Archives

A Storm Of Light – Anthroscene

Obwohl das letzte A STORM OF LIGHT-Album bereits vor fünf Jahren veröffentlicht wurde, war Josh Graham (Ex-Neurosis, ehemals verantwortlich für jegliche visuelle Komponente wie Artworks und Visuals der Sludge-Institution) keineswegs untätig. So gehen neben diversen Cover-Designs (u.a. für Wolfmother oder die Soundgarden-Rereleases von „Badmotorfinger“ und „Superunknown“) auch Licht- und Visualkonzepte (u.a. für die Live-Auftritte von Florence And The Machine, Sleep oder auch Jay-Z) auf sein Konto. Musikalisch war es in den letzten Jahren allerdings ruhiger um den US-Amerikaner – wobei aber spätestens bei der Textzeile „What The Fuck Is Wrong With Us? America Is Sick“ im Song „Blackout“ klar sein dürfte, dass sich einiges an Wut und Frustration in ihm angestaut haben muss.

„Die Texte auf „Anthroscene“ sind meine ehrliche Reaktion auf all das, was in der Welt aktuell passiert“, erklärt Graham und verweist auf den politischen Rechtsruck in einigen europäischen Ländern und natürlich den amerikanischen Präsidenten: „Trump, der vielleicht dümmste Präsident in der Geschichte, verbreitet Angst und Hass und wettert gleichzeitig sowohl gegen die Wissenschaft als auch gegen die Umwelt. Das ist irgendwie beschissen surreal.“ Mit diesen Gedanken scheint er nicht alleine zu sein: wenn Trumps Präsidentschaft schon sonst nichts Gutes hervorgebracht hat, so hat sie doch wenigstens für das eine oder andere bemerkenswerte Release von diversen Bands wie den Prophets Of Rage oder auch Ministry gesorgt.

Und an letztere erinnern A STORM OF LIGHT auf „Anthroscene“ auch gerne mal: sei es das doch im klassischen Sinne recht metallische Riffing oder die Art, wie Graham seine Stimme in manchen Tracks entfremdet, gar verzerrt. Auch Prongs „Rude Awakening“-Album kommt einem ab und an in den Sinn, obwohl das Schlagzeugspiel komplexer und verschachtelter als auf Prongs eher maschinell-straight gehaltenem Album daherkommt: Chris Commons Drumming besticht durch sehr viele Akzente und ausgeprägten Tom-Einsatz. Der gute Mann prügelt seinem Set regelrecht die Seele aus dem Leib, während Bassist Domenic Seita seinen Bass in bester Godflesh-Tradition knurren lässt… die Rhythmusgruppe weiß also zu gefallen, beide Daumen hoch. Wenn die Gitarren mal nicht bretthart sind und der Frontmann einen Hauch von Melodie in seine Stimme packt, bekommt das Album auch durch die immer wieder auftauchenden elektronischen Elemente und Synthesizerparts von Dan Hawkins und Graham selbst ein bisschen Killing Joke-Charakter.

Alles in allem eine verdammt gute Mischung, die auf „Anthroscene“ geboten wird: die Entwicklung, die sich auf dem noch etwas gleichförmig geratenen Vorgänger „Nations To Flames“ abgezeichnet hat, wird konsequent fortgesetzt und in Sachen Abwechslung und Atmosphäre ist sogar noch eine definitive Steigerung spürbar. A STORM OF LIGHT sind nicht mehr die Neurosis– oder Isis-artige Post-Metal-Band, die sie auf ihren ersten drei Alben waren. Aber sie verleugnen diese Wurzeln auch nicht, sondern fügen ihren Kompositionen elegant neue Elemente hinzu. So ist dieses großartige Album eine sehr moderne Variante des seit einigen Jahren recht populären Post-Metal-Themas, die sich anderen, genrefremden Einflüssen gegenüber nicht verschließt und bei der die emotionale Komponente nicht zu kurz kommt. Denn „Anthroscene“ ist eine politische Protestplatte, wütend, hart und kalt, allerdings ohne den Zuhörer völlig hoffnungslos in der Dunkelheit zurückzulassen. Das stylische Artwork von Graham unterstreicht diesen Anspruch: Einige der Aufnahmen aus dem Booklet, die zerstörte Stadtteile zeigen, stammen aus Kiew und Graham hat sie nach den Demonstrationen in der ukrainischen Hauptstadt 2014, als A STORM OF LIGHT dort auf Tour waren, selbst geschossen. Das Cover wiederum zeigt eine Frau in schwerer militärischer Panzerung… und auf ihrer Hand eine weiße Taube. Vielleicht stirbt die Hoffnung ja doch zuletzt.

