Interview mit Fiar von Foscor

Mit „Els Sepulcres Blancs“ stecken die dem Black Metal entwachsenen Post-Rocker FOSCOR mitten in einer Album-Trilogie, die ihren Anfang 2017 mit „Les Irreals Visions“ nahm. Im Interview berichtet Sänger Fiar enthusiastisch und wortreich vom Konzept der drei Alben, dessen Parallelen zum Dekadentismus des 19. Jahrhunderts und den Unterschieden in Musik und Produktion im Vergleich mit dem Vorgängeralbum.

Eure letzte Veröffentlichung war eine Sammlung von alternativen Song-Versionen von Stücken des vorigen Albums – warum habt ihr euch entschieden, diese zu veröffentlichen?
Die Idee war, die Entwicklung der Band festzuhalten und vielleicht eine neue Tür für viel intimere Veranstaltungen mit kleinerer Produktion zu öffnen. Die perfekte Ausrede war dann, dass uns angeboten wurde, in unserer Heimatstadt gemeinsam mit Gold zu spielen. Wir brauchten etwas anderes und einzigartiges für die dortigen Fans, nachdem wir erst zwei Monate vorher eine erfolgreiche Release-Show gespielt hatten. Also haben wir diese alternativen Versionen gespielt, die später in kürzester Zeit aufgenommen werden sollten, bevor wir uns neuen Liveterminen stellen mussten. Die Idee war, das Erbe und das Ergebnis unserer Arbeit zu teilen und ein starkes Werbemittel in zukünftigen Zeiten zu haben, wenn die Band wieder Live-Dates brauchen könnte.

Was hältst du heute davon, ein Jahr später? War es eine gute Idee – und welche Versionen bevorzugst du, die auf dem Studioalbum oder die auf dem Versionsalbum?
Auf keinen Fall sollte das Material der Welt als brandneue Musik präsentiert werden. Sondern als Ergänzung und Erweiterung dessen, was „Les Irreals Visions“ ausmacht. Deshalb haben wir die Versionen ja auch nur in digitaler Form veröffentlicht, als Geschenk an das Publikum, damit es daran teilhaben kann, wie der kreative Prozess heute abläuft.
Ich würde eine so schöne Erfahrung gerne von jetzt an bei jedem Album wiederholen, aber die Band und unser persönlicher Zeitplan erlaubt uns nicht, uns voll auf das Komponieren zu konzentrieren. Man muss ja auch bedenken, dass über das Song-Arrangement unseres Gitarristen Albert hinaus noch viel mehr zu tun war … was die Auswahl der richtigen Elemente für jeden Track, die Arbeit an den Übergängen dazwischen, neue und andere Instrumentierung dessen, was wir gewohnt sind, und die neuen Gesangsstimmen und -register betrifft.
All dies mit Freunden wie Jaime (Drummer unserer Labelkollegen Obsidian Kingdom) zu teilen, der mit einem Drumpad und einem viel akustischeren Set arbeitet, oder mit Isam Alegre (ehemaliger Keyboarder bei Obsidian Kingdom) am Piano und unserem aktuellen Live-Bassisten Esteban an den Keyboards, war eine bereichernde Erfahrung auf allen Ebenen.
Wie gesagt, abgesehen von der Tatsache, dass wir daran gearbeitet haben, um ein neues Werkzeug zu haben, um uns in einem Zeitraum mit weniger Aktivität weiterzuentwickeln, war es eine Gelegenheit, tief in unsere Sprache einzutauchen, unsere Fähigkeiten und die Grenzen der Elemente kennenzulernen, die wir noch nicht beherrschen. Vielleicht gibt es keine direkte Weiterführung in „Els Sepulcres Blancs“, aber glaubt mir, einige Texturen und Elemente des Albums hätte es so nicht gegeben, hätte es „Les Irreals Versionen“ nicht gegeben.

