Seuche schreibt … – Teil 8

Seuche schreibt Header

Was mich musikalisch so geprägt hat (II)

In meiner letzten Kolumne wurden die ersten 25 von 50 Scheiben aufgelistet, von denen ich behauptet habe, dass Sie mich über all die Jahre entscheidend geprägt haben. Heute soll die Liste komplettiert werden. Wie schon in der letzten Einleitung hervorgehoben, „es geht hier nicht um meine 50 Lieblingsalben, schon garnicht um die meiner Meinung nach 50 allgemeingültig wichtigsten Werke der Musikgeschichte.“ Ergänzt um „Deshalb wirst Du hier Zeug wie Goethes Erben und Dismal Euphony finden, aber nicht die Kracher von Turbonegro, Evil Invaders, Midnight und so weiter.“

Ja, warum eigentlich nicht Evil Invaders, eine Band, die mal eben den besten Auftritt auf dem letzten Party.San hingelegt hat, der so intensiv und voller Spielfreude war, dass es mir fast die Pisse in die Augen getrieben hat vor Begeisterung?

Ich ahnte in dem Moment, als ich Metal1.Info die 50er-Liste schickte, dass hier irgendwo ein unüberwindbares Problem im Raum steht. Es geht mir nicht mal um meinen durchaus einfachen Musikgeschmack, das komplette Fehlen so genannter wichtiger Klassiker der Musikgeschichte. Keine Klassik-Musik, die mich geprägt hat, kein Pink Floyd, nein nicht einmal essentielle Werke der ersten Black Metal-Welle tauchen in meiner Liste auf, wie kann das sein?

Eine Antwort kann ich nicht liefern. Es sind Alben wie Vonds „Selvmord“, Bethlehems „Dictius Te Necare“ und Emperors „In The Nightside Eclipse“, die mich zu dieser Liste motiviert haben, die das Thema „Liste“ einmal anders angehen sollten, als lediglich 50 Alben aufzuzählen, die einfach „nur“ geil sind. Und wie es mit so fast jeder Liste ist, sie kann schlicht keine Vollständigkeit für sich beanspruchen, noch bis ins letzte Detail schlüssig sein. Aber damit, und so schließt sich der Kreis, ist auch dieser Zweiteiler, wie meine gesamte Kolumnen-Reihe bei Metal1.info, vor allem eins: Eine Momentaufnahme.

Danke an meine Leser fürs… lesen!

//Seuche

Soweit vorhanden, haben wir für euch die Reviews zu den entsprechenden Seiten über das Cover-Artwork verlinkt (A.d.Red.).


angizia-das-schachbrett-des-trommelbuben-zacharias Angizia – Das Schachbrett des Trommelbuben Zacharias Zu einer Zeit, als ich fast nur Black Metal gehört habe, kamen ANGIZIA. „Die Kemenaten scharlachroter Lichter“ war schon skurril, „Das Schachbrett…“ wesentlich ausgereifter. Und enorm beeindruckend in Sachen „Geschichten erzählen“ in Verbindung mit packenden Kompositionen. Das ist es immer wieder, wo ich aufhorche, wie Texte, Themen, Ideen, Konzepte umgesetzt werden, wenn Worte das Zentrum sind. Deshalb stehen in dieser Liste eben auch Audio88 und Ferris MC.

in-the-woods-heart-of-the-agesIn The Woods – Heart Of The Ages In Sachen Atmosphäre ein gewaltiger Meilenstein. Ein Meilenstein im Grunde in unzähligen Belangen. Würde definitiv unter meinen Black Metal Top 20, vielleicht sogar Top 10 stehen. Und dieser Gesang!!!

enslaved-frost

Enslaved – Frost Querverweis zu Emperor und Ulver. Diese drei Alben. Klingt komisch, wenn man da heute mal so drüber nachdenkt, aber das waren sie, die ersten drei Black-Metal-Scheiben, die offiziellst in meinen Besitz gingen, bestellt entweder bei Nuclear Blast oder sogar EMP. Ja nun, ´96, da ging das noch. Last Epitaph lernte ich erst später kennen. Der Typ wollte irgendwann unter einem seiner neuen Namen Patches meiner Band machen lassen. Aber der hatte wohl so einige Probleme mit sich, Geld und so allem… Ach ja, „Frost“: Kleine Anekdote, ich hatte über Jahre das Intro zu „Fenris“ auf meinem Anrufbeantworter, von der Anlage aus aufgenommen. Es war knarzig, unverständlich und führte dazu, dass gewisse jetzige Gitarristen um mich herum damals mit dem Diktiergerät meinen AB aufnahmen und wieder aufs Band abspielten, mehrfach, und mein alter Herr immer äußerst frustriert klang, wenn er nach der ewigen Ansage endlich sprechen konnte.

