Interview mit Fabban von Aborym

Vier Jahre nach dem verstörenden Meisterwerk „Dirty“ meldet sich Bandkopf Fabban mit den gänzlich neu formierten und orientierten ABORYM zurück. Das Resultat ist „Shifting.Negative“, ein Album, das vor allem altgediente Fans der Band überraschen dürfte. Fronter Fabban über Gastmusiker, Techno und Live-Auftritte.

 

 

Gratulation zu „Shifting.Negative“. Was magst du an dem Album selbst am meisten?
Danke. Das Album ist aggressiv, unerschrocken, unvorsichtig. Manchmal arrogant und roh. Ich bin mir sicher, es gibt da draußen eine Menge Bands, die gerne die Musik machen würden, die sie lieben – aber genau das nicht können, weil sie an irgendwelche Regeln gekettet sind oder einfach, weil sie Angst haben, damit ein paar Fans zu verlieren. Wir haben genau das gemacht und sind damit sehr glücklich. Das Album ist definitiv ein Neuanfang für die Band, vor allem, weil ich jetzt eine Truppe aus Musikern um mich habe, mit denen ich zusammenarbeite. Ich habe gemerkt, dass ich Musik tatsächlich auch mit Vergnügen spielen und schreiben kann.

Was inspiriert dich beim Songwriting, was treibt dich an?
Natürlich waren da auch viele Momente, in denen ich glücklich war, traurig oder emotional bewegt, und davon zum Komponieren angeregt wurde, aber meistens plane ich bestimmte Songs oder Kompositionen. Ich habe normalerweise etwas sehr Konkretes im Kopf, das ich ausdrücken möchte, und versuche, mich dazu zu bringen, etwas Neues, Intelligentes, Ausgeklügeltes zu erschaffen. Heute sind wir an dem Punkt, an dem die Computer schnell genug werden, um selbst die kompliziertesten Tracks durchzurechnen – das schafft neue, kreativere Möglichkeiten in Sachen Soundmanipulation und -design. Manchmal passieren dabei auch lustige Zufälle – ich scheue mich nie davor, diese zu verwenden. Meine Regel lautet: Wenn es gut klingt, verwende es!

Was soll ein ABORYM-Song beim Hörer bewirken?
Ich versuche für gewöhnlich, meine Songs abstrakt und für den Hörer offen zu gestalten, so dass man nicht durch den Song eingeschränkt wird. Ich versuche, die Hörer in eine komplett andere Welt mitzunehmen. Meistens ist meine Welt genau dieser Moment. Ich schreibe immer zuerst auf, was ich will, dann fange ich an, es zu erschaffen.

Hast du einen Lieblingssong auf „Shifting.Negative“?
Wie soll man das beantworten? Das ist, als müsste man zwischen seinen Söhnen wählen! Aber wie auch immer… ich mag „For A Better Past“ sehr gerne, das ist ein sehr ganzheitlicher, reifer Song. Emotional, aber gleichzeitig auch wild.

Auf das sehr rohe, extreme „Dirty“ folgt nun ein deutlich vielseitigeres Album, das stilistisch von Black bis New Metal reicht. Was hat dich zu diesem Stilwechsel verleitet?
Auf der CD ist kein bisschen Black Metal. Das Album bedeutet für mich Freiheit und künstlerische Aufrichtigkeit. Beide Zutaten kann ich beim Großteil der Bands da draußen nicht finden. Es gibt so viel Scheiße da draußen. Ich sehe nur eine vergiftete Atmosphäre im Musikbusiness und fühle mich sehr glücklich, ein großer Fisch in einem kleinen Teich zu sein. Ich habe keinen Masterplan oder Karrierevorstellungen. So etwas habe ich nie wirklich. Was wichtig ist, ist, dass mich alles, was ich tue, interessiert und dass alles, was ich tue, aufrichtig ist und mit einer freien Gesinnung entsteht. Ich glaube, viele Musiker sagen das, aber handeln dann nicht wirklich danach. Ich schon. Ich will etwas anders machen. Du kannst jeden im Musikbusiness anlügen – nur nicht dich selbst. Ich ziehe Einflüsse aus verschiedensten Medien und Künstlern. Ich mag jeden Künstler, der abstrakte Formen und Einzigartigkeit vorantreibt. Ich mag alles, was den Geist in Bewegung bringt oder verstört und das Individuum dazu bringt, alles mal von einem gänzlich anderen Standpunkt aus zu betrachten. Avantgarde fasziniert mich, Industrial und Noise, Techno, Electro und alle Kombinationen daraus. Künstler wie Ozric Tentacles oder Einstürzende Neubauten haben mich begeistert. Diese Phase war für mich wie die Renaissance der industriellen Musik. Und Iggy Pop ist definitiv der beste Fronter überhaupt, wenn wir von Rock-Musik reden.

Das Album klingt stellenweise, als wäre es von Bands wie Marilyn Manson, Korn oder Type O Negative beeinflusst. Was hältst du von diesen Bands und würdest du sie als Inspirationsquelle ansehen?
Das sind alles großartige Bands, auch wenn ich sie nicht als Einfluss ansehen würde.

Das Artwork des Albums ist sehr modern, aber auch abstrakt – was sehen wir hier und warum ist das Bild die perfekte Visualisierung zu „Shifting.Negative“?
Ich wollte diesmal etwas, das aus echten Materialien gemacht ist. Ich habe gemerkt, dass es dafür besser wäre, mit einem echten, professionellen Künstler zusammenzuarbeiten. Also habe ich David Cragnè angeheuert, ein Konzept-Artwork zu „Shifted.Negative“ zu erschaffen. Es gibt ein interessantes Kurzvideo, das den Entstehungsprozess des Artworks dokumentiert, „Shifting.Negative.Art“ – mit Material aus der Work-in-Progress-Phase bis zum fertigen Resultat, sowie einem Interview mit diesem großartigen Künstler.

