
Kurz vor Weihnachten und Silvester steht es noch ein Familienfest der besonderen Art an: Die Post-Hardcore-Instanz BOYSETSFIRE feiert 25-jähriges Bandbestehen. Gemeinsam mit RAISED FIST und ALL ELSE FAILED spielt die Truppe aus Delaware, USA, zehn Shows in Europa – sieben davon in Deutschland.
Als um 19:30 Uhr ALL ELSE FAILED die Bühne betreten, stellen sich dem Konzertgänger gleich mehrere Fragen. Warum ist es in einer Halle genauso kalt wie draußen, wofür machen Bands eigentlich Soundcheck und warum schreit der Mann so sind nur drei davon. Das Setting wäre mit „all else failed“ („alles andere ist schiefgegangen“) also tatsächlich ganz gut umrissen – nur sind es eben nicht immer nur die anderen, die ihren Job nicht machen. So können ALL ELSE FAILED musikalisch nur wenige Fans in der Halle begeistern – selbst, als gegen Ende des 25-Minuten-Sets endlich auch die Saiteninstrumente durchklingen: Aggressiv, dissonant und mit zwei Sängern, die im Wechsel schreigrölen, verfehlen ALL ELSE FAILED den Geschmack der Boysetsfire-Fans meilenweit. Stimmung kommt in der Tonhalle jedenfalls keine auf: Über die Tanzfläche rollt ein Tumbleweed und der Applaus erstirbt nach Sekunden.
Anders verspricht das bei RAISED FIST zu werden. Mit „Anthems“ haben die Melodic-Hardcoreler eben erst ein verdammt eingängiges Album abgeliefert – und so rasch wie sich der vordere Hallenteil nun füllt, ist klar, dass so mancher Fan heute wegen der Schweden da ist. Oft muss man in solchen Fällen mit einer kurzen Show bei mäßigem Sound vorlieb nehmen. Nicht so heute: Schon die gelungene Lightshow zum Intro versprüht Headliner-Fair – ein Eindruck, der sich in den folgenden 50 Minuten immer weiter festigt. Egal ob „Man & Earth“, „Venomous“ oder „Friends & Traitors“ – nicht nur bei ihren eingefleischen Fans im wilden Moshpit punkten RAISED FIST mit jedem Song. Einzig, dass RAISED-FIST-Commander Alexander Hagman offensichtlich lieber als Sportler denn als Musiker in Erscheinung tritt, irritiert: Freimütig gesteht er, als Musiker nicht gerne zu proben. Sein atlethischer Körper sieht dafür aus, als hätte der Meister in brasilianischem Jiu-Jitsu in seinem Leben nicht eine Trainingseinheit ausgelassen. So wundert es dann auch nicht weiter, dass jeder von Hagmans Sprüngen und Highkicks gegen die vielgeschundenen Mikrophone perfekt sitzt – während ihm ein Großteil der melodiösen Refrains kräftig danebengeht. Das ist schade – dank der ansonsten perfekt aufeinander eingespielten Band, druckvollem Sound und einer rundweg stimmigen Lichtshow verfehlt der Auftritt von RAISED FIST seine brachiale Wirkung dennoch nicht.
- Perfectly Broken
- Sound Of The Republic
- Flow
- Man & Earth
- Wounds
- Anthem
- Venomous
- Killing It
- Some Of These Times
- Friends & Traitors
Als um 21:30 Uhr die Jubilare von BOYSETSFIRE die Bühne betreten, ist nochmal alles anders als bei den zwei Bands zuvor: Statt Gegrunze, Aggression und Kraftmeierei rücken nun Melodie, Freude und spirituelle Ausgeglichenheit in den Mittelpunkt. Zumindest, wenn man nach dem melodischen Gesangsstil von Nathan Gray, seine dankbaren Ansagen und den unzähligen Räucherstäbchen auf der Bühne geht – denn natürlich bekommt man auch von BOYSETSFIRE feinstes Hardcore-Riffing geboten. Dass Bassist Robert Ehrenbrand als Yogalehrer tätig ist, passt hier so gut ins Bild wie Hagmans Passion für Kampfkunst bei Raised Fist.
Wie sich das für eine ordentliche Geburtstagsfeier gehört, haben BOYSETSFIRE für den Abend einen schönen Rückblick auf ihre bisherige Karriere zusammengestellt – freilich nicht als Diashow, sondern in Form einer Setlist, die sich sehen lassen kann: Dass dabei keines der sieben Alben der Band – vom Debüt „The Day The Sun Went Out“ (1997) bis zum letzten Album „Boysetsfire“ (2015) – ausgelassen wird, versteht sich von selbst. Die Hits wie „Closure“, „My Life In The Knife Trade“ oder „Rookie“ verfehlen dann auch ihre Wirkung nicht: Von der ersten Minute an kocht die während Raised Fist schon kräftig aufgeheizte Tonhalle. Und wie die Band ist auch das Publikum von der ersten bis zur letzten Minute in Bewegung. Bis zu dieser, stilecht gefüllt mit den letzten Tönen von „After The Eulogy“, dauert es allerdings knapp 100 Minuten und insgesamt 21 Songs.
- Requiem
- Release The Dogs
- Closure
- Eviction Article
- Cavity
- Cutting Room Floor
- Prey
- Full Color Guilt
- Deja Coup
- Bled Dry
- With Every Intention
- Still Waiting For The Punchline
- Pure
- My Life In The Knife Trade
- Handful Of Redemption
- One Match
- Twelve Step Hammer Program
- Rookie
— - Walk Astray
- Empire
- After The Eulogy
Sieht man von ALL ELSE FAILED ab, die für den Slot des Openers in diesem Package leider eine Fehlbesetzung sind, lässt der Abend keine Wünsche offen: Dank einer intensiven 50-Minuten-Show kommen selbst RAISED-FIST-Fans auf ihre Kosten, alle anderen werden zumindest gut unterhalten. Vor allem aber BOYSETSFIRE lassen heute nichts zu wünschen übrig: Schöner, familiärer und musikalisch besser kann man ein 25-jähriges Jubiläum kaum begehen.


