Interview mit Till und Stefan von Schandmaul

Als Thomas Lindner aufgrund seiner Krebserkrankung kürzer treten musste, standen SCHANDMAUL vor einer Frage, die für viele Bands das Ende bedeuten könnte: Wie macht man weiter, wenn der Sänger, der die Band über Jahrzehnte geprägt hat, nicht mehr am Mikrofon stehen kann? Die Antwort darauf heißt Till Herence. Was zunächst als Vertretung begann, ist inzwischen weit mehr: Mit „Sternensegler“ erscheint im September das erste SCHANDMAUL-Album mit Till am Gesang, während Thomas weiterhin als Musiker und Songwriter Teil der Band bleibt.

Im Gespräch erzählen Schlagzeuger Stefan Brunner und Till Herence, wie aus einer Ausnahmesituation eine neue Bandkonstellation entstand, warum Tills Einstieg trotz aller Herausforderungen vor allem kreative Chancen eröffnet hat und wie viel der ursprünglichen SCHANDMAUL-DNA in der neuen Besetzung steckt. Die beiden Musiker sprechen über die Entstehung von „Sternensegler“, musikalische Vielfalt, politische Haltung, den Umgang mit KI und die Frage, wie man nach fast 30 Jahren Bandgeschichte noch Lust auf Neues behält. Dabei geht es auch um das, was hinter der Bühne passiert: um Freundschaft, Familie, persönliche Grenzen und die Erkenntnis, dass Weitermachen manchmal weniger selbstverständlich ist, als es von außen wirken mag.

2024 war Till bei SCHANDMAUL noch der Mann, der aushilft. Heute sitzt ihr gemeinsam hier und sprecht über ein komplettes Album mit ihm. Wann ist aus dem „Wir machen das jetzt so“ dieses „Das ist jetzt unsere neue Realität“ geworden?
Stefan: Das hat sich bei uns, also bei den „alten Schandmäulern“, relativ schnell herauskristallisiert. Wir haben mit Georgij von RUSSKAJA und Till quasi alle Shows gemeinsam gespielt, die im Kalender standen und die wir nachholen konnten. Für mich hat es sich sehr schnell richtig angefühlt, dass Till dabei ist. Nichts gegen unseren lieben Freund Georgij, aber er hat viele Jobs in Österreich und wohnt auch dort. Mit Till verbindet uns dagegen eine lange gemeinsame Vergangenheit über APRON und LOONATARAXIS. Wir haben früher sogar den Proberaum geteilt, er hat bei uns aufgenommen und wir bei ihm. Er gehörte also irgendwie schon immer zur Familie.

Till, du hast vor zwei Jahren in einem Interview zu mir gesagt: „Bei SCHANDMAUL bin ich derzeit als Vertretung sozusagen Cover-Sänger.“ Wenn du diesen Satz heute noch einmal hörst, was würdest du daran korrigieren?
Till: Ich bin zum Teil immer noch Cover-Sänger, aber inzwischen gibt es auch Stücke, die mit mir zusammen entstanden sind. Dadurch verändert sich das Ganze gerade. Der reine Cover-Sänger bin ich also nicht mehr.

Stefan, du kennst SCHANDMAUL seit den Anfängen und hast erlebt, wie aus sechs Leuten, die einfach zusammen Musik gemacht haben, eine der erfolgreichsten und größten deutschen Folk-Rock-Bands geworden ist. Wie sehr muss man sich selber davon überzeugen, dass ein neuer Sänger nicht das Ende der alten Geschichte ist, sondern auch der Anfang von etwas Neuem?
Stefan: Ich habe Thomas besucht, als er aus dem Krankenhaus kam. Durch die Chemo und die Bestrahlung war er extrem schlecht beieinander und stark abgemagert. Da war zunächst überhaupt nicht daran zu denken, dass wir jemals wieder gemeinsam auf einer Bühne stehen könnten. Aber Thomas hatte den Willen, weiterzumachen. Wir beide waren uns sofort einig: Wir lassen uns vom Schicksal nicht vorschreiben, dass es das gewesen sein muss. Dann fiel Tills Name bei Thomas und mir eigentlich als Erstes. Da wusste er noch nichts von seinem Glück.

(c) Daniel Sommer

Und wie kam’s dazu, dass ihr euch relativ schnell einig wart? Till hat gesangstechnisch einen anderen Hintergrund, kommt aus dem Crossover und sein größter Bezug zur Folk-Szene bestand darin, dass er als Gastsänger bei euch war und u. a. euer Merch verkauft hat.
Stefan: Ich persönlich bin großer Fan von dem, was Till musikalisch gemacht hat. Das weiß er auch. Zusammen mit dem SCHANDMAUL-Management haben wir schon versucht, ihn mit APRON zu pushen, Türen aufzumachen und sind gemeinsam zu Labels gefahren. Auch seine LOONATARAXIS-Sachen habe ich immer gefeiert. Dadurch war es mir am Ende eigentlich egal, welche Stimmfarbe jemand hat. Der Künstler, der in Till steckt, hat Thomas und mich immer angesprochen.

Till, was würdest Du sagen, was war so für dich die größte Herausforderung, als du in die Fußstapfen von Thomas getreten bist?
Till: Da gab es viele. Ich bin zur Projektionsfläche geworden, im Positiven wie im Negativen. Egal, wie gut man singt, wie gut man die Texte vorbereitet, wie gut man sie spielt und versucht, sie zu interpretieren: Du bist erst einmal der Fremdkörper an dieser Stelle. Egal, ob das auf deinem Mist gewachsen ist oder ob das Schicksal dich dahin gebracht hat, für viele Menschen ist es zunächst fremd. Dieses Gefühl auszuhalten, ist eine harte Nummer. Selbst wenn man stabil mit sich selbst ist und viel Kritik an einem abprallt, kann es einen mitnehmen, wenn das in so geballter Form kommt. Natürlich war auch sehr viel Positives dabei, sonst würden wir es nicht mehr machen. Aber ich würde sagen, die größte Herausforderung war zunächst, diese Zielscheibe zu werden.

Ihr seid als Band schon immer ziemlich demokratisch gewesen. Ist es jetzt schwieriger geworden, noch eine Meinung mehr zusammenzubringen und daraus ein Song zu kreieren bzw. ein Album zu machen oder wie hat sich das auch auf die Dynamik ausgewirkt?
Stefan: Ich empfinde es als superpositiv, weil Till ein sehr kreativer und offener Mensch ist und bereits Ideen eingebracht hat. Auf dieser Platte sind viele tolle Momente, die er mit skizziert hat. Beim Video zu „Nosferatu“ haben wir beide viel daran gearbeitet, das Drehbuch geschrieben und die gesamte Produktion vorbereitet. Das wäre ohne Till gar nicht möglich gewesen, weil von ihm einfach sehr viel kommt. Außerdem war Thomas als Songwriter bei uns noch nie jemand, der gesagt hat: „Der Song ist so, wie ich ihn schreibe. Die Idee ist so, wie ich sie festlege.“ Sondern eher: „Hey, ich habe ein paar Zutaten gekauft. Ich stelle mir vor, wir könnten heute eine leckere Pasta machen. Was habt ihr für eine Idee?“ Und Thomas freut sich total, wenn man an diesem Prozess teilnimmt. Dazu kommt mit Till nun ein weiterer kreativer Kopf. Das war nur positiv.
Till: Genau das ist der Grund, warum ich das mache und sozusagen das Gegenstück zu den Herausforderungen. Das ist ein Spielplatz. Man spielt zusammen, und in dem Moment, in dem ich kreativ sein kann, spüre ich den Grund, warum ich Musik mache. Wenn ich das in einer Gruppe tun kann, in der man vorher nicht weiß, was herauskommt, ist das für mich ein großes Glücksgefühl. Dadurch kann ich die große Herausforderung, die am Anfang stand, gut gegenüberstellen und beides ausbalancieren.

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Kommen wir zu „Sternensegler“. Das ist jetzt das erste Album, was ihr mit Till gemacht habt. Wann habt ihr gemerkt, dass ihr nicht tatsächlich Musik für diese neue Besetzung schreibt?
Stefan: Ich glaube, das Interessante ist sogar, dass viele Songs, die jetzt auf „Sternensegler“ sind, unter anderem der Titeltrack, schon als Demos von Thomas aufgenommen wurden, bevor er überhaupt von seinem Pech wusste, dass er Krebs hat. Wenn man diese Demos engen Bekannten vorspielt, nachdem wir sie mit Till ausgearbeitet haben, hat kein Mensch gedacht, dass das alte Songs sind. Es kam so viel frische Farbe und so viel neue Zutat dazu. Dabei geht es gar nicht nur um den anderen Gesang. Auch musikalisch sind so viele Facetten von Till darin, dass selbst die alten Demos frisch klingen. Dann kamen noch die ganzen neuen Songs dazu. Auch Till hat eigene Songs beigesteuert. Ich finde die gesamte Transformation sehr gelungen. Aber ich bin natürlich nah dran, deshalb ist das schwer zu beurteilen. Ich hatte auch schon Platten und Songs, mit denen ich nie richtig warm geworden bin. Im Moment feiere ich aber alles und freue mich schon auf die nächsten Songs, die wir hoffentlich bald machen werden. Dabei ist die neue Platte noch nicht einmal richtig veröffentlicht.

Till, hast du dich leichter damit getan, die vorhandenen Songs auf dich umzumünzen oder mit deiner Basisidee einen fertigen Song zu pitchen, um diesen ins SCHANDMAUL-Universum zu bringen?
Till: Letzteres ist für mich immer einfacher, weil ich mir selbst auf den Mund texte und meine Stärken bei bestimmten Vokalen und Worten kenne. Die bereits bestehenden Nummern waren dagegen schon fertig. Deshalb war dieser Prozess für mich anstrengender und mit mehr Arbeit verbunden als bei Songs, die ich selbst initiiert habe. Wenn etwas aus einem selbst heraus entsteht, arbeitet man einfach anders. Gleichzeitig ist das ein Parallelprozess: Ich habe von Thomas schon vor vielen Jahren Demos bekommen und meine Meinung dazu abgegeben. „Sternensegler“ hatte ich, glaube ich, schon 2022 gehört. Das lief alles parallel, während die Band bereits an Songs gearbeitet hat. Jetzt sind diese beiden Bahnen zusammengekommen. Natürlich ist es etwas anderes, wenn jemand oder die Band ein Stück schon fertig arrangiert hat und man dann von außen dazukommt. Man schmeißt nicht aus reiner Ego-Geschichte alles um. Das sind schließlich auch geile Songs. Vom Prozess her ist es für mich aber einfacher mit allem, was aus mir selbst herausgekommen sind.