Worum geht es auf „Shifting.Negative“?
Einige der Texte sind Teile meiner tiefsten Gedankenwelt, sie sind Exzerpte meines Lebens. Sehr schlimme Zeiten, in denen ich versucht habe, zu überleben, umgeben von vielen Problemen … Alkohol, Einsamkeit und eine sehr schlechter Stimmung.  „Precarious“ ist einer davon. Ich habe auch über die Gefühle geschrieben, wenn du etwas vermisst, das dir früher wichtig war. Die Träume verblassen ins Nichts, lassen dir nur eine blasse Erinnerung daran zurück, was einst als Perfektion angesehen wurde. Aber immer wieder mal kommen sie zurück, ohne Vorwarnung. Ich habe über das Gefühl geschrieben, wenn du von Erinnerungen gequält wirst, von Träumen von der Liebe. Nicht vergessen wollen, aber wissen, dass du im Herbeisehnen des anderen verrückt wirst, wenn du nicht vergisst, gehen lässt. Auch über Träume, die zu Alpträumen werden, verlorene Liebe, verraten werden… all die Träume, die falsch gelaufen sind… solche Themen.

Auf „Shifting.Negative“ wirkt eine stattliche Anzahl an Gastmusikern mit. Was war da die Idee, und wie hast du ausgewählt, wen du fragst?
Bezüglich „Shifting.Negative“ habe ich mich außerdem dazu entschlossen, mit professionellen Tontechnikern und Sound-Designern zusammenzuarbeiten, um die bestmögliche Klangqualität zu erreichen. Guido Elmi haben wir als Post-Production-Supervisor angestellt, nicht als Musiker. Aber mit Musikern aus aller Welt zu arbeiten hat bei dieser Band lange Tradition.
Ich arbeite einfach gerne mit anderen Künstlern zusammen. Manchmal lade ich Leute ein, manchmal fragen sie mich, ob sie etwas zu einem Album beisteuern dürfen, manchmal passiert es einfach, ohne es zu erzwingen. Es war einfach wunderbar, Sin Quirin von Ministry dabei zu haben, einer Band, der ich seit meinen Teenager-Tagen folge, Ricktor von The Electric Hellfire Club, Mr. Davide Tiso natürlich… Pier Marzano hat mit seinen Gitarren-Soli auch einen supercoolen Job gemacht. Wir sind alle mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Aber vor allem bin ich mit der Tatsache zufrieden, dass ABORYM jetzt eine echte Band ist. Das klingt wie eine Selbstverständlichkeit, aber das war es definitiv nicht.
Im Endeffekt habe ich eine Gruppe von Musikern zusammengebracht, die noch nie zuvor zusammen gespielt hatten. Und nicht nur das, sondern sie kommen auch noch aus ganz unterschiedlichen Feldern. Angefangen habe ich mit Dan V und RG Narchost, die beide sehr aufgeschlossene Musiker sind und aus dem Metal-Bereich kommen, auch wenn sie sich sehr für experimentelle Musik interessieren. Dann kamen Keyboarder Stefano Angiulli und Schlagzeuger Gianluca dazu, die Rock-/Metal-Musiker mit sehr unterschiedlichen Karrierewegen sind.

Was hat sich durch die Umstrukturierung von ABORYM hin zu einer vollen Band geändert?
Während der letzten Phase der Vorproduktion wurde Pieri durch Dan V ersetzt, der mir dann schlussendlich geholfen hat, all die Demos in fertige Songs zu verwandeln. Das war eine sehr positive Herausforderung, um mich dazu zu bringen, Musik zu erschaffen, die auf einem neuen Level agiert. Jetzt kann ich endlich mit einer kompletten Band aus professionellen Musikern arbeiten, Leute und enge Freunde, mit denen ich für künftige Aufnahmen und Live-Shows arbeiten kann. Immer, wenn wir ins Studio gegangen sind, kannte jeder die Arrangements und die Teile, die ausgearbeitet waren, bezüglich wer was wo zu tun hatte.

Die Sache daran, eine ganze Gruppe von Musikern wie diesen zu haben, ist aber vor allem nicht, sie an einen bestimmten Ansatz oder eine Art, etwas zu spielen, zu fesseln. Alles lief sehr locker ab. Sie haben eine Menge Input gebracht, vor allem, was das Arrangement angeht, oder die Gitarren-Soli. Tatsächlich sind alle Soli ihre eigenen Soli. Generell sage ich ihnen, was sie spielen sollen, aber es bleibt auch viel Raum für Improvisation.

Plant ihr mit dem neuen Lineup auch live aufzutreten?
Ja, aber wir müssen hier erstmal noch ein paar Dinge in unserem Studio klären, anfangen, das neue Material mit der neuen Besetzung zu proben… es wird viel Zeit und harte Arbeit erfordern. Aber ich hoffe, wir sind ab April einsatzbereit.

Was denkst du von der italienischen (Black-)Metal-Szene? Welche Bands aus deiner Heimat magst du?
Das interessiert mich nicht, sowas höre ich mir nicht an.

Vielen Dank für das Interview – zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Donald Trump:
Fuck Trump!
Mayhem: Kabarett
Brexit: Epic Fail
Deutschland: Bayern München & Wurst
666: 18.. richtig? Mathe ist nicht meine Stärke
ABORYM in zehn Jahren: Alte Nerds, die Zeug mit modularen Synthesizern machen.

Danke für deine Zeit und Antworten – die letzten Worte gehören dir:
Danke für das Gespräch! Erwartet schon 2017 neue Musik von ABORYM!