Eine Legende verabschiedet sich. Die Rede ist nicht vom bewegenden Ende der Karriere und des Lebens von Ozzy Osbourne, sondern vom Ende der Bühnenkarriere von MINISTRY. Unzählige Male hatte Jourgensen diesen Abschied schon angekündigt, zelebriert und dann trotzdem weitergemacht. Doch gerade, weil Onkel Al dieser Tage fitter ist denn je, seit er zum ersten Mal einen Synthesizer berührt hat, ist zu befürchten, dass der Entschluss diesmal bei klarem Verstand gefasst wurde und entsprechend ernstzunehmen ist.
Wer will es dem Mann auch verdenken? Sein vermeintlicher Endgegner George W. Bush schien überwunden – nur um acht Jahre später in Form einer allmächtigen Nazi-Ente zurückzukehren. Gegen deren Zerstörungskraft wirkt Bush – und damit Jourgensens Kampf – im Rückblick fast schon bedeutungslos. Doch gegen Trump nochmal auszuholen, fehlt es Jourgensen wohl doch an Tatkraft. So überrascht es dann auch wenig, dass er sich für den letzten MINISTRY-Output von seiner Band zu einem Remake seiner frühesten Songs hat überreden lassen: Mit dem medial wenig beachteten „The Squirrely Years Revisited“ schlossen MINISTRY ihr verstoßenes Debüt „With Sympathy“ in die Arme – und zugleich den Kreis ihrer Diskografie.
Während MINISTRY ihre US-Tour im Zeichen des Einhörnchens durchgezogen hatten, fiel die Wahl für Europa allerdings auf das klassische Programm: Statt New-Wave-Synthpop mit Gast-Sängerin und Paillettenklamotten steht hier nun also brachialer Industrial-Metal auf dem Plan.
So passen zumindest SEASONS IN BLACK, die auf dem Münchner Free & Easy den Abend eröffnen dürfen, stilistisch halbwegs ins Konzept. Dass die Show für die Death-Metaller aus Niederbayern etwas Besonderes ist, merkt man schon an der Spielfreude und den Ansagen. Doch auch in Sachen Show lassen sich SEASONS IN BLACK heute nicht lumpen: Von Nebelwerfern über Fahnen schwenkende Statisten mit Gasmasken bis zu einem Gastauftritt der Ur-Sängerin aus den 1990er-Jahren, Katrin Löffler, ziehen SEASONS IN BLACK heute wirklich alle Register. Das macht den Death Metal mit Symphonic-Anteil (in Form einer Keytar!) zwar nicht per se spannender – die 45-minütige Performance aber zumindest unterhaltsam.
Deutlich besser noch passen aber zweifelsohne LIGHT OF ETERNITY zum Headliner: Die vergleichsweise neue, aber alles andere als junge Band aus England klingt wie ein Mix aus KILLING JOKE, PRONG und den sanften MINISTRY-Passagen. Zumindest ersteres lässt sich sogar personell erklären, sitzt bei LIGHT OF ETERNITY mit Big Paul Ferguson doch ein Gründungsmitglied der Post-Punk-Instanz am Schlagzeug. Viel Abwechslungsreichtum ist in diesem Genre freilich nicht zu erwarten – und doch gelingt es LIGHT OF ETERNITY mit ihrer trockenen, britischen Art, über 50 Minuten hin zu begeistern. Dass das Trio heute zum ersten Mal in Deutschland auftritt, lässt sich an den Publikumsreaktionen schon bald nicht mehr ablesen: Völlig verdient bekommen LIGHT OF ETERNITY zunächst warmen Applaus, zum Schluss dann lauten Jubel.
Vom großen Brimborium scheint Onkel Al die Schnauze genauso voll zu haben wie von den Drogen. Die Bühne ist, bis auf einen Mikroständer mit monströsem Krähenschädel, so clean wie der Chef selbst. Ein Intro sparen sich MINISTRY genauso wie jedwedes Spektakel: Die Band läuft bei voller Bühnenbeleuchtung ein, Al ruft “Hello! This one is called ‘Thiefs'” ins Mikrofon und ab geht die wilde Fahrt. Im Zuschauerraum tobt der Moshpit, auf der Bühne marschiert Jourgensen sichtlich zufrieden umher. Nicht nur der agile Al ist ein ungewohntes Bild: Ohne Dreadlocks, ohne Kopftuch, ohne Piercings erinnert auch sonst nur noch wenig an den Onkel Al der letzten Jahrzehnte. Auch stimmlich wirkt alles kraftvoller als früher – inwieweit das aber an Jourgensens Performance liegt, ist schwer zu sagen. Wie viel von dem, was man an Vocals hört, wirklich live gesungen ist, lässt sich bei der ohrenbetäubenden Lautstärke der Musik und den unzweifelhaft beigemischten Backing-Tracks nur schwer ausmachen.
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rgendwie ist es aber auch egal – insbesondere, weil die auf verschiedenen Positionen neu zusammengestellte Live-Band aus Cesar Soto und dem zurückgekehrten Monte Pittman an den Gitarren, Paul D’Amour (Bass), Keyboarder John Bechdel und Drummer Pepe Clarke Magaña die Songs mit umso mehr Attitüde rockt. Die großen Überraschungen bleiben zwar zunächst aus – dafür lassen MINISTRY Hit auf Hit folgen: Für drei Songs geht es zurück zu „The Land Of Rape And Honey“ (1988), für zwei zum härtesten aller MINISTRY-Alben, „Rio Grande Blood“ (2006), und neben zwei halbwegs aktuellen Songs („Goddamn White Trash“ und „Alert Level“) dürfen natürlich auch die Hits von „ΚΕΦΑΛΗΞΘ“ nicht fehlen: „N.W.O.“, „Just One Fix“ und als Abschluss des Sets „Jesus Built My Hotrod“.
Und dann, als schon fast zu befürchten ist, MINISTRY könnten es dabei belassen, lassen sie das Eichhörnchen doch noch aus dem Sack: Für die drei Songs umfassende Zugabe wechseln Al Jourgensen und Co. mal eben das Genre und lassen mit „We Believe“, „Effigy (I’m Not An)“ und „Revenge“ den Sound der ganz frühen 1980er-Jahre wiederaufleben. Mag das stilistisch nicht jedermanns Sache sein, verleiht dem Set zum Abschluss aber doch noch jene Exklusivität, die die Setlist bis dahin missen ließ, wurden diese drei Songs bislang nur eine Handvoll Male live gespielt – und das (vor der letzten USA-Tour) ausschließlich in ihrer Entstehungszeit Anfang der 1980er-Jahre und schon damals nur in den USA. Und nach einer guten Stunde schweißtreibenden Geballers bieten die Synthpop-Nummern einen entspannten Ausklang für eine rundum gelungene Show.
- Thieves
- The Missing
- Deity
- Rio Grande Blood
- LiesLiesLies
- Goddamn White Trash
- Alert Level
- Stigmata
- N.W.O.
- Just One Fix
- Jesus Built My Hotrod
— - We Believe
- Effigy (I’m Not An)
- Revenge
MINISTRY waren schon immer für Überraschungen gut – so auch 2025: Mit einem „With Sympathy“-Remake war noch vor wenigen Jahren wohl ebenso wenig zu rechnen wie mit einem so aufgeräumten Al Jourgensen, wie man ihn heute erleben durfte. So gern man MINISTRY in dieser Form noch öfter erleben würde, so sehr wünscht man Al Jourgensen, dass er diesmal loslassen kann. Die Chancen stehen, wie gesagt, gut. Schon im Frühjahr 2024 konstatierte Jourgensen: „Ich brauche das Geld nicht. Ich brauche das alles nicht. Es ist ein guter Zeitpunkt, um aufzuhören. […] Ich habe meine Piercings rausgenommen. Ich habe meine Dreads rausgenommen. Ich habe beschlossen, dass ich mit 65 erwachsen werde.“ In diesem Sinne: Alles Gute zum Ruhestand, Al!
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