Interview mit Non Serviam

Read the English version

Mit „Le Cœur Bat“ haben NON SERVIAM kein perfektes, wohl aber ein in seiner experimentellen Kompromisslosigkeit bewundernswertes Album zwischen Extreme Metal, Shoegaze, Trip-Hop und Industrial kreiert. Wir haben dem anonymen Kopf der dezidiert anarchistischen, anti-kapitalistischen und anti-moralischen Band anlässlich der Veröffentlichung einige Fragen gestellt. In unserem Interview spricht der französische Multi-Instrumentalist darüber, was künstlerische Freiheit für ihn bedeutet, wie musikalische und politische Radikalität ineinandergreifen und inwiefern Arbeit nicht gleich Arbeit ist.

Wie geht es euch aktuell? Kommt ihr mit der Situation unter der anhaltenden Pandemie einigermaßen zurecht?
Uns geht es mehr oder weniger gut, wir sind von der Pandemie betroffen, wie jeder andere auch, aber im Großen und Ganzen geht es uns gut. Auf der anderen Seite ist der Zustand der Welt unter der Pandemie unerträglich. Mehr denn je nutzen Autorität, Polizei, Justiz, Chefs, Eigentum, Arbeit, Gefängnisse die Situation aus, um ihre Macht durch Gesetze, Einschränkungen, Einsperren und Unterdrückung zu erweitern. Man hofft, dass ein intelligenter Wind der Revolte dieses Labyrinth der Unterwerfung durchbricht.

Viele Künstler*innen veröffentlichen ihre Musik anonym, etwa um sich als Personen nicht in den Vordergrund zu stellen oder gar um negative Reaktionen abseits der Musikwelt zu vermeiden. Aus welchem Grund betreibt ihr NON SERVIAM anonym?
Der Hauptgrund ist, unsere Musik, unser Artwork, unsere Texte in den Vordergrund zu stellen. Wir sind so aufgestellt, dass wir die ganze Zeit das Narrativ, das die Musik umgibt, erhalten. Die PR, das fotogene, genormt gute Aussehen sind für die Musik das, was das Fernsehen für das Leben ist: ein nutzloser Kunstgriff der Kommerzialisierung menschlicher Beziehungen. Was NON SERVIAM betrifft, so haben wir beschlossen, das Rampenlicht woandershin zu richten als auf die Identität der Musiker, die unserer Meinung nach überhaupt nicht von Interesse ist.

Ihr habt mit „Le Cœur Bat“ ein sehr experimentelles Album veröffentlicht. Wie habt ihr die Reaktionen darauf wahrgenommen?
Wir waren sehr überrascht. Zunächst einmal ist es schwer zu erkennen, ob die eigene Musik seltsam ist, wenn man selbst „seltsam“ ist. Jeder scheint von dem merkwürdigen und wankelmütigen Charakter unserer Musik beeindruckt zu sein, was wir nicht erwartet haben. Wir wissen, wie schwer unser Album für viele Leute zugänglich sein kann, die an traditionellere Ausdrucksformen, an einen gewissen Respekt vor Genres und Konventionen, die in der Szene akzeptiert sind, gewöhnt sind. Das alles ist uns egal. In der Musik, wie auch anderswo, überschreiten wir gerne Konventionen, auch wenn es bedeutet, zu schockieren. Es gab einige negative Reaktionen, die schlimmsten kamen vom reaktionärsten und hinterwäldlerischsten Rand der französischen Metalszene (ein Webzine namens „Thrashocore“ – das wir „Thrashobeauf“ [Anm. d. Red.: franz. beauf = dt. Spießer] nennen – das seine ganze Boshaftigkeit uns gegenüber zum Ausdruck brachte), aber ansonsten haben wir erstaunliches und dithyrambisches Feedback und Kritiken bekommen, die wir nicht erwartet hatten, von Magazinen und internationalen Seiten, die wir regelmäßig lesen. Wir erhalten 10/10’s, tauchen in Top-Alben-Listen auf, etc. Diese Anerkennung ermuntert uns, weiterzumachen, obwohl wir ohnehin auf jeden Fall weitergemacht hätten.

