Review Trick Or Treat – Rabbits’ Hill pt. 1

Quizfrage: Was haben Seventh Wonder und TRICK OR TREAT gemeinsam? Richtig, beide sind Bands, die es schon seit Anfang der 2000er gibt, die aber bisher ein eher kleines Publikum erschlossen haben. Hier aber wichtiger: Beide haben talentierte Sänger, die vor Kurzem von zwei richtig großen Bands der Szene an Bord geholt wurden – Tommy Karevik von Seventh Wonder singt nun bei Kamelot, Alessandro Conti von TRICK OR TREAT bei Luca Turilli’s Rhapsody. Und so beginnt die Szene, sich plötzlich auch für die beiden kleineren Ursprungsbands zu interessieren. Vorhang auf also für „Rabbits’ Hill pt. 1“, das neue Album von TRICK OR TREAT.

Eine gewisse Unkenntnis gilt es zuerst zu kompensieren, denn hierzulande war TRICK OR TREAT eher unbekannt, bis die Band auf der 2010/11er Tour von Helloween als Opening Act spielte. Deshalb kurz für alle: Ihr Frühwerk ist dominiert von spaßigem Power Metal der Marke Helloween samt einer demonstrativ zur Schau gestellten Selbstironie – wer auf Blödeleien steht, kann sich ja mal die älteren Musikvideos anschauen. Ganz offensichtlich versucht TRICK OR TREAT aber gerade, sich weiterzuentwickeln, was angesichts des magischen Platz Nr. 3, den „Rabbits’ Hill“ in ihrer Diskografie einnimmt, wohl auch angebracht ist. Ihr neues Album fällt dementsprechend gleich in zweierlei Hinsicht aus dem Rahmen: musikalisch und inhaltlich.

Inhaltlich ist es das erste durch und durch ernst gemeinte Album. Hießen die Vorgänger noch „Tin Soldiers“, „Evil Needs Candy Too“, das Demo-Tape gar „Like Donald Duck“, gibt der Titel „Rabbits’ Hill pt. 1“ die neue Richtung vor – man will Literatur adaptieren, nämlich den in Deutschland unter dem Namen „Unten am Fluss“ erschienenen Welterfolg von Richard Adams. Wer das Buch kennt, wird sich in dem Konzeptalbum schnell zurechtfinden. Relativ geradlinig folgen die einzelnen Tracks der Geschichte des ersten Teils und setzen an jede relevante Station der Hasenreise einen Song.

Auch musikalisch versucht die Band zumindest streckenweise, erwachsener und abwechslungsreicher zu klingen. Astreine Power-Metal-Songs wie „Prince With A 1000 Enemies“ brettern zwar ordentlich durch die Boxen, sind aber seltener geworden. Überhaupt dürfte die Stärke des Albums sein Abwechslungsreichtum sein: Es gibt Midtempo-Stampfer („Premonition“, „Between Anger and Tears“), akustische Zwischenspiele („Spring In The Warren“), hymnisches Uptempo („Wrong Turn“) und sogar Songs, die man gut und gerne Stadion Rock nennen darf („False Paradise“, etwas weniger „I’ll Come Back For You“). Erstaunlicherweise sind es gerade die letzteren, etwas unkonventionelleren Tracks, die am besten zünden – denn im Bereich der Uptempo-Songs bleiben TRICK OR TREAT überraschend schwach. Das verwundert umso mehr, wenn man bedenkt, dass sie als Helloween-Coverband gegründet wurden. Aber trotz aller technischen Finesse und gelungener Abmischung sind die Uptempo-Nummern in sich abwechslungsarm und bleiben einfach nicht haften. Als Ausnahme könnte man den gelungenen Titeltrack „Rabbits’ Hill“ durchgehen lassen, der verschiedene der schon genannten Elemente auf vorsichtig-progressive Art und Weise vereint.
Regelrecht ärgerlich ist hingegen, dass die Band mit überflüssigen Elementen die Atmosphäre zerstört. Hier kann sie offenbar ihre Vergangenheit nicht ruhen lassen: Immer, wenn man gerade in Stimmung gekommen ist, folgt mit ziemlicher Sicherheit eine der offenbar bei Konzeptalben unvermeidlichen Redepassagen oder ein unpassendes Zwischenspiel wie „SassoSpasso“, auf die das Album gut hätte verzichten können.

Insgesamt bleibt „Rabbits’ Hill pt. 1“ ein Album, dem man ansieht, dass die Band sich entwickeln möchte, und das einige gute Songs zu bieten hat. Genrefans werden es durchaus goutieren können. Zudem ist der Wille, keine Happy-Metal-Nummern zu schreiben, ein Schritt nach vorne, wenn er hinsichtlich der Zwischenspiele auch noch konsequenter hätte durchgezogen werden können. Völlig unbestritten sind die musikalischen Fähigkeiten der Italiener und auch produktionstechnisch ist die Scheibe über jeden Zweifel erhaben. Trotzdem klingt manches konzeptionell unausgereift: Die schnellen Songs sind zu simpel, den vielen anderen Ansätzen fehlt eine klare Linie.
TRICK OR TREAT sind also auf dem richtigen Weg, wenn sie auch noch nicht angekommen sind. Macht ja aber nichts, im Auge behalten lohnt sich und die Hasen im Roman brauchten auch vier Teile, bis sie in Frieden am Watership Down leben konnten.

Wertung: 7 / 10

Publiziert am von Marc Lengowski

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert