Interview mit Tobi von The Sorrow

Ski fahren kann man in Vorarlberg sicher gut, Metal spielen jedoch auch. Schließlich kommt mit THE SORROW eine der führenden Metalbands Österreichs aus dieser Stadt. Die hat nun mit „Misery Escape“ ihr viertes Album in sechs Jahren veröffentlicht. Zum neuesten Release haben wir Bassist Tobi zu der textlichen und musikalischen Entwicklung von THE SORROW und anderen, ganz alltäglichen Dingen befragt.

Hy!! Cool, dass Du Dir auch dieses Mal wieder Zeit für ein kleines Interview nimmst. Wie geht es Euch?
Sehr gut, wie immer ein bisschen im Stress, wenn eine Platte rauskommt, Interviews, Proben und die gesamte Tourvorbereitung. Das Ganze ist aber positiver Stress:) Wir sind momentan auch einfach froh, dass die Platte endlich draußen ist.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Promotionsarbeit seit dem letzten Album schon noch mal deutlich zugenommen hat, oder?
Das hält sich so ziemlich die Waage, wir teilen uns die Interviews auf, dann kriegt man das nicht so mit. Aber sollte es so sein, umso besser:)

Habt Ihr auf der anderen Seite vielleicht einen etwas größeren Druck verspürt oder wolltet Ihr Euch am Vorgänger gar nicht messen und habt „Misery Escape“ ganz für sich gesehen?
Jedes Album sollte ohnehin für sich stehen, jedoch war für uns die grobe Marschrichtung klar. Und die war eben, das Gefühl, das wir auf der letzten Platte vermitteln konnten, nochmals zu verstärken. Man kann „Misery Escape“ als konsequente Fortsetzung sehen, aber dennoch steht es komplett für sich allein und würde an sich kein Prequel benötigen.

Ihr seid ja durchaus häufig live unterwegs. Ist es für Euch immer noch das Größte, vor Publikum zu spielen oder ist es schon fast das notwendige Übel, wenn man in der Szene am Ball bleiben will?
Liveshows sind der Grund, warum wir in einer Band spielen. Wir kommen rum, sehen etwas von der Welt, treffen Leute, die schätzen was wir tun und kriegen auch noch etwas dafür bezahlt. Aber natürlich ist es manchmal auch nicht so leicht, wenn man mal nicht so gut drauf ist, was ja vorkommen kann und man weiß, dass man sich nun wieder sieben Stunden in den Bus setzen kann. Außerdem müssen wir das Ganze ja auch mit unseren Dayjobs koordinieren, was das alles auch nicht immer leichter macht. Aber wenn man dann auf der Bühne steht, ist der ganze andere Scheiß ohnehin vergessen.

Wie bekommt Ihr da das Songwriting noch unter? Schreibt Ihr auch „on the road“ oder nehmt Ihr Euch dafür nach Abschluss der Reisen die entsprechende Zeit?
Wir versuchten sicherlich auch schon, unterwegs zu schreiben, wir können das einfach nicht. Wir sind ja meist nur am Wochenende unterwegs, und unsere Gitarristen schreiben die Sachen meist bei sich daheim im Kämmerchen und kommen dann damit um die Ecke.


Das Cover der neuen Platte ist insgesamt schon etwas schwieriger zu deuten, als man es von Euch gewohnt ist. Dienen die Schlüssel zur Flucht vor etwas oder zu etwas hin (die integrierten Totenköpfe könnten in diesem Zusammenhang also positi oder negativ gemeint sein). Kannst Du etwas zum Artwork sagen?
Wie man das Ganze mit den Schlüsseln und den Schädeln nun interpretiert, kann jeder mit sich selbst ausmachen. Verschiedene Interviewer sind schon mit ganz anderen Ansätzen gekommen, die den Zusammenhang zwischen Cover und Titel ergründen sollen, und alle waren sie legitim. Deshalb habe ich mich entschieden, gar nicht mehr soviel dazu zu sagen. Gemacht wurde das ganze von unserem Freund Robert @grindesign aus Budapest, der das Ganze dann auch noch auf mich und Andi tättowiert hat.

Insgesamt verschachtelter finde ich auch die Songs. Habt Ihr Euch vorgenommen, mehr auf Langzeitwirkung zu setzen oder war das ein natürlicher Prozess? Insgesamt ist es ja nicht schlecht, wenn man ein paar Songs hat, die recht schnell zünden, die fehlen mir diesmal ein wenig, um ehrlich zu sein.
Das Ganze war ein ganz natürlicher Prozess, man kann sich nicht an eine Song machen und ihn absichtlich „vertrackt“ machen, ich meine, natürlich können das Meshuggah, aber aus Sicht unserer Band klappt es nicht. Wir setzen aber wirklich ein bisschen auf die Langzeitwirkung, die Leute sollen die Platte in zwei Jahren nochmals anhören und etwas neues für sich entdecken, ich denke, das passiert bei Bands, die einfach nur auf die Zwölf gehen, eher nicht.

Kann es sein, dass Ihr mit den Jahren den Anteil der aggressiven Vocals etwas zurückgeschraubt habt? Liegt dies vielleicht auch an Mätzes starker Entwicklung im Bereich Klargesang?
Viele Leute empfinden es so, wir haben keine Ahnung, ob es jetzt mehr Gesang geworden ist oder nicht. Wir hatten dieses Element schon immer in unserem Sound und es wird auch beibehalten, wir nehmen uns aber vor Produktionsbeginn nie vor, den Cleangesanganteil zu erhöhen oder zu verringern. aber Mätze hat sich wirklich entwickelt, seine Stimme einzuschränken, könnten wir uns nicht erlauben, da es ja quasi unser Trademark ist.

Ich will jetzt nicht auf der Aggressivitätswelle rumreiten, aber ein wenig vermisse ich auch die schnellen Parts, gerade dann fand ich THE SORROW in den letzten Jahren – und auch teilweise auf diesem Album – am besten.
Richtig schnell waren wir nie, wir stehen einfach auf die Midtempo-Dinger, die einen mit dem Kopf nicken lassen. Vielleicht wieder beim nächsten Mal. ;)

Was kannst Du zu den Texten verraten, beim letzten Mal erzähltest Du, dass sie durchaus persönlicher Natur seien. Alleine von den Titeln her scheint es so, als hättet Ihr dies auf der neuen Platte noch ausgebaut.
Ich habe, was die Texte angeht, meinen Stil gefunden. Ich erlebe viel in meinem Leben, Dinge positiver und negativer Natur. In den Texten kann ich wirklich die Gedanken, die ich zu diesen Dingen habe, erfassen und konservieren. Dass wir nun hauptsächlich über Dinge persönlicher Natur schreiben, war eine Trendwende, die sich mit dem selbstbetitelten Album angebahnt hat und so weitergeführt wird. Ich hatte die Nase voll von Plattitüden und auch bei den Leuten kommen diese Messages um vieles besser an. Im Groben geht es auf der Platte einfach darum, Krisen zu überwinden und nach vorne zu schauen, deshalb Misery Escape…

Ich habe neulich irgendwo gelesen, dass sich Eure Texte auch mit dem christlichen Glauben beschäftigen. Nun, im Metalbereich ist das nicht unüblich und in einem recht christlich geprägten Land wie Österreich sicher auch ein guter Grund, mir ist eine solche Tendenz bisher allerdings nicht aufgefallen. Kannst Du mir da ein paar Hinweise geben ;)
Unsere Texte befassen sich nicht mit dem christlichen Glauben, wir verwenden nur öfters christliche Phrasen, was in unseren Augen aber nicht zwangsläufig mit christlich sein zu tun hat. Ich kann aber Leute verstehen, dass sie so denken, wenn wir unsere Songs beispielsweise „Crossing Jordan“ oder „Saviour, Welcome Home“ nennen. „Paragon In Charity“ hingegen prangert die ganze scheinheilige Scheiße in der römisch-katholischen Kirche an. Gerade, weil es österreich so mit seiner „Schein“heiligkeit hält, sollte man sich von der katholischen Kirche lösen. Jeder in der Band hat seine eigenen Ansichten, manch einer ist vielleicht spirituell, ein anderer nicht, aber das ist eigentlich auch total egal…

Wer ist von Euch für die Texte verantwortlich? Oft ist es ja Sache des Sängers, manche Bands teilen sich das aber auch auf. Welche Vorteile siehst Du in Eurer Vorgehensweise?
Wie schon erwähnt, die Ideen zu den Texten kommen zu 85% von mir und ich sammle eben die ganze Zeit zwischen den Alben. Wenn Mätze sich dann Gedanken gemacht hat, wie er zu den neuen Songs singen und schreien will, setzen wir uns dann immer zusammen und bringen die Worte in die richtige Form…

Habt Ihr in Sachen Produktion auf die altbewährte Lösung mit Toni Meloni (zumindest als Engineer) und Sky van Hoff (als Mixer) gesetzt?
Dieses Mal haben wir nur mit Sky zusammen gearbeitet, er versteht einfach eher, wie man eine Metal-Produktion fährt. Toni ist eben der Typ, der eher auf Rock steht und dies auch in Zukunft mehr machen will. Und eine Veränderung in dieser Hinsicht hat uns auch gut getan, da nach drei Alben einfach mal etwas Neues, Frisches her muss.

Macht Ihr Euch irgendwelche Gedanken, dass Euch in Zukunft die Inspirationen ausgehen könnten? Ihr seid insgesamt ja schon recht aktiv, aber bei vier Alben in gut fünf Jahren besteht natürlich die Gefahr, dass man abstumpft. Seht Ihr das auch so und wie wappnet Ihr Euch dagegen?
Man kann sich nicht wappnen, sollten wir uns irgendwann mit unserer Musik selbst langweilen, sollten wir uns zu neuen Ufern aufmachen. solange wir aber nicht den Eindruck haben, machen wir mal weiter.

Welche Musik hört Ihr eigentlich privat an? Wenn man drei- oder viermal pro Woche probt, hat man in der heimischen Wohnung vielleicht gerne auch mal softere Klänge…
Das sind immer Phasen. Im Moment befinde ich mich in einer Phase, in der ich dreckige, räudige Musik bevorzuge, zum Beispiel Toxic Holocaust, Black Breath oder Doomriders. Dann gibt es wieder Zeiten, in denen ich am liebsten Mumford and Sons oder Johnny Cash anhöre, um dann eine Woche später wieder nur Biffy Clyro und Muse anzuhören… wir hören uns wirklich, wirklich alles an. Hauptsache, es gefällt.

Welche Auswirkungen könnt Ihr bis jetzt schon durch Euren Wechsel zu Napalm Records spüren?
TS: die Leute arbeiten sehr professionell und auch die Werbetrommel wird ordentlich gerührt, und das ist uns natürlich sehr wichtig. Wir hoffen wirklich, dass Napalm vielleicht etwas auf der anderen Seite des Atlantiks bewegen kann, das wäre fantastisch, aber wir werden sehn.

Welche Pläne habt Ihr für die nähere und fernere Zukunft. Sicher geht es erstmal auf Tour, denkt Ihr auch schon an die nächste Platte oder braucht das erstmal Zeit?
Wir gehen jetzt auf Tour, um unser Album zu promoten, das hat jetzt absolute Priorität. Über alles andere machen wir uns danach Gedanken.

Um gegen Ende noch mal etwas off-topic zu gehen, verfolgst Du die Entwicklung der österreichischen Fußballnationalmannschaft? Mal wieder kreuzen Österreich und Deutschland in einer Qualifikationsrunde die Klingen, zudem wird Euer Team von Marcel Koller trainiert, der hier in Deutschland als ehemaliger Bundesligatrainer durchaus populär ist.
Ich verfolge die Spiele, aber man schämt sich eben wirklich manchmal für die Nationalelf. Beim ersten Aufeinandertreffen habt ihr Jungs aber mal wirklich wieder das Riesenglück gehabt. Naja, wir hätten die Punkte echt gebrauchen können, um euch mach ich mir keine Sorgen. Marcel Koller hat mir zu Anfang gar nichts gesagt, er arbeitet aber sehr gut. Er hat meinen Segen, haha


Die UNO hat jüngst eingeräumt, ihr Milleniumsziel, die Zahl der Hungernden von einer Milliarde auf die Hälfte zu reduzieren, bis 2015 kaum reaslisieren zu können. Woran könnte das liegen und ist es nicht ein Skandal, dass heutzutage überhaupt noch Menschen nicht genug zu essen zum Überleben haben?
Natürlich ist dies ein Skandal, genauso wie viele andere Sachen. Man muss das alles als Ganzes sehen, ich beschäftige mich schon seit Ewigkeiten mit Ernährung, war mein halbes Leben Vegetarier und ernähre mich nun seit einem halben jahr vegan, und dies eben nicht nur aus tierschützerischen, sondern auch ökonomischen Gründen, womit wir wieder beim Thema wären. die Produktion von Fleisch zerstört sämtliche Ressourcen, die wir jederzeit ummünzen könnten, um jeden Menschen auf der Welt zu ernähren. Aber solange die Menschen auf der Nordhalbkugel jederzeit jedes Fleisch- und Tierprodukt zum Dumpingpreis haben wollen, wird sich nichts ändern. Das Getreide, das in den Staaten für die Rindermast angebaut wird, könnte Afrika ernähren. Ich will das aber jetzt lieber belassen. Ich habe mitgekriegt, dass die Leute ja sehr gerne den armen, fliegenzerfressenen Kindern helfen würden, aber auf das tägliche Fleisch manchmal zu verzichten, wäre etwas zuviel der Nächstenliebe.

So, mit meinen Fragen bin ich durch, verabschieden möchte ich Dich wie gewohnt mit einem kleinen Wortspiel, ein paar Gedanken zu den folgenden Begriffen:
Einfluss der Ratingagenturen: Stimmungsmache, nur ein dummes Tool…
Korea-Konflikt: bombs away
Sommer in Österreich: Verbringe ich meistens auf Festivals in Deutschland
Winter in Österreich: Liebe deutsche Freunde, ab 1. november ist bei uns Winterreifenpflicht;)
Jugendhelden: McGyver, The Hoff, Bud Spencer & Terrence Hill

So, das wärs für dieses Mal. Ich würde mich freuen, wenn wir bald wieder die Gelegenheit hätten. Vielen Dank noch einmal und die letzten Worte gehören Dir!
Vielen Dank fürs Interview! Und jetzt holt euch „Misery Escape“!

Publiziert am von Jan Müller

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