Archives

Trautonist – Ember

Mit dem ursprünglichen Black Metal, der sich durch satanistische Texte, finstere und rohe Musik sowie eine bewusst ungeschliffene Produktionsweise auszeichnete, haben die moderneren Interpretationen des Genres oft nur noch wenig zu tun. So sind gerade im Post-Black-Metal Dur-Melodien und Klargesang keine Seltenheit. Welcher dieser beiden Gruppen TRAUTONIST angehören, ist kein allzu schwer zu lösendes Rätsel. Das betont moderne Artwork und die Thematik ihres zweiten Albums „Ember“, auf dem sich das deutsche Duo mit inneren Ambitionen auseinandersetzt, sprechen eine ebenso deutliche Sprache wie die Songtitel („Hills Of Gold“, „Sunwalk“). Doch wie gut schlagen sich TRAUTONIST im Vergleich zu Todtgelichter, Deafheaven & Co.?

Die Gegenüberstellung mit Todtgelichter bietet sich nicht nur wegen der offensichtlichen stilistischen Parallelen an, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass weiblicher Gesang ein charakteristisches Merkmal beider Bands ist. An Martas markante Gesangskünste reicht Katharina mit ihrer eher zarten Stimme zwar (noch) nicht heran, doch ihre einfühlsamen („The Garden“) und Zuversicht ausstrahlenden („Hills Of Gold“) Vocals kommen den Songs durchaus zugute und verleihen der Musik von TRAUTONIST sogar einen gewissen Wiedererkennungswert. Doch die Gemeinsamkeiten enden hier noch nicht.

Grundsätzlich laufen die meisten Songs auf „Ember“ in etwa nach dem Schema von „Phobos & Deimos“ („Angst“) ab: Schwungvolle, trotz ihres hellen Klangs melancholische Gitarrenriffs, verzweifelte Screams und treibendes Drumming sind die Grundbausteine, aus denen sich das vierzigminütige Album im wesentlichen zusammensetzt. Dass TRAUTONIST ein Gespür für mitreißende Dynamik haben, ist nicht zu überhören – dennoch bekommt man trotz der zwischendurch eingefügten, leicht verschrobenen Clean-Passagen nach einer Weile das Gefühl, dass sich die Post-Black-Metaller ein wenig zu sehr in ihre eigene Basisformel verliebt haben.

Die eigentliche Geißel, unter der die Musik von TRAUTONIST leidet, ist allerdings die miserable Produktion. In dem völlig verwaschenen und extrem gedämpften Klang sind die Vocals kaum herauszuhören, dafür ist die Rhythmusgitarre bei weitem zu sehr in den Vordergrund gemischt. Von dem Reiz, den die Platte aus musikalischer Sicht haben könnte, bleibt deshalb nicht allzu viel übrig, da die an sich schönen Melodien, die sich TRAUTONIST einfallen haben lassen, in dem soundtechnischen Durcheinander komplett ins Hintertreffen geraten.

Vor allem gegen Ende von „Ember“ zeigt sich doch noch, dass TRAUTONIST gewillt sind, beim Songwriting auch mal von ihrer gewohnten Herangehensweise abzuweichen und ein wenig Abwechslung in die Sache zu bringen. Das darin zum Vorschein kommende Potential bleibt aufgrund der mangelhaften Produktion jedoch leider weitgehend auf der Strecke. Natürlich kann man an TRAUTONIST nicht dieselben Ansprüche stellen wie an die Großen ihrer Zunft, doch auch gegenüber anderen Newcomern wie etwa Møl ziehen die Deutschen bedauerlicherweise den Kürzeren. Selbst mit der bei Underground-Werken gebotenen Nachsicht betrachtet kann „Ember“ somit leider nicht überzeugen.

Amenra w/ Myrkur

Im Februar kündigten mit AMENRA und MYRKUR zwei Bands, die sich atmosphärisch dichter Musik verschrieben haben, eine gemeinsame Tour in Deutschland und der Schweiz an. Beide brachten 2017 viel beachtete und geschätzte Alben heraus: Die Post-/Sludge-Metal-Formation AMENRA mit ihrem Opus „Mass VI“ und MYRKUR, das Black-Metal-Projekt der dänischen Sängerin Amalie Bruun, mit ihrem zweiten Werk „Mareridt“. An diesem Abend macht das Duo im Hansa 39 des Münchner Feierwerks halt.