fliehende-stuerme-die-tiere-schweigen Fliehende Stürme – Die Tiere schweigen Ihr bestes Album, finde ich, aber im Großen und Ganzen könnte ich auch das Gesamtwerk nennen. FLIEHENDE STÜRME ist neben EA80 eine dieser Bands, bei denen eine konstante Schwermütigkeit und Melancholie immer genau das bleibt und nie in Kitsch oder Selbstmitleid abdriftet.

cradle-of-filth-vempire Cradle Of Filth – Vempire Zugegeben, reine Nostalgie, wie auch das hörenswerte „Dusk And Her Embrace“. Was mich damals umgehauen hat, war der abartige Kreischgesang, den Dani danach nie wieder auf die Reihe bekommen hat. Ich erinnere mich an das Konzert, 1997 glaube ich, „Gods Of Darkness“-Tour. Der kam auf die Bühne und hat 60 Minuten auf einem Level gekreischt, alter Schwede. Das Jahr später, als der Durchbruch kam, schmiss er Plastiklilien ins Publikum und war erschreckend langweilig. Vor Kurzem war ich auf deren Tour mit Behemoth in Hamburg, gelockt, weil sie wohl primär ältere Sachen spielen wollten. Haben sie auch, aber es war nicht mehr dasselbe.

borknagar-the-olden-domain Borknagar – The Olden Domain Mir ist vor Kurzem erst wieder bewusst geworden, wie phantastisch dieses Album ist. Die s/t ist auch großartig, aber bei der „The Olden Domain“ funkts einfach immer noch. Gibt es keine Story zu, aber das Album läuft und ich bin, zack, wieder 17 oder so.

helheim-jormundgandHelheim – Jormundgand Das ist, wenn die Schublade überhaupt zutrifft, „Pagan“, mit dem ich was anfangen kann. Wikinger-Kontent, aber kein Gedudel. Wie Enslaved („Frost“) eine der ganz wenigen Bands aus dieser Richtung, die ich wirklich gerne höre. Und der Gesang!!!

marduk-opus-nocturneMarduk – Opus Nocturne In dieser Liste steht „Opus Nocturne“ mehr als eine Art Vervollständigung meines Spektrums, was ich an Black Metal höre, wie ich mich an Black Metal herangetastet habe. Da fehlen dann Alben wie Ancient Wisdoms „For Snow Covered The Northland“ (vertonte Eiseskälte), die ersten Abigor (denen ich bis heute zwiegespalten gegenüberstehe. „Nachtyhmnen“ gilt als Klassiker, ist auch ein gutes Album, aber bei Abigor hat mich immer der Sound genervt, auch wenn ich das nicht mal näher bestimmen könnte) und ähnliche. Zum Album: MARDUKs Bestes, finde ich, sehr dunkel und wirklich tolles Songwriting/subtile Melodien.

darkthrone-panzerfaustDarkthrone – Panzerfaust Wie unter anderem Bethlehems „Dictius…“, „Selvmord“ von Vond und Katatonias „Dance of December Souls“ ein Album, was mich durch eine merkwürdige Zeit begleitet hat. Und aus diesem Grund seine Spuren hinterlassen hat. Auch objektiv ist es für mich das beste DARKTHRONE-Album, ob nun Celtic Frost-Abklatsch oder nicht.

audio88-yassin-gesamtwerkAudio88 & Yassin – Gesamtwerk Hip Hop, steh ich drauf (Querverweis zu Ferris MC), zumidest partiell. Weniger die Attitüde, da bin ich dann doch zu sehr, ähm, Metal/ Rock ’n‘ roll. Bei AUDIO88 & YASSIN, aber auch Morlockk Dilemma, Hiob etc. steht das alles eh irgendwie außen vor. Beats sehr düster, großartige Textarbeit. Im Duo am stärksten. So in etwa wie Kollegah und Farid Bang minus Massephase plus mehr Schulabschluss. Man nennt es angeblich Post-Hip-Hop. Immerhin keine verträumten Akustik-Gitarren!

