Interview mit Cornelius von Jackhelln von Solefald

Wer SOLEFALD kennt, weiß, welch Wahnsinn ihn von Album zu Album erwartet. Nach dem für ihre Verhältnisse fast schon konventionellen „Norrøn Livskunst“ legt das norwegische Duo nun mit einer EP („Norrønasongen. Kosmopolis Nord“) sowie dem Album „World Metal. Kosmopolis Sud“ gleich doppelt nach. Wahnsinnsknabe Cornelius von Jackhelln über die verarbeiteten Einflüsse, den Weg zur Liveband und wie man von einem Kriegsgedicht zu Hühnergegacker kommt, wenn der Rhythmus stimmt.

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Hallo Cornelius, wie geht es dir?
Grüß dich! Ziemlich gut, danke! Ich finde nach meinem Umzug von Berlin-Mitte nach Berlin-Kreuzberg langsam wieder ins Leben zurück: Das hat mich zwei Monate komplett vereinnahmt … ich habe doch deutlich mehr CDs, T-Shirts und Musik-Equipment als gedacht. Aber jetzt kommt der Frühling in Berlin, sehr schön.

Seit unserem letzten Interview 2010 hat sich im SOLEFALD-Camp viel getan – ihr habt die Band zurück auf die Bühne gebracht und zwei neue CDs veröffentlicht.
Zunächst mal zu euren Live-Performances: Du hast damals noch erzählt, dass Lazare nicht live spielen will und SOLEFALD deshalb wohl eine Studio-Band bleiben würde. Wie hast du ihn rumgekriegt?

Es stimmt, dass Lars über eine Dekade lang dagegen war, mit SOLEFALD live zu spielen – während er aber gleichzeitig gelegentlich mit Borknagar auftrat. Ich glaube, er hatte vor allem Angst, unsere Musik live nicht adäquat umsetzen zu können, sodass wir den Wert unserer Musik dadurch mindern würden. Vor unserer Tour 2013 haben wir darüber nochmal diskutiert und er meinte, wenn mir live spielen so wichtig wäre, wäre es für ihn O.K. – die Bedingung war allerdings, dass wir mit In Vain auf Tour gehen würden, die allesamt sehr professionelle Musiker sind. Seitdem scheint es mir, dass mein Kumpane Blut geleckt hat, insofern darf man mit weiteren Shows und vielleicht sogar einmal mit einer Tour rechnen.

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Ich hatte das Glück, euch auf dem Brutal Assault 2013 erleben zu dürfen – die Energie, die ihr auf der Bühne freigesetzt habt, war schlichtweg beeindruckend. Habt ihr diesen Erfolg eurer Performances erwartet oder wart ihr selbst auch etwas überrascht, wie gut euer Material live funktioniert, als ihr mit dem „Norrøn Livskunst“-Material das erste Mal auf der Bühne standet?
Du hast da aber auch unseren besten Auftritt überhaupt miterlebt. Ich erinnere mich noch, dass ich etwas angefressen war, weil diese Zeltbühne so abgelegen am Ende des Festivalgeländes steht. Ich war vor dem Gig also echt gestresst – und dann passierte das Unbeschreibliche und wir hatten zwischen 2000 und 3000 Leute in diesem Zelt, die mit uns geschrien haben. Das hat sich einfach unglaublich angefühlt. Das war einer dieser Momente, in denen wir als Band etwas unbeschreibliches gefühlt haben, diese perfekte Synchronisation mit der Menge. Das ist einfach Magie, wenn dieser Zustand erreicht wird – alles fließt. Das alte Material verschmolz mit dem neuen – dieser Auftritt war wirklich das absolute Live-Highlight für SOLEFALD bislang.

Unseren Bericht zur Show findet ihr hier!

Mit „Norrønasongen. Kosmopolis Nord“ habt ihr eine EP veröffentlicht, die als Gegenstück zum jetzt erschienenen Album „World Metal. Kosmopolis Sud“ konzipiert ist. Könntest du uns das Konzept hinter diesen beiden CDs erklären?
Solefald NorrönasongenDie beiden Teile des Kosmopolis-Diptychons repräsentieren verschiedene Prozesse bei SOLEFALD. Um es in einfache Worte zu fassen: „Norrønasongen. Kosmopolis Nord“ beinhaltet sehr experimentelle Songs, in dessen Mittelpunkt Olav Aukrusts monumentales Gedicht dieses Namens von 1915 steht, das den Horror des Ersten Weltkriegs mit Allegorien aus der nordischen Mythologie und dem Christentum darstellt. Wir hatten den Hauptsong «Norrønaprogen» fertig und entschieden, es mit meinem Gedichte/Synth/Solefald - World MetalNoise-Projekt Sturmgeist & The Fall Of Rome zu remixen.
So konnten wir unser Versprechen, unseren Fans 2014 ein neues Werk zu liefern, einhalten – und konnten zudem das Album, „World Metal. Kosmopolis Sud“, fokussierter und reiner halten, mit einer perfekten Spielzeit um die 50 Minuten. Wir haben viele Fans mit unserem Täuschungsmanöver („Norrønasongen. Kosmopolis Nord“) verwirrt und als „World Metal. Kosmopolis Sud“ kam, schlug es voll ein.

Woher rühren die starken musikalischen Unterschiede zwischen den beiden CDs?
„World Metal“ hat einen starken elektronischen Einschlag, vor allem wegen Lars’ Programmierung und Arrangements; „Norrønasongen“ basiert auf ein paar Folk-Riffs, die ich seit 1994 oder so im SOLEFALD-Ordner herumliegen hatte – als Amorphis noch eine junge und frische Band waren! Wenn du so lange Musik machst, wird sich dein musikalischer Weg immer winden und biegen, wirst du immer verschiedene Landschaften durchwandern – und es fühlt sich immer wieder schräg an, zu sehen, dass wir am Ende immer den typischen SOLEFALD-Sound hinbekommen, ganz egal, was wir tun.

„World Metal. Kosmopolis Sud“ klingt auch ganz anders als das letzte Album, „Norrøn Livskunst“, ist gerade deshalb aber vielleicht das typischere SOLEFALD-Album: Während „Norrøn Livskunst“ größtenteils sehr durchdacht und rational komponiert wirkt, klingt „World Metal“ oft eher spontan und erinnert so stärker an eure früheren Alben. Würdest du diese These bestätigen?
Ja, würde ich. Es ist kein Geheimnis, dass sowohl Lars als auch ich oft an unser 1999er Werk „Neonism“ gedacht haben, als wir „World Metal“ geschrieben haben. Auch der Entstehungsprozess der Texte war ähnlich und ich zitiere „Neonism“ auf verschiedene Arten. Wenn ich SOLEFALD-Texte auf Englisch schreibe, kommt manchmal eine Stimme durch – die Kulturkritik, die du auf „Neonism“ und „Pills Against The Ageless Ills“ findest. Das letzte Album, wo das sehr zum Tragen kam, war vielleicht „In Harmonia Universali“. Das war wirklich ein sonderbares Gefühl, als das nach elf Jahren wiederkam. Ein absonderlicher Fisch, der aus der Tiefsee auftaucht.

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Wie der Albumtitel „World Metal“ schon nahelegt, vereint das Album extrem unterschiedliche Stilrichtungen und Einflüsse aus verschiedensten Genres. Was hat euch zu diesem Album inspiriert, wo habt ihr all diese Sounds und Stilmittel gesammelt?
Für meinen Teil hatten meine Reisen in Südamerika, Africa und dem Mittleren Osten definitiv einen Einfluss, gerade was die Verspieltheit und Kuriositäten auf „World Metal“ angeht. Die Songs „World Music With Black Edges“ und „Bububu Bad Beuys“ haben einen stark afrikanischen Touch, der erste eher auf eine epische Art, der zweite eher auf eine alberne Art und Weise. Bei „Bububu“ wollte ich eine Art Kriegsgedicht rezitieren, aber ich wurde von dem stark improvisierten Rhythmus davongetragen und habe mich stattdessen für echt harsches Hühnergegacker entschieden. Ich würde sagen, das Ganze hat einen gewissen Mr.-Bungle-Touch.

Der Song ist definitiv mit das Abgefahrenste, was ihr bislang gemacht habt – und dann auch noch in diesem Demo-Recording-Sound … wie kam es dazu?
Ich habe während meines letztjährigen Aufenthalts in Tansania ein Video gemacht, das diese Frage beantwortet. Es ist einfach ein spaßiges Stück und es war gar nicht sicher, dass die Aufnahme für ein SOLEFALD-Album dienen würde.

Hast du einen Lieblingstrack auf dem Album, und wenn ja, kannst du uns erklären, was dieses Stück für dich so besonders macht?
Das wäre dann wohl „String The Bow Of Sorrow“, ein sehr persönlicher Ausdruck meiner Trauer um meine Mutter, die 2011 verstorben ist. Sie mochte die Musik von SOLEFALD und hat meine Kunst immer sehr unterstützt – nicht zuletzt durch ihre eigene kritische Meinung.

Könntest du noch ein paar Worte zum textlichen Konzept des neuen Albums sagen?
Was in unserem Presse-Text steht, nämlich, dass SOLEFALD den Großteil der Welt in der letzten Dekade vergessen haben, ist nur zur Hälfte ein Witz; die Icelandic Odyssey zählt jetzt vier Teile und die norwegischen und nordischen Sprachen haben wir weitestgehend erkundet. „Norrønasongen“ geht am deutlichsten von allen in diese Richtung – die Texte sind in verschiedenen nordischen Dialekten gehalten, musikalisch unterstrichen durch die
Hardangerfiedel.
World Metal“ ist jetzt unsere Rückkehr nach Kosmopolis, in die Weltstadt – sowohl musikalisch, mit einer Vielzahl an Instrumenten und Sounds, als auch was das Konzept und die Texte angeht. Das Album ist eine Reise durch die Kulturen des 20. Jahrhunderts und wird in vier Sprachen erzählt. Man könnte es auch eine Entdeckungsreise in die Moderne nennen.

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Du hast eingangs erwähnt, dass man euch in Zukunft auch wieder gelegentlich live sehen wird. Hast du schon eine Idee, wie ihr die neuen Songs mit all ihren Zusatzinstrumenten und Samples live umsetzen wollt?
Um ehrlich zu sein, fühlt es sich an, als wären wir gerade erst aus dem Songwriting- und Aufnahmeprozess heraus, wir machen immer noch Promoarbeit – wir haben einfach noch keine Zeit gehabt, über Liveumsetzungen nachzudenken. Das mag verrückt und ungewöhnlich sein, aber SOLEFALD waren noch nie eine Durchschnittsband mit nie endenden Promokampagnen, die das Netz jede Nacht mit News vollspammen. Und genau das hält unsere Fans hungrig nach mehr, glaube ich. Eine gewisse Mystik sollte unserem 20 Jahre alten Mutterschiff schon anhaften.

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss ein kurzes Brainstorming!
Hier ist mein BRAINSTURM für dich!
Dødheimsgard – A Umbra Omega: Schwache Schreie aus unbekannten Wäldern
Das beste Album aus 2014: AC/DC’s „Rock Or Bust“
Winter in Norwegen: Ich liebe Skifahren
Winter in Berlin: Die orangen Lichter von Kreuzberg in der Nacht
Fernsehen: Die Sonne scheint immer auf den TV, den ich nicht habe.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, das du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Wir haben eine Dreifach-LP-Box namens „Norrønasongen“ über mein Kleinstlabel Propagenia Press veröffentlicht! Die Box ist ein Vorläufer unserer langersehnten LP-Komplettbox (Ich bete dafür, dass es die eines Tages geben wird) und beinhaltet „Norrøn Livskunst“, „Norrønasongen“ auf grauem Vinyl und „World Metal“. Diese Box ist auf 100 Stück limitiert – und ein paar übrig gebliebene Ausgaben werde ich auf dem diesjährigen Inferno Festival in Oslo verkaufen!

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