Gibt es auf dem Album einen Moment, bei dem ihr im Studio gedacht habt, dass das mit Thomas so nicht funktioniert hätte, aber mit Till passt es genau deshalb?
Stefan: Ich denke, das liegt vielleicht an der Klangfarbe und daran, wo die beiden musikalisch herkommen. Thomas kommt eher aus der Ecke Pop und Deutschrock, Grönemeyer und so weiter, Till dagegen aus Crossover, Punk und Hardcore. Dadurch sind natürlich auch die Stimmen geprägt. Wenn es darum geht, sehr tief, dunkel und sanft zu singen, trifft Thomas‘ Stimme den Punkt vielleicht besser. Wenn es darum geht, richtig einen rauszulassen, kommt Tills Vergangenheit zum Tragen.

Und ist umgekehrt auf „Sternensegler“ auch ein Song, wo ihr sagen würdet, da kommt diese SCHANDMAUL-DNA nach über 25 Jahren immer noch genauso durch, ganz egal, wer am Mikro steht?
Stefan: Das ist schwer zu sagen. Wir sind so tief in diesem Prozess drin. Ich lese mir zum Beispiel alle Kommentare auf YouTube durch und dort schreiben regelmäßig Leute, dass sie es cool finden, wie wir die Transformation hinbekommen haben. Es klingt nach einer neuen Band, aber die alte SCHANDMAUL-DNA sei trotzdem noch da. Das liegt vielleicht auch an der Beständigkeit der Melodieinstrumente, die einen ganz eigenen Klangkosmos erzeugen. Was Birgit und Saskia dort machen, prägt die Musik stark. Wir bestehen schließlich aus mehr als Gesang.

(c) Holger Fichtner

„Sternensegler“ als Titel klingt nach Aufbruch, gleichzeitig auch nach Neuanfang. Hattet ihr diesen Titel für das Album schon länger im Kopf oder kam das erst hinterher, dass das aktuell gut zu euch passt?
Stefan: Ich kann mich daran erinnern, dass wir relativ früh diesen Titel festgelegt haben, weil er einfach so gut gepasst hat. Wir fanden auch das Demo sehr stark. Dann haben wir mit dem Artwork herumgespielt und irgendwann war klar: Die ganzen Themen der Songs würden auf so ein Schiff passen. Da sind bei uns im Kopf plötzlich viele Türen aufgegangen: Oh geil, in diese Richtung könnte man auch beim Bühnenbild gehen, T-Shirts gestalten und so weiter.

Eure neue Platte bietet mit „Mit beiden Füßen in der Luft“, „Flagge“ oder „Nosferatu“ ziemlich unterschiedliche musikalische Facetten. Ist nach rund 30 Jahren Bandgeschichte diese musikalische Vielfalt immer noch ein bewusstes Ziel für euch oder ist das etwas, was einfach bei euch passiert, weil ihr einfach so viele Musiker mit so unterschiedlichen Hintergründen seid und diese Songs gemeinsam schreibt?
Stefan: Diese Band hat sich nicht gegründet, weil sechs Leute im Kettenhemd auf einem Mittelaltermarkt standen und gesagt haben: „Geil, wir machen jetzt Trommel und Dudelsack.“ Da haben sich sechs Leute getroffen, die unterschiedliche Instrumente gespielt und unterschiedliche Musik gehört haben. Sie wollten in ihrer Lieblingskneipe mit ein paar Bier im Kopf gemeinsam die Bühne rocken. Es war schon immer Bestandteil dieser Band, dass jeder das mitbringt, worauf er Lust hat. Wir hören wirklich unterschiedlichsten Kram. Es ist manchmal schon erstaunlich, wie unterschiedlich wir Musik hören, wahrnehmen und was uns jeweils kickt. Till passt da genau hinein. Das ist Fluch und Segen zugleich. Zum einen kann man uns nie so richtig einordnen, zum anderen machen wir einfach das, was uns Spaß macht.
Till: Genau da komme ich auch her. Ich kann und will gar nicht anders. So habe ich angefangen. Das war der Schwur unter den Jungs, als wir damals meine erste Band gegründet haben. Für mich ist das pure Lebensfreude und Spielfreude. Wenn ich bei jedem Album immer wieder dasselbe Produkt abliefere, weiß ich nicht, dann arbeite ich lieber an etwas anderem.

SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von In Extremo
SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von IN EXTREMO 2025

Till, „Flagge“ ist ein ziemlich eindeutiges Statement für Vielfalt. Ihr habt mit SCHANDMAUL und „Bunt und nicht braun“ eine gewisse Vorgeschichte, was dieses Thema betrifft. Ihr positioniert im Gegensatz zu anderen Bands auch politisch. Wo zieht ihr die Grenze zwischen Haltung zeigen und dem erhobenen Zeigefinger?
Till: Auch das gehört bei mir schon immer dazu. Ich glaube nicht, dass ich mich vor die Fans stelle und ihnen mit erhobenem Zeigefinger sage, wie sie zu denken, zu wählen oder zu handeln haben. Was ich aber mache, ist, Missstände oder Dinge zu kritisieren, die ich aus meiner Perspektive als absolut schrecklich empfinde. Gleichzeitig versuche ich auf den Konzerten immer, die Gemeinsamkeit zwischen den Menschen herauszustellen. Dieses Miteinander ist mir wichtig. Durch Vielfalt kann man meiner Meinung nach viel mehr gewinnen, als man verliert. Das ist mir wichtig und ich glaube, in der heutigen Zeit ist es wichtiger denn je.

Ist es schwieriger für dich geworden, diese Position auf der Bühne weiter zu vertreten, weil Musiker mittlerweile immer mehr Gegenwind bekommen und auch manche Festivals bzw. Veranstalter sich nicht eindeutig positionieren?
Till: Dann finde ich auf diesen Festivals nicht statt. Mir geht es um eine Haltung, die vor allem die Menschenwürde, Menschenrechte und Ähnliches betrifft. Wenn das auf einem Festival zum Problem wird, ist das nicht der Spielort, an dem ich sein will. Und wenn das Publikum voll ist mit Menschen, die damit Probleme haben, möchte ich dort auch nicht in dieser Gesellschaft sein. Es gab in der Vergangenheit auch Angebote für APRON, bei denen wir für keine schlechten Gagen auf Festivals hätten spielen können. Offenbar hatten die Veranstalter nicht bemerkt, wo wir stehen. Wir haben solche Angebote einfach abgesagt. Das hätte uns finanziell oder auch publikumstechnisch vielleicht etwas gebracht, aber da bin ich raus.

Ihr habt auf dem neuen Album auch einen Song mit Laura Fella von FAUN gemacht und gemeinsam mit ihr „Zwei Raben“ von WETO neu vertont. Wie kam’s dazu? Also die Zusammenarbeit mit Laura zu suchen und diesen WETO-Song aus der Mottenkiste zu holen?
Stefan: Da gibt es mehrere Aspekte. Zum einen hat uns WETO als eigentliche Mutter von SCHANDMAUL immer viel Spaß gemacht. Damals hatten wir viel Zeit, noch keine Kinder, SCHANDMAUL war sehr erfolgreich und wir waren alle jünger beziehungsweise gesünder. Till war damals schon an Bord und hat Zusatzstimmen in Tonhöhen und Lagen gesungen, die Thomas nicht singen konnte. „Zwei Raben“ ist ein von uns allen sehr geliebter Song. Für WETO werden wir keine Zeit mehr haben, aber für SCHANDMAUL lässt sich der Song wunderbar mit unseren Farben neu gestalten. Die Idee, ihn noch einmal neu zu vertonen, hatten wir bereits, bevor Thomas so schwer krank geworden ist. Jetzt haben wir Nägel mit Köpfen gemacht.

Und wie ist der Kontakt zu Laura entstanden?
Till: Wir haben nach einer Duettpartnerin für mich gesucht und Saskia hat Laura gefragt.
Stefan: Saskia und Laura sind befreundet und das Ergebnis passt stimmlich gigantisch gut. Wir hatten auch einen sehr schönen Videodreh mit ihr. Sie war superangenehm, toll vorbereitet und hatte viel Spaß. Es gibt ja oft Musiker, die sagen: „Ja, mache ich, hier ist meine Rechnung“, dann schicken sie eine Tonspur und die wird eingepflegt. Das war überhaupt nicht der Fall. Laura war es wichtig, wie sie klingt und wie sie im Video mitmachen kann. Das hat mich total gekickt.

Till, wie war es für dich, dieses Duett aufzunehmen? Normalerweise bist du ja Einzelsänger.
Till: Ungewohnt zunächst, aber superschön. Ich habe noch nie ein Duett gemacht. Wie Stefan sagt, ist der Song durch Laura noch einmal doppelt gewachsen. Und mit dem Text macht es einfach sehr viel Sinn.

Im Vorfeld zum Release bringt ihr insgesamt vier Videos raus. „Sternensegler“, „An beiden Enden“, „Nosferatu“ und „Zwei Raben“. Warum ausgerechnet diese Songs mit diesen Videos?
Stefan: Ich glaube, viel hat damit zu tun, ob ein Bild im Kopf bereits da ist und man weiß, was man filmen möchte. Eigentlich sind es sogar fünf Videos. Es ging mit „In der Hand“ los. Das war mehr oder weniger die neue Geburtsstunde und der Text passt wie Arsch auf Eimer. Dieser Text ist übrigens älter als das, was wir alle über die Situation wissen. Alle haben gesagt: „Wow, ihr habt einen coolen Text geschrieben, der passt perfekt zu der Situation.“ Das stimmt gar nicht. Der Text war schon da, bevor Thomas wusste, dass er den Scheiß hat.
Till: Das Video zu „Sternensegler“ war einer der schwierigeren Parts, wenn man nicht gerade George Lucas ist und ein Budget ohne Ende hat. Bei „Nosferatu“ ist uns die Idee zur Visualisierung quasi entgegengesprungen und wir haben sie weitergesponnen. Das ist immer unterschiedlich. „Nosferatu“ sieht vielleicht nicht nach einem riesigen Aufwand aus, aber wir waren dafür auch drei Tage in drei verschiedenen Venues.
Stefan: „An beiden Enden“ war naheliegend, weil wir schöne neue Live-Aufnahmen hatten und damit positive Bilder verbinden konnten. Wir hatten in den letzten Jahren so viel Negatives hinter den Kulissen. Da tut diese Textzeile „Brenn an beiden Enden“ einfach gut. Sie steht sinnbildlich für alles, worauf wir Bock haben.

