Review Bury Tomorrow – Cannibal

Produktivität und Qualität – zwei Worte, die einem bei BURY TOMORROW sofort in den Sinn kommen. Mit „Cannibal“ erscheint das sechste Album in weniger als elf Jahren und bislang wurden alle von Kritikern und Fans stets gelobt. Mit dem 2018er-Werk „Black Flame“ eroberten sie schließlich den europäischen Metalcore-Olymp und stehen in Festival-Lineups und auf Tourneeplakaten seitdem ganz weit oben. Dabei ist es auf den ersten Blick gar nicht so klar, warum eigentlich. So wirkt die Herangehensweise ja oft wie Metalcore nach dem Schema F: geschriene Strophe – gesungener Refrain – Breakdown oder Solo.

Was BURY TOMORROW allerdings seit jeher besser machen als die meisten ihrer Kollegen, ist die Symbiose aus eingängigen Melodien und Singalongs mit vernichtender Aggressivität. So haben sie mit Clean-Vocalist Jason Cameron nicht nur einen der begnadetsten Sänger der Szene, sondern mit Dani Winter-Bates auch einen Shouter, der neben seinen dominierenden fiesen Screams auch markerschütternde Lows beherrscht. Garniert wird das Ganze mit Lead-Gitarrist Kristan Dawson, dem es seit seinem Einstieg zum Album „Runes“ mit unbegreiflicher Leichtigkeit gelingt, verspielte Melodien, eingängige Soli und treibende Riffs aus dem Ärmel zu schütteln.

Nun stellt man sich auch als Fan irgendwann die Frage, ob dieses Konzept beim sechsten Album nicht auch mal langweilig wird. Im Falle BURY TOMORROW ist diese Befürchtung allerdings nach dem ersten Refrain des Openers „Choke“ wie weggeblasen. Als könnten sie nicht anders, setzen sie dem Hörer direkt einen Ohrwurm in den Hörkanal. Gepaart mit energetischen Melo-Death-Riffs, technisch versierten Leads und dynamischem Drumming zeigen die Briten von Beginn an alle ihre Stärken auf und pusten jeglichen Staub aus den Boxen. Spätestens ab dem obligatorischen Breakdown hält es einen nicht mehr ruhig auf dem Sessel und man stellt sich vor dem inneren Auge die aufeinanderprallende Wall of Death vor.

Alles beim Alten könnte man denken – selbstverständlich im positiven Sinne. Doch damit würde man „Cannibal“ nicht gerecht werden. So hat sich im Gegensatz zu „Black Flame“, das ihr bis dato aggressivstes Album ist, der Fokus von teils thrashigen Gitarren voller Power hin zu noch mehr Eingängigkeit verlegt. Sind die Ohrwurmrefrains seit jeher wichtiger Bestandteil von BURY TOMORROWs Kompositionen, weisen diese auf dem neuesten Output durchgängig die Qualität des Titeltracks der letzten Platte auf. Dabei bietet das Quintett aus Southampton eine dermaßen beeindruckende Catchiness, dass man bereits beim zweiten Durchlauf lauthals mitsingen will. Insgesamt verlagert sich der Sound somit etwas mehr in Richtung des grandiosen Debüts „Portraits“, wobei man stets die gewonnen Jahre Erfahrung im Songwriting bezeugen kann.

Dabei jagt ein Highlight auf „Cannibal“ das nächste: Man höre sich nur die wunderbar arrangierte Akkordfolge im Main-Riff von „The Grey (VIXI)“, den Kontrast zwischen balladesken Momenten und unbändiger Wut in „Quake“ oder die Soloorgie auf „Voice & Truth“ an. Dass in „Better Below“, dem brachialen „The Agonist“, dem absoluten Höhepunkt „Gods & Machines“ oder einem „Cold Sleep“ die wohl besten Hooks der musikalischen Karriere von BURY TOMORROW zu finden sind, wirkt dabei so selbstverständlich wie das Konterbier am zweiten Festival-Tag. Als das den Abschluss krönende „Dark Infinite“ mit einem die Fassaden erzittern lassenden Breakdown und einer langsam leiser werdenden Melodie das Ende der Platte markiert, spürt man das Adrenalin in den Adern langsam abnehmen und die Realität wirkt ein ganzes Stück schöner.

So ist „Cannibal“ nicht nur das persönlichste Album – Sänger Dani Winter-Bates spricht erstmals über seine Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen – sondern in vielen Belangen auch das reifste und beeindruckendste der Band. Gab es auf vergangenen Releases hier und da doch mal einen Song, der das Niveau nicht ganz halten konnte, fällt hier keiner der elf Songs in Sachen Qualität ab. BURY TOMORROW legen somit erwartungsgemäß nach und halten auch mit Album Nummer sechs ihre Diskographie frei von Durchhängern.

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Wertung: 8.5 / 10

Publiziert am von Silas Dietrich

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