In der schon gut gefüllten Halle betreten die den Abend eröffnenden MYRKUR die Bühne, auf der ein hübsch mit Pflanzen geschmückter Mikroständer an der Front platziert wurde. Zu einem sehr langsamen Drone-Riff nimmt Sängerin Amalie Bruun den Platz dahinter ein und beginnt, ihre sphärischen Gesänge darüberzulegen. Es ist eine ganz eigene Atmosphäre zwischen Schwermütigkeit und Mystik, die sich während MYRKURs Auftritt im Zuschauerraum breitmacht. Musikalisch bleibt die Band meist im Doom-Bereich, wechselt aber dann ab und zu auf einen Post-Black-Metal-Teil oder eine folkige Passage.

Bruun gelingt der Gesang dabei unheimlich gut und präzise – etwas zu sehr, um nicht zumindest ein wenig misstrauisch zu werden, wie viel da nachgeholfen wurde. Zumal ihr Gesang leider nicht gerade selten von etlichen sie begleitenden, vom Band abgespielten Hintergrundgesängen unterstützt wird. Dennoch: Mit viel Hall ausgestattet bringt sie einige sehr schöne Momente zustande, auch wenn es heute fast ausschließlich bei Klargesang bleibt. Ob es für die Wirkung des Auftritts musikalisch überflüssiges, optisch dramatisches Schlagen einer Handtrommel braucht, muss wohl jeder selbst entscheiden. Einen gelungenen Abschluss finden MYRKUR jedoch mit der von Bruun solo vorgetragenen, mittelalterlichen Ballade „Villemann og Magnhild“.

Setlist MYRKUR

  1. Drone Intro
  2. The Serpent
  3. Ulvinde
  4. Dybt I Skoven
  5. Onde Børn
  6. Vølvens Spådom
  7. Jeg Er Guden, I Er Tjenerne
  8. De Tre Piker
  9. Elleskudt Måneblôt
  10. Skøgen Skulle Dø
  11. Skaði
  12. Villemann Og Magnhild


Nach einer halben Stunde Umbaupause erscheint das Logo der Church Of Ra im Hansa 39, das zwar nicht ausverkauft, aber doch beeindruckend voll ist. Als AMENRA unspektakulär die Bühne betreten, ertönen erste Jubelschrei, das klassische Pausengemurmel verstummt dann allerdings erst auf einen Schlag, als Drummer Bjorn Lebon zwei Klangstöcke zusammenschlägt und die Messe eröffnet. Über gut fünf Minuten baut sich eine kaum auszuhaltende Spannung aus, bis die erste brachiale Wall of Sound über das Publikum hinweg walzt. Die Abmischung ist kristallklar, das Publikum headbangt in Slow Motion und AMENRA reißen mit einer bedrohlichen, packenden Atmosphäre mit, die inhaltlich fast alle Alben der Belgier abdeckt.

Es dauert fast 40 Minuten, bis Sänger Colin van Eeckhout sein Shirt auszieht und sein imposantes Rückentattoo offenbart. Auch wenn AMENRA wie immer auf jede Form der Publikumsinteraktion verzichten, überrascht es, dass Colin dieses Mal ganze Passagen dem Publikum zugewandt singt – den Großteil der Show verbringt er allerdings in seiner eigenen Welt, tief vergraben in den Visuals. Diese wirken auf der recht kleinen Bühne des Hansa 39 heute fast etwas verloren – die Kranhalle wäre insgesamt die stimmigere Location für ein Konzert von AMENRA gewesen. Nach 70 Minuten Brutalität, Fragilität, Leidenschaft und Sehnsucht ist es plötzlich still und die Musiker verlassen die Bühne – zurück bleibt nur das Logo der Church Of Ra.

