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Krakow – Minus

In Anbetracht der gerade mal etwas über 10 Millionen Einwohner, die Schweden aufzuwarten hat, ist es schon beeindruckend, wieviel qualitativ hochwertiger Rock und Metal aus dem skandinavischen Land kommt. Death- und Black-Metal-Bands gibt es dort zuhauf, aber auch Post-Metal ist gut vertreten: Zum Beispiel durch die Band KRAKOW aus Bergen, die mit „Minus“ ihren vierten Longplayer in 13 Jahren Bandgeschichte präsentieren. Der große Wurf oder eine weitere, belanglose Platte im Dschungel der Post-Irgendwas-Veröffentlichungen der letzten Monate und Jahre?

Der Einstieg weiß schon einmal zu gefallen: „Black Wandering Sun“ ist ein fetter Post-Metal-Stoner-Bastard mit mehrstimmigen, cleanen Gesangsparts, die bisweilen sogar an Alice In Chains erinnern. Das äußerst metallische Gitarrensolo gegen Ende gibt dem Song eine leichte Stoner-Note. Eingespielt hat es übrigens ein gewisser Phil Campbell von Motörhead… ein netter, unerwarteter Gastauftritt. Auch die nächsten beiden Songs überzeugen auf Anhieb durch ihre spannende Gitarren- und größtenteils cleane Gesangsarbeit. Bei letzterer gibt es allerdings im ersten Albumdrittel eine merkliche Steigerung in der Intensität und Roughness der Performance, die in eine großartige Wall Of Sound mit gegrowlten Vocals in „The Stranger“ mündet. Das ist cool, kurzweilig und sogar recht eigenständig, auch wenn die ganz großen Momente auf „Minus“ trotzdem erstmal ausbleiben.

Im doomigen „From Fire, From Stone“ machen sich dann erste leichte Schwächen im Arrangement bemerkbar: Jeder Songpart ist, einzeln für sich betrachtet, toll ausgearbeitet, aber trotzdem wirkt das Gesamtkonstrukt hier irgendwie hölzern und fast schon zusammengeschustert. Auch der instrumentale Titeltrack mutet lustlos an: Standard-Post-Rock-Riffs, die man so schon tausendmal gehört hat, und ein vorhersehbarer, sich quasi wiederholender und wenig organischer Aufbau. Das gelungene Finale des Schlusstracks „Tidlaus“ stimmt trotz abermals etwas zu breitgetretener Parts in der ersten Songhälfte wieder versöhnlicher: Die Kombination aus Gesangsmelodie und Gitarrenriff hat etwas Mantra-artiges und durchaus Ohrwurmcharakter.

KRAKOW zeigen auf „Minus“, dass sie durchaus ein paar nette und innovative Ideen parat haben, um dem Genre ein wenig frischen Wind zu bringen. Leider zeigt sich aber auch, dass die Farbpalette der Band nicht unendlich ist und dass sich das musikalische Konzept auf Albumlänge ziemlich abnutzt. Die ersten drei Songs sind ohne Frage hervorragend, nehmen aber auch nur zwölf der rund 38 Minuten Albumspielzeit in Anspruch – allerdings bieten diese zwölf Minuten eine theoretisch ziemlich große Bandbreite von gesanglichen und musikalischen Mitteln, die aber im weiteren Verlauf von „Minus“ nicht ausgenutzt wird. Bei den ausschweifenderen Arrangements sollten die Schweden auf jeden Fall noch nachbessern und für mehr Abwechslung sorgen – oder die Songs einfach kürzer halten.

Flares – Allegorhythms

Vor elf Jahren in Saarbrücken gegründet, leben die Mitglieder der Post-Rock-Band FLARES inzwischen über die gesamte Republik verstreut – was die kreative Zusammenarbeit aber nicht behindern muss, wie das neue Album „Allegorhythms“ beweisen möchte. Funktioniert das Bandgefüge nach einer längeren Zeit ohne Release noch einwandfrei?

