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Seelenschnitt – Einblick in die Innenwelten

(Black Metal / Ambient) Samael ist zurück – aber leider nicht in Form der Dark Metaller aus der Schweiz, sondern als das in Undergroundkreisen berühmt-berüchtigte Ein-Mann-Projekt SEELENSCHNITT, welches jüngst mit einer Split mit Stiller`s Tod am Start war. Jetzt macht er es im Alleingang und schießt die eigenwillige Mischung aus Black Metal und Ambient, wenn man es mal über diese zwei Kämme scheren mag, aufs Volk.

Zunächst sorgt der Kollege mit seinem Infoschreiben für Erheiterung. „Innenwelten legt den Grundstein eines Alben-Zyklus, der sich über fünf Werke zu je neun Liedern erstrecken wird.“ Das ist nicht unambitioniert, interessant wird es aber eher aus zwei anderen Aspekten: So befinden sich auf dem vorliegenden Output lediglich fünf Songs, was den großen Plan schon mal ad absurdum führt. Punkt zwei ist die (schlüssige, wie auch etwas alberne) erklärung, denn man beschränkt sich erstmal auf diese Songs, um Zeit und Kraft zu sparen, weil man ja bald ein Label hat und dann eh alles noch mal aufnehmen wird.
Klar, dass dies eine Steilvorlage für einen kräftigen Verriss ist, vor allem, wenn man sich das bunte Treiben von der Split noch mal vor Augen bzw. Ohren führt, wo SEELENSCHNITT aufgrund des wilden Durcheinanders insgesamt schlecht da standen. Immerhin scheint Samael sich einiger Hinweise angenommen zu haben, technisch war er ja nicht wirklich schlecht und jetzt setzt er wenigstens etwas davon auch beim Songwriting um. Um es also gleich vorweg zu sagen, „Einblick in die Innenwelten“ ist um mehrere astronomische Einheiten besser als auf „Die letzten Kinder“. Aufgrund der nicht zu überhörenden Defizite ist man damit zwar weiterhin von „gut“ ein gewaltiges Stück entfernt, aber ein Anfang ist gemacht.

Vor allem die Arrangements haben eine gewisse Kehrtwende genommen, keine minutenlangen Keyboarddudeleien ohne Sinn und Verstand, die sich mit uninspiriertem Rumgebrülle und belanglosen Gitarrensoli abwechseln, sondern stimmige Passagen, die an der einen oder anderen Stelle Hand und Fuß haben. Anerkennung verdient sich Samael in jedem Fall, weil er seinen Stiefel durchzieht. Abgesehen von soundtechnischen Mängeln, die auch eine Demoband – die noch dazu einige der vorliegenden Songs fünfmal (!) aufgenommen hat – besser hinbekommen muss, würde er sicher mit etwas kompakteren Songwriting auch Lieder hinbekommen, die durchaus einige Eingängigkeit aufweisen würden. Aber er bleibt sich treu, die unteren Grenze sind knappe acht Minuten, der Opener „Nexus“ bringt es gar auf fast 13 Minuten. Dabei regiert Atmosphäre, Geschwindigkeit ist Nebensache, Härte irgendwie auch, aber mit fetterem Sound würde man die Gitarren auch schneidend und den Hechel-Krächz-Gesang ausdrucksstark hinbekommen. Ob der Klargesang den aktuellen Ansprüchen genügt, lässt sich hingegen schwer beurteilen, wird er in der Regel doch mit massivem Hall garniert, der nur so eben erahnen lässt, wie sich Samael auf dem Gebiet so schlägt. Das Keyboard nimmt eine dominierende Stellung ein und kann dabei durchaus auch Akzente setzen.

Unter dem Strich verbaut es sich Samael immer noch etwas selber, irgendwie werde ich das Gefühl auch nicht los, dass er, allen Beschwörungen im Info zum Trotz, selber noch nicht so genau weiß, wo es hingehen soll, dabei wäre eine größere Auswahl des Repertoires wünschenswert – vom Format dieses Albums, wohlgemerkt, „Die leeren Kinder“ befinden sich glücklich in meinem persönlichen Giftschrank. Genau wie das mit Selbstdarstellungen nur so überquellende Schreiben, könnte SEELENSCHNITT einfach noch mal etwas musikalischen Ballast über Bord werfen und dazu noch weiter am Sound arbeiten, vermutlich sogar das größte Manko, so brauchen die Songs noch einmal mehr von der heutzutage knappen Zeit des Hörers. Immerhin, ein erfreulicher Fortschritt, der freundlicherweise auf dieses Mal 90 Einheiten (50 x Kassette, 40 x CD) limitiert wurde – der Splitvorgänger musste bei den potentiellen Hörern von zwei Bands mit insgesamt 50 Kopien auskommen. Es sind wieder mal Puristen gefragt!

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American Heritage – Sedentary

(Rock / Heavy Metal / Punk) Machen wir uns nichts vor: Egal wie viele Bands auf die Idee kommen werden, einen Schrei am Anfang ihrer Platte zu platzieren, am Ende wird der Beginn von „Fuck The System“ von The Exploited immer als Sieger aus einem Vergleich mit diesen Alben hervorgehen. Ob am Beginn von „Sedentary“ nun ein menschlicher Schrei oder ein Katzenschrei zu hören ist, konnte auch nach mehrmaligem Hören nicht eindeutig geklärt werden – ebenso die Frage danach, was genau AMERICAN HERITAGE mit ihrer Musik erreichen möchten. Das, was die US-Amerikaner hier abliefern ist musikalisch nicht wirklich Hardcore, nicht wirklich Hard Rock, nicht wirklich Rock’n’Roll, sondern irgendein Bastard aus diesen Genres, der mit seiner punkigen und räudigen Attitüde in manchen Momenten mitreißend ist und wirklich zu begeistern weiß, in anderen allerdings schlicht langweilt.

Dabei beginnt alles so gut: Nach eben genanntem Schrei ballert ein wütendes Schlagzeug gemeinsam mit einem brummenden Bass und fetten Gitarrenriffs nach vorne und macht eindeutig Lust auf mehr – bis der mindestens als gewöhnungsbedürftig zu beschreibende Gesang von Adamn Norden einsetzt: Wie der Sänger einer Schülerband, welche sich primär auf das Covern von Songs aus dem Bereich Heavy Metal und Hard Rock beschränkt, knödelt er mit gepresster und künstlich böse gehaltener Stimme vollkommen uninspiriert und schlicht und ergreifend nervend irgendwelchen Stumpfsinn aus den Boxen. Ob dies an meiner Abneigung gegenüber den eben genannten Musikrichtungen liegt oder ob er diese Facette seiner Stimme wirklich besser niemandem zeigen sollte, kann leider ebenso nicht eindeutig entschieden werden.
Diese Irritation ist vor allem deswegen so schade, da die Momente auf „Sedentary“, die stärker in Richtung Hardcore und Rock’n’Roll der extrem räudigen Sorte tendieren unglaublich viel Spaß machen – ja, auch Adamn Nordens Gesang, der dann wirklich angepisst klingt und auch an Stoner Rock-Bands erinnert. Die stets vorherrschende Punk-Attitüde sowie das stets abwechslungsreiche Spiel mit vertrackten Rhythmen und tiefen Gitarrenläufen in diesen Momenten macht auf jeden Fall Bock, gemeinsam mit verschwitzten Barträgern in Jeans- oder wahlweise Lederjacken einen anständigen Mosh-Pit zu starten und sich mit Bier zu übergießen.

Was soll man nun mit AMERICAN HERITAGE anfangen? Was will die Band eigentlich selbst mit ihrer Musik zeigen? Wahrscheinlich wollen sie einfach nur Spaß haben, Lärm machen und damit die feiernde Meute zum Biertrinken und Pogotanz animieren. Dagegen ist ja prinzipiell nichts einzuwenden – dabei verschenkt die Band allerdings das Potential, welches sie in den guten Momenten auf „Sedentary“ immer wieder unter Beweis stellt. Das beste Beispiel, dass „Sedentary“ ein großartiges Album hätte werden können, liefert die Band dementsprechend selbst: Der abschließende, knapp acht Minuten lange Closing-Track „WWDHD“ ist ein dreckiges und mächtiges Stoner Rock-Ungetüm, zu welchem auch der gequetschte Gesang hervorragend passt und der an Qualität das gesamte vorangehende Album in den Schatten stellt. Schade Schokolade.

Monsterworks – Man :: Intrinsic

(Progressive Metal/ Heavy Metal/ Alternative Metal)“Image is nothing; Metal is everything” — Das ist mal ein ordentliches Statement. Einfach Musik, keine Einschränkung durch Schubladendenken, Vorurteile, kommerzielles Denken oder dem pflichtbewussten Nacheifern von Traditionen: Denn „Man :: Intrinsic“ war ursprünglich als ein reines Online-Release geplant. Mutig, mutig, sich dem digitalen Zeitalter so hinzugeben und komplett auf eine „handfeste“ Veröffentlichung in Form von CD oder LP zu verzichten.