Ihr scheint musikalischen Konventionen möglichst weit aus dem Weg zu gehen. Muss Kunst aus deiner Sicht immer eine Grenzüberschreitung sein?
Wir haben keine idealistische Vorstellung von dem, was sein sollte. Zu denken, dass Kunst unbedingt Konventionen umstoßen muss, ist nur eine weitere Konvention. Man könnte eher sagen, dass für uns Kunst, die es durch eine Art von Clinamen und Spontaneität schafft, Grenzen und Normen zu überschreiten, unabhängig von ihren ursprünglichen Ambitionen, als eine positive Errungenschaft für die destabilisierenden Kräfte der alten Welt gesehen werden kann, für die wir versuchen, Lieder zu komponieren.

Experimente bergen stets auch das Risiko, nirgends hinzuführen oder zumindest als ziellos wahrgenommen zu werden. Ist musikalisches Herumprobieren deiner Meinung nach ein hinreichender Selbstzweck?
Für uns ist nichts ein Selbstzweck außer der Freiheit. Das drückt sich in unserem kompositorischen Prozess aus. Experimentelle Musik, die nirgendwo hinführt, ist vielleicht das Traurigste, was man erleben kann. Experimentieren und Improvisieren sind keine getrennten Praktiken, zumindest nicht für uns. Deshalb können sie nirgendwo hinführen, sie gehen von einem Ort aus, der bereits magisch ist, von dort aus kann die automatische Sprache nur Wunder hervorbringen. Musiker, die Angst vor Experimenten oder Improvisationen haben, sind Wahnsinnige ohne wirklichen Spaß und/oder Geldpumpen.

Da eure Songs derart unterschiedlich und sperrig sind, lässt sich kaum ein klares Schema erkennen. Wie geht ihr an euer Songwriting heran?
NON SERVIAM wurde als Ein-Mann-Band mit Kompositionsmethoden aus der elektronischen Musik geboren. Heute greifen andere Musiker in die Kompositionen ein, verschiedene Instrumente, elektrische und akustische, sind voll in das Soundwriting eingeflossen, durch musikalische und menschliche Begegnungen, die andere Horizonte und andere Elemente und Kompositionsmethoden in das Kollektiv einbringen, aber es gibt immer dieses Hin und Her mit sehr einsamen, einsiedlerischen und intensiven Momenten, die die Momente sind, in denen der Song Gestalt annimmt und die neuen Elemente, die hinzugefügt werden, in sich aufnimmt. Dieser Prozess schreitet in sehr schnellen Schritten voran und ein Song kann in kurzer Zeit eine fast vollendete Form annehmen, aber wirklich fertig wird er erst viel später, nach einer langen Reifung des Hörens und der Retuschen, die sich über einige Zeit erstrecken, manchmal über neue Umwege, die ihn enorm verändern oder sogar zur Essenz des Stückes werden können. Es ist eine Alchemie, die einer Geburt gleicht und sich gemäß ihrer eigenen Zeitlichkeit entfaltet. Auf jeden Fall ist klar, dass, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kein Song jemals aus einer Idee, einem Konzept oder einer Entscheidung hervorgeht, die ihm vorausgehen würde und der er sich anpassen würde.