Das neue Album ist der zweite Teil einer Trilogie zum Dekadentismus/Fin de Siècle. Ist das musikalisch oder textlich gemeint?
Vor der Komposition von „Les Irreals Visions“ bestand die Hauptaufgabe der Band darin, eine stimmige Ausdrucksform zu finden, die sowohl musikalische als auch konzeptionelle Inhalte transportieren und auch in ästhetischer Hinsicht funktionieren konnte. Etwas Solides und Zusammenhängendes zu bauen ist keine leichte Aufgabe. Bei den ersten Alben wurde alles einfach irgendwie notiert, nicht so konkret wie jetzt.  Nachdem ich ein kunsthistorisches Buch zu dem Thema gelesen hatte, wurde mir klar, wie nah wir in der Vergangenheit dieser kulturellen Bewegung gewesen waren, ohne uns weiter damit beschäftigt zu haben – und wie gehaltvoll und umfassend es sein könnte, um alle Aspekte der Band abzubilden, wenn man die Grundidee in die heutige Zeit überträgt.
Diese Künstler sind in einem Moment der starken Erneuerung der kulturellen und sozialen Rollen während des 19. Jahrhunderts aufgekommen: Es war ein wahrscheinlich bereits verbrauchtes Modell, das die Menschen und die wirtschaftlichen Kräfte von der kulturellen bis zur sozialen Ebene unter Druck gesetzt hat, in Zeiten des Anarchismus und dergleichen. Hätten wir mehr Beweise und Ausreden gebraucht, wie aktuell und umfangreich etwas sein könnte, das wir bisher nur zu ästhetischen Zwecken verwendet hatten? Nein.

An dieser Stelle, nachdem wir erkannt hatten, wie viel diese kulturelle und künstlerische Bewegung über unser Land, unseren Hintergrund und sogar die Gegenwart aussagen konnte, beschlossen wir, es der Reihe nach zu behandeln, unterteilt in drei Kapitel. Diese drei Kapitel basierten auf den folgenden Prinzipien:

Gemeinsame Dinge müssen eine neue Bedeutung erhalten, gewöhnliche Dinge ein neues, geheimes Aussehen und das bereits Bekannte die Würde des Unbekannten.

Drei Prinzipien, die mit poetischen Augen gelesen werden müssen, aber von gemeinsamen Themen in einer globalen und modernen Welt sprechen, und uns dazu dienen, eine kohärente Linie zwischen allen Bandaspekten zu ziehen, die den Sinn und Kern einer großen kulturellen Phase aus der Vergangenheit auf jeden unserer kreativen Schritte übersetzt. Musikalisch arbeiten wir an einem tragischen Ausdruck und Sinn, immer in einen tragischen Farbton getaucht, sowohl melancholisch als auch vitalistisch. Wir spielen auf subtile Weise mit den Extremen und versuchen, an die Selbstgefälligkeit der Sinne zu appellieren, und zwar deshalb, weil die Welt in Zeiten des Verfalls wieder poetisiert werden muss.
Nach Ansicht dieser Künstler aus dem Zeitalter des Fin de Siècle, die in einer Zeit und Gesellschaft, der sie sich nicht zugehörig fühlten, revolutionär waren, sollte die Welt als erster Schritt des Wandels poetisiert werden. Beeinflusst sowohl von Nietzsche oder Ibsen als auch von den Ansprüchen auf ihre Rechte, die von den Arbeiter-Kollektiven gelebt wurden, gab es in ihrer Sprache ein Gefühl der Erneuerung, und wir fanden, dass die Ähnlichkeiten mit der gegenwärtigen Situation auf sozialer und kultureller Ebene die beste Rechtfertigung sei, um einen neuen Zyklus zu konstruieren, der auf unserem eigenen kulturellen Hintergrund basiert.

Worum geht es bei den Texten, was ist das Konzept?
Der Titel lautet „The White Tombs“ und ist einem Werk des katalanischen Dramatikers Jaume Brossa aus dem Jahr 1900 entnommen. Er spielte eine Führungsrolle während der kulturellen und künstlerischen Bewegung des Modernismus in der Literatur. Das Album basiert nicht speziell auf diesem Buch, aber sein Einstieg basiert auf dieser schönen Metapher auf den Akt des Träumens.
Bereits 2016, als wir beschlossen haben, diesen Weg für die folgenden drei Alben zu beschreiten, kurz bevor wir bei Season Of Mist unterschrieben haben, ging das Album „Els Sepulcres Blancs“ tiefer auf die zweite Prämisse ein, bei der die Welt der Träume als ultimativer Ausdruck des individuellen Staates angesehen werden kann. Eine Ebene, auf der moralische Grenzen deine Ideale nicht beeinflussen könnten, und man frei ist, sich eine bessere Welt vorzustellen. Offensichtlich eine Metapher, aber eine schöne in Zeiten der Überbewertung von Informationen und des Fehlens von eigenständigem Denken, auch, wenn es darum geht, Verbindungen zwischen Individuen auf eine andere Weise herzustellen.
Nachdem wir, textlich betrachtet, mit „Les Irreals Visions“ 2017 die Bedrohungen erkannt haben, von denen wir alle umgeben sind, sammeln und erreichen wir jetzt die richtige spirituelle Stimmung, um uns dem Akt der Veränderung der Welt zu stellen und zu versuchen, ihre verlorene Würde wiederherzustellen.

Auch das Layout ist stark mit der Kulturbewegung des Dekadentismus/Fin de Siècle verbunden, wie ich aus dem Presse-Informationsblatt erfuhr. Was bedeutet das genau?
Hier könnte man uns vorhalten, dass wir nicht die von diesen Künstlern definierte erkennbare Sprache verwenden, und unseren Umgang mit dieser Welt kritisieren. Aber da wir nicht versuchen, ein musikalisches Muster zu wiederholen oder zu entwickeln, das in den klassischen Musikbereichen entwickelt wurde, retten wir die meisten seiner Prinzipien und passen sie unserer eigenen Sprache an. Eigentlich ist das Album eine Art Übersetzung, betrachtet durch unsere Augen, ein Jahrhundert, nachdem alles passiert ist.
Inspiriert vom Zerfall und allem Morbiden, das man in menschlichen Beziehungen und der menschlichen Individualität finden kann, ist es wichtig, zu versuchen, den oben genannten Prämissen in jedem einzelnen Schritt, den wir gehen, zu folgen.
Für uns ist das Ziel bei jedem Album, dass alle kreativen Aspekte kohärent sind. Das Artwork muss eine Erweiterung dessen sein, was Musik ausdrückt und was die Texte entwickeln, und nachdem wir die Linie gezogen hatten, der wir mit den nächsten Alben  folgen wollten, haben wir entschieden, dass die Fotografie der beste Kanal ist, um die Realität mit dem Level der Halluzination zu verbinden, mit dem wir uns hier befassen.
Was Deborahs Foto angeht, haben wir ihr – wie bei Nona Limmen beim vorherigen Album – einige Rahmenbedingungen gegeben, nach denen sie die Szene entwickeln sollte. Intimität, Monumentalität, das neblige Idealniveau und eine vage Realität, um das Geschehen zu beschreiben, waren Teil der Erregung der Sinne, die wir gesucht haben, wie schon diese Künstler ein Jahrhundert zuvor.
Die Szene spielt im Schlafzimmer, deinem Ort, weit weg von der bedrohlichen sozialen Welt. Eine Welt, die man besser mit den Augen der Frauen sehen muss, und das ist ein weiterer Grund, mit der weiblichen Figur durch die Kamera einer Fotografin zu arbeiten.
Alles ist mit dem Gesamtkonzept verbunden und versucht mit verschiedenen Elementen und vor allem Werkzeugen, den Grundlagen dieser kulturellen Bewegung zu folgen. Oder zumindest dem, was wir daraus gelernt haben. Dies ist unsere bescheidene kreative Aktion, die erwartet, ein Stück von uns und unserer Welt zu teilen, das die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verändert und verbindet.