Vier Jahre hat es gedauert, bis Keyboarder Mike Balzer und seine musikalischen Mitstreiter den Nachfolger ihrer Debüt-LP „Solar Empire an den Start bringen konnten. Das Warten hat sich jedoch gelohnt: „Allegorhythms“ ist ein tolles, eigenständiges Post-Rock-Album mit gehöriger Prog-Schlagseite geworden, für die sich vor allem Balzer, der die Platte auch produziert hat, verantwortlich zeigt und dessen Tastenspiel einer der Hauptstützpfeiler der ausgeklügelten Kompositionen der FLARES ist. Schon der Opener „Amusement Rides“ zeugt vom Einfallsreichtum des Quintetts: Das Piano zu Beginn weckt beinahe Western-Assoziationen, die Vocal- und Orgelpassage nach etwas über anderthalb Minuten erinnert an Mike Pattons Solo-Arbeiten und im letzten Drittel des Songs wird das Gitarrenbrett ausgepackt und durch gruselig-schöne Orgelklänge und mystisch-sphärisch-verhallte Stimmen ergänzt. Ziemlich großes Kino, aber kann die Band dieses Level auf Albumlänge halten?

„Savannah“ kommt etwas weniger schräg und somit zugänglicher daher, handelt es sich doch erst einmal um einen klassischen Post-Rock-Song mit durchaus auch jazzigen Rhythmus- und Gitarrenstrukturen. Im weiteren Verlauf liegt dem Song eine spacig-sphärische Atmosphäre zugrunde, die den progressiven Charakter weiter unterstreicht. Ursächlich sind auch hier die dominanten Keyboardflächen und der ausgiebige Einsatz von Hall- und Modulationseffekten auf so ziemlich allem außer Drums und Bass. Apropos Drums und Bass: Die Rhythmusgruppe der FLARES spielt ausgezeichnet zusammen und manches Mal kommen einem die Tiny Finges in den Sinn, wenn man die ausgefuchsten Arrangements im Detail hört. „Panta Rhei“ verschiebt schließlich den Fokus wieder mehr Richtung Prog und erinnert auch harmonietechnisch sehr an Steven Wilsons Soloplatten. Um die zwei Minuten kurze Interludes, „Sonde“ genannt, sorgen für Auflockerung zwischen den Stücken und den verstärken den Soundtrack-Charakter von „Allegorythms“ massiv.

Quasi aus dem Nichts haben die FLARES einen Post-Rock-Progressive-Rock-Hybriden aus dem Boden gestampft, der sich mehr als sehen lassen kann. Kurzweilig sowie musikalisch und technisch durchdacht (inklusive einem gelungenen Mastering von Cult-Of-Luna-Haus-und-Hof-Tontechniker Magnus Lindberg) weiß „Allegorhythms“ auf ganzer Linie zu überzeugen und avanciert somit zu einem der Geheimtipps des Jahres, wenn es um anspruchsvolle, atmosphärische Musik geht. Chapeu!

Eigengrau – Radiant

Nachdem Rise Of Avernus im Januar 2018 ein hervorragendes Symphonic-Death-Album mit dem kryptischen Titel „Eigengrau“ herausgebracht haben, erscheint nur wenige Monate später unter demselben Namen eine gänzlich anders ausgerichtete Musikgruppe auf der Bildfläche: EIGENGRAU stammen aus Dänemark und spielen auf ihrem Einstandsalbum „Radiant“ instrumentalen Post-Rock mit leicht progressiven Tendenzen. An sich könnte man davon ausgehen, dass in diesem Genre auch ohne Worte bereits alles gesagt worden ist, doch wie etwa zuletzt Coldbones mit ihrem Debüt zeigten, kann es sich durchaus lohnen, motivierten Newcomern auch jetzt noch eine Chance zu geben. Also gleich mal die Kopfhörer rein und los geht’s.

Jegliche Befürchtung, EIGENGRAU würden aufgrund ihres noch jungen Bestehens gerade mal die Mindestanforderungen ihrer Musikrichtung erfüllen, wird auf dem Opener „Once I Was“ ohne Umschweife aus dem Weg geräumt. Im Zuge der beinahe zwölf Minuten langen Einstiegsnummer geben sich sämtliche Merkmale der Platte ein erstes Stelldichein: Grobschlächtige Djent-Spielereien werden hier ganz wie von selbst in ätherisch hallende und leise trippelnde Clean-Gitarren und Drums im typischen Post-Rock-Stil eingebettet. Die unverzerrten Saitentöne, durch welche die Tracks den Hörer in eine wunderbar träumerische Stimmung versetzen, bilden eindeutig das Herzstück von „Radiant“.

