische musikalische Nacherzählung und jeder der sich für dieses Thema interessiert sollte sich eh das Original zulegen, wenn er es denn nicht schon hat.

Das Cover der Platte, das ich in meiner Kritik zu würdigen vergaß, ist sehr schön geworden. Woher kam die Idee mit den Ragnarök-prophezeienden Schattenwürfen?
Das Gemälde ist, wie bei all unseren Platten, von einem sehr guten Freund von mir. Andreas Spitzner, so wie er heißt, beschäftigt sich selber schon seit etlichen Jahren mit dieser ganzen Thematik.
Er bekam vorab einige Texte zum neuen Album und er kreierte meines Erachtens ein künstlerisch/kongeniales Äquivalent zur Musik. Auch von der Farbwahl spricht es mich sehr an, weswegen ich das ganze Layout in diese Richtung gestaltete.Mittlerweile ziert es, wie die anderen Gemälde von ihm auch, eine meiner Wände.Wie du schon mitbekommen hast, zeigen die Schatten des Baumes, wenn man das Bild denn auch mal umdreht, die Silhouetten von Fenrir, Heimdall wie er ins Horn bläst und die Midgardschlange. Weiterhin stilisieren die Wolken im Firmament abermals einen Wolf (Sköll bzw. Fenrir), welcher von rechts kommend gerade versucht die Sonne zu verschlingen.

Die nordisch-germanischen Göttergeschichten sind ja nicht gerade ein seltenes lyrisches Thema im (heidnischen) Metal. Was bewegt euch dazu, die Edda so umfangreich zu vertonen? Wie viele „Götterlieder“ werden noch folgen?
Ganz einfach, bis die Götterlieder der EDDA vollständig verarbeitet sind. Es soll ja von Anfang an keine kurze Zusammenfassung sein, sondern eine hehre Neuvertonung jenes mythologischen Sammelsuriums.
Ich schätze mal es werden auf jeden Fall noch zwei Teile folgen, denn es fehlen noch genügend Geschichten aus dem Bereich.Und wenn sich noch so viele Bands aus der nordischen Mythologie bedienen bzw. auch des öfteren verballhornen oder daraus nur so vor Klischee triefende Texte formulieren, ist dies für mich kein Grund damit aufzuhören.Ehrlich gesagt spricht mich das meiste aus diesem Bereich auch gar nicht musikalisch an oder dringt bis zu mir vor.
Wenn ich was über Geschichte oder Mythologie erfahren möchte, nehm ich mir auch lieber ein interessantes Buch zur Hand, anstatt die Kindergartenreime mancher Pagan Bands durchzulesen. Um es auch gleich vorwegzunehmen, werde ich nicht aus diesem lyrischen Kontext weichen, wie es z.B. schon andere Combos getan haben (angebliche Umorientierung etc.), dabei aber auf die Fresse geflogen sind, um danach wieder Fuß fassen zu wollen in der althergebrachten Szene, die sie ja schlussendlich erst zur Geltung brachte.
Übrigens wird mein nächster thematischer Angriff die Beowulf-Sage sein, womit ich auch schon musikalisch wie textlich begonnen habe. Abermals ein Konzeptalbum, welches sich allerdings nur über eine Veröffentlichung erstrecken wird. Auch wenn es schon des Öfteren verarbeitet wurde und sogar Hollywood darüber einen Film drehte, stört es mich auch diesmal nicht an meinen Ambitionen bzw. hindert mich hierbei.

Da ihr euch offensichtlich sehr ausgiebig mit der Eddalektüre beschäftigt habt, gibt es doch bestimmt Lieblingsgötter – welche wären das und weshalb?
Für meinen Fall sind das der unfehlbare Baldur und sein Sohn Forseti, da sprechen mich die Wesenszüge am ehesten an. Die Geschichte um Baldurs Träume hörte ich zum ersten Mal im zarten Kindesalter, bevor ich sie etliche Jahre später wieder vernahm, um sie dann Schlussendlich im Jahr 2000 als Liedform auf unserem Demo mit verarbeitete.
Dieses Stück war auch ausschlaggebend und der Grundstein für die komplette EDDA Vertonung. Also ist die Idee jenes Konzeptes schon über zehn Jahre alt, und da interessiert es mich einen Scheißdreck, wie eben schon erwähnt, wie viele andere Bands (zum Großteil auch viel viel Jüngere) sich auch dieser Materie widmen und das Thema mittlerweile im Bereich des Pagan Metals ausgelutscht haben.

Eure Heimat Thüringen stand im ersten Album im Mittelpunkt, davon ist in den Konzeptalben nichts mehr zu merken. Grabt ihr nun gar nicht mehr dort, wo ihr steht?
Es ist doch alles ausgegraben! Auf unserem Debüt habe ich schon alles Interessante mit eingefügt was aus der thüringischen Vor- und Frühgeschichte überliefert wurde. Da gibt’s nichts mehr, außer vielleicht noch die Märe von dem Hermundurenfürst Vibilius.Reine Fantasieprodukte und Geschichtsklitterung bzw. Eigeninterpretationen in diesem Bereich obliegen mir nicht.
Auch habe ich keinen Bock dazu, über irgendwelche mittelalterliche Landgrafengeschlechter (die irgendwo – irgendwann mal eingesetzt wurden) zu musizieren oder sonstige christlich geprägte Sagen zu vertonen.