summoning-minas-morgulSummoning – Minas Morgul Persönlich bin ich der Meinung, dass SUMMONING zwar immer filigraner und bombastischer geworden sind, aber die Atmosphäre der „Minas Morgul“ nie wieder erreicht haben. Allein diese kalten, monotonen Gitarrenwände.

misfits Misfits (Danzig-Ära) Unmöglich, da was hervorzuheben, da zählt das Gesamtwerk, aber eben wirklich nur aus der Danzig-Zeit. „Static Age“, „Earth A.D“., vielleicht läge „Static Age“ leicht vorn. Misfits, Horrorpunk, hach ja!

frau-potz-lehnt-dankend-ab

Frau Potz – Lehnt dankend ab Was für eine Ansage! Sänger von Escapado und Adam Angst, zu Erstgenannten ließe sich sogar eine Überschneidung der Besetzung zu Fäulnis herstellen, bzw. ließ sich einmal. Giftiger Rundumschlag, dermaßen zynisch und abweisend, ich bin hin und weg! Einfach mal auf den Tisch gehauen, ein Album, zack, Klassiker! Leider hat mich Adam Angst daraufhin enttäuscht, klar, andere Band, andere Intention vielleicht, aber geradezu handzahm gegen diesen erhobenenen, wild winkenden Mittelfinger.

immortal-pure-holocaustImmortal – Pure Holocaust Ein Album, das in einer Reihe mit Werken wie „Kronet Til Konge“ oder „Panzerfaust“ steht. Die Art von rauem, ungeschliffenem Black Metal, in die ich mich reinsetzen könnte. As the eternity opens!!

turbostaat-schwan

Turbostaat – Schwan „Schwan“ oder „Flamingo“, das ist hier die Frage. Als ich TURBOSTAAT das erste mal gehört habe, hielt ich sie erst einmal für einen frechen Abklatsch der Rachut-Bands. Berechtigt, was aber nichts daran ändert, dass ich TURBOSTAAT bis heute höre. „Abalonia“, vermutlich das Beste, was von den Jungs seit den ersten zwei Alben kam. Ich las mal „Fäulnis minus Black Metal = Turbostaat“. Musste lächeln. Wenn, ists aber doch höchstens Punk und die Nähe und Liebe zum Meer, die uns verbindet.

valborg-romantikValborg – Romantik Erwähne ich in letzter Zeit inflationär oft, oder? Aber ist nun einmal so. Aus jüngster Zeit definitiv das beste Material, was mir untergekommen ist. Was die drei Herzbuben da rausgehauen haben, ist der Wahnsinn. Und schmeißt mich locker nostalgisch um bestimmt 20 Jahre zurück, stampfend in Vier-Jahres-Schritten vorwärts, bis ich in der Gegenwart wieder träge erstarre.

nagelfar-huenengrab-im-herbstNagelfar – Hünengrab im Herbst „Ein Kreuz muss brennen“. „Srontgorrth“ entdeckte ich erst später, deshalb liste ich hier dieses Album. Für mich, neben Lunar Aurora und Katharsis, das Wichtigste, was deutscher Black Metal hervorgebracht hat.

sopor-aeternus-todeswunschSopor Aeternus – Todeswunsch In Interviews und auf Bildern geht mir dieses extrem Wehleidige auf den Sack. Interviewer heben die Dame (sag ich jetzt mal so) mit Samthandschuhen in den Himmel, als ob sie Musik selbst erfunden oder wenigstens all das Leiden der Welt für sich gepachtet hat. Gut, ist gemein und die Musik selbst ist ohnehin großes Damentennis (gute Idee, hier 50 Alben am Stück zu besprechen, mit Fieber). Zurück zum Ernst: Ein sich Suhlen in Selbstmitleid, keine Frage. Aber gehört ja auch mal dazu. Musikalisch ohnehin grandios!