An Autumn For Crippled Children – The Light Of September

Nachdem AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN auf ihrem Debüt „Lost“ noch verhältnismäßig typischen Depressive-/Post-Black-Metal gespielt hatten, ist es den Niederländern nach und nach gelungen, sich ihre eigene, kleine Nische zu schaffen. Weder so richtig im Black Metal noch ganz im Shoegaze, aber hörbar in beiden Gewässern fischend, hat das Trio einen markanten Stil entwickelt, von dem es seither nur geringfügig abweicht. Auch auf ihrem mittlerweile siebten Album ändern AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN nichts an ihrer Grundformel, sondern widmen sich allenfalls der Feinabstimmung. Vollziehen die Blackgazer darauf also einfach nur „the same procedure as every year“?

Obwohl sich AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN hier nicht allzu weit aus ihrem gewohnten Terrain herausbewegen, wäre es doch nicht zutreffend, „The Light Of September“ als bloße Selbstkopie abzutun. Schon auf dem eröffnenden Titelstück zeigt sich nämlich doch eine gewisse Entwicklung, die sich bereits auf dem Vorgängeralbum „Eternal“ angekündigt hat. Frei nach dem Beispiel von „I Will Never Let You Die“ stellen AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN auf „The Light Of September“ die Keyboards verstärkt in den Vordergrund.

Anfangs geht die Rechnung sogar noch problemlos auf: Die typischen Charakteristika der Band – kratzige, relativ leise abgemischte Screams, dynamische Tremolo-Riffs und simple, peppige und bewusst dünn produzierte Drums – erstrahlen durch die luftig-leichten, elektronischen Keyboardflächen in einem neuen Glanz. Auch mit den ätherischen Clean-Gitarren („Lovelorn“) und dem sanften Piano harmonieren die abwechslungsreichen, synthetischen Tastentöne in wunderbarer Weise, was zudem das oftmals nostalgische Naturell der Lieder zusätzlich hervorhebt.

Obwohl sich AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN durch diese dezente Neuerung einige vielversprechende Möglichkeiten eröffnet haben, die durch den stellenweisen Verzicht auf die rauschenden Gitarrenläufe sogar noch besser zur Geltung kommen, ist die Umsetzung allerdings leider nicht ganz geglückt. Im Gegensatz zu „Eternal“, auf dem ein emotionales Feuerwerk das nächste jagte, erscheint „The Light Of September“ bis auf wenige Ausnahmen eher fahl. Die Melodien und Rhythmen wollen einfach nicht recht zünden und vereinzelt leisten sich AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN ein paar minimale Fehltritte wie zum Beispiel das ein wenig zu plumpe Klavier-Intro auf „Fragility“.

Von der eigentümlichen Mischung aus Euphorie, Sehnsucht, Schwermut und Hoffnung, die AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN mit ihrer Musik für gewöhnlich im Hörer auslösen, ist grundsätzlich auch auf „The Light Of September“ viel zu finden. Die Fans können also versichert sein, dass der gefühlvolle, musikalische Ausdruck der für die Niederländer typisch knapp bemessenen Entstehungszeit auch diesmal nicht zum Opfer gefallen ist. Was hier fehlt, sind jedoch die fesselnden Arrangements, die zuletzt „Eternal“ zu einem so leicht zugänglichen, aber doch langfristig beeindruckenden Klangkunstwerk gemacht haben. Von einem Totalausfall sind AN AUTUMN FOR CRIPPLED CHILDREN immer noch Welten entfernt, eine kleine Enttäuschung muss man hier dennoch hinnehmen.

Wang Wen – Invisible City

In unserer sogenannten westlichen, zivilisierten Welt ist Rock oder Metal etwas sehr Alltägliches geworden: Musiker und Bands sind ziemlich frei in ihrem Handeln und können sich im Studio oder auch auf der Bühne (im Rahmen der Kunstfreiheit) ausleben und selbstverwirklichen, wie es ihnen beliebt – und das ohne dass der Staat einschreitet und die Band Blessuren zu erwarten hätte. In China ist dies wiederum keine Selbstverständlichkeit: Staatliche Zensurorgane prüfen musikalische Inhalte penibel und sowohl chinesische als auch Bands aus anderen Länder müssen, wenn sie beispielsweise durch die Volksrepublik touren wollen, Kopien ihrer Texte in Landessprache einreichen. Und wenn diese dem Regime nicht passen, können Auftrittsverbote und andere Repressalien die Folge sein. Die Post-Rocker von WANG WEN haben zumindest auf dieser Ebene wenig zu befürchten, ist ihre Musik auf dem neuen Album „Invisible City“ doch (von einigen Sprachsamples mal abgesehen) instrumental.

WANG WEN stammen aus Dalian, einer großen Hafenstadt im Norden des Landes – laut Gitarrist Xie Yugang ein deprimierender Ort, der sehr unter der Abwanderung jüngerer Leute in chinesische Regionen mit einem höheren Lebensstandard leidet. Und das, obwohl Dalian angeblich noch 2006 eine der Städte mit der höchsten Lebensqualität war – zumindest war es so in den Staatsmedien zu lesen. So soll „Invisible City“ auch ein Statement der Band sein: für Hoffnung auf bessere Zeiten, für Loyalität gegenüber der eigenen Heimat. Inspiration hierfür waren auch die rund zwei Wochen im Sundlaugin Studio in Island, in dessen Nähe ein kleiner Bach fließt. Und obwohl die Aufnahmen während der kältesten Jahreszeit auf Island stattgefunden haben, fror er nicht zu. „Das lag an den speziellen geothermischen Eigenschaften des Baches und das hat mich ziemlich beeindruckt. Der Bach wurde zu einem Symbol der Hoffnung für mich“, erklärt Yugang.

„Invisible City“ klingt tatsächlich hoffnungsvoll, nach einem Licht am Ende des Tunnels – das exakte Gegenteil zu beispielsweise God Is An Astronauts letzten, abgrundtief düsteren Album „Epitaph“. Die Produktion tönt trotz der eisigen, isländischen Kälte während der Aufnahmen warm und rund aus den Boxen. Stilistisch kann man die Songs von WANG WEN in der Nähe der schottischen Band Mogwai verorten, aber auch Mono und Godspeed You! Black Emporer wären hier durchaus als Referenzen zu nennen. Eher Rock als Metal, äußerst atmosphärisch, irgendwie melancholisch, ohne dabei zu negativ zu sein: ein schöner Soundtrack für einen Film, der (noch) nicht existiert. Man sollte meinen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die Filmindustrie auf die Chinesen aufmerksam werden wird (sieht man einmal von dem neunstündigen Filmepos des Künstlers Cheng Ran, welches die Band 2015 vertont hat, ab) – Bands wie Sigur Ros oder auch die zuvor erwähnten Schotten haben es bereits mehr als einmal vorgelebt.

Neben dem klassischen Rockband-Instrumentarium bestehend aus Gitarre, Bass und Schlagzeug bedienen sich WANG WEN in ihren Songs auch einer großen Palette anderer, vor allem klassischer, Instrumente: So gibt es auf „Invisible City“ neben den im Post-Rock schon beinahe obligatorischen Streicher- und Pianopassagen auch immer wieder Bläsersätze, unterschiedlichste Percussionparts und diverse Synthesizer-Sequenzen, die hier und da ein wenig nach Theremin klingen. Der Song „Solo Dance“ erinnert in Sachen Stimmung und Instrumentalisierung sehr an „Abandoner“ von Steven Wilsons Solo-Debüt „Insurgentes“, aber auch unabhängig davon weckt die Musik (gerade die Keyboard- und Synthesizerpassagen) regelmäßig Erinnerungen an den Siebzigerjahre-Progressive- und Kraut-Rock, was definitiv ein Unterscheidungsmerkmal zu den weiter oben genannten Musikern und Bands darstellt.

„Invisible City“ dürfte ohne Frage zu den gelungensten Releases der Chinesen gehören. Das Album wirkt sehr durchdacht, ausgereift und stellt durch seine warme Soundästhetik einen ziemlichen Gegenpol zum eher düsteren Vorgänger „Sweet Home Go!“ dar. WANG WEN sind Kino für die Ohren, und das sollte man sich als Freund des klassischen Postrocks nicht entgehen lassen. Ein wenig Zeit und die richtige Stimmung sollte man aber schon mitbringen.

Emma Ruth Rundle – On Dark Horses

Obwohl es rational betrachtet Sinn macht, dass wir uns als Menschen selbsterdachten Normen unterwerfen, kann es doch manchmal aufs Gemüt schlagen, in einer Welt voller Regeln, Zwänge und Erwartungen zu leben. Dem archaischen Drang nach Freiheit, dem tief in uns verborgenen Tier, leiht EMMA RUTH RUNDLE auf „On Dark Horses“ nunmehr ihre Stimme und bildet damit zugleich ihren eigenen Werdegang als Solomusikerin ab. Über drei Platten hinweg hat sich die amerikanische Singer-Songwriterin kontinuierlich neuen Einflüssen über geöffnet, ist dabei über ihre Folk-Wurzeln hinausgewachsen und hat sich somit über ihre etwaigen selbstgesteckten Grenzen hinweggesetzt.

Ihrem guten Ruf – so viel sei an dieser Stelle schon mal verraten – sollte auch Album Nummer vier keinen Abbruch tun. Zwar hat EMMA RUTH RUNDLE auf „On Dark Horses“ erstmals einige der Gitarren-Parts aus der Hand gegeben, dennoch ist die Platte um keinen Deut weniger persönlich als ihre bisherigen Veröffentlichungen. Nach wie vor, wenn nicht sogar noch tiefer im Post-Rock angesiedelt, sind es vor allem die Singer-Songwriter-Sensibilität und die markanten Folk-Untertöne in Gesang und Komposition, die das Schaffen der Amerikanerin in ihrer Nische zu etwas Besonderem machen.

Wie es das Indie-mäßige, in warmen Brauntönen gehaltene Artwork suggeriert, hat sich EMMA RUTH RUNDLE klanglich ein wenig neu ausgerichtet. Die eher kalte Atmosphäre von „Marked For Death“ ist einem erdigen, organischen Grundton gewichen, was sich insbesondere in den Passagen zeigt, in welchen die Gitarren mit mehr Nachdruck gespielt werden. Den vermeintlichen Kontrast zu den sphärischen Clean-Gitarren überbrückt die talentierte Einzelkünstlerin ganz wie von selbst. Somit stehen die zumeist ätherischen, sanften und zurückhaltend arrangierten Strophen („Darkhorse“, „Races“) den kraftvolleren, bodenständigeren Refrains („Control“) keinesfalls gegenüber – sie ergänzen einander ohne auch nur die geringste Bruchstelle.

Ganz besonders hervorragend funktioniert diese innige Symbiose im „Light Song“, der den Hörer in Gedanken einen mächtigen Canyon überblicken lässt und damit in ehrfürchtiges Staunen versetzt. Dem vielschichtigen, aber niemals überladenen, natürlichen Fluss der Musik setzt EMMA RUTH RUNDLE mit ihrem Gesang die Krone auf: Mal singt sie voller Wehmut („Fever Dreams“), dann wiederum spendet sie mit ihrer Stimme Trost und Hoffnung („You Don’t Have To Cry“), ohne dabei auch nur einmal pathetisch oder gekünstelt zu klingen.

Was EMMA RUTH RUNDLE auf „On Dark Horses“ geschaffen hat, ist nicht unbedingt revolutionär, allerdings ohne jeden Zweifel denkwürdig, eigenständig und schlichtweg fantastisch. Ein Mal mehr hat die Kalifornierin die schwebende Leichtigkeit des Post-Rock und die Natürlichkeit des Folk in einen absolut stimmigen Kontext gesetzt und im Zuge dessen acht gefühlsgeladene Stücke geschrieben, die schnell ins Ohr gehen und dort lange nachhallen. Wem Post-Rock sonst zu unnahbar oder Folk kompositorisch zu schlicht ist, sollte sich schleunigst dieses Album zulegen und sich von EMMA RUTH RUNDLE zeigen lassen, dass es auch anders geht.

Abraham – Look, Here Comes The Dark!

Als Monolith bezeichnet man einen (üblicherweise eher unhandlichen) Gesteinsblock, der aus ein- und demselben Gestein besteht. Und „Monolith“ ist das erste Wort, das mir nach den ersten Durchläufen von „Look, Here Comes The Dark!“, dem aktuellen ABRAHAM-Longplayer, einfällt. Fast zwei Stunden Musik, verteilt auf zwei CDs (oder vier LPs) präsentieren die Schweizer Post-Metaller und wer sich fragt, ob das eventuell etwas langweilig werden könnte: Nein, wird es nicht. Das liegt in erster Linie daran, dass das Werk ein Konzeptalbum und in vier Teile gegliedert ist, welche mitunter recht unterschiedliche musikalische Schwerpunkte setzen. Gleichzeitig wird noch eine fortlaufende, wunderbar dystopische Geschichte erzählt – was will man mehr.

Aber der Reihe nach: der erste Teil heißt „Anthropocene“, nach der mittlerweile angebrochenen geochronologischen Epoche, in der der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf unserem Planeten geworden ist. Entsprechend geht es um das Hier und Jetzt. Oder auch: wie die Menschheit dabei ist, Mutter Erde und sich selbst den Garaus zu machen. Der Opener „I Ride The Last Sunrise“ irritiert im ersten Moment aufgrund seines latent disharmonischen Cleangesangs ein wenig, aber dafür wird man beim nächsten Track „Wonderful World“ (welcher eigentlich der bessere Opener gewesen wäre) entschädigt: eine klassische Post-Metal-Walze mit geshouteten, sich bisweilen überschlagenden Vocals. Man fühlt sich musikalisch sofort an Artgenossen wie Cult Of Luna erinnert, wozu auch die Produktion von Magnus Lindberg ihren Teil zu beitragen dürfte. Gegen Ende des ersten Kapitels, dem vierten Track der Platte, werden auch die elektronischen Elemente in Form des explizit im Booklet genannten Moog Synthesizers präsenter.

Im zweiten Teil „Phytocene“ versucht Mutter Natur, den Planeten zurückzugewinnen. Die Einleitung ist ein Instrumental mit Interlude-Charakter, irgendwie Drone-artig und aus einem nicht näher definierbaren Grund muss ich an die Würzburger von Phantom Winter denken – es muss wohl an der Atmosphäre liegen, die sich wie ein schwerer bleierner Umhang durch das komplette Album zieht. In diesem Kapitel verlassen wir auch immer wieder den Post-Metal-Mikrokosmos und wenden uns durchaus verwandten Genres zu: sei es Doom oder Black Metal (Screams bei „Silent At Last“, Blastbeats bei „Rise, Goddess“) oder auch ein bisschen Sludge und Neurosis-Schlagseite wie in „Dead Cities“. Tempo- und arrangementtechnisch zeigen sich ABRAHAM dabei sehr variabel, das Drumming macht einen nicht unwesentlichen Teil der Charakteristika der einzelnen Kapitel aus. Das ist umso bemerkenswerter, da Schlagzeuger Thomas Schlagmeister die cleanen Vocalparts übernimmt, während der böse Cop vom growlenden, keifenden und brüllenden Frontmann Olivier Haehnel gemimt wird.

„Mycocnee“, der dritte Teil von „Look, Here Comes The Dark!“ handelt von einem intelligenten (aber nicht psychoaktiven) Pilz, der der Menschheit den Rest geben will. Vielmehr liegt es an der etwas experimentelleren Seite, die die Band hier offenbart: Jazzig anmutenden Schlagzeugarbeit und Harmonien, ausladende Instrumentalpassagen, sogar das eine oder andere Basssolo und ein Rhodes Piano finden hier ihren Platz. „Sanctuaire“ ist mit seinem hypnotischen Gitarrenriff und Ohrwurmchorus ein echtes Highlight, bei „Urnacht“ braucht es einen Moment, um zu erkennen, dass der Text auf Schwiizerdütsch (= Schweizerdeutsch) intoniert wird und „Vulvaire“ ist ein fettes, grooviges Post-Metal-Brett im besten Sinne und ebenfalls ein Höhepunkt des Albums.

Das letzte Viertel der Geschichte heißt „Oryktocene“ und bildet den Abschluß der Saga: Die Menschheit hat den Kampf gegen Mutter Natur verloren und sucht ihr Heil in den unendlichen Weiten des Alls. Das gut neun Minuten lange „Wind“ kommt sehr doomig und sludgig daher, diesmal mit einem fast orgelartigen Synthesizersound. „Erth“ unterstreicht den Sludge-Charakter abermals und man fühlt sich auch hier wieder an die Urväter des Genres, Neurosis, erinnert. Das Album mündet schließlich in den längsten Track der Platte, „Space / Departure“. Der Name ist Programm: Die sich offensiv rhythmisch modulierenden Synths und Sequenzen wecken klassische Science Fiction Assoziationen (vielleicht soetwas wie die Soundkulisse zu den „Startvorbereitungen“?). Somit klingt das Ganze recht technisch, eine Facette, die wir hier so das erste Mal hören. Die Gitarren- und Vocalarbeit erinnert ein weiteres Mal an Cult Of Luna oder auch Isis und der Song endet schließlich in einer Kakophonie, einer verzerrten Wolke bestehend aus so ziemlich dem kompletten Instrumentarium der Band. Die Vermutung liegt nahe, dass es für die Menschheit vielleicht kein Licht am Ende des Tunnels, kein Happy End gibt.

Puh, geschafft. Das war anstrengend, hat aber trotzdem Spaß gemacht. ABRAHAM haben mit „Look, Here Comes The Dark!“ einen großen Schritt in eine möglicherweise glorreiche Zukunft gemacht und ein Post-Metal-Konzeptalbum erschaffen, welches seinesgleichen sucht. Progressiv (sicher nicht im Steven-Wilson-Sinne), fordernd, definitiv nicht leicht bekömmlich, aber immer wieder mit dezent gestreuten melodischen Lichtblicken. Diejenigen, die Isis immer noch nachtrauern, sich von Cult Of Luna mehr Output wünschen und The Ocean etwas abgewinnen können, sei das Album wärmstens ans Herz gelegt – aber man sollte ruhig ein bisschen Zeit mitbringen, um es vollständig zu begreifen.

Laudare – d.é.o.m.é.

Manchmal kann es auch schnell gehen – vor allem, bei jungen, motivierten Bands wie LAUDARE: Erst im September 2017 gegründet, ging es für die Leipziger bereits im Februar 2018 – begleitet von Tobias Häußler von farsot.an die Aufnahmen zum ersten Album „d.é.o.m.é.“, das das Trio nun in Eigenregie veröffentlicht hat.

Von „übereilt“ kann dabei keine Rede sein – hatten die drei Nachwuchsmusiker doch scheinbar von Anfang an eine klare Vision für die musikalische Umsetzung ihrer „Violent Poetry“, wie sie es selbst nennen: Bereits der Opener „Plethora“ erzeugt mit leisen Klängen und verzweifelter Stimme eine dichte Atmosphäre, die an A Forest Of Stars denken lässt. Doch darauf lassen sich LAUDARE nicht festlegen: Bereits das folgende „Balck Hole Reign“ überrascht mit so melodischem wie rockigem Black-Metal-Riffing und emotionalem Gesang, Tempowechseln und so vielen Stimmungswechseln, wie andere Bands nicht auf einem ganzen Album zu bieten haben.

So lassen LAUDARE auf das gefühlvolle Akustikstück „Collision …“ mit „… And Coherence“ einen so bunten wie gelungenen Mix aus ausgefuchsten Gitarre-/ Bassline-Arrangements und mitunter fast in Richtung Post-Hardcore abdriftendem Gesang vom Stapel: Heaven In Her Arms oder (im Schlusspart) Touché Amoré wären hier keine gänzlich abwegigen Vergleiche. Wirklich beeindruckend daran ist, dass LAUDARE große Teile des Albums live eingespielt haben – und das nicht nur sehr sauber, sondern auch mit extrem viel Gefühl. Nach einem weiteren Exkurs in Sachen Post-Black-Metal („Whoever Doesn’t Shine“) runden LAUDARE „d.é.o.m.é.“ im herrlich melancholischen „Nadir“ durch die Rückkehr zum verträumt-ruhigen Stil des Openers gekonnt ab.

All das kommt nur deswegen so gut zur Geltung, weil sich auch der Sound für Debüt mehr als hören lassen kann. Für ein perfektes Klangbild ist das Schlagzeug vielleicht einen Tick zu dumpf, oder sagen wir: zu brav abgemischt – und auch das ist im Kontext des ansonsten absolut stimmigen Sounds weniger Manko denn vielmehr Geschmackssache.

laudare“ beudetet im Lateinischen „loben“ – und wenngleich man LAUDARE mit der Namenswahl kein „fishing for compliments“ unterstellen möchte, gibt es an „d.é.o.m.é.“ doch reichlich zu loben: Ein individueller Stil, ein lebendiger Sound und ein alles in allem überzeugendes Konzept machen das Werk zu einem Debüt, dem man in keinem Belang anhört, dass man es hier eine junge Band bei ihren ersten musikalischen Schritten belauscht.

L’Homme Absurde – Sleepless

Der große Hype um den Post-Black-Metal ist eigentlich schon längst ein Ding der Vergangenheit. Dennoch gibt es immer wieder neue Nachzügler, die von der Mischung aus kratzigem Schreigesang, intensivem Drumming und luftigen Post-Rock-Einsprengseln einfach nicht genug bekommen. Zu diesen Spätberufenen zählen auch die Russen L’HOMME ABSURDE, die mit „Sleepless“ zum zweiten Mal ein Full-Length-Album herausgebracht haben. Neben einer Verfeinerung des auf ihrem Debüt „Monsters“ dargebotenen Stils sollen nun zusätzlich die Hardcore-Einflüsse der fünfköpfigen Band deutlicher zu Tage treten. Frischen Wind für das Genre, das seine Blütezeit bereits hinter sich hat, sollte man hier schon mal nicht erwarten.

Selbstverständlich muss eine Band nicht unbedingt einen komplett neuartigen Musikstil erfinden, um in der kaum überschaubaren Musiklandschaft von Relevanz zu sein. Gerade im Black Metal fahren viele Interpreten sehr gut damit, bereits Bekanntes allenfalls mit einem dezent eigenen Anstrich zu reproduzieren. In gewisser Weise tun L’HOMME ABSURDE dies anfangs sogar noch: Bösartiges Riffing wie es die Russen auf dem Opener „Cleansing The Temple“ einsetzen, hört man von ihren Kollegen, die oftmals eher dem Post-Rock als dem Black Metal zugetan sind, nicht gerade oft.

Trotz dieses passablen Einstiegs macht sich sogar noch im ersten Track allzu bald Enttäuschung breit: L’HOMME ABSURDE haben als Musikschaffende bedauerlicherweise rein gar nichts zu bieten, das andere vor ihnen nicht schon besser gemacht hätten. Das Screaming auf „Sleepless“ ist ausdruckslos und eindimensional, die Musik trotz einiger Breaks furchtbar eintönig und um die angebliche Hardcore-Punk-Attitüde herauszuhören, benötigt man einiges an Fantasie.

Als unausweichliche Konsequenz prägen sich die Tracks nahezu gar nicht ein – allenfalls die hellen Gitarrentöne in Verbindung mit dem rasanten Schlagzeugspiel auf „Moments In Coma“ und die lässig-friedliche Clean-Passage auf „Insult To Injury“. Im Gegensatz zu der emotionalen Achterbahnfahrt, die man etwa auf Deafheavens „Sunbather“ oder auf Thränenkinds „King Apathy“ zu spüren bekam, lassen L’HOMME ABSURDE den Hörer auf „Sleepless“ innerlich gänzlich kalt. Da hilft auch nicht die an sich akzeptable Produktion, die weder zu schroff noch zu geglättet klingt und somit den wohl am wenigsten problematischen Aspekt der Platte darstellt.

Grundsätzlich begehen L’HOMME ABSURDE auf ihrem 40 Minuten langen Zweitwerk keine unverzeihlichen Fehler – alle Bandmitglieder beherrschen ihre Instrumente in ausreichendem Maß und auch am Sound würde das Album nicht scheitern. Das einzige künstlerische Vergehen, dessen sich die russischen Post-Black-Metaller schuldig machen, ist die Vorhersehbarkeit, die das allzu stereotypische Schaffen des Quintetts kennzeichnet. Leider wiegt gerade dieser Schwachpunkt im konkreten Fall so schwer, dass man zu „Sleepless“ schlichtweg nicht den innigen Bezug herstellen kann wie zu den Schlüsselwerken des Genres. Wer Black Metal, Post-Rock und Hardcore stimmig gemixt haben möchte, sollte sich lieber an Ancst oder Harakiri For The Sky halten.

Face Off – Massive

Das serbische Quartett FACE OFF legt mit „Massive“ eine neue EP vor, die als eine Art Grundstein für eine ganze Reihe konzeptionell zusammenhängender EPs dienen soll. Musikalisch bietet die Band darauf eine Mischung aus sphärischem Post-Rock und härteren Metal-Passagen und erfindet das Rad damit sicherlich nicht neu. Die fünf Songs auf „Massive“ sind stattdessen leider zu großen Teilen Standardware, die nach dem Hören sofort wieder aus dem Kopf verschwinden.

FACE OFF setzen beim Songwriting zu sehr auf den Begriff Post. Songs wie „Retouching“ oder „Code White“ dümpeln zu gemächlich zwischen sphärischem Gitarrengezupfe und entrücktem Gesang hin und her. Klar gehört das zum Post-Rock dazu, aber dabei darf man auch den Rock-Part nicht vergessen. Dass FACE OFF aber auch packende Songs schreiben könne, beweisen der Titelsong und das abschließende „Water“. Das ist Post-Rock wie man ihn sich wünscht. Eine gute Balance zwischen Härte und sphärischen Parts und eine Sängerin, die mehr kann als nur vor sich hin säuseln. Die Riffs von Gitarrist Stefan Vitasovic erinnern in diesen Songs stellenweise gar an Deftones oder artverwandte Bands. Prinzipiell macht es den Eindruck, als ob die Songs auf „Massive“ eine Art Sandwich bilden würden. Zwischen den härteren und dynamischeren Stücken „Massive“ und „Water“ liegen drei eher unspektakuläre Songs, die einem fast wie Füllmaterial vorkommen. Weshalb dann gerade „Retouching“ im Trailer für das Videospiel „Helion“ vorkommt ist fraglich.

Mit „Massive“ legen FACE OFF ein Stück Musik vor, dass sich im übervollen Post-Rock-Genre nur schwer Gehör verschaffen kann. Zu abwechslungsreich und vielschichtig agieren Bands wie Spurv, God Is An Astronaut oder Explosions In The Sky mit den gleichen Bausteinen. Da die EP nur als eine Art Vorbote oder Intro dienen soll, darf man gespannt sein ob die Band sich auf den folgenden Veröffentlichungen noch steigern kann.