Einschläferndem 08/15-Geklimper räumen EIGENGRAU in ihren Songs jedoch zum Glück keinen Platz ein. Die Kompositionen des Quintetts sind stets von einem belebten Flow durchdrungen, was mitunter daran liegt, dass die Dänen von zahlreichen Möglichkeiten der von ihnen gewählten Spielart Gebrauch machen – wenn auch nicht in völlig neuartiger Form. Dem nuancierten Songwriting trägt auch die transparente Produktion Rechnung, durch die viele der spielerischen Feinheiten erst ans Tageslicht befördert oder eigens durch verschiedene Effekte kreiert werden.

Die Dynamik, aus welcher die Clean-Gitarren wie auch die energetischen Leads ihr Ausdrucksvermögen beziehen, erfährt durch die abgehackten Prog-Rhythmen an manchen Stellen jedoch leider einen gewissen Abbruch, so zum Beispiel im phasenweise unangenehm disharmonischen „Nuuretarik“. Obwohl EIGENGRAU damit zumindest spielerisches Geschick und ihr Bemühen um einen eigenständigen Sound beweisen, tun sich die Djent-Einsprengsel letzten Endes doch eher als Störfaktor hervor.

EIGENGRAU haben mit „Radiant“ weder das progressivste noch das denkwürdigste Post-Rock-Full-Length der letzten Jahre abgeliefert, daran besteht trotz all seinen Vorzügen kein Zweifel. Das Debüt der Dänen wäre auch ohne die stocksteifen Djent-Einschübe bestens ausgekommen und dauerhaft herausstechende Stücke oder wenigstens Abschnitte hat „Radiant“ kaum zu bieten. Trotzdem ist die Professionalität, die EIGENGRAU schon so früh in ihrer Bandgeschichte zur Schau stellen, lobenswert. Wer vor allem Wert auf sinnvolle Arrangements und feinfühlig abgestimmte Produktion legt, wird auf „Radiant“ gewiss gut unterhalten.

Future Usses – The Existential Haunting

Post-Rock oder auch –Metal ist ein Genre mit theoretisch unbegrenzten kreativen Entfaltungsmöglichkeiten, eine gewisse Atmosphäre und Grundstimmung vorausgesetzt. Und so sprießen täglich neue Bands aus dem Boden und bei weitem nicht alle sind mit einem Alleinstellungsmerkmal gesegnet – und gehen somit wieder in der Masse unter. Intronaut – die Hauptband von Gitarrist, Sänger und FUTURE-USSES-Chef Sacha Dunable – hatten dieses Problem nie, im Gegenteil: die Fusion aus Jazz, Metal, progressiven Elementen und sowohl melodischen als auch gegrowlten Vocals hat einen hohen Wiedererkennungswert und bleibt auch nach mehrmaligen Hören spannend. Das liegt natürlich auch am charakteristischen Gitarrenspiel von Dunable und so hat „The Existential Haunting“, gerade in den ruhigeren Passagen, etwas Vertrautes. Aber es gibt ohne Frage mehr als genug Unterschiede zu Intronaut, die die Existenz von FUTURE USSES rechtfertigen.

„Vorsprung durch Technik“ muss sich Dunable gedacht haben und tauschte kurzerhand Gesangsmikrofon gegen Loop-Pedal und Sampler ein. In diesem Fall kein schlechter Deal, denn der Facettenreichtum an Klängen, die er den kleinen elektronischen Helfern entlockt, ist beachtlich. Gitarrenseitig ist zunächst erwähnenswert, dass das Fehlen eines zweiten Sechssaiters nicht auffällt: Dunable layert auf „The Existential Haunting“ über Minuten hinweg neue Gitarrenparts übereinander: Von fragilen Licks über spacige, effektbeladene Leads und Soli bis zu vollverzerrten Brettern ist alles dabei. Als ob er damit nicht schon genug beschäftigt wäre, feuert der gute Mann noch regelmäßig unterschiedlichste Sounds synthetischen Ursprungs ab (erinnert sich noch jemand an die chorartige Fläche im Jesu-Track „Heart Ache“ vom gleichnamigen Debüt?). Oder sind das etwa auch Gitarren?