Schon nach dem ersten Hören wird klar, dass MONSTERWORKS mit ihrem Statement nicht übertreiben und sich tatsächlich nicht durch Genregrenzen beschränken lassen — „Man :: Intrinsic“ vereint wirklich unglaublich viele Elemente der härteren Rockmusik. Mal langsameres, mal schnelleres Gitarrenspiel, mal ein leichter Groove, mal ein schepperndes Schlagzeug, Klargesang, Growls… Dazu stets längere instrumentale Zwischenparts, die teils gut gesetzt sind, teils die Stücke aber auch einfach nur unnötig in die Länge ziehen. Von altem old school Heavy Metal á la Judas Priest, Doom Metal und sogar Black Metal wollen haben sich MONSTERWORKS inspirieren lassen und das klingt alles in allem sehr progressiv, andersartig und alternativ. Gut dazu passt die Stimme des Sängers, die mal höher, mal tiefer klingt und sich als sehr variabel erweist.
„Man :: Intrinsic“ lebt ganz klar durch seine Vielseitigkeit, auch nach Öfteren Hören kann man in den Kompositionen einiges entdecken. Doch gerade diese relativ strukturlose Vielseitigkeit und die Länge der auf dem Release enthaltenen Lieder können schnell überfordern und als anstrengend empfunden werden. Ein gutes Beispiel dafür ist das wirklich sehr ausladende Intro „Unconditional Lie“ das nach einer längeren Phase des Gesangs ein ganzes Stück im Mittelteil rein instrumental daher plätschert und dabei zeitweilig an die bei Therapeuten oder Masseusen zu Entspannungszwecken genutzte Hintergrundmusik erinnert.
„Taste of Doom“ verbindet finstereren Gesang und schnelles Schlagzeugspiel mit einem in höchsten Tönen gesungenen Refrain und dezenteren Akkustikparts, was sich wirklich als eine nette Mischung, und einen somit gelungenen Stilmix, herausstellt. Das abschließende „Air“ klingt mal nach Groove Metal, mal nach Stoner Rock, mal nach schwerem Doom Metal und erinnert (zwischen den auch hier wieder en masse vorhandenen Akkustikeinschüben) zwischenzeitlich an eine Fusion aus Orange Goblin und alten Black Sabbath. Gerade zu Ende des Stückes ist hier auch einmal verstärkter Einsatz von Schlagzeug und Gitarre festzustellen, eingeblendete Windgeräusche sorgen für Düsternis und Kälte.

Mit ihren gerade einmal drei Songs und einer Spielzeit von gerade einmal einer Viertelstunde gelingt es „Man :: Intrinsic“ dem Hörer einen Einblick in die alternative Welt von MONSTERWORKS zu verschaffen. Das mag überraschen und zwischenzeitlich auch ganz nett klingen, auf die Band aufmerksam machen und — sofern Gefallen an der Musik gefunden wurde — zu Nachforschungen in ihrer Diskographie anregen. Viel mehr jedoch leider nicht. Eine etwas längere Spielzeit wäre wünschenswert gewesen. Auch das MONSTERWORKS dazu neigen ihre an sich guten Ideen stetig durch seichtes Akkustikspiel zu unterbrechen und sie somit in die Länge zu ziehen ist wirklich schade, da sie durchaus in der Lage sind mitreißende Kompositionen zu erschaffen.
Eine Empfehlung spricht sich hier also für den modernen, alternativen Metalhörer aus, der seine musikalische Offenheit durch stilistische Vermischungen zu befriedigen versucht, und vor einem stetigen hoch und tief — was Geschwindigkeit und Spannung der Songs betrifft — nicht zurück schreckt.

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Crossing Edge – Of Ghosts And Enemies

(Heavy Metal / Modern Metal / Melodic Metal) Nicht einmal zwei Jahre dauert die Bandhistorie der österreichischen Modern Metaller CROSSING EDGE, trotzdem können sie schon auf eine Reihe Erfolge und einen beeindruckenden siebten Platz beim Austrian Band Contest 2012 zurückblicken, bei dem sie über 1000 Kapellen hinter sich lassen konnten. Nach der EP „S.O.S.“ legen die Burschen aus der Alpenrepublik jetzt den ersten Longplayer auf und wollen beweisen, dass mit ihnen auch über die volle Distanz zu rechnen ist.

Das Info verspricht druckvolle Gitarre, tighte Basslinien, aggressives Drumming und melodiösen Gesang, der sich mit harten Shouts duelliert. Das kann ich im Wesentlichen so unterschreiben, die Platte bietet eine knappe Stunde schon in etwa das, was man als Wohlfühlmusik des Metallers bezeichnet. Hierbei kommt es halt ein wenig auf die Sichtweise an, rein musikalisch finde ich schon starken Gefallen an den zwölf Songs, doch ich stoße mich hier und da etwas am Gesang, bei dem ich mir deutlich mehr Härte bzw. ein Ausbauen der harten Parts gewünscht hätte. Unter dem Strich dominieren mir die cleanen Vocals schon zu stark und zu der erwähnt vorpreschenden Musik hätte ich mir etwas mehr Aggression gewünscht.
Andererseits liegt dies im Auge des Betrachters und so kann man eben auch die Variabilität des Fünfers auf allen Positionen würdigen, technisch ist so weit alles im Lot, flinke Passagen wechseln sich wie selbstverständlich mit treibenden Headbang-Passagen ab, um dann von einem Schuss Filigranität abgelöst zu werden. Zudem haben CROSSING EDGE eine Fähigkeit entwickelt, die auch bei vielen alten Hasen im Business noch zu oft nicht zu finden ist: Trotz aller Abwechslung, trotz vieler Melodien in einem Song, trotz häufigen Geschwindigkeitswechseln gelingt es scheinbar mühelos, auch sehr eingängige Lieder zu schreiben. Mehr als eine knappe Handvoll Durchläufe ist nicht nötig, um einen deutlichen Wiedererkennungswert ausmachen zu können. Hierbei spielt wohl auch der transparente, aber trotzdem fette und druckvolle Sound eine gewisse Rolle, der für ein selbstproduziertes Album definitiv aller Ehren wert ist.

CROSSING EDGE könnten schon eine Band sein, die ihre Infos bald nicht mehr selber verschicken müssen, Labels sollten die Augen offen halten. Ein wenig Feilerei an den Songs, eventuell eine etwas genauere Differenzierung in harte und cleane Gesangsparts und fertig wäre eine Truppe, die wirklich Format entwickelt – wovon nicht zuletzt aufgrund des flotten Entwicklungstempos sicher auszugehen ist.
Schade, dass man nicht immer oder wenigstens häufiger derart qualitativ hochwertige und dynamische Eigenproduktionen auf den Tisch bekommt.

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Motorpsycho & Ståle Storløkken – The Death Defying Unicorn

(Hard Rock / Moderne Klassik / Moderner Jazz / Progressive) MOTORPSYCHO machten zuletzt 2010 mit dem monströsen Space-Rock-Album „Heavy Metal Fruit“ auf sich aufmerksam, das den unglaublichen Spagat zwischen entspannt vor sich hin groovendem Hard Rock und pechschwarzen Soundwänden im Sinne King Crimsons hinlegte. 2012 tut man sich nun mit dem Keyboarder Ståle Storløkken zusammen, der noch ein Streicherensemble und das Trondheim Jazz Orchestra an Bord holt, um mit „The Death Defying Unicorn“ noch einen draufzusetzen.

Dabei bleiben MOTORPSYCHO sich musikalisch prinzipiell treu: Dominanter, dröhnender, dabei sehr selbstbewusst bedienter Bass, fette, bratende Gitarren und unbarmherziges Schlagzeug. Gesang spielt bei den Norwegern keine besonders große Rolle, immer noch lauscht man vor allem instrumentalen Kolossen, die im einen Moment erstaunlich eingängig und griffig daherkommen, im nächsten zu undurchsichtigen, zähen Brocken mutieren, in die man sich erst mühevoll hineinfinden muss. Den wesentlichen Unterschied macht wohl tatsächlich der Beitrag Storløkkens und der Jazz- und Klassik-Musiker, die die ohnehin nicht leicht zu fassende Musik zu etwas vollkommen Neuem, noch nie Gehörtem mutieren lassen.
Bläser und Streicher sind es, die „Out Of The Woods“ und das anschließende, zugehörige „Hollow Land“ führen: Nervös und fragil, aber doch bestimmt und treibend bahnen sie sich den Weg in die Dunkelheit, aus der der Hörer zu keiner Sekunde mehr entlassen wird. Für irgendein Genre typisch klingt man nie, nur die Assoziationen sind bekannt. Mal geht es groovig wie im Stoner-, mal abgehoben wie im Space Rock zu, mal entspannt-gammelig wie im Psychedelic, mal gibt es introvertierte Klang-Collagen wie im traditionelleren Jazz, mal scheinbar unverknüpft nebeneinander stehende Instrumental-Tupfer wie im Free Jazz zu hören. Man kann erhaben klingen, locker, schüchtern, im nächsten Moment wieder todernst und brachial. Das eigentlich Unfassbare ist dabei noch vor der unkonventionellen, vielschichtigen Instrumentierung der Umstand, dass man es schafft, diese vollkommen gegensätzlichen Eindrücke logisch miteinander zu verknüpfen und den Hörer nicht vollkommen zu überfahren. So fremd „The Death Defying Unicorn“ für die Ohren klingt, so spannend ist es, die Geschichte des Konzeptalbums zu erkunden. Auch vollkommen ohne Texte bleiben die knappen anderthalb Stunden eine einzigartige Reise, die von Spannungsbögen nur so trieft und bei der man zu keiner Sekunde das Gefühl hat, die Protagonisten hätten in ihrer doch recht komplexen Klangwelt irgendwann selbst den Faden verloren.

Auf „The Death Defying Unicorn“ wird man keine Mitsing-Melodien finden, vermutlich werden während der ersten Hördurchläufe überhaupt wenige konkrete Höhepunkte hängenbleiben – die gibt es zwar auch, wie etwa im tieftraurigen „Oh, Proteus – A Prayer“ oder im berührenden, triumphalen „La Lethe“, sie sind jedoch nur das Sahnehäubchen auf einem Album, das gerade dadurch groß wird, dass es ohne klare Struktur auskommt und seine Geschlossenheit und seinen Sinn erst in seiner Gesamtheit offenbart. Für Freunde bildgewaltiger, unkonventioneller Musik, die, wenn überhaupt an etwas, am ehesten an Filmmusik oder modernen Jazz und ebensolche Klassik erinnert (dafür aber wiederum viel zu viel Eier hat), könnte „The Death Defying Unicorn“ so etwas wie der Heilige Gral sein. Mehr Vielfalt bei mehr innerer Logik, mehr Innovationswillen bei mehr Hörbarkeit ist dieser Tage wohl kaum auf dem Markt zu finden. Ich mag aufgrund der ausgesprochenen Seltsamkeit der Musik keine Kaufverpflichtung aussprechen, reinhören sollte aber absolut jeder, der ansatzweise etwas mit interessanter, unverbrauchter Musik anfangen kann.

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Panzerballett – Tank Goodness

(Progressive Metal / Jazz) Wer eine der instrumental komplexesten und stilistisch krassesten Bands dieser Tage hören will, der kommt an PANZERBALLETT ohne Zweifel nicht vorbei. Denn bei ihnen prallen zwei Stilwelten aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Brettharter Metal und virtuoser Jazz. Auf ihren drei bisher veröffentlichten Alben „Panzerballett“ (2005), „Starke Stücke“ (2008) und „Hart Genossen – Von Abba bis Zappa“ (2009) präsentierten sie neben humor- und anspruchsvollen Eigenkompositionen auch stark umarrangierte Coverversionen bekannter Jazz-, Metal- und Pop-Kompositionen. Und auch auf ihrem neuen, acht Songs umfassenden Werk „Tank Goodness“ bleiben sie diesem Rezept treu. Der größte Unterschied zu den Vorgängern liegt sicherlich in Zweitgitarrist Josef Doblhofer, der mit seinem eher Fusion-beeinflussten Spiel eine etwas andere Klangfarbe einbringt als sein metallischer agierender Vorgänger Martin Mayrhofer.

Natürlich haben sich Jan Zehrfeld und seine Mannen auch dieses Mal wieder an einen stromlinienförmigen Megahit herangewagt, ihn nach Herzenslust zersägt und die Einzelteile so verrückt, verquer und vertrackt wie möglich wieder zusammengesetzt. Diese liebevolle Neubearbeitung hat anno 2012 ausgerechnet die totgespielte „Dirty Dancing“-Kamelle „(I’ve Had) The Time Of My Life“ erfahren. Ohne Frage – hier gilt: Anhören, staunen und dabei sein, wenn aus einer kitschig-klebrigen Popschnulze ein Jazzmetal-Monster wird!

