Interview mit Bob Mollema von Fluisteraars

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Von den vielen, über den Erdball verteilten Black-Metal-Szenen ist die niederländische vermutlich die verschrobenste. Ein Paradebeispiel hierfür haben jüngst FLUISTERAARS mit ihrem dritten Album „Bloem“ vorgelegt. Im Interview mit Bob Mollema stand uns der Frontmann des Duos Rede und Antwort zu dem blühenden Konzept der Platte, dem Einfluss, den das Landschaftsbild seiner Heimat auf den kauzigen Sound vieler dortiger Bands haben könnte, und seiner Meinung zu Plastikblumen.

 

 

Fangen wir ganz von vorne an: Was hat dich dazu animiert, professioneller Musiker zu werden?
Ich werde auf diese Frage im Namen der Band antworten. Schon in unserer Jugend beschäftigten wir uns mit Musik. Wir kommen aus einem freien musikalischen Nest, in dem wir schon in jungen Jahren mit verschiedenen Genres konfrontiert wurden. Als wir älter wurden, begann unsere eigene Reise. Musik zu machen war eine logische Konsequenz. Wir wollten unsere Helden imitieren, weil wir das Gefühl hatten, sie könnten unsere Gefühle so gut ausdrücken. Auf diese Weise wurde die Musik langsam aber sicher zu einem persönlichen Ventil, das von unseren Leidenschaften und Gefühlen angetrieben wurde.

Was war die künstlerische Vision, die du für FLUISTERAARS hattest und inwieweit hat sie sich bis heute verändert?
Bei FLUISTERAARS beschäftigen wir uns damit, unsere Weltanschauung und was damit zusammenhängt in Musik umzusetzen. Unsere Weltanschauung hat sich im Laufe der Jahre nicht so sehr verändert, ist aber tiefsinniger und stärker geworden. Unsere Musik wächst Seite an Seite mit uns. Wir schöpfen viel Inspiration aus alter Folklore, der Philosophie und dem breiten Spektrum der Musik, die es in der Welt gibt. Wir stehen dieser Gesellschaft sehr kritisch gegenüber, sind uns aber gleichzeitig bewusst, dass es kompliziert ist, sie ganz aufzugeben. Unsere Musik ist für uns persönlich ein Schlüssel zu einer, unserer Meinung nach, besseren Welt. Einer Welt, in der der Staat ausgelöscht wird und in der die Menschen die Dinge ohne eine Obrigkeit untereinander regeln. Im Laufe der Jahre wurde diese Vision, wie ich bereits sagte, schärfer und tiefsinniger. Das hört man in der Musik, aber man kann es auch in den Texten lesen und in den Artworks sehen. Dass unsere Vision Anklang findet, zeigt sich an unserer wachsenden Fangemeinde.

Die niederländische Black-Metal-Szene gilt weiterhin als sehr ungewöhnlich. Woran, denkst du, liegt es, dass so viele Bands bei euch so weit abseits der Norm liegen?
Vielleicht hat es etwas mit unserer flachen Landschaft zu tun. Das führt dazu, dass man weit sehen kann, aber auch, dass man gut zu sehen ist. Die Einflüsse erreichen einen leichter. Es ist dicht besiedelt und es gibt viele verschiedene Nationalitäten, die alle eine andere Vergangenheit haben oder etwas Neues mitbringen, wenn sie hierher kommen. Es ist fast garantiert, dass man mit neuen Kulturen in Kontakt kommt, weil die Städte nicht so weit voneinander entfernt sind. Selbst wenn man aus einem kleinen Dorf kommt, kommen Einflüsse auf einen zu, und deshalb kommen die Niederlande nie zum Stillstand. Wenn man in einem abgelegenen Bergdorf in Österreich wohnt, ist es verdammt schwierig, physisch auf neue Einflüsse zu stoßen. Natürlich gibt es auch das Internet, aber das Internet bedeutet auch, dass man eine Wahl in Bezug auf Einfluss und Inspiration treffen kann, sodass es immer die eigene Wahl bleibt. Meiner Meinung nach ist also die Landschaft ein Hauptakteur im niederländischen Black-Metal-Sound. Er ist ständigen Veränderungen und Innovationen unterworfen. Ich frage mich, was andere in der Szene darüber denken. Eine gute Frage!