Setlist AMENRA

  1. Boden
  2. Plus Près De Toi (Closer To You)
  3. Razoreater
  4. Diaken
  5. Thurifer et Clamor ad te Veniat
  6. Nowena | 9.10
  7. Terziele
  8. Am Kreuz
  9. Silver Needle. Golden Nail


Die mythische und apokalyptische Stimmung des Abends wird von beiden Bands auf unterschiedliche Weise transportiert. Während Myrkur verträumter, schöner und außerweltlicher agieren, sind Amenra eine grollende, aus der Tiefe stammende Urgewalt. Egal, wie oft man eine Show der Belgier auch sieht: Es ist immer wieder aufs Neue beeindruckend und umwerfend.

Tengil – shouldhavebeens

Manche Menschen neigen dazu, die Zeit ihrer Jugend durch eine rosarote Brille zu betrachten – es ist ein Lebensabschnitt, der oft von einer sonderbaren Mischung aus unbändigem Optimismus, Aufgeschlossenheit gegenüber dem Ungewissen, aber auch frühzeitiger, wehmütiger Nostalgie geprägt ist. Ebendieses allzu nachvollziehbare Gefühlschaos ist die Grundthematik, der sich das schwedische Post-Hardcore-Quartett TENGIL auf seinem zweiten Album und Prophecy-Debüt „shouldhavebeens“ widmet. Das Konzeptalbum über die miteinander verknüpften Lebenswege zweier Freunde steht damit von Anfang an erkennbar im scharfen Kontrast zu dem geradezu verstörenden, ungeschönten Vorgänger „Six“.

Dass TENGIL die Möglichkeiten, die sich ihnen im Hardcore und Post-Rock bieten, in vollem Umfang ausschöpfen, wird vom ersten Augenblick an deutlich: „I Dreamt I Was Old“ startet ohne Umschweife mit brachialen Drums, die eine seltsam gegensätzliche Symbiose mit sphärischen, strahlenden Klangebenen bilden. Trotz aller Härte, die auch in weiterer Folge immer wieder das Gitarren- und Schlagzeugspiel der Schweden zeichnet – sogar vor Blast-Beats wird nicht zurückgeschreckt – ist es vor allem das leichtfüßige Post-Rock-Feeling, das „shouldhavebeens“ einen markanten, glänzenden Anstrich verpasst. TENGIL tun gut daran, gelingt es ihnen dadurch doch auf unvergleichliche Weise, das lyrische Konzept in der Stimmung der Musik durchklingen zu lassen.

Mal schwelgt man in den bittersüßen Erinnerungen von damals, die Clean-Gitarren zurückhaltend und sphärisch („All For Your Myth“), dann schwingen sich die Melodien zu einem überschwänglichen, euphorischen Höhenflug auf („It’s All For Springtime“). Das Höchste der Gefühle ist im Fall von „shouldhavebeens“ jedoch unzweifelhaft der unfassbar emotionale Gesang von Sakarias, der in seiner Performance Mal um Mal bis an seine Grenzen geht. In jedem Wort, das der passionierte Sänger mit seinen hohen, ausgelassenen Vocals vertont, ist die tiefe Sehnsucht nach den Kindheitsfreunden, die Angst davor, einander aus den Augen zu verlieren und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zu spüren – Gefühle, die wohl jeder von uns schon einmal in sich getragen hat.

Dass TENGIL den Hörer auf emotionaler Ebene derart direkt ansprechen, würde ihre zweite Platte eigentlich zu einer fantastischen Erfahrung machen – wäre da nicht die miserable Produktion. Unausgeglichen, gedämpft bis zur Unkenntlichkeit, plump und grundlos noisig sind nur ein paar der Adjektive, mit denen sich das bedauerliche Sounddesaster umschreiben lässt.

Es ist wirklich ein höchst unglücklicher Umstand, dass „shouldhavebeens“ mit einem so unsäglich miesen Klang gestraft ist. Abgesehen von ein paar fragwürdigen Entscheidungen im Songwriting (wie etwa die neun Sekunden völliger Stille mit dem Titel „A Lifetime Of White Noise“) haben TENGIL hier nämlich ein ungeheuer gefühlsgeladenes Stück Musik geschaffen, das die jugendliche Energie des Post-Hardcore mit der Emotionalität und Larger-Than-Life-Atmosphäre des Post-Rock vereint. Sieht man über den misslungenen Sound hinweg, darf man sich über ein paar wirklich bewegende Gänsehautmomente freuen. Wer das nicht kann, muss seine Hoffnungen wohl in die nächste Deafheaven-Platte setzen.

