Interview mit Max Marzocca von The Ossuary

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Mit Natron hat Max Marzocca jahrzehntelang in einer der bekanntesten italienischen Death-Metal-Bands gespielt, mit seiner aktuellen Band THE OSSUARY ist er eher in doomigen Heavy-Rock-Gefilden unterwegs. Warum der Drummer eigentlich nichts von derlei Genre-Schubladen hält, warum es ihm nicht reicht, Musik über Tod, Teufel und Drogen zu schreiben und was man zum aktuellen Album „Southern Funeral“ wissen muss, erzählt er uns im Interview.

Hallo! Ihr habt mit THE OSSUARY in diesem Jahr euer zweites Album „Southern Funeral“ veröffentlicht. Wie fühlt ihr euch damit?
Es fühlt sich gut an, denn es ist großartig, diese zweite Platte in so kurzer Zeit herausgebracht zu haben. Sie jetzt in Form einer wunderschönen Gatefold-Vinyl-Version in den Händen zu halten macht mich sehr zufrieden. Sie ist genau so geworden, wie wir es wollten! Dieses Album war auch ein notwendiger Schritt hin zu etwas anderem, an dem wir gerade arbeiten. Natürlich gibt’s was, das wir hinterher anders machen würden, aber das ist kein großes Drama. Ich bin dem Album gegenüber eindeutig zu 100 Prozent positiv eingestellt.

Erschienen ist es, wie schon euer Debüt „Post Mortem Blues“, bei Supreme Chaos Records. Warum ist es in deinen Augen das perfekte Label für THE OSSUARY?
Wir haben die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Robby, der Label-Chef, bemüht sich um uns, weil er unsere Musik wirklich mag. Er hat bislang viel Energie auf uns verwendet und uns sogar beim Booking von Tour und einzelnen Gigs geholfen. Ein gutes unterstützendes Label ist alles, was wir brauchen, und wir sind bisher definitiv glücklich mit Supreme Chaos!

Worauf bezieht sich der Albumtitel „Southern Funeral“?
Die Bedeutung des Titels geht in dieselbe Richtung wie der des Debüt-Albums. Er bezieht sich auf unseren Musikstil und unsere Herkunft. In „Post Mortem Blues“ steckt das Wort „Blues“, das man mit „Southern“ verknüpfen kann, während „Post Mortem“ thematisch mit dem Wort „Funeral“ verwandt ist. Er bedeutet, dass wir den Tod und den Untergang thematisieren, während der Blues der Hintergrund unserer Musik und unserer Kultur ist. Wir sind eine Band aus dem Süden und da gibt es viel Traurigkeit, die wir ansprechen können.

Was habt ihr bei der Herangehensweise an eure neue Scheibe im Vergleich zu eurem ersten Album anders gemacht?
Eigentlich nichts, zumindest absichtlich! Ich schätze, wir haben versucht, den Sound und die Produktion noch zu verbessern, und wir haben hier und da ein paar Keyboards eingestreut. Das ist alles, zumindest aus unserer Sicht!

Inwiefern, würdest du sagen, habt ihr euch seit der letzten Veröffentlichung als Musiker weiterentwickelt?
Ich glaube, als Musiker haben wir uns nur ein kleines bisschen weiterentwickelt, aber wir sind jetzt bessere Songwriter. So nehmen wahrscheinlich die Leute den Unterschied zwischen dem ersten und dem neuen Album wahr!

Wo liegt der textliche Schwerpunkt eurer neuen Platte? Gibt es vielleicht ein übergreifendes Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das komplette Album zieht?
Eigentlich nicht! Es ist kein Konzeptalbum, aber es gibt ein paar Themen, die wir immer verwenden, wie den Tod, den Untergang, Seuchen und Leid. Hin und wieder befasse ich mich auch mit Geschichten, die von unserer heidnischen und okkulten Tradition inspiriert wurden. Ich verwende sie gerne als Metaphern, um etwas Persönliches zu schreiben. Wenn ich über Hexerei oder satanische Themen schreibe, dann tue ich das gerne auf meine Art: Ich lasse mich davon inspirieren, was ich kenne – und ich fühle mich meiner Kultur und Bildung sehr stark verbunden. Es gibt einfach zu viele Bands da draußen, die über Marihuana, Luzifer, Verderben und Zauberer singen. Das ist so dermaßen langweilig geworden, dass ich versuche, mich auf meinen speziellen Ansatz zu konzentrieren …

Kannst du noch etwas mehr ins Detail gehen, wovon du dich für die Songtexte inspirieren lässt?
Was Songtexte angeht, fühle ich mich zur dunklen Seite der Dinge hingezogen. Wie gesagt, lasse ich mich gerne von der lokalen Geschichte und Folklore inspirieren, die wirklich interessant sind. Wir verwenden viele Bezüge auf die italienische Kultur, die eine Mischung aus heidnischen und religiösen Traditionen ist. Italien hat diesbezüglich viel zu bieten, insbesondere im Süden, wo so viele unterschiedliche Kulturen, Imperien, Epidemien, Kriege und Zivilisationen ihre Spuren hinterlassen haben. Sogar Hexerei hat hier eine lange Geschichte.

Wie wichtig sind die Texte im Vergleich zur Musik?
Die Musik kommt immer zuerst, aber es ist besser, wenn du gute Texte hast, die richtig zur Musik passen. Ich denke, dass bei THE OSSUARY alles Hand in Hand geht. Das Artwork und die Texte passen definitiv zur Stimmung der Musik.

Band Photo The Ossuary

Wie schafft ihr es, die Hörer über ein ganzes Album hinweg bei Laune zu halten?
Unsere Musik hat sehr viel Stimmungs- und Tempo-Variationen! Ich würde mich sehr langweilen, wenn ich die ganze Zeit nur langsame Drum-Patterns spielen würde. Tatsächlich passiert mir das, wenn ich traditionelle Doom- oder Stoner-Bands höre. Die ersten zwei Songs sind in Ordnung, danach fange ich an zu gähnen und kann mich nicht mehr darauf konzentrieren …

Okay, lass‘ uns über das Songwriting reden. Wie läuft das bei THE OSSUARY ab?
Wir arbeiten in „Schichten“. Unser Gitarrist Domenico und ich schreiben zunächst die komplette Musik, das ist die „erste Schicht“. Im Wesentlichen lege dabei ich die groben Ideen, Riffs und Gesangslinien fest und arbeite anschließend mit Domenico daran. Oder auch andersherum – Domenico hat einige coole Riffs in petto, für die ich dann Texte und Gesangslinien erarbeite. Wenn die Songstruktur erst mal steht und die Texte fertig sind, fügen wir die „zweite Schicht“ hinzu: Wir bitten Stefano, die Texte einzusingen und Dario, seine Bassspuren drüberzulegen. An dieser Stelle trägt jeder etwas zur Musik bei. Dabei kann sich manches ändern, bis wir am Ende etwas haben, das gut genug ist. So funktioniert es für uns. Es ist gut, wenn am Anfang des Songwritings nur wenige Mitglieder mit klaren Ideen stehen.

Drei von vier Mitgliedern in der Band waren auch in der Death-Metal-Combo Natron aktiv. Gibt es einen Unterschied bei der Herangehensweise des Songwritings, wenn man die verschiedenen Genres von Natron und THE OSSUARY vergleicht?
Bei Natron ging es eher darum, schnell und brutal zu sein, selbst wenn wir versucht haben, etwas Persönliches zu schreiben. Mit THE OSSUARY ist es anders, wir haben keine Einschränkungen, wir müssen uns nicht zwangsläufig streng an die Genre-Parameter halten, weil wir uns im Grunde nicht in einem bestimmten Musikgenre bewegen. Es ist eine Mischung. Wir können einen langsamen Song schreiben und dann einen schnellen mit Doublebass-Parts. Wir können Keyboards verwenden oder einen einfachen atmosphärischen Song mit einem über einminütigen Solo schreiben, in den wir dann an irgendeiner Stelle eine proggige Passage einbauen – einfach nur, weil wir Lust darauf haben. Es ist wie die Büchse der Pandora zu öffnen, wir haben eine lange Reihe von Variablen, denn uns geht es nicht darum, eine Doom- oder eine Heavy-Rock-Band zu sein, sondern darum, gute Musik zu schreiben!

Bei dem Stilwechsel von Death Metal zu der rockigen Ausrichtung deiner jetzigen Band stellt sich die Frage, welche Gruppen und Künstler dir in den Sinn kommen, wenn man dich nach den musikalischen Vorbildern Von THE OSSUARY fragt. Welche Musiker inspirieren euch?
Unsere Blaupause ist der ganze Heavy-Rock der siebziger Jahre. Bands wie Black Sabbath, Cactus, Captain Beyond, Deep Purple, Led Zeppelin, Rainbow, Grand Funk Railroad, Ten Years After, Uriah Heep stehen natürlich an erster Stelle, aber nicht nur die. Wir mögen viele Bands aus den Sechzigern wie die Beatles, Cream, Blue Cheer, Iron Butterfly oder Prog-Bands wie Pink Floyd, Jethro Tull, ELP, King Crimson, Gruppen wie die frühen AC/DC, Judas Priest, Iron Maiden, Motörhead, Thin Lizzy oder Saint Vitus, Pentagram, Angel Witch, Witchfinder General usw. … Es gibt Tonnen von Bands, die wir mögen, weshalb es sehr schwierig zu beantworten ist, wer genau die Vorbilder sind. Ich würde eher sagen, es ist wahrscheinlich eine Mischung aus all diesen Bands.

Was, denkst du, ist der bedeutendste Aspekt eurer Musik, die sie zu etwas Besonderem macht?
Wir reden hier darüber, gute Riffs und Musik zu schreiben. Ich weiß nicht, ob sie für andere Leute etwas Besonderes ist – ich hoffe natürlich, dass sie das ist –, aber für mich ist sehr wichtig, dass ich mich damit wohlfühle! Ich tue das nicht, nur um einem Trend oder so zu folgen, ich mag es wirklich, auf die Bühne zu gehen und mit THE OSSUARY zu spielen. Das ist etwas, das in meiner vorherigen Band nach vielen Jahren langsam verschwunden gewesen ist.

Zu guter Letzt der Blick in die Zukunft: Wie sehen die Pläne von THE OSSUARY aus?
Wir schauen, ob die Möglichkeit besteht, nächstes Jahr wieder auf Europa-Tour zu gehen. Wir haben außerdem vor, ein Video zu drehen und neue Musik zu schreiben!

Danke für deine Antworten. Zum Abschluss möchte ich mit dir gerne ein kurzes Brainstorming durchführen: Was fällt dir spontan zu den folgenden Begriffen ein?
Dein aktuelles Lieblingsalbum: Ich höre in letzter Zeit viel alte Judas Priest …
Funeral Doom: Ahab finde ich am besten!
Europäische: Union: Keine Ländergrenzen, gut fürs Touren!
Pizza Hawaii: Blasphemie!
THE OSSUARY in zehn Jahren: Immer noch am Spielen und Gras Rauchen!

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Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
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