Gleich der Opener „What Is Anything“ ist eine echte Perle: die effektbeladenen Gitarren- und Synthesizerparts (letztere, beinahe Steeldrum-artige Klänge wecken bisweilen fast fernöstliche Assoziationen) bauen durch verschiedene, geloopte Layer weiter aufeinander auf – bis ein tonnenschweres, doomiges Riff dem psychedelischen Treiben ein Ende setzt. Somit ist die Bandbreite und weitere Marschrichtung vorgegeben und „The Existential Haunting“ offenbart in den folgenden 30 Minuten ein tolles Wechselspiel aus verspielten, auch mal jazzig anmutenden Gitarren, spacigen Effekt- und sogar Vocoder-Sounds („Make Flowers“), melancholischen Flächenklängen und klassisch fetten Post-Metal- bzw. Doom-Passagen. Der Titeltrack erinnert dann wieder an besagte Hauptband von Sacha Dunable und kommt zu Anfang ziemlich jazzig daher, um in ein ausschweifendes, mehrstimmiges Gitarrensolo zu münden. Die Rhythmusgruppe, bestehend aus einem permanent angezerrten Bass und natürlich Drums, sorgt dabei jederzeit für das notwendige, groovende Fundament – Converge-Gitarrist Kurt Ballou hat hier ein weiteres Mal einen hervorragenden Job am Mischpult gemacht. Die kühle Soundästhetik der Produktion erinnert dabei häufig an Jesu-Platten wie „Heart Ache“, „Silver“ oder Justin K. Broadricks Lose-Blatt-Sammlung „Pale Sketches“.

FUTURE USSES‘ Debüt entpuppt sich als äußerst spannende Überraschung im Post-Metal-Einheitsbrei. Denjenigen, die bereits erwähnte Jesu-Longplayer oder auch die verspielten, experimentelleren Songs der Tiny Fingers mögen, sei „The Existential Haunting“ wärmstens ans Herz gelegt – aber auch alle anderen Freunde der stimmungsvollen Instrumentalmusik sind eingeladen, mal ein Ohr zu riskieren.

Dirge – Lost Empyrean

Wenn die Mitbegründer des Post Metal ein neues Album veröffentlichen, ist die Spannung im Vorfeld riesig. Enttäuschen können die fast schon legendären Franzosen von DIRGE eigentlich gar nicht, stattdessen fragt man sich nur, zu welchen Höhenflügen die Band diesmal einlädt. Und deshalb eines gleich vorweg: Ja, DIRGE schaffen es immer noch fesselnde Kompositionen zu erschaffen.

Auffällig ist aber, dass die Franzosen auf „Lost Empyrean“ den Anteil an Doom noch einmal deutlich erhöht haben. Schon die sludgig-doomigen Riffs des Openers „Wingless Multitude“ walzen zäh und bedrohlich aus den Boxen. Dabei agieren DIRGE aber nie zu monoton oder gleichförmig. Die Songs sind vielschichtig und wendungsreich, offenbaren teilweise aber auch erst nach mehrmaligen hören ihre wahre Tiefe. Bestes Beispiel dafür ist wohl das monumentale „Algid Troy“, dass im Endeffekt ein wahnsinniger Strudel aus melancholischen Melodien, erdrückenden Riffs und verzweifelten Vocals ist. Nein, DIRGE spielen immer noch keine fröhliche Musik.

Einen wirkichen Highlight-Song zu nennen ist schwer bis unmöglich. „Lost Empyrean“ lebt von der Gesamtheit der Songs. Allein die Übergänge zwischen den einzelnen Stücken sind meisterhaft umgesetzt. Es scheint fast so, als ob der Hörer von einem bodenlosen Abgrund in den Nächsten gleitet, getragen von den zähen Riffs und kaputten Vocals. Allerdings sticht „Sea Of Light“ doch ein wenig aus den anderen Songs hervor. Neben den bereits erwähnten verzweifelten Passagen, zeichnet sich die Nummer durch Momente aus, die einem Art Lichtblick gleichen. Der Hörer wird empor gezogen aus dem Abgrund, nur um kurz darauf wieder darin zu versinken, wenn das nächste dröhnende Riff einsetzt.

DIRGE gehen auch auf „Lost Empyrean“ ihren Weg weiter und fügen ihrer ohnehin schon starken Diskographie eine weitere sehr gute Scheibe hinzu. Wer sich gerade beim aktuellen Wetter nach verzweifelter, melancholischer Musik sehnt oder allgemein ein Freund der Melancholie ist, sollte hier definitiv reinhören.