Toundra – Vortex

Nach elf Jahren kann man auch mal etwas Neues wagen, dachten sich wohl die Madrilenen TOUNDRA: Auf „Toundra“, „Toundra (II)“, „Toundra (III)“ und „Toundra (IV)“ folgt nicht etwa der auch so betitelte fünfte Streich, sondern: „Vortex“. Auch sonst hat sich einiges Verändert bei den Instrumental-Post-Rockern – doch gewiss nicht zum Schlechteren.

Bereits das atmosphärische Intro, „Intro Vortex“, vor allem aber die folgenden Songs „Cobra“ und „Tuareg“ eröffnen gänzlich neue Welten im TOUNDRA-Kosmos: Nach wie vor bleibt die Musik rein instrumental, nach wie vor bewegt man sich irgendwo zwischen Post- und Prog-Rock. Doch die Atmosphäre ist diesmal anders. Wirkte „Toundra (IV)“ noch sehr experimentell, mit eher zartem Sound, ist das Material diesmal detaillierter ausgearbeitet, dichter im Sound und so alles in allem kraftvoller und schlüssiger.

So könnte ein „Cartavio“ auch einen Insomnium-Cleanpart inspiriert haben, könnte der ruhige Anfang von „Kingston Falls“ in Kollaboration mit Sigur Rós entstanden sein, könnte „Mojave“ als gelungene Hommage an die japanische Post-Rock-Instanz Mono zu verstehen sein. Der geschmeidig-weiche Cleansound, der sich in dem Elfminüter immer wieder um den kraftvollen, dabei aber sehr natürlichen Distortion-Sound spinnt, kann tontechnisch als Post-Rock in Vollendung gewertet werden: Gelungener kann man Musik in diesem Genre klanglich nicht in Szene setzen.

Die Vielfalt, die TOUNDRA auf „Vortex“ vereinen, zeigt sich nicht zuletzt in den Songlängen: Direkt auf „Mojave“ mit seiner zweistelligen Minutenzahl folgt der kürzeste Song des Albums („Roy Neary“), der es gerade so über die zwei Minuten schafft – dabei jedoch so viele Sounds und Ideen zu bieten hat, dass die 2:03 Minuten zugleich endlos wirken und im Fluge vergehen.

Das trifft auch auf „Vortex“ im Ganzen zu: Eine knappe Dreiviertelstunde soll es gewesen sein, was da eben vorbeigeflogen kam? Nur eine Dreiviertelstunde sollen diese wunderbare Ewigkeit gedauert haben, in der TOUNDRA diese bezaubernde Klangwelt vor uns ausgerollt haben? Am Ende ist es egal, wie lange oder kurz „Vortex“ gedauert hat – denn dieses Album ist im übertragenen wie wörtlichen Sinne „zeitlos“.

Coilguns – Millennials

Mit ihrem zu dritt eingespielten, aber dank einiger Tricks überaus fett produzierten Album „Commuters“ konnten die damals erst geschlossen bei der deutschen Post-Metal-Instanz The Ocean ausgestiegenen COILGUNS bereits 2013 überzeugen. Zum Quartett angewachsen, präsentiert die Schweizer Formation nun ihr neues Album, „Millennials“. Wer jedoch denkt, die Band hätte sich um einen zweiten Gitarristen verstärkt, der irrt.

Neu in den Reihen von COILGUNS ist vielmehr Donatien Thiévent, der sich (neben dem bisherigen Sänger Louis Jucker) dem Gesang und dem Synthesizer widmet. Ansonsten hat sich bei COILGUNS nicht all zu viel geändert: Nach wie vor nimmt die Band ihre Songs, die irgendwo zwischen Post-Hardcore und Sludge zu verorten sind, live und ungeschnitten auf – und nach wie vor hat das Material eine enorme Dynamik, wie nicht zuletzt der Titeltrack und das extrem aggressive „Music Circus Clown Care“, das mit seinem Mathcore-Einschlag Parallelen zu The Dillinger Escape Plan aufweist, eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Doch COILGUNS setzen dabei nicht immer auf das volle Brett: „Spectrogram“ beispielsweise klingt eher düster-noisig, „Self Employment Scheme“ hingegen trotz Freak-Faktor überraschend eingängig, das ganze Album insgesamt etwas mehr vom Post-Metal als vom Mathcore beeinflusst.