Ich habe auch den Eindruck, dass die Black-Metal-Community in den Niederlanden recht stark vernetzt ist – es gibt zwischen den Bands viele personelle Überschneidungen. Wie wichtig ist es dir persönlich, da involviert zu sein?
Durch die Zusammenarbeit lernt man viel von anderen, aber auch über sich selbst. Das erweitert den Horizont und stärkt die eigene Vision.

Euer neues Album „Bloem“ dreht sich um die Blume als Symbol für Zerfall und Regeneration – ein sehr untypisches Konzept für eine Black-Metal-Band. Wie seid ihr auf diese Idee gekommen?
Für uns persönlich hat es zwei Bedeutungen. Die erste ist, dass wir uns selbst entwickelt und alle Luken für neue Einflüsse und Erfahrungen geöffnet haben. Wir wollen, dass auch FLUISTERAARS dem ausgesetzt wird, sodass uns unsere Band wie immer auf unserem Lebensweg folgt. Wir sehen dieses Wachsen und diese Entwicklung als Flucht aus der Uniformität, die manchmal noch in der Szene herrscht. Gegen diese ist grundsätzlich nichts einzuwenden, aber da FLUISTERAARS einen so großen Teil unseres persönlichen Lebens ausmacht, müssen wir uns von Konventionen lösen und die Kunst sprechen lassen.
Das Album handelt auch von Legenden, die Blumen enthalten. Manchmal sind es Kombinationen aus alten Geschichten und Mythen und manchmal sind es Gedichte, die auf Reinkarnation basieren. Blumen sind sehr mystisch, weil sie stark und schön sind, kurz bevor sie sterben. Sie sterben unmittelbar danach. Wohingegen Menschen zu einem schwachen Sack voller Elend werden. In diesem Sinne hat eine Blume eine größere Wirkung und ist ohne Furcht.

„Bloem“ unterscheidet sich ästhetisch sehr stark von euren bisherigen Veröffentlichungen und beinhaltet etwas kürzere Songs. Würdest du sagen, dass ihr FLUISTERAARS auf diesem Album neu erfunden habt?
Wir versuchen immer, das Ganze in eine andere Richtung zu lenken. Zum Glück wissen wir nie, wohin es geht, aber am Ende haben wir Vertrauen in das Endergebnis.

Wie haben Fans und Fachpresse auf die doch recht ungewöhnlichen Elemente von „Bloem“ reagiert? Und wie wichtig ist dir das Feedback von Fans und Fachpresse?
Wir haben bisher nur positive Reaktionen erhalten, gesehen und gelesen. Die Zahl der Streams auf den digitalen Plattformen ist in die Höhe geschossen. Zudem sind auch die physischen Varianten ausverkauft. Das ist noch nie so schnell passiert. Für uns ist dies eine Bestätigung, dass die Menschen unsere Musik schätzen und die Botschaft verstehen.

Was war von „Bloem“ zuerst da – das Konzept oder die Musik? Und inwieweit hat das eine das jeweils andere beeinflusst?
Bei diesem Album war zuerst die Musik da. Die Vorproduktionen besaßen eine Richtung, die einen starken Appetit auf Natur und Mystik zeigte. Plötzlich erhielt ich einen Anruf von Mink, der im Intro von „Gesprengte Ketten“ ein Mohnfeld gesehen hatte. Als ich es sah, wusste ich sofort: Das ist das Bild. Von diesem Moment an können wir die Musik als den Lebensweg einer Blume interpretieren. Es war ein organischer Prozess, den wir genossen. Die Musik und die Texte haben sich auch gegenseitig geführt. Das war interessant zu sehen. Manchmal wollte ich, dass einige Texte durch ein bestimmtes Stück unterstützt werden, aber umgekehrt. Zum Beispiel die aufschlussreichen Musikstücke, auf die der Text abgestimmt ist. Während der Entstehung dieses Albums habe ich gelernt, dass Musik sehr visuell sein kann.

