CD-Review: Heaven In Her Arms - White Halo

Juni 2017

Besetzung

Kent – Gesang, Gitarre
Takayuki – Gitarre
Katsuta – Gitarre
Kentaro – Bass
Rocky – Schlagzeug

Tracklist

01. Ray Of Light At Dusk
02. Abyss Of The Moonbow
03. Forgivable Drown
04. Glare Of The End
05. Chain With Fetters
06. Entangled Torus
07. Turbid Fog


Es gibt sie noch: Alben, die einen beim ersten Hören gefühlt drei Meter tief in den Sitz drücken und sprachlos zurücklassen. Die man immer wieder hören muss. Ob sich diese durch originelle Ideen auszeichnen, oder Bekanntes stimmig und packend verarbeiten, ist egal. Auch wenn sie dieses Niveau bisher nicht ganz erreicht haben, konnten HEAVEN IN HER ARMS auf ihren ersten beiden Alben und Splitveröffentlichtungen mit ihrem packenden, emotionalen Post-Hardcore begeistern. Die Japaner haben sich seit ihrem letzten Album „Paraselene“ sieben Jahre Zeit gelassen, um einen Nachfolger vorzulegen. Diese Pause hat sich mehr als nur gelohnt: Das Ergebnis in Form von „White Halo“ ist das Meisterstück der fünf Musiker aus Tokyo und ein Pflichtkauf für alle Freunde melodischer und dennoch harter Musik.

Bereits auf „Erosion Of The Black Speckle“ und „Paraselene“ machten HEAVEN IN HER ARMS klar, dass sie durchdachtes Songwriting beherrschen und dies mit einer düsteren, melancholischen Atmosphäre verbinden können. Mit dem heiseren Kreischen von Fronter Kent und ihren japanischen Texten besitzt die Band ein weiteres markantes Merkmal. All diese Komponenten fügt die Band auf „White Halo“ noch stimmiger zusammen, als dies bisher der Fall war. Das dritte Album der fünf Japaner klingt wie aus einem Guss, kombiniert das Rasende und Wütende des Black Metal mit dem Chaotischen und Dramatischen des Post-Hardcore sowie der Melancholie und Schwere des Post-Rock. Die asiatischen Harmonien und Melodieführungen verleihen der Musik von HEAVEN IN HER ARMS, ähnlich wie bei ihren Landsfrauen und -männern von Envy und Mono, eine zusätzliche, hochemotionale Ebene.

Auch die atemberaubenden Dynamiken auf „White Halo“ tragen ihren Teil dazu bei, dass HEAVEN IN HER ARMS so mitreißen. Wenn in „Abyss Of The Moonbow“ Blastbeats und Screamo-Elemente aufeinandertreffen, von ruhigen, flirrenden Gitarren abgelöst werden, nur um ins reine Chaos zu stürzen, wirkt dies vollkommen natürlich. Auch Sologitarren wie in „Forgivable Drown“ oder „Entangled Torus“ fügen sich in das dichte Klangbild ein, als wären sie ohne die sie umgebenden Strukturen nicht denkbar. Eingeleitet von verträumten Gitarren in „Ray Of Light At Dusk“ arbeiten sich HEAVEN IN HER ARMS über Orgeltöne im Interlude „Chain With Fetters“ voran, bis das abschließende „Turbid Fog“ die Elemente der vorangehenden 35 Minuten aufnimmt und „White Halo“ in einem epischen, elfminütigen Abschluss gipfeln lässt. Mit elektronischen Tönen, herzzerreißenden Screams, beinahe an Classic Rock erinnernden Elementen und einem versöhnlichen, ruhigen Schluss werden hier noch einmal alle Register gezogen.

Dass Kents Gesang noch stärker als früher nach Tetsuya Fukugawa klingt, der Envy vor zwei Jahren verlassen hat, und dass HEAVEN IN HER ARMS sich stark in der Tradition des japanischen Undergrounds halten, stört kein bisschen. Wie sollte es bei dieser perfekten Ausführung auch? „White Halo“ ist ein Meisterwerk aus dem Bereich des modernen Post-Hardcore und zementiert die Ausnahmestellung von HEAVEN IN HER ARMS, die spätestens jetzt in einem Atemzug mit den noch einflussreicheren Envy genannt werden müssen. An „White Halo“ werden sich ab jetzt viele Bands aus diesem Genre messen lassen müssen – und dennoch ist es unvergleichbar.

Bewertung: 10 / 10

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3 Kommentare zu “Heaven In Her Arms – White Halo”

  1. Azrael

    Saustarke Mucke! Allerdings find ich die Kategorisierung als Post-Hardcore kaum passend, das hier gebotene ist unglaublich facettenreich, der Gesang klingt auch eher nach DSBM.

  2. Bernhard Landkammer Post Author

    Hallo Azrael,

    freut mich, dass dir das Album auch so gefällt! Was die Genre-Zuordnung betrifft: Für mich stehen Heaven In Her Arms ganz klar in einer Hardcore-/Screamo-Tradition, auch was den Gesang angeht. Dass das selbstverständlich zu kurz greift und da noch ganz viele andere Genres den Gesamtsound ausmachen, habe ich ja auch im Review erwähnt.
    Spannend, dass du den Gesang in einer Linie mit DSBM siehst, das hör ich da gar nicht raus – ich glaube, ich weiß, was du meinst, aber für mich ist das eher im Screamo verankert.

    Liebe Grüße,
    Bernhard

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