Wer sich übrigens bereits über die Titel der Songs gewundert hat, sei an dieser Stelle informiert: Hier verwendet die Band verrückt klingende Wikipedia-Artikeltitel, um eine „witzige Schlucht zwischen den Texten und ihren Titeln aufzureißen“. Ein etwas schräger Kniff – bei der durchaus leicht irren Musik der Band aber eigentlich auch nichts mehr, worüber man sich wundern müsste.

Am Ende steht mit „Millennials“ ein weiteres absolut gelungenes Album, das erfrischend unverbraucht und dynamisch klingt, ohne die Musikwelt zu revolutionieren: Geschickt lassen COILGUNS stattdessen Genregrenzen verschmelzen und machen im Bereich zwischen Post-Metal, Post-Hardcore und Mathcore ordentlich Wirbel.

God Is An Astronaut – Epitaph

Wie bei den meisten Musikgenres, die eine Zeit lang boomen und ab einem gewissen Punkt kaum noch Neues hervorbringen, kann man beim instrumentalen Post-Rock manchmal das Gefühl bekommen, dass eine Band der anderen gleicht. Die Gruppen, die wirklich Großes schaffen, sind in der Unterzahl, sodass es bisweilen ermüdend ist, die Welle an generischen Veröffentlichungen nach ihnen zu durchforsten. Doch es gibt sie noch, die Klangkünstler, deren Kompositionen mehr aussagen, als dass ihnen mit Worten beizukommen wäre. Die Iren GOD IS AN ASTRONAUT sind eine solche Band – zumindest wenn man sie an ihrem mittlerweile achten Album, das den verheißungsvollen Titel „Epitaph“ trägt, misst.

Nicht nur die Musik, auch das von Fursy Teyssier angefertigte Artwork spricht hier Bände: Von der luftig-leichten, hellen Grundstimmung, die viele Vertreter des Post-Rock in ihren Songs abbilden, fehlt hier jede noch so kleine Spur. Stattdessen malen GOD IS AN ASTRONAUT in musikalischer Form Bilder der Trostlosigkeit, in der oftmals noch ein Funke Hoffnung durchschimmert, der jedoch jeden Augenblick zu erlöschen droht. Wenn das irische Trio unverzerrte Gitarrentöne spielt, dann nicht von jener Sorte, die sich in freudvoller Ekstase in den Himmel emporschwingt, sondern vielmehr auf eine kalte, triste, nostalgische Weise.

Manchmal klingt „Epitaph“, als würde man einen tieftraurigen Tagtraum träumen, wie ein Echo längst verlorener Kindheitstage („Winter Dusk / Awakening“), ehe GOD IS AN ASTRONAUT den Hörer mit ungeahnter Wucht und bedeutungsschwerem Nachdruck wieder unsanft in die Wirklichkeit zurückholen („Mortal Coil“). Neben den mal mehr, mal weniger druckvollen Gitarren und Drums ist es vor allem das zurückhaltend gespielte Piano, über welches die Post-Rocker ein Gefühl von ephemerer, bittersüßer Schönheit vermitteln.

Die Wichtigkeit des richtigen Timings und eines sich langsam steigernden, konsistenten Songaufbaus haben GOD IS AN ASTRONAUT in vollem Umfang verinnerlicht. So vergehen etwa im Titeltrack immerhin zwei volle Minuten ehe zu dem schwermütigen Klavier elektronische Percussions und in weiterer Folge Gitarren und Schlagzeug hinzutreten. Ebenso stimmig wie die Songstrukturen an sich ist der Einsatz dezenter Electro-Beats, harscher Noise-Sounds und sphärischer Ambient-Klangflächen, die nie zu penetrant oder gar überfordernd in Erscheinung treten, sondern stets mit Maß und Ziel – ob nun als greller Lichtstrahl inmitten eines grollenden Gewitters („Komorebi“) oder als Ausdruck undurchdringlicher Finsternis („Medea“).

Wer sich beim Musikhören gerne in wohliger Wonne wiegt, ist bei „Epitaph“ eindeutig an der falschen Adresse. Geborgenheit und Trost wird man hier nicht finden, wohl aber das Gefühl, dass jedes der acht Musikstücke eine ungeheuer bedeutungsvolle Botschaft in sich trägt. Um diese zu verstehen, muss man dem Album Zeit und Aufmerksamkeit schenken – nebenbei hören funktioniert in diesem Fall überhaupt nicht. Eingängig ist die Musik, die GOD IS AN ASTRONAUT nun schon zum siebenten Mal aus sich fließen lassen, nahezu gar nicht. Dennoch hinterlässt sie Spuren, die weitaus länger bestehen bleiben als ein einfacher Ohrwurm. Wer bereit ist, hinzuhören und nicht vor bedrückenden Tongeflechten zurückschreckt, sollte sich mit „Epitaph“ unbedingt auseinandersetzen.

Møl – Jord

Spätestens seit Deafheaven mit „Sunbather“ die internationale Metalszene in Aufruhr versetzt und damit eine Welle der Bewunderung wie auch Verachtung auf sich gezogen haben, gibt es immer mehr junge Bands, die es ihnen gleichtun und die Grenzen zwischen Black Metal und Post-Rock Stück für Stück einreißen. Der große Hype um diesen damals noch nicht so alteingesessenen Musikstil scheint zwar bereits vorüber zu sein, dennoch gibt es nach wie vor aufstrebende Neuankömmlinge, die ihren amerikanischen Idolen hinterhereifern. Dazu zählen auch die dänischen Blackgazer MØL, deren Debüt „Jord“ ganz in der noch jungen Tradition von Bands wie Lantlôs, Wolves In The Throne Room oder eben Deafheaven steht.

Vor allem mit letzteren verbindet das nordeuropäische Quintett so manche stilistische Gemeinsamkeit. Vollkommen ohne Zurückhaltung schlagen MØL in ihre Instrumente, lassen leuchtend helle, druckvolle Gitarrenriffs und brachiale Blast-Beat-Rhythmen aufeinanderprallen und intensivieren das Gehörte mit giftigen Screams in verschiedenen Höhenlagen, die in diesem systematischen Chaos keineswegs untergehen, sondern stets auch mit den Ton angeben.

Mit dem eher anschmiegsamen Stil der Marke Alcest haben MØL somit nicht viel zu schaffen, wenngleich auch letztere ihre Kompositionen gerne mit träumerischen, schwebend leichten Clean-Gitarren versehen – wie zum Beispiel im einfühlsam schwelgenden Instrumental „Lambda“. Dennoch verliert man sich nie allzu lange in den verschrobenen Saitenklängen, da die Songs allesamt äußerst dynamisch arrangiert sind. Dadurch halten MØL nicht nur die Spannung konstant hoch, sondern vermitteln auch ein nachvollziehbares, emotionales Auf-und-Ab, das seinen Höhepunkt eindeutig im mitreißenden Aufschwung des abschließenden Titeltracks findet.

Obwohl MØL nicht übermäßig viel daran gelegen zu sein scheint, den Blackgaze neu zu definieren, setzen sie sich von ihren Wegbereitern immerhin durch ihre stärker ausgeprägte Hardcore-Attitüde ab. Diese äußert sich vor allem in den zum Teil überraschend scharfkantigen Gitarren (mitsamt brutalen Breakdowns) und den mittelhohen Shouts („Ligament“). Leider tut dies der ansonsten vorherrschenden Atmosphäre einen gewissen Abbruch, sodass man sich etwa zu Beginn von „Vakuum“ ein wenig aus dem Flow gerissen fühlt. Für sich betrachtet sind aber auch die brachialen Core-Passagen akkurat eingesetzt, sodass der Fehltritt, den sich MØL dadurch erlauben, zum Glück nur geringfügiger Art ist.

Im Großen und Ganzen verdienen MØL zwar auch wegen ihrer Metalcore-Einflüsse keinen Preis für Innovation, dennoch demonstrieren die Dänen mit ihrem angeschwärzten Post-Metal, dass sie willens sind, das Genre auf ihre eigene Weise zu verkörpern. Man merkt den Jungs ihre Entschlossenheit auf ihrem Full-Length-Einstand unzweifelhaft an, der Funke springt tatsächlich über. „Jord“ ist voll von einprägsamen und gefühlvollen Melodien, die ans Herz gehen und darüberhinaus akzeptabel, wenn auch ein wenig zu schroff produziert sind. Ein Blick in den Underground lohnt sich somit nicht nur im klassischen, sondern in diesem Fall auch im post-modernen Black Metal.

Coldbones – Where It All Began

Manchmal ist Musik derart aussagekräftig, dass es gar keines Gesangs oder Textes bedarf, um dem Hörer begreiflich zu machen, was der Künstler damit ausdrücken will. Vor allem in Genres, die ihrem Wesen nach auf das Erzeugen einer bestimmten Atmosphäre ausgerichtet sind, ist es keine Seltenheit, dass eine Band vollkommen instrumental agiert – zum Beispiel im Post-Rock. Mit COLDBONES erscheint nun ein weiterer Vertreter dieser Zunft auf der Bildfläche, denn das britische Trio legt mit „Where It All Began“ sein Debüt vor und wagt sich dabei sogleich an ein Konzeptalbum heran.

Dass eine Platte auch ohne Worte eine durchgehende Geschichte erzählen kann, haben unter anderem Seeming Emptiness mit „Heavy Rain“ hinreichend bewiesen. Während jedoch auf besagtem Album der Untergang der Zivilisation in Töne gegossen wurde, haben sich COLDBONES auf ihrem Erstlingswerk daran gemacht, dem Lebenszyklus eines Schmetterlings Gehör zu verleihen. Der kurze Zeitraum, mit dem man es hierbei zu tun hat, spiegelt sich auch in der Länge des Albums wider – letzteres läuft nur eine gute halbe Stunde lang. COLDBONES nutzen diese 32 Minuten allerdings in vollen Zügen aus.

Die Attribute, die man mit Schmetterlingen assoziiert – Liebe, Anmut, Fragilität, Schönheit – findet man allesamt auch in der Musik wieder. Doch auch die verschiedenen Stationen auf der Reise des geflügelten Protagonisten werden stets nachvollziehbar vertont – sei es nun die freudvolle Aufbruchsstimmung beim ersten Flug („New Heights“) oder die trübsinnige Resignation, die das Ende der Reise markiert und letztlich aber doch wieder neuer Hoffnung den Weg bereitet („To Whatever End“).

Dem facettenreichen Konzept entsprechend glänzen COLDBONES in ihren Kompositionen mit einer vielfältigen stilistischen Bandbreite. So langen die Briten anfangs noch in ätherischen Ambient hinein („Caspaces“, lassen den Hörer sich später in verschrobenen, verwaschenen Gitarrenmelodien verlieren („Lost“) und steigern die Intensität des Erlebten bisweilen sogar mit metallischer Härte, wie etwa im Titeltrack. Die dynamische Gitarrenarbeit, die COLDBONES mal mächtig und bedeutungsvoll, dann wiederum anschmiegsam oder sachte trippelnd klingen lassen („Moments“), erhält durch die wunderbar nuancierte Produktion sogar noch mehr Tiefgang und entfaltet somit ihr volles Potential.

Völlig gleich, ob COLDBONES die Aufmerksamkeit auf das große Ganze oder auf die klitzekleinen, kaum wahrnehmbaren Vorgänge, die den Lebensweg des auf dem farbenfrohen Artwork abgebildeten Geschöpfs ausmachen, lenken – beide Blickwinkel faszinieren auf ihre ganz eigene Weise. Obwohl es sich bei instrumentalem Post-Rock um ein Massenphänomen handelt, ist es COLDBONES gelungen, mit ihrem Debüt „Where It All Began“ etwas einzigartiges zu schaffen, das alle Vorzüge des Genres in sich vereint. Wer im CD-Regal zwischen Mono und Explosions In The Sky noch Platz hat, sollte ihn also definitiv für COLDBONES freihalten.