Während manche Tracks wie „Tere Muur“ ziemlich intensiv klingen, gibt es auf „Bloem“ auch gemäßigtere Songs wie „Eeuwige Ram“. Inwieweit hängt das mit den textlichen Inhalten der jeweiligen Songs zusammen?
Das Lied „Tere Muur“ handelt vom Untergang der Schönheit. Der Text erzählt dies auf poetische Weise. Das nächste Stück „Nasleep“ handelt von der Akzeptanz des Verfalls. Darauf folgt „Eeuwige Ram“, textlich geht es in diesem Stück um eine verschwommene Vision einer Sekte, die ein Ritual durchführt, aber für die Person, die die Vision empfängt, ist sie unklar. Die Vision kehrt immer wieder zurück, und die Person akzeptiert langsam, dass sie beginnt, wieder aufzuerstehen. Dann beginnt „Vlek“ und damit beginnt der Kreis tatsächlich wieder. Das letzte Stück, „Maanruïne“, handelt von einem alten Haus auf dem Mond, in dem all diese Dinge festgelegt sind. Dieser Track ist transzendent, weil er über der Reziprozität steht und ziemlich entscheidend ist. Ich werde nicht alles erzählen, aber ungefähr so sind der Text und die Musik als Ganzes.

Neben den im Metal gebräuchlichen Instrumenten hört man auf „Bloem“ auch von einem Gastmusiker eingespielte Blechbläser. Weshalb fandet ihr es passend, Trompete und Posaune in euren neuen Songs einzubauen?
Das Horn ist seit langem ein Symbol der Initiation, aber auch des Abschlusses. Das passt an allen Fronten perfekt zum Thema dieses Albums.

Wie werdet ihr das bei Konzerten handhaben (sobald diese wieder möglich sind)? Habt ihr vor, für die Bläser-Parts Sessionmusiker beizuziehen oder werdet ihr die Songs für eure übliche Live-Besetzung anpassen?
Wir spielen nicht live. Wenn wir es in Zukunft tun, werden wir mit guten Leuten zusammenarbeiten.

Kannst du auch schon abschätzen, ob ihr in Zukunft noch öfter im Black Metal unübliche Instrumente einsetzen werdet?
Darüber können wir noch nichts sagen. Es hängt nur davon ab, wie sich zukünftige Alben entwickeln. Nur davon ausgehend können wir entscheiden, was passt. Natürlich werden wir nicht sagen: „Wir wollen jetzt eine Klarinette verwenden. Wie können wir ein Album machen, das gut dazu passt?“

In der Black-Metal-Hörerschaft gibt es leider viele Engstirnige, die einer Thematik und Ästhetik wie jener von „Bloem“ ablehnend gegenüberstehen. Kannst du es bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, dass einige der Ansicht sind, dass dies nicht zu dieser Sorte von Musik passt?
Wie ich bereits erwähnt habe, ist es in Ordnung, sich an die Einheitlichkeit der Szene zu halten. Aber wenn man wirklich ein Rebell sein und die Welt verändern will, dann muss man loslassen und offen sein. Menschen, die an der Uniformität festhalten, sind gefangen und Sklaven einer bestimmten Idee. Das ist etwas, das wir überhaupt nicht unterstützen. Deshalb möchte ich diese Menschen bitten, sich selbst zu lieben und die Ketten zu durchbrechen.