Das Album hat einen unglaublich harschen Sound. Hand aufs Herz: War die dröhnende, teils geradezu chaotische Produktion von euch wirklich zu 100 % so gewollt oder ist der Klang aus deiner Sicht nicht unbedingt perfekt, weil er euch schlicht nicht so wichtig war oder euch die technischen Möglichkeiten fehlten?
Wir sind nicht zu 100 % zufrieden mit dem Sound, aber so einfach ist das nicht. Tatsächlich sind die einzigen Gründe, die uns dazu bringen, so zu denken, äußerlich und letztlich nicht sehr stichhaltig: Seriosität. Wir mögen dreckige, beschädigte, zerstörerische Musik und es wird immer schwieriger für uns, die Überproduktion im Metal zu ertragen. Die besten Alben in unserer Bibliothek haben Sounds, die von den meisten Kritikern als zu dreckig angesehen werden, selbst im extremen Metal. Letztlich ist es Geschmackssache, wir würden den Sound von Bands wie Cannibal Corpse um keinen Preis haben wollen. Aber wir würden ihr Budget schätzen! Denn das ist der Punkt, mit dem wir unzufrieden sind: Wir haben weder das Equipment, das wir gerne hätten, noch die Mittel, es uns zu leisten. Das ist das gleiche Problem, das wir mit der Möglichkeit von Live-Auftritten haben.

Die fertigen Tracks und das Demo-Stück „Je Contre“ scheinen sich produktionstechnisch nicht besonders voneinander zu unterscheiden. Was hättet ihr an dem Song noch geändert, um ihn zu vollenden?
„Je Contre“ ist die erste Frucht einer Zusammenarbeit zwischen zwei Musikern. Es wurde mit vielen Instrumenten komponiert und aufgenommen, die uns damals zur Verfügung standen, wie zum Beispiel einer elektrischen Orgel. Diese Aufnahmesession und ihre Backups gingen verloren, bevor das Mixing und sogar das Komponieren abgeschlossen waren. Alles, was durch diesen unglücklichen technischen Rückschlag damals übrig blieb, war eine MP3-Version. Wir waren enttäuscht, dass wir es nicht fertigstellen konnten, aber als wir es uns anhörten, begannen wir den Track zu lieben und bekamen großartiges Feedback von den Leuten um uns herum, sodass wir uns entschieden, es als Demo zu veröffentlichen, wenn auch unfertig in Bezug auf Komposition und Mix.

Songtitel wie „Infanticide“ und „Salem“ deuten darauf hin, dass ihr auf dem Album allerlei unschöne Themen aufgreift. Was ist in dieser Hinsicht der rote Faden, der die Songs auf „Le Cœur Bat“ verbindet?
Während die Tracks jeweils unterschiedliche und scheinbar widersprüchliche Wege einschlagen, könnte das, was alle Tracks miteinander verbindet, das soziale und existenzielle Unbehagen in dieser Welt des Geldes, der Herrschaft und der Bullen sein, und die Kraft, mit der man sich dagegen wehren muss.

Ihr vertretet in eurer Kunst offen politische Positionen wie Anarchismus. Wie hat dieses Weltbild sich bei dir entwickelt und warum ist es dir wichtig, diese Ansichten in deiner Musik auszudrücken?
Es ist nicht besonders wichtig für uns, anarchistische Ansichten in unserer Musik auszudrücken. Das kommt ganz natürlich. Anarchismus und revolutionäres Denken sind keine Dinge, die uns letzte Woche in den Schoß gefallen sind, indem wir Videos im Internet angeschaut oder einen Aufnäher mit einem eingekreisten A darauf gekauft haben, um hübsch auszusehen. Wir alle sind schon seit Jahrzehnten Anarchisten und Revolutionäre, haben an allen möglichen Publikationen, Treffen, Demonstrationen usw. teilgenommen. So haben wir uns kennengelernt und es war immer ein großer Teil unseres Lebens (sogar der wichtigste), da wir alle im Laufe der Zeit an Kämpfen hier und da teilgenommen haben und für unterschiedlich lange Zeit im Zusammenhang mit diesen Entscheidungen ins Gefängnis gegangen sind. Deshalb zieht sich der Anarchismus durch unsere Musik und durch alles, was wir tun.

