Interview mit Diane Pellotieri von Pencey Sloe

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Mit ihrem Debütalbum „Don’t Believe, Watch Out“ haben die französischen Shoegazer PENCEY SLOE auf würdige Weise Einzug in ihre neue Labelheimat bei Prophecy Productions gehalten. Warum die Band das Genre jedoch nicht ganz so, wie es im Buche steht, spielt, welcher Gedanke hinter dem zur Skepsis aufrufenden Albumtitel steckt und welche andere Musikrichtung in Frankreich besonders verwurzelt ist, ist im folgenden Interview mit Frontfrau Diane Pellotieri nachzulesen.

Was hat dich persönlich dazu inspiriert, Musiker zu werden und PENCEY SLOE zu gründen?
Ich hatte zwei Vintage-Gitarren bei mir zu Hause, die niemand benutzte. Ich nutzte die Gelegenheit, um mit dem Schreiben von Songs zu beginnen, nur um mir die Zeit zu vertreiben. Ich entdeckte unglaubliche Emotionen und von da an konnte ich nicht mehr aufhören, zu schreiben. Schließlich teilte ich meine Kompositionen mit meinen Freunden Valentin und Clément. Sie schlugen vor, dass wir etwas damit machen sollten, aber ohne große Erwartungen, nur zum Spaß. So begann PENCEY SLOE. Langeweile, kein Job und kein Geld, und wir versuchten schlicht, nicht verrückt zu werden.

Habt ihr vor PENCEY SLOE bereits Erfahrungen im professionellen Musikbereich gemacht?
PENCEY SLOE ist meine erste Erfahrung, ich habe vorher weder Musik gespielt noch geschrieben. Obwohl ich ein paar Akkorde kannte, lernte ich mehr, als ich mich mit meinen Kumpels auf die erste EP vorbereitete.

Neige von Alcest empfahl eure Musik vor allem Fans von Slowdive, Low und Chelsea Wolfe. Würdest du das so unterschreiben?
Da es für jeden Menschen subjektiv und persönlich ist, ist das wohl einfach die Art und Weise, wie er die Musik empfand. Wenn die Leute deine Musik mit anderen Künstlern vergleichen – wenn man nicht daran dachte, einem bestimmten Sound überhaupt nahe zu kommen, ist das bizarr. Allerdings ist der Vergleich mit solch erstaunlichen Künstlern gleichzeitig schmeichelhaft, sodass ich mich nicht beklagen kann.

Was genau ist deiner Meinung nach die Quintessenz eurer Musik?
Etwas Unerklärliches und Geheimnisvolles, jung und spontan, völlig unkontrolliert, frei, blind. Ich kontrolliere nichts und bin mir nicht sicher, ob ich mehr wissen will. Ich bevorzuge es, Musik auf naive Weise zu fühlen und zu erforschen.

Ihr spielt grundsätzlich Shoegaze, steht allerdings bei Prophecy Productions unter Vertrag, einem Label, das unter anderem auch für seine Metal-Bands bekannt ist. Habt ihr selbst auch einen Bezug zu Metal?
Obwohl ich mich nicht mit Metal verbunden fühle und er mir weitgehend fremd ist, finde ich die Bilder und die Botschaften hinter Metal interessant. Ich kenne die Grundlagen und etwas von der Kultur. Ansonsten reizt er mich nicht.

Ich habe den Eindruck, dass ihr um einiges griffiger und rockiger musiziert als die meisten Shoegaze- und Dreampop-Bands. Macht ihr das mit einer bestimmten Intention?
Das ist die Musik, die mich am meisten beeinflusst, ja, aber es war nicht die Absicht, als PENCEY SLOE begann. Wir wollten einfach nur zusammen Musik machen. Ich wollte von Anfang an lernen und ich habe ganz natürlich bei den Kompositionen die Führung übernommen. Es fühlte sich seltsam an, da ich nicht wusste, was ich eigentlich tat, und dann kam ein Stil heraus, um die Kompositionen herum. Einen bestimmten Stil zu verfolgen, wäre nicht natürlich gewesen, denn wir sind die Dinge blind angegangen.