Eure Texte sind auf Katalanisch – geht so nicht viel von dem Konzept verloren?
Wir sind uns auch bewusst, dass die Texte auf Katalanisch die Chancen für ein tiefes Verständnis für viele Menschen verringert, aber am Ende ist unser Gesang nur ein Vorwand, um Emotionen zu teilen und einen Dialog unter Gleichen zu führen. Wenn man sich das Artwork ansieht, könnte jemand denken, dass wir eine weitere verträumte Band sind, die versucht, der Realität durch Musik- und Fantasiewelten zu entkommen, aber es ist viel komplexer als das.

Musikalisch seid ihr wieder viel ruhiger geworden. „Nur“ ein Teil des Konzepts oder eine allgemeine Entwicklung?
Im Zusammenhang mit deiner Frage, ob diese Trilogie aus textlicher oder musikalischer Sicht konzipiert ist, erforderte das Thema und damit das Albumkonzept selbst eine wesentlich subtilere Herangehensweise an ihre Musik. Und so sind wir beim Komponieren auch vorgegangen. Natürlich klingen wir viel ruhiger, wenn man die letzten beiden Alben mit denen davor vergleicht. Aber es gibt keinen Weg zurück, was diese neue Ära der Band angeht.
Wir setzen auf einige besondere Elemente, um die Band hervorzuheben und das Gefühl zu haben, dass unsere Sprache so konsequent wie möglich mit uns selbst und dem, was wir ausdrücken zusammenwirkt.
Emotionale Musik, die an den gesunden Menschenverstand der Individuen appelliert und durch den Einsatz unserer Sprache, sauberen Gesang und den zunehmenden Verlust an Angst, mit Elementen außerhalb von Metal zu spielen, gezeichnet ist. Wir kommen von dort und sind immer noch mit dem extremen Metal-Zeug verwurzelt, aber die breite Palette an Texturen und Emotionen, die diese Welt uns zu bieten hat, konnte nicht auf dem Weg ausgedrückt werden, den wir vor Beginn dieser neuen Ära eingeschlagen haben.
Wir leugnen nicht, woher wir kommen, sondern haben einfach die bemerkenswertesten und erkennbarsten Elemente unserer Musik extrahiert und zusammengefügt, um eine viel persönlichere Ausdrucksweise zu erreichen. Diese ist ruhiger, weil wir ruhiger sind, obwohl wir zum Beispiel in den bisher schnelleren Tempi spielen. Ich denke, wenn jemand den musikalischen Ausdruck und die entsprechende Produktion erwartet, die er bereits kennt und kontrolliert, ist es wahrscheinlich schwer, sich damit anzufreunden. Aber hier geht es um Emotionen und ich bin mir ziemlich sicher, dass diese universelle Sprache viele neue Zuhörer ansprechen wird, nachdem sie sich in „Els Sepulcres Blancs“ eingearbeitet haben.

Als Gast ist sG von Secrets Of The Moon dabei – warum ausgerechnet er?
Ich habe seit einigen Jahren Kontakt zu sG. Was einst aus meiner Wertschätzung für seine Arbeit und seine Bands heraus enstand, entwickelte sich zu einer persönlicheren Beziehung und der Möglichkeit, musikalische Erfahrungen auszutauschen.
Ich liebe, wie sie ihre Musik weiterentwickelt haben, um Grenzen zu überschreiten und mit einer eigenen und einzigartigen Stimme zur Welt zu sprechen. Dieses Beispiel war die Hauptmotivation, ihn zu bitten, mit einem Gastgesang mitzuwirken. Dass er die Herausforderung angenommen hat, auf Katalanisch zu singen, obwohl er eine so andere Sprache spricht, zeigt, was für ein Künstler er ist.
Seit „Groans To The Guilty“ aus dem Jahr 2009 haben wir immer auch Freunde oder Musiker einbezogen, die wir bewundert und die uns inspiriert haben und die uns für ein solches Unterfangen nah genug standen. Damals war das Morean von Dark Fortress, Alkaloid und Noneuclid. Peter Bjargo und unsere Heimatstadtfreunde Obsidian Kingdom sowie Sathorys Elenorth von Der Blaue Reiter wirkten an „Those Horrors Wither“ mit und Alan A. Nemtheanga von Primordial an „Les Irreals Visions“. Das ist immer weit mehr als ein einfacher Gastauftritt, denn jedes Mal erzählt diese Aktion einen kleinen Teil unserer Geschichte und ihrer Zweige, sowohl künstlerisch als auch persönlich.