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Ihr veröffentlicht „Sternensegler“ am 11. September, macht euer FOLKFIELD FESTIVAL und tretet selbst an beiden Tagen auf. Anfang 2027 geht ihr dann auf große Tour. Was ist die Bewährungsprobe für dieses Album? Die Reaktionen von den Fans? Die erste Liveshow oder wenn die ersten 1000 Leute die neuen Lieder mitsingen?
Stefan: Da gebe ich dir eine ganz andere Antwort, als du vielleicht vorgegeben hast. Ich sehe anhand der Vorverkaufszahlen, ob die Leute unsere Songs mögen. Damit entscheidet der Fan: Gebe ich dafür meinen Obolus aus? Das ist hart verdientes Geld. Als Hardcore-Musikfan kann ich mir im Monat vielleicht ein oder maximal zwei Konzerte leisten. Wenn mich eine Platte anspricht, gehe ich hin. Wir werden sehen. Bis jetzt kommt alles gut an, was wir gemacht haben. Aber für mich ist das die Hauptbewährungsprobe. Denn die Leute, die auf ein Konzert gehen, haben in der Regel auch Spaß an dem, was wir machen.

Nach der Geschichte der vergangenen Jahre mit Thomas‘ Erkrankung, man könnte „Sternensegler“ auch unter dem Überbegriff von weitermachen lesen, wenn man das wollte. Was habt ihr als Band in dieser Zeit übers weitermachen gelernt, was ihr vor fünf oder auch vor zehn Jahren noch nicht so aufm Schirm hattet?
Stefan: Dass es sich lohnt zu kämpfen, wenn dir etwas wichtig ist. Selbst wenn es jetzt schiefgegangen wäre, wäre es mir fast egal gewesen. Für mich war wichtig, dass wir es einfach probieren. Und wenn es nicht funktioniert, aus welchen Gründen auch immer, weil es in der Band doch nicht harmonisch funktioniert, die Songs nicht ankommen oder die Leute uns mit faulen Tomaten bewerfen: Ich möchte es probiert haben. Till hat uns die Chance gegeben, dass wir es versuchen durften. Dafür bin ich sehr dankbar.
Till: Das kann ich aus meiner Perspektive genauso sagen. Ich habe jetzt fast 25 Jahre Musik gemacht und war mit meinen Bands nie vom Erfolg geküsst. Ich stand immer kurz davor, aber es hat nie wirklich gezogen. Und jetzt, 20 Jahre später, habe ich plötzlich die Chance, noch einmal zu zeigen, was ich kann. Das ist eine ähnliche Geschichte, nur aus einer anderen Richtung. Dranbleiben, durchhalten, an sich und die eigenen Fähigkeiten glauben. Was mich viele Jahre getragen hat: Wenn du selbst in einem kleinen JUZ vor 20 Leuten stehst und dort zehn Menschen wegen der Musik, die du machst, weinen, ausflippen oder schreien, dann weißt du, dass da etwas richtig ist. Denn plötzlich besteht eine Verbindung zwischen dir und Menschen, die du gar nicht kennst. Dieses Gefühl hat mich nie losgelassen und auch dazu geführt, dass ich mit der Musik nie ganz aufgehört habe, obwohl es genug Gründe gab zu sagen: Komm, ich mache jetzt einfach Nine-to-five und kann entspannt leben.

Wenn ihr in ein paar Jahren auf „Sternensegler“ als den Beginn eines neuen SCHANDMAUL-Kapitels zurückblickt: Was müsste bis dahin passiert sein, dass ihr euch denkt, dass ihr genau dafür diese Platte gemacht habt?
Stefan: Meine Idealvorstellung wäre, dass es mehr oder weniger so bleibt, wie es jetzt ist. Wir sind an einem Punkt, an dem wir das auf relativ hohem Niveau machen können, ohne uns total zu verbrennen. Wir können es uns leisten, mit tollen Crews zu fahren und bekommen immer noch gute Festival-Slots. Das können wir dann auch genießen. Generell hat es sich schon dafür gelohnt, dass wir es ausprobieren durften und uns nichts vom Schicksal vorschreiben lassen haben. Da gibt es eine echte Parallele zwischen Tills Schicksal und unserem: Dieses „Ach, das war’s jetzt, es interessiert sich ja keiner für mich, für meine Skills und das, was ich draufhabe.“ Und dann findet man noch mehr zueinander und plötzlich macht es „Klick“.

SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von In Extremo
SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von IN EXTREMO

Stefan, du hast jetzt SCHANDMAUL sehr lange mit Thomas am Mikro erlebt. Würdest du sagen, dass du so einen inneren SCHANDMAUL-Sänger im Kopf hast? Und dass, wenn Till etwas anders macht, du dir manchmal denkst, das passt nicht oder da muss ich mich erst drauf einstellen?
Stefan: Es ist total spannend, wenn der Bandleader ein anderer ist als derjenige, den man als guten Kumpel und Künstler kennt, er aber nicht mehr selbst vorne das Zepter schwingt. Wir sind keine Band, die zu irgendwelchen Click-Tracks spielt und sich einfach hineinfallen lassen kann. Wir sind eine hundertprozentige Live-Band. Gesang und Schlagzeug geben vor, wo es langgeht, wie schnell es geht, wo unterbrochen wird und so weiter. Es ist ein bisschen anders, aber irgendwie sind sich Thomas und Till auch ein Stück weit ähnlich.
Inwiefern?
Stefan: Sie sind ähnlich, wenn sie etwas machen, das man vorher nicht erwartet und das total cool ist. Und gerade jetzt, wo Thomas wieder so gut bei Stimme ist und gut sprechen kann: Wenn beide ein Mikrofon haben und die Leute entertainen, ist das wirklich Kabarett. Das macht mir sehr viel Freude. Vieles funktioniert auch über Blickkontakt. Man schaut sich an und weiß schon: Jetzt geht’s ab, jetzt machen wir noch einen Turnaround und dann nehmen wir ein bisschen das Tempo raus.

Und wie würdet ihr sagen, hat sich eure Bühnendynamik verändert dadurch, dass ihr jetzt einer mehr seid und Thomas weiter dabei ist?
Stefan: Das ist nur ein Segen. Ohne Thomas hätte diese Band nicht weitergemacht.
Till: Dieses Thema habe ich mit Thomas am Telefon besprochen, bevor es überhaupt darum ging, dass ich einsteige. Wenn das für Thomas nicht okay gewesen wäre, hätte ich es nicht gemacht. Selbst wenn die Band gesagt hätte, wir machen das, hätte ich gesagt: Das mache ich nicht.

Und wie ist es jetzt für euch, ihn als Keyboarder mit auf der Bühne zu haben?
Stefan: Ein totaler Gewinn. So hart es klingt: Es ist ein Riesenverlust, dass Thomas‘ Stimme nie wieder erklingen wird. Aber Thomas ist ein gigantischer Musiker. Er ist ein krasser Keyboarder, ein Soundtüftler und spielt eine einzigartig coole, groovige, funky Akustikgitarre, die nur Thomas spielen kann. Dadurch, dass er sich jetzt nicht mehr auf Gesang und Entertainment konzentrieren muss, kann er sich noch viel stärker in die Musik fallen lassen und aus diesem Potenzial schöpfen. Für mich als Schlagzeuger bedeutet das sehr viel. Ich habe das auch brüllend laut auf dem Ohr, was Thomas da macht. Das will man gar nicht mehr missen.
Till: Ich wollte immer einen Keyboarder in der Band und jetzt habe ich einen. (lacht)

KI in der Musik wird immer wichtiger und immer präsenter. Einige Bands arbeiten damit, gestalten ihre Cover damit, veredeln ihre Videos und so weiter. Stefan, du hast es vorher selber gesagt, SCHANDMAUL ist eine 100-Prozent-Live-Band. Wie geht ihr mit dem Thema um, wenn jetzt jemand zu euch kommt und sagt, dieses „Sternensegler“-Cover sieht so ein bisschen aus, als ob da KI drin wäre?
Stefan: Das ist immer der Punkt, an dem ich ein bisschen nervös oder grantig werde. Unser Cover stammt von einem Künstler, der das gelernt und über Jahrzehnte hunderte Artworks gestaltet hat. Jetzt gibt es Werkzeuge und jeder auf der Welt darf sie nutzen, aber der Künstler nicht? Das verstehe ich nicht. Das ist so, als hätte man damals im Studio die neueste Software nicht benutzen dürfen. Man hätte analog aufnehmen müssen, weil das ja digital ist. Das ist Käse. Wenn jemand ein neues Werkzeug gut einsetzt, das gerade auf dem Markt ist, aber sein Handwerk von der Pike auf gelernt hat und in dessen Arbeit sehr viel künstlerischer Inhalt steckt, warum sollte er KI nicht einsetzen dürfen?
Till: An diesem Punkt ist die Frage, was viele Leute stört, mich eingeschlossen: Wann wird der Anteil der Eigenschöpfung so gering, dass hauptsächlich die KI für das Kunstwerk verantwortlich ist? Dann hat es für mich nichts Menschliches und nichts Künstlerisches mehr. Es fehlt der gesamte Schöpfungsprozess, der für einen Künstler selbst das Spannende ist und dem Ganzen seinen Wert gibt. Wenn ich KI dagegen als Werkzeug nutze, um meine Kunst und das, was in mir steckt, besser ausdrücken zu können, so wie man früher mit Photoshop Artworks gestaltet hat, ist das etwas anderes. Gleichzeitig sehe ich es genauso kritisch wie viele andere, wenn ich auf einem Streamingportal nicht mehr weiß: Was ist hier noch menschliche Musik und was ist KI-Musik? Wenn man das mit Geschmackserziehung im Kindergarten vergleicht: Wenn ich Kindern nur Pizza vorsetze, wird ihnen irgendwann auch nichts anderes mehr schmecken. So ist es meiner Meinung nach auch bei Streamingdiensten. Wenn diese mit KI-Musik voll sind, verliert man irgendwann das Gefühl für den Wert menschlich gemachter Musik. Wenn aber zehn Prozent KI darin stecken und der Rest aus Blut, Schweiß, Tränen und Leidenschaft einer Person besteht, ist das für mich völlig in Ordnung.