Shoegaze ist im Allgemeinen ein Genre, in dem die Produktion selbst eine wichtige Rolle spielt und in dem viele Effekte eingesetzt werden. Deshalb wird einigen Bands des Genres mitunter unterstellt, hinter Delay und Reverb eher banale Kompositionen zu verstecken. Wie denkst du darüber?
Ich stimme zu, dass es als symptomatisches Übel sein kann und manchmal ist es zu viel. Doch unabhängig von den Effekten kann ein Überschuss an Reverb einen Song auch verfeinern. Wenn der Song gut ist, wird er als solcher wahrgenommen. Wenn ein Song schlecht ist, kannst du alle Effekte der Welt hinzufügen, er wird schlecht bleiben.

Was genau begeistert dich an dieser Stilrichtung im Speziellen?
Es ist nicht der Stil der Musik, sondern die Schaffung von Musik im Allgemeinen. Es ist noch frisch und ich habe das Erforschen und Erlernen neuer Instrumente noch nicht abgeschlossen. Ich entwickle mich durch diese Art von Musik, denn das ist es, was ich liebte, als ich jünger war, und so ist es ein Einfluss, aber eben unbewusst. Meine Realität ist, dass es um das Komponieren von Musik geht. Neue Emotionen zu finden und in mir selbst zu erblühen. Das fühlt sich unglaublich an.

Euer Debütalbum nennt sich „Don’t Believe, Watch Out“. Bezieht ihr euch damit auf das brandaktuelle Problem der Fehlinformation durch soziale Medien und Filterblasen oder ist der Titel gar religionskritisch zu verstehen?
Das kann für Religion und Medien gelten, sicher. Aber es ist persönlich gemeint, in dem Sinne, dass man auf der Hut sein und manchmal ein wenig misstrauisch sein muss. Wir sind oft mit Situationen konfrontiert, in denen Menschen Versprechungen machen und uns schmeicheln, obwohl nichts dahintersteckt. Es kann schnell windig und sehr leer werden, also achte auf deine eigenen Träume und Hoffnungen. Sie können uns sehr weit führen, uns aber auch versinken lassen. Die Leute sollten vorsichtig sein. Obwohl es also auf Religion und Politik anwendbar ist, verwende ich diese Worte im Allgemeinen.

Haben neben dem Titeltrack auch die übrigen Songs einen Bezug zu dieser Thematik oder gibt es einen anderen Grund dafür, dass ihr das Album als Ganzes „Don’t Believe, Watch Out“ betitelt habt?
„Don’t Believe, Watch Out“ ist eine perfekte Zusammenfassung des gesamten Albums. Einige der Songs sind eher positiv als negativ. Schöne Hoffnungen können manchmal zu schmerzhaft sein.

Das Artwork sieht recht sonderbar aus, man sieht darauf zwei Hände, die einige teils verdeckte Blätter mit dem Albumtitel enthüllen. Was war euer Gedanke dahinter?
Es ist eine lügende Person, die am Boden liegt und die Nachricht „Don’t Believe, Watch Out“ erscheint auf ihrer Brust. Die Hände sind Träume, die versuchen, in einen anderen Zustand zu gelangen, weit weg von der Realität. Und genau darauf sollte man achten. Dieser Magnetismus, der dazu neigt, uns von der Realität, vom wirklichen Leben wegzubewegen, der uns in eine Falle drängt, aus der es schwierig ist, herauszukommen. Für diese Idee haben wir mit dem Fotografen Lou Beauchard zusammengearbeitet, der hauptsächlich von Horrorfilmen aus den 80/90er Jahren beeinflusst ist, vielleicht ist das der Grund, warum das Foto so seltsam ist!

Während die meisten Tracks der Platte die typischen Merkmale von Shoegaze aufweisen, ist „It Follows“ eine eher minimalistische Akustikballade. Was hat es mit diesem Song auf sich?
Ich finde es wichtig, andere Dinge als „Shoegaze“ oder „Rock“ zu erforschen. Der Zweck der Musik ist für mich, mich auszudrücken, Musik frei zu schreiben, ohne zu viel nachzudenken und ohne dem, was ich tue, Grenzen zu setzen. Dieser Song mag anders als die anderen klingen, aber er beschäftigt sich mit der gleichen Sache. Er ist vielleicht ein wenig intimer, weil die Stille, die vorhanden ist, derweil einen wichtigen Teil des Albums ausmacht.