Wie seid ihr in Kontakt gekommen, woher kennt ihr euch – und wie ist die Zusammenarbeit gelaufen? Habt ihr euch getroffen, oder lief das über das Internet?
Ich stehe seit einigen Jahren in Kontakt mit der deutschen Szene. Aufgrund der tiefen Beziehung, die ich durch meine Rolle als Live-Bassist bei den Death-Metallern Graveyard und meine persönliche Liebe zu einigen Zweigen eurer Szene gewonnen habe, hatte ich Kontakt mit der riesigen Szene, die von Bands, Labels, Presse und Promotern ausgeht, die alle gut miteinander verbunden sind. Von Ván Records bis Prophecy, von Bands wie Antlers bis Essenz, Ascension oder Dolch, The Ruins Of Beverast oder Farsot, dem Chaos Descends oder dem Prophecy Fest und natürlich dem Party.San Open Air: Meine Beziehung zu Deutschland ist über lange Zeit gewachsen und könnte ihren Mittelpunkt bei Secrets Of The Moon haben, die wahrscheinlich die erste Band waren, die sich von einer eher orthodoxen Black-Metal-Sprache zu einer inspirierenden Entität weit darüber hinaus entwickelt haben.
Ich glaube, ich bin vor vielen Jahren mit sG in Kontakt getreten, genau wie ich mit Tonnen von Bands, die ich mag und bei denen ich die Chance haben will, ihnen mitzuteilen, wie sehr mir ihre Musik gefällt. Ich finde, bei einem transparenten Dialog ist es einfach, Dinge in etwas mehr zu verwandeln, und so habe ich ihn gebeten, mitzuwirken und er hat schnell eingewilligt, nur um das zu teilen, was uns einst in Worten vereint hat. Um unseren gemeinsamen Moment zu haben.
Ich muss zugeben, dass ich nur Ar mehrfach persönlich getroffen habe, aber nicht sG, mit dem ich nur schriftlich Kontakt hatte. Ich habe immer das Gefühl gehabt, dass unsere virtuelle Beziehung aufrichtig ist, und aufgrund der vielen gemeinsamen Freunde bin ich mir ziemlich sicher, dass, wenn wir uns treffen, es so sein wird, als ob wir uns schon lange kennen.
Was die Zusammenarbeit angeht: Ich habe ihm meine originale Gesangslinie geschickt, die für die Vorproduktions-Demos aufgenommen wurde, zusammen mit einer Art englischer phonetischer Transkription von unserem Text auf Katalanisch. sG hat einen fantastischen Job gemacht, indem er seine eigene Transkription der deutschen Phonetik dem so ähnlich wie möglich gemacht hat, was er von meinem Katalanisch gehört hat. Keine leichte Aufgabe, aber es ist in einer brillanten Aussprache geendet, die zusammen mit seinem so persönlichen Gesang dem Song „Cançó de Mort“ den richtigen Touch verleiht. Wir konnten ihn nur nicht bitten, mehr Text zu singen, das wäre für ihn die reinste Folter gewesen und als ich seine Zusammenarbeit konzipierte, waren der erste und letzte Teil des Songs für ihn reserviert, und der zentrale, schnellere Teil für mich, weil man dort schneller sprechen muss.

Die harten Passagen (vor allem in „L’esglai“) sind extrem weich gemischt und liegen weit hinten im Mix. Auf diese Weise gehen der Kontrast und die Konturen des Albums etwas verloren. Was denkst du dazu, was war die Idee dahinter?
Vielen Dank für deine Einschätzung, so etwas ist viel interessanter, als nur gefragt zu werden, wie wir unseren Standpunkt beschreiben. Das gesamte Album ist in Bezug auf die Produktion ganz anders als das 2017er-Album: Es gibt hier keinerlei Zerre und nur die Gitarrenspuren, die man hört. Im Gegensatz zu früheren Alben, bei denen immer mindestens zwei Gitarrenspuren das Gleiche gespielt haben, um eine größere, dichtere Wand hinzubekommen, setzen wir diesmal auf Nacktheit und Raum. Der Begriff Intimität, geführt von Monumentalität, bildete die Grundlage des Kunstwerks, wie hier in der Musik. Dafür hatte der Mix die schwierige Aufgabe zu erfüllen, beide Begriffe auf einzigartige Art und Weise zu vereinen. Wir spielen immer noch mit Intensität, aber weit entfernt von dem, was ein Metal-Sound leider zu brauchen scheint. Wir spielen mit Dichte, aber weit entfernt von dem, was Metal in Bezug auf die Soundwand und die Präsenz der Rhythmusfraktion bietet. Es ist eine neue Ebene, um all diese Emotionen in einem eigenen und tragischen Sinne auszudrücken und als solide Einheit für ein größeres Ziel zu arbeiten. 

Was sind deine nächsten Pläne – werdet ihr bald wieder nach Deutschland zurückkehren?
Seitdem wir vor kurzem der Doomstar-Booking-Familie beigetreten sind, basieren die Pläne zur Album-Veröffentlichung darauf, „Els Sepulcres Blancs“ die gesamte mögliche Live-Exposition zu geben und das Material zu einer viel persönlicheren Erfahrung zu machen. Wir planen für Dezember eine kurze Tour durch Spanien einschließlich Portugal und vielleicht Südfrankreich. Danach sollte FOSCOR im Jahr 2020 quer durch Europa touren und sicherlich wieder nach Deutschland kommen. Wir wollen mit diesem Album unseren Namen da draußen bestätigen und Deutschland ist ein wirklich wichtiges Land, um dort präsent zu sein.

Wie weit bist du mit Teil drei der Albumtrilogie, was kann man erwarten?
Ich habe sogar einen Entwurf der Songtitel und wie das Thema im Zusammenhang mit dem dritten Teil und Prämisse verbunden sein soll. „Das bereits Bekannte, muss die Würde des Unbekannten erlangen“ wird die Grundlage für das nächste Album sein.
Während das erste Kapitel „Les Irreals Visions“ die Karte der Interaktionen in der Welt festlegt und ein Geflecht von Orten, Wegen, Netzen und Räumen für unsere Emotionen zeichnet, entwickelt das zweite und gegenwärtige Kapitel die Idee, die richtigen Bedingungen zu schaffen, um sich Veränderung vorstellen zu können, indem es sich der Metapher des Träumens bedient.
Am Ende ist ein neues Gleichgewicht mit der Natur, dem hier und darüber hinaus, das zentrale Thema. Für das dritte Kapitel ist deswegen eine Aktion erforderlich. Die Veränderung wird durch eine Aktion erreicht, und das ist es, was wir auf dem kommenden. dritten Album behandeln werden, das diese Trilogie abschließen wird.
Wir als Gesellschaft erleben wegen lokaler und globaler Probleme so schwierige Momente, und all das und wie wir darauf reagieren prägt irgendwann unsere Persönlichkeit. Wir sind nicht hier, um nach einer Lösung zu schreien, aber zumindest versuchen wir, uns auszudrücken und den oben genannten Dialog auf eine emotionale Ebene zu heben.

Vielen Dank für das Gespräch! Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming:
Alcest:
Eine entscheidende Band für die Transformation und Entwicklung von Metal in viel offenere Bereiche. Ihre Rolle als einzigartige Stimme in Sachen emotionaler Musik hat die Black-Metal-Fundamente auf eine neue Ebene gebracht, auf der sich Shoegaze und sogar Popmusik mit dem dunkleren und subtilen Ansatz vereint haben. Ein inspirierender Akt für viele Bands, die bestrebt sind, tiefe spirituelle Kunst auszudrücken.
Brexit: Ein Beweis dafür, dass sich die Beziehungen zwischen Ländern und sozialen Realitäten sofort ändern müssen. Das Problem ist, dass sich der Brexit auf einen wirtschaftlichen Aspekt bezieht, wir nicht ändern und mit dem wir nicht umgehen können, weil er von Makrostrategien abhängt. Ich verstehe nicht, warum es viele Menschen in Großbritannien oder den USA, aber auch in vielen anderen Ländern gibt, die eine eigene finanzielle Unabhängigkeit unterstützen und fordern, wenn dieselben Regierungen und Länder viele andere, die eine solche Hilfe benötigen, unterdrücken. Es sagt viel Schlechtes über die menschliche Natur, aber wenn sie sich dafür in einer Wahl entschieden haben und im Dialog eine Einigung gefunden wird, kann ich nur unterstützen, welche Entscheidung sie treffen. Ich wünsche mir nur, dass sie und die EU auf die gleiche Weise auf  andere Zustände reagieren, die dann auch geändert werden müssen: Schottland zum Beispiel, oder Katalonien, die im Grunde genommen um das Überleben ihrer eigenen kulturellen Realität kämpfen.
Auf Tour sein: Ich liebe es, auf Tour zu sein, denn es ist der ehrlichste und direkteste Weg, sich mit Menschen auf und ab der Bühne zu verbinden. Wir hatten das Glück, unzählige Menschen zu treffen und für unsere Sache gewinnen zu können, durch einen Dialog unter Gleichen. Freunde, die uns in vielen Fällen helfen oder als Teil unseres Lebens teilnehmen können. Außerdem ist es ein Muss, auf Tour zu sein, wenn man sich weiterentwickeln und sein eigenes Konzept wachsen lassen will.
Referendum zur Unabhängigkeit Kataloniens: Ein Bedürfnis und ein Muss für diejenigen, die das Recht auf Anderssein verteidigen. Ja, darum geht es hier. Katalonien hat ein anderes und gemeinsames Ziel als das, das uns Spanien anbietet. Es hat einen eigenen kulturellen Hintergrund und ein historisches Gedächtnis, also ergibt es Sinn, dass der große Teil der Bevölkerung, der darum bittet, so zu leben, wie er will, ein Referendum bekommt, um seine Wahl zu treffen. Das gleiche Recht, das jeder, der so bleiben will, wie wir sind, haben sollte, das aber heute vermieden und verboten wird.
FOSCOR in zehn Jahren: Ich denke nicht in großen Etappen über den nächsten Schritt hinaus. Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir alle weiterhin mit der Musik und dem kreativen Prozess hier oder bei anderen Projekten zu tun haben werden, aber ich kann nicht vorhersagen, ob unser Herz in zehn Jahren weiterhin bereit sein wird, FOSCOR die ganze Leidenschaft und Aufmerksamkeit zu schenken, die es verdient. Ich erinnere mich daran, dass uns vor zehn Jahren jemand die gleiche Frage stellte, und ich bin sicher, dass meine Antwort so ähnlich war.
Europa in zehn Jahren: Hoffentlich wird es sich in eine echte Union von Staaten verwandeln, in der die Kleinen und Großen genauso stolz darauf sein können, Teil eines großen Kollektivs als Teil der ganzen Welt zu sein. Ich denke, es ist eines der erfolgreichsten Beispiele dafür, wie man gemeinsame Interessen für eine so unterschiedliche kulturelle und soziale Realität verbindet. In Zeiten, in denen Kriege ein für allemal keinen Sinn mehr machen sollten, wird die Welt nur durch ein echtes Gleichgewicht zwischen kleinem und großem Maßstab den gefährlichen Moment überwinden können, auf den wir gerade zusteuern.

Nochmals vielen Dank für Ihre Zeit. Die letzten Worte sind deine – gibt es noch etwas, das du unseren Lesern sagen willst?
Ich wünsche mir, mit dem Album die aufregendste Reise zu beginnen, die wir je als Band erlebt haben. Ich hoffe, dass ich es mit vielen neuen Freunden teilen kann, die diesen tragischen Akt mit dem gleichen Vitalismus fühlen, den unsere Musik zu bieten versucht. Vielen Dank für ein so persönliches und ausführliches Gespräch. Möge die Dunkelheit tragisch sein.

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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