ulver-bergtattUlver – Bergtatt Querverweis zu Emperor und Enslaved. Vielleicht steht die „Nattens Madrigal“ in meiner Wertschätzung über der „Bergtatt“, aber so wichtig ist das nun auch nicht. „Bergtatt“, gerade im Kontrast zu „In The Nightside…“, ein Grund, warum ich damals wirklich fest davon überzeugt war, im Black Metal alles zu finden, was ich suche und brauche. ULVER schätze ich übrigens bis heute, auch wenn es komplett andere Musik ist.

marilyn-manson-antichrist-superstarMarilyn Manson – Antichrist Superstar Gehört in die Liste, ist auch meiner Meinung nach in vielerlei Belangen Mansons Bestes. Ganz klar Trent Reznors Stempel drauf, keine Frage, aber hier ist einfach nur alles kaputt großartig. ’96 rausgekommen? Dann läuft die hier wohl seit 20 Jahren regelmäßig.

katatonia-dance-of-december-soulsKatatonia – Dance Of December Souls Hach ja! Schwermütiger Seufzer. Was soll ich mehr dazu sagen?! „Gateways Of Bereavement“, „Without God“ (without your fuuucking goood!). Pure Emotion! Unter meinen Top 10!

morgul-parody-of-the-mass Morgul – Ballad Of Revolt (Track) Gute Band, Querverweis zu Arcturus, aber zu MORGUL fällt mir immer die Anekdote ein, dass ich wirklich mehrfach in meiner damaligen Stammkneipe/Metal-Pub spätnachts/frühmorgens mit dem Kopp auf der Tischplatte dahindämmerte, als dieser Song gespielt wurde. Ein Stockwerk höher war es Madonna.

nocte-obducta-umbrielNocte Obducta – Umbriel (Das Schweigen zwischen den Sternen) Es ist vielleicht nicht die typische NOCTE OBDUCTA-Platte, aber deren Beste. Vielleicht ist es auch nur dieser eine Part „Es ist kalt geworden, viel zu kalt. Wir sind alt geworden, viel zu alt“. Große Verbeugung.

pyogenesis-twinalebloodPyogenesis – Twinaleblood Querverweis zur „Bloody Kisses“, weil ähnliche Bedeutung.

doedheimsgard-kronet-til-kongeDødheimsgard – Kronet Til Konge Querverweis zu Darkthrone. Die Art des Gesangs gefällt mir sehr, sehr, sehr; räudig, ungeschliffen. Mit späteren Sachen der Bands hat es nichts mehr zu tun, ist aber auch egal. Die Neue soll ja sehr gut sein? Kenne ich nicht.

 


SeucheSeuche. Jahrgang ’80, Biertrinker, Punker, 24/7-Musik-Konsument, loses Mundwerk, „hat Maiden ’92 live gesehen“. Fronter bei FÄULNIS, Basser bei BLACKSHORE. Für Metal1.info schreibt er an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen über Musik, die Szene und was ihm sonst so durch den Kopf geht – wie er es selbst auf den Punkt bringt „bissig, zynisch und eben nicht auf Eierkuchen aus“.

Bisher erschienen – zur Artikelübersicht


Geschrieben am

1 Kommentar zu “Seuche schreibt … – Teil 8”

  1. Martin Domin

    Schöne Liste, ich erkenne mich teilweise wieder!
    Und die Hälfte davon kam damals mit den NuclearBlast-Samplern oder den obskuren Zeitschriften, die es heute leider nicht mehr gibt.
    Die Minas Morgul hat mich in meinen Anfangstagen auch extrem geprägt, ich mag Summoning nach wie vor sehr gern, aber das Bombastische bzw. Epische steht jetzt deutlich im Vordergrund. Irgendwann hat auch Tolkien nicht mehr die wirklich großen Geschichten zu bieten…
    Wir haben auf dem PartySan neulich die „neuen“ Arcturus gesehen. Behalte die alten Werke am Herzen und in guter Erinnerung, neuzeitliches Arcturus-Zeug ist eine Zumutung. Selten eine lächerlichere Perfomance gesehen – nichts gegen das Können, unzweifelhaft sehr gut – aber es krempelten sich die Zehennägel hoch. Man wird wohl langsam alt… ;)

    Beste Grüße,
    Martin

Antworten

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: