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L’Homme Absurde – Sleepless

Der große Hype um den Post-Black-Metal ist eigentlich schon längst ein Ding der Vergangenheit. Dennoch gibt es immer wieder neue Nachzügler, die von der Mischung aus kratzigem Schreigesang, intensivem Drumming und luftigen Post-Rock-Einsprengseln einfach nicht genug bekommen. Zu diesen Spätberufenen zählen auch die Russen L’HOMME ABSURDE, die mit „Sleepless“ zum zweiten Mal ein Full-Length-Album herausgebracht haben. Neben einer Verfeinerung des auf ihrem Debüt „Monsters“ dargebotenen Stils sollen nun zusätzlich die Hardcore-Einflüsse der fünfköpfigen Band deutlicher zu Tage treten. Frischen Wind für das Genre, das seine Blütezeit bereits hinter sich hat, sollte man hier schon mal nicht erwarten.

Selbstverständlich muss eine Band nicht unbedingt einen komplett neuartigen Musikstil erfinden, um in der kaum überschaubaren Musiklandschaft von Relevanz zu sein. Gerade im Black Metal fahren viele Interpreten sehr gut damit, bereits Bekanntes allenfalls mit einem dezent eigenen Anstrich zu reproduzieren. In gewisser Weise tun L’HOMME ABSURDE dies anfangs sogar noch: Bösartiges Riffing wie es die Russen auf dem Opener „Cleansing The Temple“ einsetzen, hört man von ihren Kollegen, die oftmals eher dem Post-Rock als dem Black Metal zugetan sind, nicht gerade oft.

Trotz dieses passablen Einstiegs macht sich sogar noch im ersten Track allzu bald Enttäuschung breit: L’HOMME ABSURDE haben als Musikschaffende bedauerlicherweise rein gar nichts zu bieten, das andere vor ihnen nicht schon besser gemacht hätten. Das Screaming auf „Sleepless“ ist ausdruckslos und eindimensional, die Musik trotz einiger Breaks furchtbar eintönig und um die angebliche Hardcore-Punk-Attitüde herauszuhören, benötigt man einiges an Fantasie.

Als unausweichliche Konsequenz prägen sich die Tracks nahezu gar nicht ein – allenfalls die hellen Gitarrentöne in Verbindung mit dem rasanten Schlagzeugspiel auf „Moments In Coma“ und die lässig-friedliche Clean-Passage auf „Insult To Injury“. Im Gegensatz zu der emotionalen Achterbahnfahrt, die man etwa auf Deafheavens „Sunbather“ oder auf Thränenkinds „King Apathy“ zu spüren bekam, lassen L’HOMME ABSURDE den Hörer auf „Sleepless“ innerlich gänzlich kalt. Da hilft auch nicht die an sich akzeptable Produktion, die weder zu schroff noch zu geglättet klingt und somit den wohl am wenigsten problematischen Aspekt der Platte darstellt.

Grundsätzlich begehen L’HOMME ABSURDE auf ihrem 40 Minuten langen Zweitwerk keine unverzeihlichen Fehler – alle Bandmitglieder beherrschen ihre Instrumente in ausreichendem Maß und auch am Sound würde das Album nicht scheitern. Das einzige künstlerische Vergehen, dessen sich die russischen Post-Black-Metaller schuldig machen, ist die Vorhersehbarkeit, die das allzu stereotypische Schaffen des Quintetts kennzeichnet. Leider wiegt gerade dieser Schwachpunkt im konkreten Fall so schwer, dass man zu „Sleepless“ schlichtweg nicht den innigen Bezug herstellen kann wie zu den Schlüsselwerken des Genres. Wer Black Metal, Post-Rock und Hardcore stimmig gemixt haben möchte, sollte sich lieber an Ancst oder Harakiri For The Sky halten.

Face Off – Massive

Das serbische Quartett FACE OFF legt mit „Massive“ eine neue EP vor, die als eine Art Grundstein für eine ganze Reihe konzeptionell zusammenhängender EPs dienen soll. Musikalisch bietet die Band darauf eine Mischung aus sphärischem Post-Rock und härteren Metal-Passagen und erfindet das Rad damit sicherlich nicht neu. Die fünf Songs auf „Massive“ sind stattdessen leider zu großen Teilen Standardware, die nach dem Hören sofort wieder aus dem Kopf verschwinden.

FACE OFF setzen beim Songwriting zu sehr auf den Begriff Post. Songs wie „Retouching“ oder „Code White“ dümpeln zu gemächlich zwischen sphärischem Gitarrengezupfe und entrücktem Gesang hin und her. Klar gehört das zum Post-Rock dazu, aber dabei darf man auch den Rock-Part nicht vergessen. Dass FACE OFF aber auch packende Songs schreiben könne, beweisen der Titelsong und das abschließende „Water“. Das ist Post-Rock wie man ihn sich wünscht. Eine gute Balance zwischen Härte und sphärischen Parts und eine Sängerin, die mehr kann als nur vor sich hin säuseln. Die Riffs von Gitarrist Stefan Vitasovic erinnern in diesen Songs stellenweise gar an Deftones oder artverwandte Bands. Prinzipiell macht es den Eindruck, als ob die Songs auf „Massive“ eine Art Sandwich bilden würden. Zwischen den härteren und dynamischeren Stücken „Massive“ und „Water“ liegen drei eher unspektakuläre Songs, die einem fast wie Füllmaterial vorkommen. Weshalb dann gerade „Retouching“ im Trailer für das Videospiel „Helion“ vorkommt ist fraglich.

Mit „Massive“ legen FACE OFF ein Stück Musik vor, dass sich im übervollen Post-Rock-Genre nur schwer Gehör verschaffen kann. Zu abwechslungsreich und vielschichtig agieren Bands wie Spurv, God Is An Astronaut oder Explosions In The Sky mit den gleichen Bausteinen. Da die EP nur als eine Art Vorbote oder Intro dienen soll, darf man gespannt sein ob die Band sich auf den folgenden Veröffentlichungen noch steigern kann.

Ennoven – Redemption (Re-Release)

Noch untergründiger als ENNOVEN geht’s wohl wirklich nicht: Mit „Redemption“ legte der Pole Mateusz Sworakowski 2014 im Alleingang das erste Album seines Atmospheric-/Post-Black-Metal-Soloprojekts vor, das 2016 in einer Auflage von gerade mal 50 Stück als Tape wieder veröffentlicht wurde. Da sich aber offenbar doch mehr Leute fanden, die sich dafür interessierten, gibt es zu dem von Sammlern begehrten Debüt nun ein weiteres Mal einen Re-Release in abermals größerer Stückzahl. Nun ist die Vereinigung von Black Metal, Post-Rock und Ambient im Grunde genommen nichts derart Neuartiges, dass es zwangsläufig Begeisterungsstürme nach sich ziehen muss. Was also macht „Redemption“ zu etwas Besonderem?

Eigentlich nichts, wenn man ehrlich ist. Die kaum hörbar abgemischten Screams, die melodischen, erhabenen Leadgitarren und das getragene, nicht selten als Double-Bass arrangierte Schlagzeugspiel sind allesamt gebräuchliche Stilmittel, die in dieser Form bei vielen anderen Bands schon lange zum Standardrepertoire gehören. Mit Eigenständigkeit kann ENNOVEN also schon mal nicht punkten. Dennoch hat Sworakowski ein Talent, das gewiss nicht allen seinen Brüdern im Geiste gegeben ist: die Fähigkeit, konsistente Songs zu schreiben.

Während andere Post-Black-Metal-Gruppen bisweilen scheinbar wahllos sphärische Clean-Passagen in ihre schwarzmetallische Grundformel einschleusen, geht ENNOVEN mit dieser Dualität um einiges überlegter um. Die Gesamtspielzeit der vier Tracks auf „Redemption“ beträgt gerade mal 35 Minuten, dennoch wird hier nichts überstürzt. Ohne Hast, aber durchaus zielstrebig bauen sich die stimmungsvollen Kompositionen auf und flachen wieder ab, ohne von unpassenden Breaks ausgebremst oder von zu ausufernden Melodiebögen ausgezehrt zu werden.

Soundtechnisch überrascht ENNOVEN mit einem sehr klaren, ausgewogenen Klang, der allenfalls ein bisschen zu leise ist und die Vocals zu sehr verschluckt. Trotz dieser kleinen Mängel steht die Produktion von „Redemption“ weit über dem, was man sonst aus dem Underground gewohnt ist. Das einzige, was ENNOVEN daran hindert, zu einem herausragenden Geheimtipp zu avancieren, ist somit das fehlen einer eigenen musikalischen Identität. Die Songs prägen sich dadurch kaum ein, sodass es letztlich keinen nennenswerten Anreiz gibt, der polnischen Ein-Mann-Band gegenüber innovativeren Vertretern des Genres den Vorzug zu geben.

Wer das Debütalbum von ENNOVEN ungehört an sich vorübergehen lässt, hat eigentlich nicht viel verpasst. Trotzdem lässt sich nicht bestreiten, dass „Redemption“ eine im Wesentlichen gelungene Platte ist. Von den mannigfaltigen Unzulänglichkeiten, die sich Metal-Bands mit vergleichbar mikroskopischem Bekanntheitsgrad oft zu Schulden kommen lassen, ist hier fast nichts festzustellen – die Songs sind nachvollziehbar aufgebaut und solide produziert. Es ist also keineswegs ein Fehler, die eigene Sammlung um ein Exemplar von „Redemption“ zu erweitern, vorausgesetzt, man erwartet dabei keinen überwältigenden Augenöffner.

Spurv – Myra

Inzwischen hat man, wenn es um Post-Metal geht, eigentlich wenig Hoffnung, noch auf interessante und spannende neue Alben zu treffen. Wurde doch das Genre in den letzten Jahren von unzähligen Hipster-Bands totgenudelt. Und dann kommen SPURV aus Norwegen um die Ecke und legen mit ihrer neuen Scheibe „Myra“ ein Werk vor, das seinesgleichen sucht: instrumentaler Post-Rock auf höchstem Niveau und mit einer als nahezu perfekt zu bezeichnenden Produktion. SPURV sind dabei aber eigentlich schon länger kein Geheimtipp mehr. Bereits mit ihrem letzten Album „Skarntyde“ legten die Jungs eine echte Überraschung hin, wobei die Songs und Arrangements darauf teilweise doch noch etwas zu lang und ausufernd waren.

Und nun also „Myra“, ein Konzeptwerk über Leben und Tod mit einem mehr als nur stimmigen Cover. Was aber beim Hören der Scheibe als Erstes auffällt, ist die wahnsinnig gelungene Produktion. Die beiden Produzenten Magnus Lindberg und Martin Bowitz haben hier ganze Arbeit geleistet. Spannend ist dabei vor allem der Kontrast zwischen weiten, sich öffnenden Klangflächen und drückenden, heftigeren Soundwänden. Die dynamisch komponierten Songs klingen auch dynamisch und abwechslungsreich.

Nach einem kurzen Intro bricht „Og Ny Skog Bæres Frem“ mit einem wuchtigen Bassriff und später einsetzenden Gitarren mit dem ruhigen Anfangsmoment. Der Track ist ein Paradebeispiel für die erwähnte Dynamik von „Myra“, kombiniert er doch zyklopische Riffwände mit eher flächigen Gitarren- und Bläserparts. An sich ist das im Post-Rock-Kosmos sicher kein Novum, aber dennoch machen SPURV das auf eine erfrischende und vor allem erstaunliche Art und Weise. Ausschlaggebend für diese Frische und Spannung der Songs sind sicherlich auch die vielen klassischen Instrumente wie Posaune, Cello der Geige. So lebt beispielweise „Hviler Bekkenes Sang“ von seinen melancholischen Streicher- und Klavierparts und macht den Song zu weit mehr als nur Post-Rock. Krönender Abschluss von „Myra“ ist das epische „Allting Får Sin Ende, Også Natten“, das mit einem Klavier und einem gesprochenen Zitat des Philosophen Martin Heidegger losgeht. Schließlich bricht aber auch hier wuchtiger Post-Rock durch und SPURV zeigen ein letztes Mal, zu welchen Glanzleistungen sie fähig sind. Drama, Melancholie und Schönheit vereinigen sich im Ausklang des Albums.

Was bleibt also als Fazit zu sagen? SPURV liefern mit „Myra“ ein nahezu perfektes Post-Rock-Album ab. Sowohl in Sachen Songwriting, Produktion und Emotionalität der Songs ist die Scheibe ein echtes Highlight und Ausnahmewerk. Zur vollen Perfektion fehlt lediglich das letzte Quäntchen Raffinesse, doch bei der gewaltigen Weiterentwicklung vom letzten Album hin zu „Myra“ dürfte dieser Schritt für SPURV kein Problem sein.

Mountaineer enthüllen erste Single vom neuen Album „Passages“

Die aus der Bay Area stammenden Post-Rocker/-Metaller von MOUNTAINEER, bei denen unter anderem der früher bei Secrets Of The Sky aktive Clayton Bartholomew Gitarre spielt, haben den ersten Song von ihrem neuen Album „Passages“, das am 29. Juni über Lifeforce Records erscheint, veröffentlicht. Der Track hört auf den Namen „Hymnal: Passage I“.

 

 

 

Trautonist – Ember

Mit dem ursprünglichen Black Metal, der sich durch satanistische Texte, finstere und rohe Musik sowie eine bewusst ungeschliffene Produktionsweise auszeichnete, haben die moderneren Interpretationen des Genres oft nur noch wenig zu tun. So sind gerade im Post-Black-Metal Dur-Melodien und Klargesang keine Seltenheit. Welcher dieser beiden Gruppen TRAUTONIST angehören, ist kein allzu schwer zu lösendes Rätsel. Das betont moderne Artwork und die Thematik ihres zweiten Albums „Ember“, auf dem sich das deutsche Duo mit inneren Ambitionen auseinandersetzt, sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie die Songtitel („Hills Of Gold“, „Sunwalk“). Doch wie gut schlagen sich TRAUTONIST im Vergleich zu Todtgelichter, Deafheaven & Co.?

Die Gegenüberstellung mit Todtgelichter bietet sich nicht nur wegen der offensichtlichen stilistischen Parallelen an, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass weiblicher Gesang ein charakteristisches Merkmal beider Bands ist. An Martas markante Gesangskünste reicht Katharina mit ihrer eher zarten Stimme zwar (noch) nicht heran, doch ihre einfühlsamen („The Garden“) und Zuversicht ausstrahlenden („Hills Of Gold“) Vocals kommen den Songs durchaus zugute und verleihen der Musik von TRAUTONIST sogar einen gewissen Wiedererkennungswert. Doch die Gemeinsamkeiten enden hier noch nicht.

Grundsätzlich laufen die meisten Songs auf „Ember“ in etwa nach dem Schema von „Phobos & Deimos“ („Angst“) ab: Schwungvolle, trotz ihres hellen Klangs melancholische Gitarrenriffs, verzweifelte Screams und treibendes Drumming sind die Grundbausteine, aus denen sich das vierzigminütige Album im wesentlichen zusammensetzt. Dass TRAUTONIST ein Gespür für mitreißende Dynamik haben, ist nicht zu überhören – dennoch bekommt man trotz der zwischendurch eingefügten, leicht verschrobenen Clean-Passagen nach einer Weile das Gefühl, dass sich die Post-Black-Metaller ein wenig zu sehr in ihre eigene Basisformel verliebt haben.

Die eigentliche Geißel, unter der die Musik von TRAUTONIST leidet, ist allerdings die miserable Produktion. In dem völlig verwaschenen und extrem gedämpften Klang sind die Vocals kaum herauszuhören, dafür ist die Rhythmusgitarre bei weitem zu sehr in den Vordergrund gemischt. Von dem Reiz, den die Platte aus musikalischer Sicht haben könnte, bleibt deshalb nicht allzu viel übrig, da die an sich schönen Melodien, die sich TRAUTONIST einfallen haben lassen, in dem soundtechnischen Durcheinander komplett ins Hintertreffen geraten.

Vor allem gegen Ende von „Ember“ zeigt sich doch noch, dass TRAUTONIST gewillt sind, beim Songwriting auch mal von ihrer gewohnten Herangehensweise abzuweichen und ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen. Das darin zum Vorschein kommende Potential bleibt aufgrund der mangelhaften Produktion jedoch leider weitgehend auf der Strecke. Natürlich kann man an TRAUTONIST nicht dieselben Ansprüche stellen wie an die Großen ihrer Zunft, doch auch gegenüber anderen Newcomern wie etwa Møl ziehen die Deutschen bedauerlicherweise den Kürzeren. Selbst mit der bei Underground-Werken gebotenen Nachsicht betrachtet kann „Ember“ somit leider nicht überzeugen.