Kultist – Aurora

Wer in den letzten Jahren in München Shows von Oathbreaker, Celeste oder Der Weg einer Freiheit besuchte, könnte auch kvltyst begegnet sein, die unter anderem diese Bands supporten durften. 2014 veröffentlichte die Formation, der auch King-Apathy-Gitarrist (ehemals Thränenkind) Flo angehört, ihre erste EP mit dem Namen „Zweifel“ – ganz stilecht auf Kassette. Vier Jahre später und nach vergeblicher Labelsuche, entschied sich die Band nun dazu, ihr Debütalbum „Aurora“ in Eigenregie auf den Markt zu bringen. Nicht nur vollzog die Band in der Zwischenzeit einen kleinen Imagewechsel, indem sie ihren Namen zum normal geschriebenen KULTIST änderten. Auch das stilvolle Blumen-Albumcover hat nur noch wenig mit dem schwarz-weiß-gezeichneten Cover ihrer EP zu tun.

Dass sich diese Stilanpassung möglicherweise auch in der Musik manifestieren würde, deutete sich in der Optik also bereits an. Tatsächlich hat „Aurora“ nur noch stellenweise mit jener rauhen Mischung aus Crust, Black Metal und Sludge zu tun, die sie damals auf „Zweifel“ präsentierten. Bereits das Intro „In Sphären“ erinnert mit seinen sanften, verhallten Tremolo-Gitarren eher an Post-Rock-Bands wie Mono. „Pulsar“ macht dann deutlich, wohin die Reise gehen soll. Über zehn Minuten hinweg verarbeiten KULTIST ein wundervoll melancholisches, aber gleichzeitig auch hoffnungsvolles Hauptthema, indem sie es in wechselnden Dynamikstufen durch verschiedene Arrangements hindurch variieren.

Ganz haben die Münchner die düstere Komponente zwar nicht aufgegeben. Etwa im Titeltrack, vor allem aber im abschließenden „Supernova“ kehren die Musiker zu bedrückenderen Klängen zurück. Wesentlich häufiger aber gesellt sich die Musik auf „Aurora“ zum sphärischen, harmonischen Post-(Black-)Metal musikalischer Vorbilder wie Deafheaven, Alcest oder Heaven In Her Arms. Einen zusätzlichen Vorteil verschaffen sich KULTIST durch den Einsatz von drei Gitarren: Häufig erlaubt es ihnen, zweistimme Parts von einer rhythmischen Komponente aus der Saitenfraktion begleiten zu lassen, oder sogar abgefahrenere Kompositionen zu kreieren, bei denen sich die drei Gitarren gegenseitig umspielen.

Dass letztlich dann aber doch noch ein gewisser Abstand in Sachen Professionalität zu jenen Vorbildern besteht, macht sich – neben dem manchmal noch etwas planlosen Songwriting mit wenig passenden Übergängen – vor allem in der Produktion des Albums bemerkbar. Trotz eines schön präsenten Basses klingt alles arg kraftlos abgemischt, vor allem das Schlagzeug leidet sehr unter einem ungleichmäßigen Mix: Der Bassdrum, vor allem aber der dünnen Snare fehlt die Durchschlagskraft. Die Becken dagegen schwanken untereinander enorm in der Lautstärke. Dass die Instrumente stellenweise auch etwas holprig eingespielt sind und dadurch ein wenig auseinanderschwimmen, untermauert jenen Eindruck, dass KULTIST bei ihrer Vorgehensweise durchaus noch Luft nach oben haben.

Ein weiteres Manko, das aber sicherlich auch in die Kategorie „Geschmacksfrage“ fällt, ist Fronter Felix‘ Gesang. Wahrscheinlich im Versuch, die hohen, oft verzweifelten Screams jener Vorbilder zu erreichen, schreit – oder besser gesagt: presst – er mit aller Kraft ein unkontrolliert monoton-nerviges Heulen heraus. Mit Emotionen hat das nur noch wenig, mit tatsächlicher Gesangstechnik hingegen wirklich gar nichts mehr zu tun. Ob das wirklich genau der Wunschgesang der Band ist, darüber kann nur spekuliert werden. Wenn Felix sich eine saubere Gesangstechnik aneignen oder den Job an einen geübten Sänger abtreten würde, könnte der Sound der Band sehr davon profitieren.

Mit den Größen ihres Genres können KULTIST auf ihrem Debüt „Aurora“ ganz klar noch nicht mithalten. An zu vielen Stellen steckt die Musik und deren Ausführung noch in den Kinderschuhen. Klar ist aber auch, dass man es hier mit einer unterstützenswerten Band zu tun hat, deren überdurchschnittlicher Post-Black-Metal sich qualitativ von der unüberschaubaren Masse an Schrott-Veröffentlichungen und unsäglichen Ein-Mann-Youtube-Projekten abhebt. Wenn KULTIST nächstes Mal mit etwas mehr Sorgfalt (und vielleicht auch einem größeren Budget) an die Produktion herangehen und noch bestehende Songwritingschwächen ausbügeln, vielleicht sogar noch weiter zu ihrem eigenen Sound finden, dann kann die Formation in Zukunft durchaus noch Einiges erreichen. Talent und Gespür für ihr Genre haben die Musiker auf jeden Fall.

Unreqvited – Mosaic I – L’Amour Et L’Ardeur

Manchmal ist es nur schwer nachvollziehbar, warum gewisse Bands schon kurz nach ihrer Gründung einen Hype auslösen, während andere Gruppen denselben Sound bereits Jahre zuvor perfektioniert haben, ohne dafür dieselbe Anerkennung zu erhalten. Dass UNREQVITED in der Depressive-Black-Metal-Szene innerhalb kürzester Zeit Anklang finden konnte, ist hingegen nur als recht und billig zu bezeichnen. Spätestens auf seinem Zweitwerk „Stars Wept To The Sea“, im Zuge dessen 鬼 Post-Black-Metal mit synthetischer Orchestrierung angereichert hatte, zeigte der kanadische Einzelmusiker immenses künstlerischen Potential. Nur ein paar Monate später liegt mit „Mosaic I – L‘Amour Et L‘Ardeur“ bereits der Nachfolger ebenjener Ausnahmeplatte vor.

War „Stars Wept To The Sea“ aufgrund seiner aufregenden, aber etwas holprig umgesetzten Ideen noch ein klassischer Rohdiamant, so markiert Album Nummer drei den Punkt, an dem sich UNREQVITED vollends zu entfalten beginnt. Die ursprünglich mehr als fragwürdige Entscheidung der Metalarchive, UNREQVITED wegen des angeblich zu geringen Black-Metal-Anteils aus der metallischen Online-Enzyklopädie zu streichen, kann man nun zumindest nachträglich als legitimiert ansehen. Auf „Mosaic I – L‘Amour Et L‘Ardeur“ stehen ganz klar der Post-Rock und die Keyboardarrangements im Zentrum der Aufmerksamkeit, wohingegen die herzzerreißenden Screams und die kraftvollen Riffs und Drums nur noch ausnahmsweise zum Vorschein kommen.

Die stilistische Bandbreite mag sich durch diese Neuausrichtung in einem engeren Rahmen bewegen, keineswegs jedoch die damit vertonten Emotionen. Trübsinn und Euphorie gehen hier auf beispiellose Art und Weise fließend ineinander über, ohne einander abzustoßen. Scheinbar mühelos gelingt es UNREQVITED, träumerische Clean-Gitarren und fragiles Klavierspiel in energiegeladene Ausbrüche überzuleiten, die gerade durch den Kontrast umso eindrucksvoller klingen.

Sogar seine wechselhaften Keyboards bringt 鬼 problemlos an beiden Enden der Skala unter: Während die ruhigen Momente der Harmonie oft in einen sphärischen Ambient-Schleier gehüllt sind, wird die Epik der drängenderen Passagen zumeist in Form von opulenten Chören, Streichern und Bläsern untermalt. Auch in soundtechnischer Hinsicht hat UNREQVITED in kürzester Zeit bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Die leicht unangenehme, kantige Produktion der Vorgängerplatte ist auf „Mosaic I – L‘Amour Et L‘Ardeur“ einem wesentlich natürlicheren, besser ausbalancierten Klang gewichen, der dem sanfteren Naturell der Songs wie auf den Leib geschneidert ist.

