CD-Review: Element Of Crime - Live im Tempodrom

Besetzung

Sven Regener - Gesang, Gitarre, Trompete
Jakob Ilka - Gitarre
David Young - Bass
Richard Pappik - Schlagzeug
Rainer Theobald - Tenorsaxofon, Klarinette
Ekki Busch - Akkordeon

Gastmusiker
Alexandra Regener - Gesang (CD 2/ Track 3)

Tracklist

CD 1:
01. Am ersten Sonntag nach dem Weltuntergang
02. Schafe, Monster und Mäuse
03. Ein Brot und eine Tüte
04. Deborah Müller
05. Liebe ist kälter als der Tod
06. Nur so
07. Wer ich wirklich bin
08. Immer noch Liebe in mir
09. Gewitter
10. Stein, Schere, Papier
11. Bevor ich dich traf
12. Im Prinzenbad allein
13. Immer da wo du bist bin ich nie

CD 2:
01. Robert Zimmermann
02. Die Party am Schlesischen Tor
03. Karin, Karin
04. Am Ende denk ich immer nur an dich
05. Wenn es dunkel und kalt wird in Berlin
06. Weißes Papier
07. Delmenhorst
08. Schwere See
09. Geh doch hin
10. Warte auf mich
11. Draußen hinterm Fenster
12. Lieblingsfarben und Tiere


In den letzten 35 Jahren haben ELEMENT OF CRIME um Autor, Regisseur und eben auch Sänger Sven Regener schon so ziemlich alles gemacht, von englischsprachiger Rock-Musik bis hin zu schrulligen Schnulzen, auf Platte, wie es Regener wohl ausdrücken würde, wie auch live. Eine Live-Platte ist da nur die logische Konsequenz, zumal eine solche Veröffentlichung zu den wenigen Dingen gehört, die die ELEMENTs lange nicht gemacht haben. Seit 1990, um genau zu sein. Zumindest, wenn man die zwischen 2010 und 2015 ausschließlich digital veröffentlichten „Bluebird Tapes“ nicht gelten lässt.

Seitdem ist bei ELEMENT OF CRIME viel passiert: Der eine oder andere Besetzungswechsel. Besagter stilistischer Wandel vom flotten Rock hin zu jenem unverkennbaren Stilmix, der auch hippen Berlinern im Post-Rock-Stadium ihres Lebens das Schunkeln erlaubt, ohne sich dabei schämen zu müssten. Vor allem aber ein steter Wandel im Gefüge von ELEMENT OF CRIME, weg von der Band, hin zur One-Man-Show. Auch bei dem im Tempodrom Berlin festgehaltenen Auftritt dreht sich alles um Sven Regener, als wäre er selbst der 2005 von ihm besungene „Mittelpunkt der Welt“, zumindest im ELEMENT-OF-CRIME-Kosmos: Regener, der seine nach wie vor grandios formulierten, wenngleich über die Jahre etwas monothematisch-romantisch gewordenen Texte ins Mikrophon knarzt. Regener, der die Passagen bis zur nächsten Strophe mit seinem Trompetenspiel überbrückt. Regener, der die Songpausen mit seinen Ansagen füllt.

In diesen Ansagen ist schließlich auch der Live-Charakter von „Live im Tempodrom“ konserviert; in jenen kleinen Anekdoten, in denen zum Amü­se­ment des Publikums Humor und Kautzigkeit fließend ineinander übergehen. Ansonsten wirkt „Live im Tempodrom“ gar nicht so lebendig: Sicher, wie es sich bei jedem anständigen Konzert gehört, sitzt auch hier nicht jeder Ton – und dass dies dann auch für die Platte so bleiben durfte, hat in Zeiten von Perfektion und Overdubs ein Lob verdient. Der kristallklare, fast zu perfekte Sound und das andächtige, fast zu brave Schweigen der Fans, wenn Regener spielt, singt oder spricht, lassen hingegen beinahe vergessen, dass hier Liveversionen laufen und nicht bloß die letzten beiden Alben im Shuffle-Modus.

Gerade einmal sechs Songs aus der Zeit vor der Jahrtausendwende haben es in die Setlist geschafft, und von „Mittelpunkt der Welt“ und „Immer da wo du bist, bin ich nie“ zusammen gerade einmal vier. Für eine Tour zu einem neuen Album ist das keine Seltenheit – als Basis für die erste Live-Aufnahme seit 30 Jahren dann aber doch irgendwie enttäuschend einseitig. Da wirkt es fast unfreiwillig ironisch, dass Regener selbst nach den ersten Nummern, wohl lustig gemeint, fragt wo denn die alten Songs bleiben. Oder wenn er in der Mitte der Show in die Rolle des Fans schlüpft und fragt: „Alles schön und gut, Romantik, Chanson, Easy-Listening. Warum nicht? Aber wo bleibt die gute alte Rockmusik?“. Im Set folgt nun „Immer da wo du bist, bin ich nie“. Auch das könnte man mit etwas bösem Willen ironisch lesen.

Nach etwas über zwei Stunden stellt zumindest der Fan, dessen Liebe zu ELEMENT OF CRIME weiter als bis ins Jahr 2014 zurückreicht, fest, dass „Live im Tempodrom“ keine klassische Live-Scheibe ist: Die irgendwie automatisch erwartete Best-Of-Setlist fehlt der Platte ebenso wie eine packende Liveatmosphäre. Eher wirkt „Live im Tempodrom“ wie einer jener Radio-Auftritte, bei denen Bands vor ausgewählten Fans ihr neues Material vorstellen. Das kann auch schön sein – ist aber wohl nicht, was sich langjährige Fans von der ersten Live-CD ihrer ELEMENTS seit „Live: Crime Pays“ erwartet hätten.

Keine Wertung

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