Gibt’s ältere oder bekannte Songs, die ihr gerne mit Till nochmals aufleben lassen wollt und gleichzeitig auch welche, von denen ihr die Finger lasst?
Stefan: Da machst du immer wieder diese Vergleichstüte auf. Ich glaube, wir sehen da keinen Bedarf. Wir wollen gerade lieber an neuem Zeug arbeiten. Es macht so viel Spaß und ist so spannend. Gleichzeitig fehlt uns die Zeit. Wir haben alle Kinder und wegen Corona und Thomas‘ Krebs inzwischen auch wieder Jobs nebenher. Deshalb konzentrieren wir uns lieber auf Neues und Frisches, statt einen alten Song wieder herauszukramen.
Till: Sehe ich genauso. Der Kreativprozess und das Schaffen von etwas Neuem sind für mich der Hauptgrund, Musik zu machen.
Stefan: Wir haben allerdings einen alten Song neu aufgenommen, weil die Platte „Leuchtfeuer“ zehn Jahre alt wird. Im November erscheint ein „Leuchtfeuer Best Of“ mit allen drei Alben, die bei Universal erschienen sind. Das war eine echt coole Ära mit Platz eins in den Albumcharts, Goldauszeichnungen und vielem mehr. „Leuchtfeuer“ noch einmal mit Till aufzunehmen, fanden wir im Studio schön und stimmig. Aber ansonsten gibt es aktuell nicht die Idee, alte Songs neu aufzunehmen.

SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von In Extremo
SCHANDMAUL auf dem 30-Jahre-Jubiläumsfestival von IN EXTREMO

Was würde Thomas über „Sternensegler“ sagen, wenn er jetzt hier mit euch zusammensitzen würde?
Stefan: Der Thomas ist ziemlich happy, oder?
Till: Ja. Man kann natürlich immer nur von außen und anhand dessen urteilen, was er sagt. Aber auf mich wirkt er auf der Bühne voller Freude und ich glaube, er feiert die Rolle, die er jetzt hat. Ich glaube auch als Songschreiber, dass ihn das tierisch freut. Ich kann mich da ein bisschen mit ihm identifizieren. Die Musik weiterzuschreiben, zu gestalten, an Songs zu schrauben, zu tüfteln und zu feilen und sie am Ende zu präsentieren: Ich kenne ihn lange genug, um zu wissen, dass das auch für ihn der Kern ist, warum er Musik macht.

Ihr habt eine Bonus-CD mit Harfenversionen gemacht. Erzählt doch mal was drüber, warum ausgerechnet Hafenversionen von dem Album.
Stefan: Ich mag Harfe. Birgit hat eine gute Freundin, die sehr schön Harfe spielt. Die Idee, dass Thomas das mit Klavier und Marco am Gesang macht, war auch einmal im Raum. Wir hatten dafür einfach nicht die Zeit. Aber die Idee ist zum Beispiel noch da.

Euer „Kunststück“ aus dem Jahr 2005 ist immer noch sehr beliebt. Akustiktouren von SUBWAY TO SALLY gibt’s auch wieder. Wie steht ihr aktuell zum Thema Schandmaul unplugged, mit Orchester und Co.?
Till: Spätestens seit „Nirvana Unplugged“ ist das für mich etwas, das ich in meinem Leben gerne einmal schaffen würde. Das war immer eine Zeitfrage. Egal in welcher Band, war das für mich immer ein Ziel, aber es war immer ein Zeitproblem, wenn man nebenher arbeiten muss.
Stefan: Und das unterschätzen die Leute, glaube ich, oft. Viele denken: Jetzt lassen sie die E-Gitarre weg, der Schlagzeuger holt sich eine Cajón. Das ist es nicht. Wenn du das gut machen willst, wie zum Beispiel SUBWAY TO SALLY, dann ist das hervorragend. Aber es ist wahnsinnig viel Zeit, die du investieren musst, um am Ende ein wirklich gutes Unplugged-Produkt zu haben. Wenn wir etwas machen, und wir haben das damals mit dem Orchester auch gemacht, dann muss das Hand und Fuß haben. Es reicht nicht, einfach die Gitarre wegzulassen. Das ist es nicht. Till: Das würde uns auch keinen Spaß machen.

Kann man damit rechnen, dass ihr nach „Sternensegler“ stilistisch quasi noch mal in eine komplett andere Richtung driftet, auch hinsichtlich der verschiedenen musikalischen Hintergründe, also wirklich mal komplett fernab von allem, was ihr bisher gemacht habt?
Till: Ich finde so etwas grundsätzlich spannend, aber in Summe muss es für die Band organisch sein. Ich glaube, es funktioniert nicht, wenn man mit Gewalt versucht, bestimmte Elemente einzubauen. Ich habe in ein paar Reels scherzhaft gesagt: Wenn jetzt Hip-Hop-Einflüsse oder Techno-Elemente kämen, könnte man damit vielleicht plötzlich total erfolgreich werden. Aber man würde möglicherweise die komplette Fanbase verlieren.
Stefan: Genau. Es muss organisch sein. Es muss stimmig reinpassen. Und ich glaube, genau das ist die Spannung und der spannende Weg, den wir gerade gehen.

Ihr kennt euch ja sehr, sehr lange. Welche Eigenschaft des jeweils anderen würdet ihr nach dieser langen Zeit immer noch gerne ändern?
(beide überlegen lange)
Stefan: Was mich ein bisschen nervt, ist, dass Till und Thomas beide Menschen sind, die wirklich überlegen, bevor sie den Mund aufmachen, und dann kommt meistens etwas Überlegtes heraus und nie Scheiße. Ich plappere dagegen einfach drauflos. Dann denke ich mir: Warum denken die immer so lange darüber nach, bevor sie reden? Das regt mich ein bisschen auf.
Till: Ich kenne das umgekehrt. Stefan ist mir manchmal bei Entscheidungen und bestimmten Sachen zu schnell. Gleichzeitig habe ich das immer schon bewundert. Ich bin manchmal zu langsam.
Wir haben auch in meiner alten Band immer über Stefan als den Socializer gesprochen. Er hat die Fähigkeit, mit Leuten Kontakt aufzunehmen und zu netzwerken. Das habe ich von außen immer bewundert.
Er stellt sehr schnell eine Beziehungsebene her, die völlig natürlich ist und nicht überheblich, aufgesetzt oder gekünstelt wirkt. Das ist, glaube ich, genau das, was Stefan meint, wenn er sagt, dass Thomas und ich eher weniger so sind. Wir sind eher distanziert oder überlegen zunächst aus der Deckung heraus.

Stefan, du machst auch das Bandmanagement und das ganze Drumherum ja auch schon ein bisschen länger. Wie hat sich das so in den letzten Jahren verändert, speziell nach Corona?
Stefan: Es ist definitiv schwieriger geworden. Wenn du hundert Prozent Musik machst und deine gesamte Zeit dafür einsetzen kannst, ist es leichter. Heute muss ich mich schon oft zerreißen. Spätabends, wie jetzt, ist es ein Interview und das macht Spaß. An anderen Abenden sitze ich da und mache Buchhaltung oder irgendwelchen anderen Scheiß. Und natürlich ist es eine Herausforderung, sieben Leute unter einen Hut zu bekommen, die alle Familie und Kinder haben. Ferien, wer wann wegfährt, wer ins Land heim muss und so weiter. Till hat ein kleineres Kind, Matthias auch, Saskia hat ganz kleine Kinder. Das ist noch einmal etwas anderes als bei Birgit, Ducky, Thomas und mir, deren Kinder schon pubertär sind und ihren Kram weitgehend alleine machen. „Sternensegler“ ist für mich auch das Ende des Scheißschöpfens. Ich habe das immer mit einem Boot verglichen, auf dem wir sitzen. Der Kahn war wirklich am Absaufen. Da war einmal ein stolzes Schiff. Dann war es ein abgefucktes Boot, bei dem man nur noch Wasser herausschöpfen musste. Jetzt haben wir die Planken repariert und die Segel gehisst. Die sind zwar geflickt, aber sie sehen schön aus. Die Mannschaft ist gesund und es ist ein altes Schiff, aber es segelt wieder. Und das ist das Schöne. Jetzt kann man wieder arbeiten, auch wenn es manchmal anstrengend ist. Man muss nicht mehr permanent darauf achten, dass keiner absäuft.

Vermisst Du so diese alten Zeiten, wo Du 100 Prozent Musiker warst und praktisch nur diese Band hattest, wo weniger Kinder eine Rolle gespielt haben?
Stefan: Ich vermisse es ehrlich gesagt nicht. In dieser Band war es natürlich auch mit sechs Menschen gruppendynamisch höchst interessant. Seit Till dabei ist und Thomas zum Glück diesen Krebs über Bord geworfen hat, habe ich wieder so viel Spaß daran, in die Probe, auf Konzerte oder ins Studio zu fahren, wie ich ihn teilweise in der Zeit, als wir supererfolgreich waren, nicht hatte. Ich sehe das als großes Geschenk: dass ich wieder Musik machen darf und dass Freunde dabei sind, die das mit mir machen. Ich erlebe das auf Festivals öfter. Ich treffe alte Weggefährten aus anderen Bands, die sehr erfolgreich sind, und sie erzählen, wie anstrengend ihr Leben ist, weil sie so viel auf Tour sind. Alles ist wahnsinnig anstrengend. Ich denke mir dann: Ich finde es schön. Ich bin dankbar, dass wir heute spielen können. Wir spielen vielleicht fünf Konzerte im Jahr und ihr 50, aber ich freue mich über diese fünf. Ich kann es wieder voll genießen, weil es nichts mit einem Job zu tun hat, sondern nur mit Passion.

Vielen Dank für Eure Zeit!

Sigi MaierMarina Piluso

Publiziert am von und

Dieses Interview wurde per Telefon/Videocall geführt.

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