
Eigentlich hat Nicko McBrain alles richtig gemacht: eine Weltkarriere als Drummer genossen, den gesundheitlich erzwungenen Absprung bei IRON MAIDEN würdig über die Bühne gebracht und die Zeit danach genutzt, um eine Autobiografie zu schreiben: „Hello Boys And Girls!“
Mit dem Buch tourt der 74-Jährige nun durch Europa. Und weil es die wohl letzten Auftritte von McBrain sein dürften, vor allem aber, weil IRON-MAIDEN-Fans die treuesten Seelen überhaupt sind, lassen sich diese auch vom stattlichen Ticketpreis (rund 65 €) nicht aufhalten und kommen in Scharen. So ist die bestuhlte Arena des Backstage München, Austragungsort des vierten und letzten Deutschland-Auftritts, zwar vorab nicht ganz ausverkauft – am Ende bleibt aber doch kein Stuhl leer. Schon lange vor Einlass warten erste Fans – und als die Tore um 19:00 Uhr öffnen, reicht die Warteschlange bereits um das halbe Backstage-Areal herum bis zum Haupteingang. Kein Wunder: Es geht nicht nur um gute Sicht bei freier Platzwahl, sondern auch um ein limitiertes Kontingent an signierten Büchern, die fairerweise zum Ladenpreis (24 €) verkauft werden.
Was genau die Fans heute sonst so erwartet, lässt sich aus der konfusen Ansprache des Tourmanagers nur mit Mühe antizipieren: Nicko soll zunächst aus dem Nähkästchen plaudern und nach einer Pause die auf Karten in Körbe geworfenen Fanfragen beantworten – Fotos und Autogramme bleiben denjenigen vorbehalten, deren Frage beim Q&A beantwortet wird.
Zunächst aber bekommen die Fans nicht Nicko McBrain, sondern den deutschen Schauspieler Aurel Manthei. Der hat, neben Regionalkrimi-Kommissaren und anderen Proleten (etwa Jennifer „Schirmchen“ Schirrmanns Ex in „Stromberg“), in der RTL+-Miniserie „Legend of Wacken“ Thomas Jensen verkörpert. Als Vorleser hat Manthei indessen das Charisma des imaginären Sohnes von Til Schweiger und Mario Barth. Wem der stürmische Applaus gilt, als Manthei nach dem fünfminütigen Vortrag des Prologs von „Hello Boys And Girls!“ schreiend Nicko McBrain ankündigt, ist klar. Es folgen minutenlange Standing Ovations – ein gerüttelt Maß an Vorschusslorbeeren also. Die Fan-Treue – ausgedrückt in Shirts, Kutten (mit ausschließlich MAIDEN-Patches) und Tattoos – könnte aber auch kaum größer sein. Entsprechend viel sagt es über den weiteren Verlauf des Abends, dass dieser Begrüßungsapplaus der bei weitem lauteste am Abend bleiben soll.
Das liegt allerdings, soviel sei vorweggenommen, nicht an Nicko McBrain – zumindest nicht vorrangig. Der Mann gibt sich sichtlich Mühe, und auch die Liebe zu seinen Fans nimmt man dem rüstigen Rentner durchaus ab.
So beginnt McBrain im direkten Dialog mit einzelnen Zuschauerinnen und Zuschauern. Sprachbarriere einerseits und Schwerhörigkeit andererseits sorgen für einen gewissen Slapstick-Faktor („Sein Name ist Slowenien?“). Richtig in Fahrt kommt der Abend aber nicht. So zieht sich bereits die erste Viertelstunde: Der Unterhaltungswert ist mäßig, der Informationsgehalt bei null. Und dann drängen einige forsche Fans Nicko dazu, von der Bühne aus Schlagzeugfelle und andere Memorabilia zu unterschreiben.
Und so muss man, statt über das Programm, zunächst über Fans und Organisation sprechen: Dass es respektlos ist, während der Show (!) für ein Autogramm die von allen Anwesenden teuer bezahlte Zeit zu verplempern, steht außer Frage. Bei einem Star wie Nicko McBrain und eingefleischten Fans wie denen von IRON MAIDEN kommt das allerdings genauso wenig überraschend wie die ständigen Zwischenrufe einiger weniger, dafür umso stärker alkoholisierter Zuschauer („Nicko, we love you!“, „Nicko, I saw you behind McDonalds“). Dass dafür keine Vorkehrungen getroffen wurden und solches Verhalten nicht unterbunden wird, ist schlichtweg unprofessionell.
