Blueneck

  • Freising, Abseits
  • 26. Oktober 2011

1. Szene
Eine Herrentoilette. Zwei Männer treten ans Urinal, frönen dem Harndrang.
Kneipenbesucher:
„Was’n da heut im Saal?“
Konzertbesucher: „Ein Post-Rock-Konzert“
Kneipenbesucher: „Post Rock heißt die Band? Aha…“
Willkommen in Freising.

Warum es die Engländer BLUENECK im letzten Jahr ausgerechnet nach Freising verschlagen hat, liegt ehrlichgesagt ausserhab meiner Vorstellungskraft – aber sei’s drum – hat es den Briten doch offenbar so gut gefallen, dass sie sich auch auf ihrer Tour zum neuen Album, „Repetitions“, nicht nehmen ließen, erneut einen Zwischenstopp im Abseits einzulegen.

Irgendwann ungefähr um 20:30, wie es auf der Homepage angekündigt war, betritt um kurz vor Zehn schließlich mit BLUENECK die erste und letzte Band des Abends die Bühne – beides für mich äußerst erfreuliche Begebenheiten: Zum einen hatte sich meine Anfahrt ob einiger Irrungen und Wirrungen bezüglich der Wahl des rechten Weges, oder genauer, der rechten Autobahn, „geringfügig“ verzögert, so dass ein pünktlicher Konzertbeginn mich um den Genuss eben dieses gebracht hätte, zum anderen ist es – liebe Veranstalter, aufgepasst – durchaus auch mal erfrischend, auf ein Konzert zu gehen, die Band, wegen der man gekommen ist, zu sehen, und wieder zu gehen, ohne sich vorher durch einen zähen Vorband-Marathon kämpfen zu müssen.
Und so geht es in dem für einen Mittwochabend in der Provinz – nagut, andererseits: Studentenstadt! – überraschend gut gefüllten Kellerclub (wer schon einmal da war, wird an dieser Stelle zu dem Einwand „Aber das Abseits ist ebenerdig!“ ansetzen, welchen ich anschließend mit dem Argument „Aber es hat so viel Kellerklub-Feeling, dass ich mir diese kleine Flunkerei erlaube“ abschzuschmettern bereit wäre) gleich zur Sache.

„Zur Sache“ trifft es dabei zugegebenermaßen nicht ganz, klingt die Redewendung doch, als ginge hier von jetzt auf gleich der Punk ab, was mitnichten der Fall ist. Stattdessen beginnen BLUENECK ihren Auftritt mit sachten Pianoklängen und atmosphärischem Saitenstreicheln auf den Gitarren, um langsam eine Songstruktur aufzubauen, bevor – erst verhältnismäßig spät – überhaupt die verzerrte Gitarren in das Songkonstrukt Eingang finden. Die Mischung aus Indie, Ambient und Post Rock, der sich die Band aus Bristol verschrieben hat, funktioniert dabei live mindestens so gut wie auf Platte, und erinnert dezent an die Indie-Rocker Shearwater aus Austin, Texas, was wohl vor allem an den Stilmitteln Piano und hoher Männergesang mit ausladenden Gesangslinien liegt. Jedoch muss man Shearwater bei diesem Vergleich klar zu gute halten, mit besseren Musikern besetzt zu sein:
Zwar machen BLUENECK ihre Sache alles in allem wirklich gut, und haben so das Publikum auch im Nu für sich gewonnen, so dass dieses größtenteils mit geschlossenen Augen darsteht oder andächtig den Takt mitzunicken versucht – gerade Letzteres jedoch macht die Band ihren Fans nicht immer leicht, hat sie mit dem Halten des Taktes doch selbst bisweilen ihre liebe Not:
Dies wird spätestens offenbar, als die mitwippenden Füße von Keyboarder und Gitarrist quasi perfekt alternieren, und sich die Rhythmusfraktion vor die schwere, aber nicht ganz belanglose Entscheidung gestellt sieht, dem einen oder dem anderen Recht geben zu müssen.
Der Atmosphäre tut dies jedoch ebensowenig Abbruch, wie der geräuschintensive Zusammenstoß von Gitarre und Bass in einem – bis dahin – extrem ruhigen Cleanpart… nicht zuletzt, weil die Band all diese Kleinigkeiten völlig zu Recht als ebensolche behandelt und mit viel Humor nimmt: Es wird gelacht, und wenn bei einer Ansage noch der Gesangs-Hall auf dem Mikrophon liegt, wird eben eine „I am God – do you have any questions to God“-Witzelei gebracht.
Warum in den CDs indess keine Besetzunglisten aufgeführt sind, erklärt sich (zumindest Teilweise) an diesem Abend von selbst: So wird auch hier das von Bands dieser Art (man denke erneut an Shearwater) beliebte „Instrument wechsle Dich“-Spiel gespielt, bei dem der gewonnen hat, der am Ende des Konzertes die meisten Instrumente bedient hat.
Sänger Duncan Attwood kommentiert das Treiben mit einem trockenen „I’m sorry, but we play it – so… you can’t win.“, während er von der Gitarre an eine Floor-Tom wechselt. Im Weiteren sind die Wechsel Gitarre -> Bass, Bass -> Keyboard, Gitarre -> Geige, Geige -> Piano und Piano -> Gitarre durch die verschiedenen Bandmitglieder zu beobachten – gewonnen hat am Ende wohl dennoch Sänger, Keyborder, Gitarrist und Percussionist Attwood, welcher nach seiner Trommel-Einlage ersteinmal erschöpft auf dem Keyboard-Hocker zusammensinkt, während einer der Gitarristen den Pausenclown spielt („Here is god again!“)
Nach einer guten Stunde ist dann ersteinmal Schluss, bevor die Band für zwei weitere Songs zurückkommt – wirklich gebraucht hätte es diese aber meines Erachtens nach nicht, bin doch zumindest ich mit dem Haupt-Set, bestehend aus einer bunten Mischung von Songs aller drei Alben, vollauf zufriedengestellt.
Vielmehr offenbaren gerade die beiden Zugabenummern das wohl größte Problem der ansonsten wirklich sehr schönen Musik von BLUENECK: Die Songs sind, vor allem bei den Piano-getragenen Nummern, von den Sonstrukturen her oft recht ähnlich aufgebaut, was zwar einerseits eine sehr dichte Atmosphäre garantiert, andererseits jedoch, gerade, weil die Songs nicht sonderlich lang sind, nach einiger Zeit doch auffällt.

Stören lässt sich davon heute jedoch niemand, so dass, als nach guten 70 Minuten die Lichter angehen, sowohl die Band als auch das Publikum sichtlich zufrieden den Raum verlassen.
Und so liefert mit BLUENECK heute mal wieder eine Band den Beweis, dass man auch für kleines Geld (Abendkassenpreis: 8€) bestens unterhalten werden kann. Dass darüber hinaus auch die Preise am Merchandise-Stand wirklich fanfreundlich gehalten sind (5€/alte CDs, 10€/aktuelle CD, 10€/Shirt), rundet den durchweg positiven Eindruck ab und zeigt:
Niveauvolle Unterhaltung muss nicht teuer sein – man muss sie nur finden.

Setlist:
01. Hank
02. oig
03. le:465
04. Sheila
05. Lilitu
06. Venger
07. ub2
08. Epiphany
09. Revelations

10. Low
11. Bobby Jo

(Titel gemäß Bandsetlist, kursiv geschriebene im Vergleich zur Studioversion umbeannt)

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