Die „Light A Pagan Fire 2“-Tour musste ausfallen, nun steht bzw. stand für den Herbst nur das Rock For Roots-Festival und zwei Einzelauftritte auf dem Plan. Gibt es schon Pläne für weitere Bühnenaktivitäten?
Ja, leider ist sie nun abgesagt. Schade eigentlich, denn wir haben uns schon alle so drauf gefreut mit solch einem Tourpackage Europa unsicher zumachen.
Wir versuchen aber so schnell wie möglich wieder was auf die Beine zu stellen.Ansonsten sieht es momentan lau aus bei uns, erst fürs nächste Jahr sind schon neue Termine geplant, die wir dann wenn sie 100 %-ig feststehen auf unseren Internetpräsentationen feilbieten.

Vor Kurzem war ein Interview mit euch im „Karfunkel“-Magazin („Zeitschrift für erlebbare Geschichte“) zu lesen. Wie eng fühlt ihr euch mit der Living History-Szene verbunden? Würdet ihr auch bei reinen Mittelaltermärkten als Band auftreten?
Einige von uns machen ja auch zum Teil Re-enactment bzw. sind Stickel und unser eins auch bei ULFHEDNAR mit dabei, welche übrigens dieses Jahr zum Julfest ihr 10 Jähriges bestehen feiert. Mit diesen ganzen kitschigen Mittelalterfesten kann ich leider partout nix mehr anfangen, da versuch ich meistens fern zu bleiben. Auch den Großteil der ganzen anderen Idioten in der Living History Szene muss ich mir nicht antun, welche diese einfach nur durch ihre kommerziellen Anbiederungen, Pfründeverteilungen, Hetzen und politische Intrigen in den letzten Jahren zerstört haben.
Wir haben ja schon öfters in Mittelalterlagern gespielt, aber eher im privaten Bereich bzw. abends auf ’ner Bühne.Für eine Nachmittagsvorstellung zur Unterhaltung für ein Durchgangspublikum, welches sich eh nicht für die Musik interessiert, sind wir nicht zu haben. Das sollen/können ruhig die ganzen Gaukler oder Spaßmusikanten mit ihren so tollen Ansagen, hochmittelalterlichen Coverversionen und Animationsgehabe vorführen.

Zwölf Jahre besteht ODROERIR nun schon. Was sind die schönsten und was die unerfreulichsten Momente der Bandgeschichte?
Die schönsten sind eindeutig die ganzen Konzerte und hierbei explizit die Touren, wo wir immer reichlich viel Spaß haben und genügend amüsante Geschichten erzählen können.Ärgerlich sind andererseits: die verpatzten Gigs, sinnloses Gestreite mit blöden Veranstaltern und die immer mal wieder zum Vorschein kommenden musikalischen Defizite innerhalb der Band.
Auch die ab und zu auftretenden politisch dämlichen Angriffe, welche aber eigentlich nur nervend und haltlos sind, bereichern nicht gerade unsere integere Motivation zum Musizieren.Was mir noch besonders gut gefällt, ist der Kompositionsprozess wo ich meinen Sinnesempfindungen freien Lauf und meine Seele baumeln lassen kann. Hierbei versink‘ ich immer in meine eigene Welt und in meinem Kopf gehen die komischsten Sachen zu Gange. Das ist einfach nur ein geiles Gefühl, wenn sich meine positiven Neurotransmitter überschlagen und mir einen endogenen Rausch verabreichen.

Soweit die Befragung, nun steht nur noch das übliche Metal1.brainstorming auf dem Plan. Was fällt euch spontan ein bei dem Begriff…

Wildschweine – schmecken gut
Steuern – in einer Plutokratie der Rückhalt der Oligarchen
3. Oktober – hat n sehr guter Kumpel von mir Geburtstag
Snorri Sturluson – sagt mir nichts
Hagel – ich kenn bloß Hegel und der ist tot
Sachsen-Anhalt – Nachbarbundesland mit dem ältesten Sonnenobservatorium und der ältesten Sternendarstellung Europas
Wehrpflicht – nichts für mich, denn ich bin kein altruistisch devoter Befehlsempfänger
Margot Käßmann – tut mir Leid, da musste ich googeln, aber sagt mir nichts
Metal1.info – da musste ich nochmals googeln

Mein Dank für die Antworten sei euch gewiss! Wenn nun noch etwas zu sagen ist, tut dies bitte.
Der Armselige, Übelgesinnte
Hohnlacht über alles
Und weiß doch selbst nicht was er wissen sollte,
Daß er nicht fehlerfrei ist.

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