Alien Weaponry - Tangaroa

Review Alien Weaponry – Tangaroa

  • Label: Napalm
  • Veröffentlicht: 2021
  • Spielart: Groove Metal

Als Teenager eine Band gründen und die erste Platte noch vor Erreichen der Volljährigkeit bei einem der renommiertesten Metal-Labels der Welt veröffentlichen. Die allerletzte Slayer-Show in Deutschland eröffnen und mit Größen wie Black Label Society und Gojira auf Tour gehen. Obendrein von Fans und Presselandschaft als Zukunft des Metal bezeichnet werden. Was sich anhört wie eine märchenhafte Fantasie, ist die erlebte Geschichte der Neuseeländer ALIEN WEAPONRY.

Entspannte drei Jahre nach dem Erstlingswerk „Tu“, dessen Aushängeschild „Kai Tangata“ schon mehr als elf Millionen Youtube-Streams verzeichnet, sind ALIEN WEAPONRY zurück und präsentieren mit „Tangaroa“ ihren zweiten Langspieler. Ganz so lange erschien die Wartezeit jedoch nicht, wurden mit „Ahi Ka“ und „Blinded“ bereits vor zwei Jahren Songs des nun vorliegenden Albums veröffentlicht und mit „Buried Underground“ sowie dem Titelsong kürzlich zwei weitere Ausblicke geboten. Der erste Besetzungswechsel stand der Band in der Zwischenzeit auch ins Haus, konnte und wollte Ethan Trembath den steilen Aufstieg aus persönlichen Gründen nicht weiter mitgehen. An seiner Stelle übernimmt fortan Turanga Morgan-Edmonds den Bass.

Auf der Welle ihres Hypes wäre es ein Leichtes, die neuen Titel mit einer ordentlichen Portion Härte und Eingängigkeit auszustatten, um den guten allgemeinen Eindruck unmittelbar zu bestätigen und noch weiter auszubauen. Das ist aber nicht der Weg von ALIEN WEAPONRY: in das neue Werk muss sich der Hörer förmlich einarbeiten, es ist wahrlich nicht so leicht zugänglich wie „Tu“ und spielt seine Stärken erst nach mehrmaligem Hören aus. Besonders fällt das bei „Unforgiving“ und „Crooked Monsters“ auf, zweier Stücke so voll von Melancholie und so langsam und intensiv dargeboten, dass es ein Genuss ist, diese jungen Menschen so unfassbar erwachsen musizieren zu hören. Thematisch allerdings sehr schwer verdauliche Kost: so verriet uns Sänger Lewis sehr betroffen im Interview, dass „Crooked Monsters“ von sexuellem Missbrauch handelt, der sich in seinem Freundeskreis zugetragen hatte und dieser Song ihm bei der Verarbeitung dessen half. Beides sind hochklassige, schwere Hardrock-Balladen, die mit jedem Hören eindringlicher werden. Dazu passend setzt auch das schon bekannte „Blinded“ an, einer nicht mal besonders aufwendig strukturierten, aber dafür umso mehr fesselnden Nummer, deren Chorus sich im Nu als Ohrwurm entpuppt.

Trotz der doch etwas überraschenden Reduzierung des Tempos und der gehobenen Intensität bekommen die Hörer aber freilich auch das geboten, was sie an ALIEN WEAPONRY zu schätzen gelernt haben: treibende Riffs, mitreißende Thrash-Passagen („Hatupatu“, „Buried Underground“) und einen immer facettenreicher agierenden Lewis de Jong an vorderster Front. Textlich ist es überdies interessant zu beobachten, dass sich die zwölf Songs exakt zur Hälfte jeweils in englischer und maorischer Sprache aufteilen.

ALIEN WEAPONRY spielen von Beginn an sehr ausgereift, zeigen sich auf „Tangaroa“ jedoch deutlich ernster, nachdenklicher und persönlicher als noch auf ihrem Debüt. Nun lässt sich auf der einen Seite vielleicht kritisieren, dass dadurch die erfrischende musikalische Coolness ein bisschen auf der Strecke bleibt. Doch es scheint der Truppe nicht darum zu gehen, cool zu klingen. Das haben sie natürlich auch drauf, wie „Titokowaru“, „Ahi Ka“ oder „Ihenga“ beweisen. Ihr größter Antrieb ist aber, das was sie mitzuteilen haben, mit vollkommener Ernsthaftigkeit und Integrität zu überbringen. Sie verarbeiten nicht die Geschichte der Maori, um sich in ihrer Heimat beliebt zu machen, sondern weil sie sich mit der Vergangenheit ihrer Heimat identifizieren und weil es für sie von großer Bedeutung ist.

Der viel beachtete Emporkömmling aus Neuseeland hat die ereignisreichen letzten Jahre genutzt, ist enorm daran gewachsen und hat sich eine ganz eigene Handschrift erarbeitet. Es war und bleibt bemerkenswert, was diese Jungs an tiefgehender Musik erschaffen ohne sich dabei an etwaigen Trends zu orientieren. ALIEN WEAPONRY haben einen hohen Wiedererkennungswert, und dass, obwohl sie es sich mit „Tangaroa“ gewiss hätten einfacher machen können. Wollten sie aber nicht, sie wollten sich ausprobieren, sie wollten mit ihrer Musik weiter wachsen. Und das ist ihnen gelungen. Das Album ist nicht ganz frei von zwischenzeitlichen künstlerischen Verschnaufpausen und könnte hier und da noch ein Stückchen aggressiver sein. Aber das ist Kritik auf sehr hohem Niveau. Vor der inzwischen auf zwei Alben bestätigten musikalischen und thematischen Ausgereiftheit kann man nur den Hut ziehen. ALIEN WEAPONRY werden ihren Weg gehen, da kann man sich sicher sein. Mit ihrer Eigenständigkeit und ihrem erstklassigen Songwriting wird man in den kommenden Jahren noch viel von ihnen hören.

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Wertung: 8 / 10

Publiziert am von Andreas Althoff

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