Amenra w/ Myrkur

Im Februar kündigten mit AMENRA und MYRKUR zwei Bands, die sich atmosphärisch dichter Musik verschrieben haben, eine gemeinsame Tour in Deutschland und der Schweiz an. Beide brachten 2017 viel beachtete und geschätzte Alben heraus: Die Post-/Sludge-Metal-Formation AMENRA mit ihrem Opus „Mass VI“ und MYRKUR, das Black-Metal-Projekt der dänischen Sängerin Amalie Bruun, mit ihrem zweiten Werk „Mareridt“. An diesem Abend macht das Duo im Hansa 39 des Münchner Feierwerks halt.

In der schon gut gefüllten Halle betreten die den Abend eröffnenden MYRKUR die Bühne, auf der ein hübsch mit Pflanzen geschmückter Mikroständer an der Front platziert wurde. Zu einem sehr langsamen Drone-Riff nimmt Sängerin Amalie Bruun den Platz dahinter ein und beginnt, ihre sphärischen Gesänge darüberzulegen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Schwermütigkeit und Mystik, die sich während MYRKURs Auftritt im Zuschauerraum breitmacht. Musikalisch bleibt die Band meist im Doom-Bereich, wechselt aber dann ab und zu auf einen Post-Black-Metal-Teil oder eine folkige Passage.

Bruun gelingt der Gesang dabei unheimlich gut und präzise – etwas zu sehr, um nicht zumindest ein wenig misstrauisch zu werden, wie viel da nachgeholfen wurde. Zumal ihr Gesang leider nicht gerade selten von etlichen sie begleitenden, vom Band abgespielten Hintergrundgesängen unterstützt wird. Dennoch: Mit viel Hall ausgestattet bringt sie einige sehr schöne Momente zustande, auch wenn es heute fast ausschließlich bei Klargesang bleibt. Ob es für die Wirkung des Auftritts musikalisch überflüssiges, optisch dramatisches Schlagen einer Handtrommel braucht, muss wohl jeder selbst entscheiden. Einen gelungenen Abschluss finden MYRKUR jedoch mit der von Bruun solo vorgetragenen, mittelalterlichen Ballade „Villemann og Magnhild“.

Setlist MYRKUR

  1. Drone Intro
  2. The Serpent
  3. Ulvinde
  4. Dybt I Skoven
  5. Onde Børn
  6. Vølvens Spådom
  7. Jeg Er Guden, I Er Tjenerne
  8. De Tre Piker
  9. Elleskudt
    Måneblôt
  10. Skøgen Skulle Dø
  11. Skaði
  12. Villemann Og Magnhild


Nach einer halben Stunde Umbaupause erscheint das Logo der Church Of Ra im Hansa 39, das zwar nicht ausverkauft, aber doch beeindruckend voll ist. Als AMENRA unspektakulär die Bühne betreten, ertönen erste Jubelschrei, das klassische Pausengemurmel verstummt dann allerdings erst auf einen Schlag, als Drummer Bjorn Lebon zwei Klangstöcke zusammenschlägt und die Messe eröffnet. Über gut fünf Minuten baut sich eine kaum auszuhaltende Spannung aus, bis die erste brachiale Wall of Sound über das Publikum hinweg walzt. Die Abmischung ist kristallklar, das Publikum headbangt in Slow Motion und AMENRA reißen mit einer bedrohlichen, packenden Atmosphäre mit, die inhaltlich fast alle Alben der Belgier abdeckt.

Es dauert fast 40 Minuten, bis Sänger Colin van Eeckhout sein Shirt auszieht und sein imposantes Rückentattoo offenbart. Auch wenn AMENRA wie immer auf jede Form der Publikumsinteraktion verzichten, überrascht es, dass Colin dieses Mal ganze Passagen dem Publikum zugewandt singt – den Großteil der Show verbringt er allerdings in seiner eigenen Welt, tief vergraben in den Visuals. Diese wirken auf der recht kleinen Bühne des Hansa 39 heute fast etwas verloren – die Kranhalle wäre insgesamt die stimmigere Location für ein Konzert von AMENRA gewesen. Nach 70 Minuten Brutalität, Fragilität, Leidenschaft und Sehnsucht ist es plötzlich still und die Musiker verlassen die Bühne – zurück bleibt nur das Logo der Church Of Ra.