Das gilt leider auch für die technische Umsetzung auf der Bühne (trotz mehrfacher Klage von Nicko bekommt der Tontechniker die Rückkopplung zwischen Mikrofon und Monitor nicht in den Griff) – vor allem aber für die Show selbst, der ein stringentes Konzept leider gänzlich fehlt.
Die im ersten Teil dargebotenen Geschichten wirken willkürlich aneinandergereiht und mitunter erzwungen: Bei der obligatorischen Fernseher-aus-dem-Hotelfenster-Episode (immerhin mit München-Bezug, sie ereignete sich nämlich während der Aufnahmen zu „Seventh Son Of A Seventh Son“ im Arabella-Hotel München) war McBrain nach eigener Aussage nicht einmal dabei. Dass Adrian einer Verhaftung entging, indem er dem Polizisten eine Gitarrenstunde versprach, mag eine Rocker-Pistole oder auch wahr sein. Fakt ist: Von Nicko McBrain hätte man eigentlich lieber Geschichten über Nicko McBrain gehört. Stattdessen wird es mitunter grotesk: Ohne erkennbare Zusammenhänge stimmt McBrain Lieder an oder spricht mit seinem Teddybär Sooty.
Immerhin, ein paar berührende Momente gibt es: etwa, als Nicko nach einer erheiternd akkuraten Parodie auf jeden einzelnen seiner MAIDEN-Kollegen wieder still wird und sagt: „Ich vermisse sie alle so sehr.“ Oder als es – ausgerechnet durch einen Zwischenruf („Do you like the President?“) – politisch wird, und McBrain erklärt, wohl Bezug nehmend auf seine von vielen Medien aufgegriffene Aussage, er habe eine Einladung zum Golfspielen mit Trump abgelehnt: „Ich habe dafür eine Menge Ärger bekommen“ und nur halb scherzhaft ergänzt, er müsse im Herbst in die USA – „Wenn ich danach verschwunden bin, wisst ihr, was passiert ist“.
Herzhafte Lacher gibt es für den Schwank vom „Pyro-Pie“, einem vom Pyrotechniker präparierten Geburtstagskuchen für ein Bandmitglied, und zwei angezündete Fürze – freilich nicht als Live-Stunt, sondern in einer Anekdote über Tommy Lee. Etwas peinlich wird es, als Nicko mit einigen Die-Hard-Fans über die Anzahl der von Martin Birch produzierten MAIDEN-Alben zu diskutieren beginnt (und falsch liegt, weil er sich nicht erinnern kann, dass Birch auch für „Killers“ und „Fear Of The Dark“ verantwortlich zeichnet). Im Großen und Ganzen bleibt es aber vor allem banal, bis nach 45 Minuten ein Küchenwecker das Geplänkel jäh beendet. Die gut 20-minütige Pause haben sich alle Beteiligten redlich verdient. Und eigentlich kann es ja nur besser werden … oder?
Wer sich bisher gefragt hat, wofür zwei Sessel auf der Bühne stehen, bekommt dafür auch nach der Pause keine Erklärung: Zwar kommt Aurel Manthei noch einmal für sage und schreibe fünf weitere Minuten auf die Bühne, um eine Passage über Nickos Einstieg bei IRON MAIDEN vorzulesen. Statt aber zu bleiben und den Q&A-Teil zu moderieren, überlässt er Nicko die Bühne und beide Sessel wieder ganz. Die zentrale Frage ist: Warum eigentlich? Spätestens jetzt wird deutlich, dass wirklich niemand der Verantwortlichen über irgendein Detail der Show außer den höchsten möglichen Eintrittspreis nachgedacht hat. Statt einen Moderator oder eine Moderatorin eine Auswahl der spannendsten Fragen stellen zu lassen, bekommt McBrain einfach alle Fragen gestellt – und zwar in einer Kiste vor die Füße.
Was folgt, ist eine Tombola des Grauens, bei der Nicko zu allem Überfluss die Gewinne (Pässe fürs anschließende Meet & Greet) noch selbst verteilen muss. Gleich die erste Frage kann Nicko nicht entziffern – der Fan, dem er sie weiterreicht, liest sie nicht etwa vor, sondern hält sie ihm mit größerem Abstand vors Gesicht. Die Karte landet, wie auch die nächste, auf dem Boden. Die dritte ist vollgeschrieben wie eine Urlaubskarte an die erste Liebe – und liest sich auch so. Am Ende des Sermons steht die Frage: „Was macht dich glücklich?“ (Antwort: „Meine Familie, meine Brüder, mein Erlöser Jesus Christus und ihr!“) Vor schon der nächsten Frage: der nächste inhaltsleere Zwischenruf.
Eine potenziell interessante Frage verwirft McBrain unvorgelesen („Die ist nicht gut, die ist zu politisch“). Eine auf Deutsch verfasste Nachricht, für Nicko mühevoll von einem dafür auf die Bühne geholten Fan ins Englische übersetzt, gipfelt nach langem Drumherumgerede in „Würdest du ein Foto mit mir machen?“. Weitere Highlights: „Welchen Song würdest du heute mit mir singen?“ oder auch “Wohin geht’s im nächsten Urlaub?” (Antwort: „Florida, weil ich dort lebe.“) Und wieder ein Zwischenruf, beziehungsweise etwa fünf, bis folgende Information zu Nicko McBrain durchgedrungen ist: „You have a restaurant in Florida!“ Gut zu wissen, danke. Und jetzt bitte weiter.
Irgendwann, man hofft insgeheim schon lange auf ein baldiges Ende, stellt McBrain fest, dass er vergessen hat, den Timer zu starten. Sein Zeitgefühl dürfte McBrain gut geführt haben – 45 zähe Minuten sind rum, es wäre wirklich so langsam gut. Doch Nicko fragt rhetorisch in Richtung des Clubpersonals, ob er ein Zeitlimit hat, und macht sich an die nächste Frage. Die Freude des Manns an der Sache, seine Hingabe und auch Motivation, noch die unsinnigste Frage zu beantworten, verdienen höchsten Respekt. Aber das ist der Moment, an dem man sich dann doch fragt, ob der von ihm mittlerweile immer häufiger zitierte „Saviour Jesus“ nicht vielleicht auch mit uns Erbarmen haben könnte. Spoiler: Hat er nicht – schlussendlich wird das Q&A knapp 70 Minuten währen.
Ein paar anrührende Momente haben sich auch in diesem Teil des Abends versteckt: Eine Frage zur Entwicklung seines Schlagzeugspiels über die Jahre bringt Nicko ins Grübeln, ehe er seinen Schlaganfall als Zäsur thematisiert, nach dem er sein „Schlagzeugerhirn“ wieder habe anschalten müssen, um zu überlegen, was er nun wie spielen könnte. Völlig zu Recht gibt es hier und für diese Leistung Szenenapplaus. Ansonsten sind die interessanten Fakten rar und taugen höchstens fürs nerdigste Pub-Quiz (Nickos unliebster MAIDEN‑Song? „The Angel And The Gambler“) oder werden, wie McBrain selbst anmerkt, deckungsgleich zu diversen Interviews beantwortet. Etwa die Frage, warum er keine Double-Bass spielt (Antwort: „Ein Pedal zu benutzen, ist schwer genug”). Und wo wir schon beim Thema Schlagzeugspiel sind (wir erinnern uns – der Mann, der hier spricht, war Schlagzeuger bei IRON MAIDEN): Sein Tipp an Schlagzeuger? „Tragt keine Unterwäsche!”
Zum Abschluss kommt noch einmal der Tourmanager auf die Bühne und ruft ins Mikrofon: „Na, das war aber eher mittelmäßig, oder?“ Eigentlich will er vom ermatteten Publikum nur mehr Jubel, aber treffender könnte man diesen Abend nicht zusammenfassen. Und das, obwohl Nicko McBrain doch eigentlich alles richtig gemacht hat.
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Interessant, danke für den Bericht. Zwei Sachen waren in Frankfurt anders, beides hat dem Event gut getan und ist leider seitens Veranstalter nicht direkt zu beeinflussen: also mit alkoholisierten Fans und Zwischenrufen gab es dort 0,0 Probleme und auch die Fragerunde strotzte zwar nicht vor Intellekt, aber aussortiert etc. wurde nichts und es war maximal unterhaltsam – Nicko halt. Schade dass der Gesamteindruck dadurch in München wohl sehr getrübt wurde. Aber ja, etwas mehr Struktur gerade in Teil 1 vor der Pause hätte gut getan.
Ich habe das gestern in Holland gesehen, dort gab es keinen Vorleser, keine Sitzplätze und die Karte hat etwas über 40€ gekostet – das fand ich, für was dann folgt okay. Es war ein recht unterhaltsamer Abend und über das Vorwort kam er dabei nicht.
Danach habe ich so bei mir gedacht: dafür jetzt 65-75€ wie in Deutschland zu zahlen? Das wäre es mir nicht wert gewesen.
Danke für diesen interessanten Einblick – spannend, dass die Shows in verschiedenen Ländern unterschiedlich konzipiert sind – und untschiedlich bepreist. Das heißt, es war nicht bestuhlt, und Nicko hat selbst aus seinem Buch vorgelesen? Das hat man dem deutschen Publikum offensichtlich nicht zugetraut … auf Englisch!