Ein Beispiel für eure anarchistische Botschaft ist eure Version von „Inno Individualista“, die allerdings kaum als Variation des Songs zu erkennen ist. Kann man da überhaupt noch von demselben Lied sprechen?
Das ist eine Frage, die sich bei allen Covers stellt – was wird vom Originalsong beibehalten, wie weit entfernt man sich von ihm? Eine Coverversion, die ein identisches Remake darstellt, wäre mehr als nutzlos. Unser Ansatz (und wir werden sicher auch andere machen) ist, von dem Song auszugehen und so weit zu gehen, wie er uns tragen kann, mit dem, was wir als Musiker und als Individuen sind. Dieser Weg, der von ihm und von uns abhängt, wie in der Konstruktion einer Beziehung über eine gewisse Zeit und manchmal sehr unterschiedliche musikalische Universen, wie in „Inno Individualista“, kann uns vom Ausgangspunkt wegführen, aber die Idee ist, dass etwas davon hängen bleibt und dass dieser Weg in die entgegengesetzte Richtung zurückverfolgt werden kann, dass das Hören die Coverversion wieder mit dem Originalsong verbindet. Dieses traditionelle italienische anarchistische Lied vom Anfang des 20. Jahrhunderts ist etwas Besonderes, weil unsere Bindung an dieses Lied ununterscheidbar musikalisch, emotional und politisch ist. Was wir also davon behalten haben, ist diese Inbrunst, die das Herz der Revolte zum Schlagen bringt, aber tatsächlich ist es durch den Weg, den wir damit eingeschlagen haben, dorthin gekommen, wo wir heute sind, und wir können sagen, dass es sich schon vor unserer Version in uns verwandelt hat und uns in unserer Revolte gegen diese Welt begleitet hat. Das Herzstück dessen, was uns in diesem Song bewegt und der Grund, warum wir ihn gecovert haben, ist diese Disqualifikation der Gewaltlosigkeit, die schon in der Originalversion enthalten ist.

Gerade im Extreme Metal gibt es leider viele Bands, die rechtsextremes Gedankengut propagieren, es verschleiern, indem sie sich als unpolitisch darstellen, oder es indirekt tolerieren. Wieso, denkst du, zieht dieses Genre so viele Menschen aus dieser politischen Ecke an?
Die Anziehungskraft der Radikalität an sich kann in entgegengesetzte Ecken des Verhältnisses zu dieser Welt führen, und deshalb reicht es nicht aus, die Qualität, das Interesse oder die Relevanz dessen, was gehört oder produziert wird, vorauszusetzen. Viele andere Dinge kommen ins Spiel, wenn es darum geht, zu wissen, in welche Radikalität man sich hineinentwickelt. Wenn wir das sagen, nehmen wir vielleicht etwas zu ernst, das existiert und als solches behandelt werden sollte, besonders im frühen Black Metal. Aber meistens nehmen unpolitische und/oder nazistische Metalheads diese Radikalität, die schon problematisch ist, nur als ihre Folklore, auf die einfache, leichte und erbärmliche Ideen aufgepfropft werden wie nationale kulturelle Verwurzelung, die Verweigerung des Andersseins, die Konstituierung von verkümmerten Gemeinschaften um eine musikalische Identität, die sich mit anderen dummen Identitätsbestrebungen vermischt und dazu führt, andere zu hassen, anstatt gegen diese Welt zu rebellieren. Es gibt nichts Aufregendes an dieser Situation und sie lädt zu Verachtung und Traurigkeit ein, aber sie lässt sich nicht leugnen, und es ist wichtig, subversive Wege zu finden, indem man gegen diesen Zustand kämpft. Wir sind dafür, Nazis zu verfolgen, wo immer sie sind, ohne Gnade, auch im Metal.