Setlist AMENRA

  1. Boden
  2. Plus Près De Toi (Closer To You)
  3. Razoreater
  4. Diaken
  5. Thurifer et Clamor ad te Veniat
  6. Nowena | 9.10
  7. Terziele
  8. Am Kreuz
  9. Silver Needle. Golden Nail


Die mythische und apokalyptische Stimmung des Abends wird von beiden Bands auf unterschiedliche Weise transportiert. Während Myrkur verträumter, schöner und außerweltlicher agieren, sind Amenra eine grollende, aus der Tiefe stammende Urgewalt. Egal, wie oft man eine Show der Belgier auch sieht: Es ist immer wieder aufs Neue beeindruckend und umwerfend.

Tengil – shouldhavebeens

Manche Menschen neigen dazu, die Zeit ihrer Jugend durch eine rosarote Brille zu betrachten – es ist ein Lebensabschnitt, der oft von einer sonderbaren Mischung aus unbändigem Optimismus, Aufgeschlossenheit gegenüber dem Ungewissen, aber auch frühzeitiger, wehmütiger Nostalgie geprägt ist. Ebendieses allzu nachvollziehbare Gefühlschaos ist die Grundthematik, der sich das schwedische Post-Hardcore-Quartett TENGIL auf seinem zweiten Album und Prophecy-Debüt „shouldhavebeens“ widmet. Das Konzeptalbum über die miteinander verknüpften Lebenswege zweier Freunde steht damit von Anfang an erkennbar im scharfen Kontrast zu dem geradezu verstörenden, ungeschönten Vorgänger „Six“.

Dass TENGIL die Möglichkeiten, die sich ihnen im Hardcore und Post-Rock bieten, in vollem Umfang ausschöpfen, wird vom ersten Augenblick an deutlich: „I Dreamt I Was Old“ startet ohne Umschweife mit brachialen Drums, die eine seltsam gegensätzliche Symbiose mit sphärischen, strahlenden Klangebenen bilden. Trotz aller Härte, die auch in weiterer Folge immer wieder das Gitarren- und Schlagzeugspiel der Schweden zeichnet – sogar vor Blast-Beats wird nicht zurückgeschreckt – ist es vor allem das leichtfüßige Post-Rock-Feeling, das „shouldhavebeens“ einen markanten, glänzenden Anstrich verpasst. TENGIL tun gut daran, gelingt es ihnen dadurch doch auf unvergleichliche Weise, das lyrische Konzept in der Stimmung der Musik durchklingen zu lassen.

Mal schwelgt man in den bittersüßen Erinnerungen von damals, die Clean-Gitarren zurückhaltend und sphärisch („All For Your Myth“), dann schwingen sich die Melodien zu einem überschwänglichen, euphorischen Höhenflug auf („It’s All For Springtime“). Das Höchste der Gefühle ist im Fall von „shouldhavebeens“ jedoch unzweifelhaft der unfassbar emotionale Gesang von Sakarias, der in seiner Performance Mal um Mal bis an seine Grenzen geht. In jedem Wort, das der passionierte Sänger mit seinen hohen, ausgelassenen Vocals vertont, ist die tiefe Sehnsucht nach den Kindheitsfreunden, die Angst davor, einander aus den Augen zu verlieren und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu spüren – Gefühle, die wohl jeder von uns schon einmal in sich getragen hat.

Dass TENGIL den Hörer auf emotionaler Ebene derart direkt ansprechen, würde ihre zweite Platte eigentlich zu einer fantastischen Erfahrung machen – wäre da nicht die miserable Produktion. Unausgeglichen, gedämpft bis zur Unkenntlichkeit, plump und grundlos noisig sind nur ein paar der Adjektive, mit denen sich das bedauerliche Sounddesaster umschreiben lässt.

Es ist wirklich ein höchst unglücklicher Umstand, dass „shouldhavebeens“ mit einem so unsäglich miesen Klang gestraft ist. Abgesehen von ein paar fragwürdigen Entscheidungen im Songwriting (wie etwa die neun Sekunden völliger Stille mit dem Titel „A Lifetime Of White Noise“) haben TENGIL hier nämlich ein ungeheuer gefühlsgeladenes Stück Musik geschaffen, das die jugendliche Energie des Post-Hardcore mit der Emotionalität und Larger-Than-Life-Atmosphäre des Post-Rock vereint. Sieht man über den misslungenen Sound hinweg, darf man sich über ein paar wirklich bewegende Gänsehautmomente freuen. Wer das nicht kann, muss seine Hoffnungen wohl in die nächste Deafheaven-Platte setzen.