Zu „All OK“ habt ihr außerdem ein Musikvideo herausgebracht. Man sieht darin unter anderem eine Person, deren Kopf von einem wallenden roten Tuch verdeckt ist. Kannst du uns verraten, welche Grundidee dahintersteckt?
Es ist wie ein seltsamer Traum, weder ungesund noch wunderbar. Es geht um Identität, das Gefühl, dass wir heute eine bessere Version von uns selbst sein müssen. Wenn wir jemand anderes sein wollen und ständig versuchen, uns zu verbessern, auch wenn es unnötig ist. Wenn die Menschen denken, dass sie besser sein sollten als das, was sie sind, versuchen sie es, und das macht sie glücklicher. Aber aus persönlicher Beobachtung denke ich, dass es frustrierend und traurig ist, wenn Menschen sich selbst nicht so mögen, wie sie sind.

Was habt ihr als Nächstes mit PENCEY SLOE vor?
Ein neues Album ist bereits in Arbeit, da ich viel geschrieben habe. Ein neuer Besetzungswechsel ist erfolgt und wenn sich die Dinge weiterentwickeln, wird sich die Möglichkeit von Live-Performances ergeben.

Kommen wir nun noch zu unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein?
Französische Musikszene: Wir haben nach wie vor alle Arten von guter Musik in Frankreich. Nicht nur in Rock und Metal, sondern auch in der Pop- und elektronischen Musik ist hier viel los. Es gibt viele verschiedene und interessante Dinge zu entdecken, aber das Problem ist, dass Frankreich kein angelsächsisches Land ist, die Musik schwieriger zu übertragen ist, während die Rockkultur inzwischen nicht zu uns gehört. Frankreich hat eine lange Geschichte im Bereich der elektronischen Musik durch die French-House-Bewegung (bekannt als French Touch in den 90er Jahren). Egal welches Genre einem liegt, man wird Künstler, Shows und Festivals in Paris oder ganz Frankreich finden, die perfekt zu einem passen. Es gibt so viele großartige Dinge zu entdecken, die derzeit zu uns gehören.
Nostalgie: Wenn ich ein Oasis-Lied höre, gehe ich sofort rückwärts in der Zeit, zu dem Punkt, als ich entdeckte, dass ich Musik liebe – genau an den Punkt, an dem ich mich ganz in die Musik verliebt habe. Besonders das Album „Definitely Maybe“ (1994). Das waren Künstler, die mir all die Rock- und Shoegaze-Musik eröffnet haben, die ich heute liebe, also wird dieses Gefühl für immer in mir sein, als Teil dessen, was ich bin. Ich sage nicht, dass ich denke, dass es die beste Musik aller Zeiten ist – sondern dass sie, wenn ich ihre Songs höre, die kraftvolle und intime Verbindung hervorrufen, die meine Nostalgie ist.
Black Metal: Interessante Bilder und eine sehr starke Kultur, Black Metal hat eine starke und erkennbare, grafische Identität. Sie wussten wirklich, wie man etwas Einzigartiges schafft. Ich fühle mich von der ganzen Ambientdimension und dem melancholischen und manchmal leuchtenden Aspekt des Black Metal sehr angezogen. Ansonsten bin ich nicht unbedingt mit der Sprache dieser Art von Musik vertraut, und sie erreicht mich nicht bzw. ich fühle mich nicht davon betroffen. Die ganze Vergangenheit des Black Metal, seine Ursprünge und die Menschen, die an der Erschaffung dieses Universums mitgewirkt haben, stehen mir nicht nahe. Ich bin neugierig bzw. fasziniert, aber es ist mir nicht wichtig.
PENCEY SLOE in fünf Jahren: Weiterhin am Schreiben weiterer Songs. Sich entwickelnd durch das Komponieren von Musik, durch Klangforschung, Teilen und Aufführen meiner Musik live. Beim Erkunden immer weitergehend.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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