Viele argumentieren in dieser Hinsicht, dass man die Künstler*innen von der Kunst trennen kann. Wie siehst du das?
Es ist eine komplexe Frage, die zur Falle werden kann, wenn wir meinen, künstlerische Fragen durch Moral lösen zu können. Sie geht weit über den Rahmen der extremen Musik hinaus, besonders in der Art und Weise, wie sie in unserer Zeit gestellt wird. Offensichtlich kann eine künstlerische Produktion nicht darauf reduziert werden, wer ihr Autor ist, und sie muss von irgendwoher kommen, was sicherlich nicht in jeder Hinsicht den Bestrebungen und Positionen der Person entsprechen kann, die sie empfängt. Wäre dies der Fall, so würde man sich nur Zugang zu den Werken komplett Gleichgesinnter erlauben – wie traurig! Keine Begegnungen, keine Fremdheit, kein Anderssein… Dieses Ideal der ideologischen Reinheit hat etwas Erschreckendes und furchtbar Autoritäres an sich. Aber es ist auch offensichtlich, dass man nicht gleichgültig sein kann gegenüber den massiven ideologischen Elementen, die das Werk mit sich bringt, meistens von seinem Autor, wie zum Beispiel der inakzeptable und gefährliche Bezug auf den Nazismus. Es scheint uns, dass es zwei Auswege aus diesem Sumpf gibt. Der erste besteht darin, den Autor wieder an seinen Platz in der Kunstpraxis zu stellen, einen Platz, der nicht nichts, aber sicher auch nicht alles ist. Der zweite und wichtigste ist der Kampf gegen diese kränkenden Ideologien und gegen die Welt, die sie produziert, aber nicht nur, wenn wir Musik machen oder hören. Dieser Kampf ist sinnvoller als das Leugnen der manchmal nicht zu leugnenden musikalischen Qualität bestimmter Musik, die von und für Nazis produziert wird, und umgekehrt als das Leugnen der Tatsache, dass sie von und für Nazis produziert wird, oder das Verbieten dieser Musik durch Dritte, was eine weitere Möglichkeit ist, die notwendige direkte Konfrontation zu vermeiden.

Zusätzlich zu „Le Cœur Bat“ habt ihr mit „Work“ und „Live Improvisations – Vol. 1“ gleich mehrere Releases am Start. Wie habt ihr es geschafft, so viel Material zusammenzutragen?
Das Songwriting-Material, das wir haben, ist sehr fruchtbar und wir beginnen immer wieder neue Projekte, während andere fertiggestellt werden. Tatsächlich hören wir nie auf, an Songs zu arbeiten, die sich in allen Stadien der Reifung befinden, weil wir nie aufhören, Musik zu machen, niemals. Was uns einschränkt, sind die materiellen Zwänge der Fertigstellung von physischen Veröffentlichungen, die beinahe totale Konzentration und Aufmerksamkeit erfordern. Aber selbst wenn wir davon als Einschränkung der Veröffentlichungsmöglichkeiten der Band sprechen, sehen wir das nicht so, denn die Herausforderung, ein fertiges und komplettes Objekt zu schaffen, was auch die Ausarbeitung des Artworks einschließt, das dann sein autonomes Leben führen kann, erscheint uns als ursprünglich, und um nichts in der Welt wären wir damit zufrieden, eine Fülle von Tracks in den Wind zu schicken, die niemand anhören und schätzen könnte. Im Falle dieser beiden Platten (eigentlich sind es drei, da „Work“ und „Live Improvisations Vol. 1“ zwar physisch vereint sind, aber zwei verschiedene EPs darstellen), wurden sie wegen der Verzögerungen im Zusammenhang mit der Pandemie gleichzeitig veröffentlicht, aber sie haben jeweils ihre Zeit gebraucht, um nacheinander fertiggestellt zu werden, „Le Coeur Bat“ zuerst, im letzten Frühjahr, dann „Work“ und „Live Improvisations Vol. 1“ in diesem Jahr. Aber wir haben noch viele Projekte vor uns, die in der nächsten Zeit nach und nach Gestalt annehmen werden.

Wie ihr wohl selbst augenzwinkernd in „Freeing Up Some Time From Work For A Work Against Work“ andeutet, prangert ihr einerseits die Leistungsgesellschaft an, schafft aber selbst außergewöhnlich viel Kunst. Wie passt das zusammen?
In der Tat fasst dieser Titel etwas flapsig eine Komplexität zusammen, die jede Tätigkeit betrifft, die Teil dieser Welt ist, und es gibt keine, die nicht Teil davon ist. Entscheidend bleibt jedoch, dass der Laborismus nicht alle Tätigkeiten mit sich reißt, denen man Sorgfalt, Zeit, Mühe und Aufmerksamkeit widmet, die in gewisser Weise auch Arbeit darstellen. Ohne Illusionen über die Begrenztheit der in diesem Begriff beschworenen „Freiheit“ (wir sollten wohl einen anderen finden), ist es dennoch möglich, daran zu arbeiten, Zeit „freizumachen“, um auf die eine oder andere Weise für die Zerstörung dieser Welt zu arbeiten, auch wenn der Kapitalismus die gefährliche Fähigkeit gezeigt hat, jede subversive Kreativität, die in seinen Zwischenräumen geboren wird, wieder einzufangen. Auf jeden Fall ist es sicher, dass der Kampf gegen die Arbeit und ihre Ideologie nicht notwendigerweise eine Aufforderung zum Müßiggang, zur Untätigkeit oder Faulheit bedeutet, auch wenn jeder mit seinen Tagen macht, was er will, oder wenn wir manchmal besonders fleißig sind! In diesem Fall hilft uns die Tatsache, dass diese Arbeit nicht sofort einem Chef angeboten wird, zweifellos, die von dir aufgezeigten Widersprüche zu überwinden, ohne dass wir uns wieder einmal Illusionen über die Formen der Kommodifizierung machen, die der Kunst und ihrem Markt heute innewohnen.

Viele eurer Veröffentlichungen haben eine Barock-Ästhetik. Was zieht dich gerade an dieser Kunstepoche so sehr an?
Diese Frage lässt sich auf zwei Arten beantworten, die offensichtlich miteinander verbunden sind. Die erste ist, dass die barocke Ästhetik, die der Barockzeit, aber auch der Barock als ästhetische Tendenz, Rahmen und alle normativen Klassizismen durch die Suche nach dem Überbordenden, dem Bizarren, dem Disymmetrischen, dem Erhabenen gegen das Schöne zu unterlaufen, uns inspiriert und mit unserem Ansatz übereinstimmt. Über die Musik hinaus ist diese barocke und antiklassische Disposition in einem sehr weiten Sinne zum Beispiel durch die Artworks sichtbar, die wir machen, sowie durch einige der Themen, die wir verarbeiten, wie zum Beispiel die Eitelkeit, neben anderen, die an sich wenig mit Barock zu tun haben, wie die Arbeit in „Work“, die wir aber mit der gleichen ästhetischen Disposition durchgehen. Zweiteres ist eher anekdotisch, gibt der Musik aber auch eine barocke Note im strengsten Sinne des Wortes (ohne dabei historisch akkurat zu sein…): Die Begegnung mit einer Cembalistin, die neben der Möglichkeit, Instrumente wie das Cembalo oder das Spinett in die Kompositionen einzubeziehen, eine Beziehung zur Improvisation und musikalischen Ausuferung mitbrachte, die sofort und reibungslos in das musikalische Universum von NON SERVIAM aufgenommen wurde.

Was sind eure nächsten Pläne für NON SERVIAM?
Wir haben eine gewisse Menge an Material fertig, sowohl für ein neues Album, ein neues Konzeptalbum als auch eine Zusammenstellung von Demos und Experimenten rund um extremen Metal und elektronische Musik. Viel mehr können wir im Moment nicht dazu sagen.

Zum Schluss noch ein kurzes Brainstorming:
Revolution: Ohne Übergangsphase.
Popmusik: So dekadent und verkommen wie ihre Zielgruppe.
Soziale Medien: Eitelkeit.
Optimismus: Heilt mit dem Anblick.
„Never change a winning team“: Demontiere das Siegerteam.
NON SERVIAM in fünf Jahren: Aufgelöst während des anhaltenden Aufstands?

An dieser Stelle noch ein Dankeschön für deine Antworten. Die letzten Worte sollen dir gehören:
Die alte Welt muss brennen und die alte Garde muss zusehen.

 

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

Geschrieben am

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: