Konzertbericht: And One w/ Camouflage, De/Vision, Minerve

2011-10-22 Backstage, München

Einlass: 16:30 Uhr, Konzertbeginn: 17:10 Uhr. Bei diesen Zeiten würde man eher die Bremer Stadtmusikanten erwarten als ein Synthie-Pop/EBM-Festival im größeren Stil. Doch statt vier Tieren aufeinander fanden sich bereits zu vorgerückter Stunde zahlreiche Fans der elektronischen Klänge in Heerscharen nebeneinander im Münchner Backstage Werk ein. Das später ausverkaufte Haus hatte vier gute Gründe: MINERVE, DE/VISION, CAMOUFLAGE und AND ONE.

MINERVE starteten mit rund 20-minütiger Verspätung ihren sehr kurzen Auftritt. Ich bekam davon leider nur die letzten Takte mit und somit begann mein Konzertabend mit DE/VISION beinahe pünktlich um 18 Uhr: Nicht wirklich viel Zeit blieb Steffen Keth und Thomas Adam. Live verzichteten die beiden Musiker auch 2011 auf einen Gitarristen und Schlagzeuger, so dass die elektronischen Klangkompositionen einen ungewohnten Eindruck vermittelten – hörte man doch mehr als man sah. Doch der Sound und das Licht überzeugten, so dass die fehlende handgemachte Musik immer mehr in den Hintergrund rückte. Mit „Try To Forget“ und „Ready To Die“ sorgten De/vision direkt für Stimmung, eine Aufwärmphase war bei den extrem tanzbaren Beats nicht nötig. Das Publikum funktionierte, die Zwei-Mann-Band ebenso. Entsprechend schnell vergingen die 45 Minuten. Mit „I Regret“ wagten die Darmstädter bei der einzigen Zugabe schließlich einen Schritt in die ganze frühe Bandhistorie, genauer gesagt das Jahr 1996. Besonders die langjährigen Fans schienen sich über dieses besondere Bonbon sehr zu freuen.

CAMOUFLAGE setzten den eingeschlagenen Kurs fort: Schnelle, tanzbare Elektrobeats in (body-)poppigem Gewand. Das Tanzbein zuckte beinahe automatisch mit bei den ersten Stücken wie „Misery“ oder „Neighbours“. Im Vergleich zu De/vision boten Camouflage durch einen real anwesenden Schlagzeuger und Gitarristen die bessere Live-Performance: Zwar saß dadurch bei den etwas drum- und gitarrenlastigeren Stücken nicht jeder Ton millimetergenau, doch zum Konzertfeeling trug der „Echtheitsgrad“ entscheidend bei. Dazu überzeugte Sänger Marcus Meyn sowohl stimmlich als auch vom Auftreten. Immer wieder hielt er den Mikroständer in die Menge oder suchte anderweitig die Interaktion mit den separierten ersten Reihen (dazu später mehr). Auch wirkte er tänzerisch etwas lockerer und entspannter als sein Vorgänger. Zu den besten Songs avancierten erwartungsgemäß die größten Camouflage-Hits „Love Is A Shield“ (inklusive Akustikpart) und „The Great Commandment“, welche sich die Kombo bis zum Schluss aufhob. Stimmungstechnisch konnten die Elektroveteranen besonders gegen Ende noch ein Schippchen mehr aus den EBM-Jüngern im Backstage herauskitzeln.

Nun luden AND ONE zu ihrer selbstbetitelten „Sextron Fulltimeshow“. Und „Fulltime“ ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen: Insgesamt 30 Stücke legten die Szenegrößen auf’s Parkett. Doch der Anfang gestaltete sich zäh: Die Stimmung hielt sich genauso wenig wie das hervorragende Licht bei den Support-Acts. So huschte And One-Mastermind Steve Naghavi vor seinen selbst betitelten „Schlampen“ und „Soldaten“ (sprich: weiblichen und männlichen Fans) zunächst im Dunklen von einem zum anderen Ende der Bühne. Ein Hauch von Arroganz erfüllte dabei die Halle – für Fans der Berliner Synthie-Poper ein gewohntes Bild, für alle anderen befremdlich. Wie lustig es wirklich ist, direkt nach dem ersten Song „Techno Man“ kichernd den eigenen Abgang zu verkündigen und den Worten keine Taten folgen zu lassen, sei dahingestellt. Wenn der Sprücheklopfer selbst allerdings derjenige ist, der am meisten lacht, spricht dies eine eindeutige Sprache. Sobald sich Naghavi jedoch auf seine Musik konzentrierte, gab es dort durchaus Hörenswertes wie z.B. das The Cure-Cover „The Walk“ und „Seven“ im vorderen Konzertdrittel. Von den neu vorgestellten And One-Stücken überzeugte das eingängige „Memory“ weit mehr als das eher belanglose „Wounds“. Im Mittelteil ließen die Berliner in neuer, alter Besetzung schließlich erwartungsgemäß ihre deutschsprachigen Hits wie „Deutschmaschine“ und „Traumfrau“ folgen. Spätestens da funktionierte die Menge im Backstage besser. So reichten bereits die ersten Synthieklänge, um bei jenen Szenehits für großen Jubel im weiten Rund zu sorgen. Davor und danach fanden sich auch einige Füller in der Setliste, die bestenfalls Szenepublikum zu begeistern wussten. Wieder rein englischsprachig näherten sich And One mit „Recover You“ und „Get You Closer“ spürbar dem Ende. 1a atmosphärisch geriet dabei das rein instrumentale Finale „Playing Dead“.
Im ersten Zugabenblock ließen And One mit „Military Fashion Show“ ihren größten Hit folgen. Auf das umstrittene „Steine sind Steine“ und den allseits beliebten „Panzermensch“ warteten die Münchner an diesem Abend allerdings auch jetzt vergebens. Nach einigen überflüssigen Beleidigungen, die mehr von Neid und Missgunst zeugten, sowie einigen fragwürdigen Einlagen von Naghavi und seiner neu formierten Band, schlugen And One am Ende ungewohnt ruhige Töne an: Mit dem akustischen „So klingt Liebe“ und dem Depeche Mode-Cover „Enjoy The Silence“ schlossen sie den ultralangen Konzertabend. Die Stille zu genießen schien nach rund fünfstündiger Dauerbeschallung nicht unbedingt die schlechteste Wahl.

Wie bereits oben erwähnt, noch ein kleiner Hinweis zur Ticketsituation (wie sie hoffentlich einmalig bleibt): Neben normalen Tickets für ca. 40 Euro waren im VVK noch First Class- und sogenannte VIP-Tickets (für den Backstagebereich) für 70 bzw. 100 Euro erhältlich. Warum allerdings Besucher mit Backstagepässen nicht gleichzeitig in die abgetrennten ersten Reihen durften, wird wohl ein Geheimnis des Veranstalters bleiben. Wer also sowohl direkt vor der Bühne feiern als auch backstage mit den Künstlern quatschen wollte, musste sage und schreibe 170 Euro für einen einzigen Abend berappen.

Setliste And One:
01. Intro
02. Techno Man
03. Love And Fingers
04. Love You To The End
05. The Walk
06. Shining Star
07. Sometimes
08. Seven
09. Wounds
10. Memory
11. High
12. Traumfrau
13. Electrocution
14. Deutschmaschine
15. The Aim Is Your Head
16. Schwarz
17. Für
18. Zerstörer
19. Metalhammer
20. Recover You
21. Get You Closer
22. Playing Dead

23. Timekiller
24. Military Fashion Show
25. Bodynerv

26. Krieger
27. Speicherbar
28. Wasted

29. So Klingt Liebe (akustisch)
30. Enjoy The Silence

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