Review Cavalera – Morbid Visions

Neben dem ewigen Gestänker von Dave Mustaine in Richtung Metallica ist der Clinch zwischen dem Cavalera-Clan und der heutigen Besetzung von Sepultura wohl der größte und langwierigste Split-Disput im Metal: 27 Jahre ist es her, dass es zwischen Max und Sepultura auseinander ging – und immerhin 17 Jahre, dass auch sein Bruder Iggor der Band den Rücken gekehrt hat. Diverse neue Projekte der beiden (Cavalera Conspiracy, Max & Iggor Cavalera Return To Roots) hatten bereits angedeutet, dass die Cavaleras mit den Anfängen ihrer Karriere längst nicht abgeschlossen haben. Unter dem Projektnamen CAVALERA manifestiert sich dies nun in zwei „neuen alten“ Veröffentlichungen: komplett neu eingespielte Versionen der ersten Sepultura-Releases „Bestial Devastation“ und „Morbid Visions“.

Schon die Optik macht definitiv Freude, wenngleich die CD selbst etwas billig produziert wirkt (der Druck auf dem Silberling oder auch die pixelige Grafik unter der CD könnten definitiv besser sein). Eliran Kantor, dessen Werke bereits bei Soulfly („Archangel“, 2015; „Ritual“, 2018), aber auch bei Bands wie Heaven Shall Burn („Of Truth And Sacrifice“, 2020) oder Kreator („Hate über Alles“, 2022) zu sehen waren, hat mit den Artworks Großes geleistet: Wirkte das originale „Morbid Visions“-Artwork eher etwas komisch als ernsthaft böse, überzeugen Kantors Neuinterpretation auf ganzer Linie – ohne dabei jedoch gänzlich verändert oder gar „modern“ zu wirken. Das Gleiche gilt für das Bandlogo: Geschickt wurde der Schriftzug des alten Sepultura-Logos auf den Namen CAVALERA umgemünzt. Die Message ist klar: Der Name ist austauschbar – es zählt nur, was beziehungsweise wer dahintersteckt. Und das sind (und waren) nun mal die Cavalera-Brüder.

Insofern sind die Vorzeichen für diesen Re-Release allesamt positiv – doch tatsächlich übersteigt das, was man musikalisch geboten bekommt, die Erwartungen nochmals und verweist alle auf ihre Plätze, die Re-Releases oder Re-Recordings generell kritisch gegenüberstehen. Denn die neue Version von „Morbid Visions“ könnte oldschooliger gar nicht klingen, begeistert dabei aber mit einer absolut zeitgemäßen Umsetzung.

Entscheidend dafür ist zuallervorderst der Sound. Wie schon bei Go Ahead And Die (2021) und dem darauffolgenden Soulfly-Album „Totem“ (2022) wurde hierfür Arthur Rizk engagiert. Warum dem jungen, aufstrebenden Produzenten mittlerweile sogar Genregrößen wie Kreator ihr Vertrauen schenken („Hate über Alles“), beweist der Mann auch auf „Morbid Visions“ eindrucksvoll. Die Gitarren klingen räudig und doch differenziert, die Drums sind genau richtig eingepegelt zwischen „scheppernd“ und „drückend“ – und Max Cavaleras Vocals haben exakt den richtigen Biss. Damit bekommt „Morbid Visions“ all das, was dem originalen Release immer gefehlt hat – zumindest wohl jedem, dessen Gehör nicht in ebendieser Zeit mit dem damaligen Sound ausgeprägt wurde. Dass Iggor auch 2023 noch jede Menge Groove in seinem Spiel hat und mit Daniel Gonzalez (Possessed, Cavalera Conspiracy, Gruesome) ein absolut fähiger Mann die Lead-Gitarren übernommen hat, sorgt dafür, dass „Morbid Visions“ 2023 auch vom Spiel her technisch lupenrein daherkommt.

Mehr braucht es dann auch gar nicht für ein wirklich gelungenes Death-Thrash-Album – denn in Sachen Aggression, Härte und auch Riffqualität gab es an „Morbid Visions“ schließlich nie etwas zu meckern. Klarer kann eine Kaufempfehlung eigentlich nicht ausfallen: Diesen Release (wie auch den Re-Release der „Bestial Invasion“-EP) muss jeder Fan des Sepultura-Frühwerks besitzen. Dass mit „Burn The Dead“ (feat. Tony Roberts von Discharge an der Lead-Gitarre) zudem ein brandneuer Track am Ende des Albums steht, der sich aber perfekt in den Reigen der alten acht Stücke einfügt, ist ebenfalls vielversprechend: Eventuell darf man ja bald auf (mehr) neue Musik im alten Stil hoffen.

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Wertung: 9 / 10

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