Eine gewisse Naturverbundenheit, die man mit „Bloem“ aus naheliegenden Gründen assoziieren kann, ist im Black Metal hingegen oft anzutreffen. Wie wichtig ist dir persönlich ein Bezug zur Natur im Gegensatz zum urbanen Lebensraum?
Jeder in dieser Band ist in der natürlichsten Umgebung in den Niederlanden aufgewachsen. In der Veluwe. Letztlich hatten wir auch Erfahrungen mit dem städtischen Leben, aber wir kamen immer wieder zurück. Im Zentrum dieser beiden Extreme steht eine ungeheure Energie, in der wir uns befinden. Was wir dort finden, ist eine Inspiration, die uns dazu anregt, einen kritischen Blick auf die städtische Umwelt zu werfen und unser Verlangen nach Natur zu verstärken. Indem wir in der Mitte balancieren, ist es uns auch möglich, manchmal in die städtische Umwelt zurückzukehren, um die Menschen durch unsere Kunst zur Natur zu führen. Die Natur ist unsere größte Inspiration, denn wenn man sie studiert, kann man herausfinden, dass wir unbedeutend sind und deshalb die majestätische Natur respektieren und uns als Gast sehen müssen.

Passend zur Thematik sieht man auf dem Cover eine Aufnahme von Mohnblumen, deren Bildaufbau jedoch fast ein wenig willkürlich wirkt. Warum fandest du es gerade so stimmig?
Es ist alles andere als willkürlich. Dieses Foto war das beste in einer Serie. Die analoge Qualität gefällt uns und die Komposition stellt die Blumen tatsächlich auf einen Sockel. Sie überragen uns und sind deshalb in ihrer Schönheit bedrohlich. Sie haben keine Angst vor dem Sterben und stehen im Schatten. Sie sind, wie Douglas Pierce sagen würde: Märtyrer der Schönheit.

Die Musikszene ist aktuell sehr stark von dem Coronavirus und den notwendigen Gegenmaßnahmen betroffen. Wie hat sich das auf FLUISTERAARS ausgewirkt?
Wir haben Mitgefühl mit allen Musikern und Künstlern, die darunter leiden. Wir leiden darunter auch in unserem persönlichen Leben. Zum Glück leidet FLUISTERAARS nicht darunter, denn die Menschen empfehlen unsere Musik oft als perfekte Quarantänemusik.

Wie wird es nun mit FLUISTERAARS weitergehen? Werdet ihr die Zeit der Zurückgezogenheit nutzen, um an neuer Musik zu arbeiten?
Das ist etwas, das wir wissen und ihr herausfinden müsst. Wir sind immer beschäftigt und motivierter denn je. Behaltet unsere Instagram- und Facebook-Seite im Auge und ihr werdet es herausfinden.

Zum Abschluss noch ein kurzes Brainstorming. Was fällt dir zu den folgenden Begriffen ein?
Hippies: Wenn sie die Dreadlocks loswerden, könnten sie unsere besten Freunde sein.
Jazz: Sehr schön und manchmal sehr verwirrend.
Plastikblumen: Kitschig, aber unvergänglich. Der menschliche Geist trickst sich gerne selbst aus; man muss sie nicht gießen.
Klimakrise: Wir müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um die Emissionen zu reduzieren. Die Menschen sollten gemeinsam bewusstere Entscheidungen treffen und aufhören, die Dinge als selbstverständlich hinzunehmen. Ich denke, Transparenz würde dies gewährleisten, aber leider ist diese in einer Welt der Lügen und Scheißfliegen schwer zu finden.
Lo-Fi-Produktion: Der goldene Standard.
Wiedergeburt: Wer weiß? Aber ich habe viele Erinnerungen, die ich nicht zurückverfolgen kann.

Nochmals vielen Dank für deine Zeit. Möchtest du noch ein paar letzte Worte an die Leser richten?
Danke fürs Lesen, danke fürs Zuhören und danke fürs Leben. Bitte folgt uns auf Instagram und Facebook.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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