Sofern man UNREQVITED unbedingt auf Biegen und Brechen etwas vorwerfen möchte, dann am ehesten noch, dass die Keyboards bisweilen eine Spur zu viel Kitsch verströmen und dass die Orchestrierung mit „echten“ Instrumenten mehr hergemacht hätte. In sämtlichen anderen Belangen ist die Entwicklung, die „Mosaic I – L‘Amour Et L‘Ardeur“ abbildet, geradezu atemberaubend. Die Platte ist technisch fehlerfrei, bringt ein wenig frischen Wind in den Post-Black-Metal, zieht sich mit seinen 40 Minuten Spielzeit nicht im Geringsten in die Länge und vermittelt eine eigentümliche Gefühlsmischung aus Frohsinn und Melancholie – ein Kunststück, das nicht viele Bands auf derart stimmige Weise fertigbringen.

Tangled Thoughts Of Leaving – No Tether

In den letzten Jahren hat sich im Post-Rock die Tendenz bemerkbar gemacht, dass viele Bands lieber auf bewährte Mittel zurückgreifen, anstatt etwas Neues zu auszuprobieren – was sehr schade ist, bietet das aktuell sehr populäre Genre doch grundsätzlich das Potential, eine progressive und abwechslungsreiche Musikrichtung zu sein. Umso hellhöriger wird man, wenn eine Band abseits bekannter Pfade ihr Glück versucht. In diese Schublade gehören definitiv TANGLED THOUGHTS OF LEAVING, die mit „No Tether“ ein Album außerhalb der Mogwaischen Komfortzone vorlegen.

Schon nach den ersten Minuten des ersten „richtigen“ Tracks „The Alarmist“ („Sublunar“ ist lediglich als eine Art Intro zu verstehen) wird klar, dass die Band aus Perth einiges anders als die meisten genreüblichen Vertreter macht: Das beginnt schon mit den soundtrackartigen Arrangements auf „No Tether“, die stärker auf Repitition eines bestimmten Patterns aufbauen als dies bei vielen Artverwandten der Fall ist. Über weite Strecken wirkt die Musik trotz der organischen Umsetzung somit fast loopbasiert und erinnert durch die sich steigernden Wiederholungen eher an Jazz als an Rockmusik. Beim ruhigen „Cavern Ritual“ ist das auch halbwegs gelungen, der Song hat was von Bohren & der Club of Gore. Der Haken: TANGLED THOUGHTS OF LEAVING arbeiten einen Großteil der Zeit auf einen Höhepunkt hin, der dann entweder zu lange auf sich warten lässt, oder im schlimmsten Fall nicht kommt.

Die Instrumentalisierung, die massiven Elektronikeinsatz in Form von Synthesizern, Noise-Elementen und Samples ebenso berücksichtigt wie klassische Instrumente à la Piano, Posaune und Trompete, sorgt zwar durchaus für Abwechslung (gerade die jazzige Schlagzeugarbeit macht Freude) – aber das alleine reicht nicht, um den Zuhörer über Albumlänge wirklich bei der Stange zu halten. Die instrumentalen Songs der Australier sind ausladend, langatmig und wirken hier und da sogar ein wenig unausgegoren. Auch hier sind Jazz-Vergleiche durchaus zulässig: viele Arrangements wirken eher wie eine improvisierte Jam-Session oder eine Songskizze, als wie ein auskomponiertes Musikstück. Die etwas dumpfe Produktion macht es leider auch nicht besser.

Auf der Haben-Seite ist die intensive und bedrohliche Atmosphäre zu verbuchen, die TANGLED THOUGHTS OF LEAVING erzeugen. Die Tracks kommen wesentlich düsterer und unangenehmer (im positiven Sinne) daher, als dies bei vielen anderen Post-Rock-Bands der Falls ist. Metallische Passagen gibt es auf „No Tether“ eher selten, aber dafür die eine oder andere Gitarrenwand wie zum Beispiel im letzten Drittel von „Signal Erosion“. Musikalisch ist das sicher nicht anspruchslos, aber eben auch nicht wirklich zugänglich – somit bleibt wenig im Ohr hängen.

Als potentieller Soundtrack für einen Film oder auch live wirkt das neue TANGLED THOUGHTS OF LEAVING-Album sicher anders und möglicherweise auch cooler als auf Platte. Als Studioalbum funktioniert „No Tether“ nur bedingt. Wer etwas für die sperrigeren Vertreter der Zunft wie Godspeed You! Black Emporer, das letzte God-Is-An-Astronaut-Album „Epitaph“ oder auch Sunn O))) übrig hat, darf „No Tether“ eine Chance geben – auch wenn das Album sicher nicht die Klasse der genannten Bands erreicht.