CD-Review: Terrorgruppe - Tiergarten

Besetzung

MC Motherfucker – Gesang, Gitarre, Backing Vocals
Johnny Bottrop – Gitarre, Backing Vocals
Zip Schlitzer – Bass, Backing Vocals
Kid Katze – Schlagzeug, Percussion, Backing Vocals
Eros Razorblade – Orgel, Piano, Saxophon, Theremine, Backing Vocals

Gastmusiker:
Tarek „Skinhead Black“ Ebene – Gesang (Track 12)
Luise Fuckface – Gesang, Backing Vocals (Track 04, 07)
Doreen Kappel – Gesang, Backing Vocals (Track 04, 07)

Tracklist

01. Blutbürger
02. Schlechtmensch
03. Wie es der Staat mag
04. Der Maximilian
05. Tiergarten
06. Dauerabo
07. Leider keine Zeit
08. Winnetou
09. Mitfahrzentrale ins Glück
10. Küsse töten
11. Immer besser
12. Schmetterling
13. Blaupause einer Urlaubspostkarte
14. Dumm aber lieb


Manchmal kommen sie wieder: 2004 löste sich die TERRORGRUPPE nach vielen erfolgreichen Alben und mit dem Ruf einer großartigen Liveband ausgestattet als eine der wichtigsten Deutschpunkbands der 90er und 00er Jahre auf. Da kaum eine zweite Band unterhaltsame und häufig politisch geprägte Texte derart gut in melodische und treibende, wenn auch simple Punksongs einbauen konnte, geriet die Band um MC Motherfucker auch in den letzten Jahren nie ganz in Vergessenheit. 2014 war es dann schließlich so weit: Neben einigen Reunionshows wurde mit „Inzest im Familiengrab“ schließlich auch eine EP mit neuem Material veröffentlicht. Relativ schnell war klar, dass es sich um eine vollwertige Wiedervereinigung handeln sollte, was sich im Frühjahr 2015 mit der Ankündigung für „Tiergarten“, dem ersten vollwertigen TERRORGRUPPE-Album seit dem 2003 erschienenen „Fundamental“, für den Januar 2016 bestätigte. Die lange Wartezeit hat sich gelohnt: Unterstützt von sehr prominenten Keyboard-Klängen erfindet sich die TERRORGRUPPE auf „Tiergarten“ zwar nicht gänzlich neu, hat ihren Sound aber sehr stark modifiziert und kommt dem Kern des von ihr begründeten Genres Aggropop dieses Mal so nahe wie noch nie. Dabei überwiegen die Highlights gegenüber wenigen schwächer geratenen Songs.

Fans der alten TERRORGRUPPE werden beim Opener „Blutbürger“ zunächst irritiert dreinblicken: 70s-Garage-Punk und ein orgelndes Keyboard, das den melodischen Vintagesound nach vorne treibt, dominieren das Klangbild, bevor das typische „Woo!“ von MC Motherfucker zum ersten Mal ertönt. Der Einfluss von Powerpop und New Wave macht sich auf „Tiergarten“ extrem stark bemerkbar und tritt immer wieder in den Vordergrund. Oft geht die TERRORGRUPPE dabei auch vom Gas und liefert beispielsweise mit „Küsse töten“ eine beinahe unverschämt eingängige Nummer ab, die mit Punk nur noch am Rande zu tun hat. Mit „Leider keine Zeit“ suhlen sich die Berliner Jungs im Indiepop à la Franz Ferdinand, nur um im Titeltrack „Tiergarten“ Skaanleihen einzubauen und „Dauerabo“ zwischen Powerpop und Reggae anzusiedeln. Auf dem großartigen „Schmetterling“ gibt sich Tarek „Skinhead Black“ Ebene von K.I.Z. die Ehre, der mit seinem wütenden Geschrei perfekt auf eine Punkplatte passt. Neben diesem typischen TERRORGRUPPE-Song liefert die Band mit „Wie es der Staat mag“, „Winnetou“ und dem absoluten Highlight des Albums in Form von „Dumm aber lieb“ weitere klassische Nummern ab, die direkt nach vorne gehen, mit ihren simplen, mitreißenden Hooklines begeistern und textlich absolut großartig sind.

In den Texten findet sich generell der überzeugendste Aspekt von „Tiergarten“: Über diverse Abrechnungen mit den Wirrköpfen von Pegida und homophoben Idioten, eindeutigen Statements gegen die Urheber von Gentrifizierung („Der Maximilian“) und allgemein einer kritischen Bestandsaufnahme der Gesellschaft zeigt sich MC Motherfucker stets bitterböse, witzig und extrem sarkastisch. Wirklich in die Tiefe gehen die Nummern zwar trotzdem nicht, aber das erwartet man auch nicht von einem TERRORGRUPPE-Album.
Auch wenn es fast durchgehend begeistert, überzeugt „Tiergarten“ nicht restlos: Das „Berlin Diskret“-Cover „Immer besser“ ist zwar ganz nett, „Blaupause einer Urlaubspostkarte“ missrät in seiner Experimentierwut allerdings vollkommen und die „Mitfahrzentrale ins Glück“ plätschert derart langweilig vor sich hin, dass man doch lieber auf den Zug ausweichen möchte. Andere Lieder sind zwar prinzipiell gut, durchleben aber einige Längen, wie das bereits erwähnte „Leider keine Zeit“ oder auch das beschwingte „Dauerabo“. Nach knapp 42 Minuten lässt sich allerdings feststellen: Die TERRORGRUPPE ist zurück, genauso relevant wie vor ihrer Auflösung und ist hoffentlich zurückgekommen, um zu bleiben.

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Bewertung: 7.5 / 10

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