Die restlichen Coverversionen entstammen vor allem dem weiten Feld des Jazz: Die fünf Jungs schrecken weder vor dem wohl meistgespielten Jazzstandard „Take Five“ zurück, noch haben sie Respekt vor „Giant Steps“ von John Coltrane oder „Some Skunk Funk“ von Randy Brecker. Der war von der Neubearbeitung seines Songs sogar so begeistert, dass er höchstselbst die Trompete dazu beisteuerte. Sämtliche Covertracks wurden wie immer stark umarrangiert, sodass die Originale über weite Strecken kaum noch zu erkennen sind.

Die Eigenkompositionen bestechen dieses Mal nicht nur mit absolut grandiosen Titeln wie „Mustafari Likes Di Carnival“, „The IKEA Trauma“ oder (sensationell!) „Vulgar Display Of Sauerkraut“, sondern auch mit stellenweise selbst für PANZERBALLETT erstaunlich harten Parts. Das gilt insbesondere für die letztgenannte Nummer. Außerdem gibt es für Kenner der Band ein Wiedersehen mit einer bereits zum Klassiker mutierten Komposition aus den Anfangstagen der Combo: Das grandiose „Zehrfunk“ wurde neu eingespielt und steckt das Original locker in die Tasche. Haufenweise geile Soli an den Gitarren und vor allem von Bass-Monster Heiko Jung sind Begründung genug. Zu allem Überfluss wurde das eh schon komplexe Hauptriff jetzt auf zwei Gitarren verteilt, was nicht nur spielerisch (vor allem live!) atemberaubend ist, sondern auch einen hübsch anzuhörenden Stereoeffekt erzeugt – Jan Zehrfeld und Josef Doblhofer spielen die Töne abwechselnd. Aber auch die Leistungen von Saxofonist Alexander von Hagke und Drummer Sebastian Lanser sind in diesem und sämtlichen anderen Stücken schlichtweg sensationell. Stichwort: Spitzenmusiker.

Traditionell sind PANZERBALLETT seit jeher instrumental unterwegs. Lediglich „(I’ve Had) The Time Of My Life“ und „The IKEA Trauma“ werden mit Gesang veredelt. Beim erstgenannten geben sich die schon vom Vorgängeralbum bekannten Conny Kreitmeier und Ron van Lankeren die Ehre, beim letztgenannten steht der schwedische Gitarrist und Sänger Mattias „IA“ Eklundh von Freak Kitchen hinter dem Mikro. Insbesondere Conny Kreitmeier drückt mit ihrem eigenwilligen, kratzigen Gesang dem Cover ihre ganz eigene Note auf, während Mattias Eklundh mit seiner Hardrock-Röhre für genügend Rotz in der straightesten Nummer des Albums sorgt, die er übrigens auch mitgeschrieben hat.

Das Fazit ist hier wieder eindeutig: Alle, die anspruchsvolle Musik mögen, sollten sich von PANZERBALLETT dringend die Lauscher durchpusten lassen. Gerne von Platte, noch besser aber live, denn da kommt das krasse Können und der unnachahmliche Humor der Jungs erst so richtig zur Geltung. Eine stilistische Weiterentwicklung ist nicht zu verzeichnen; das fällt bei solch ausgefeilten Kompositionen allerdings auch nicht wirklich ins Gewicht. Anhören!

Ein Sonderlob gibt es für das grandiose Cover-Artwork.

Just Like Vinyl – Black Mass

(Post-Hardcore / Progressive / Alternative Rock) JUST LIKE VINYL veröffentlichen ihren zweiten Longplayer „Black Mass“. Wenn man die Jungs nicht kennt, könnte man bei der Kombination von Albumtitel und Bandname meinen, man bekommt satanischen Retro-Rock geboten. Weit gefehlt, denn weder das eine noch das andere wird einem hier in nennenswertem Maße vorgesetzt. Vielmehr geht es gemäß der Vergangenheit von Sänger Thomas Erak, seines Zeichens ehemaliger Frontmann von Fall Of Troy, in Richtung Post-Hardcore. Aber selbst mit dieser Einordnung ist man der Scheibe noch lange nicht gerecht geworden.

Da mir die früheren Arbeitgeber von Meister Erak gänzlich unbekannt sind, kann ich zwar keine vergleichende Perspektive auf JUST LIKE VINYL bieten, ein jungfräulicher Blick auf „Black Mass“ ist allerdings ohnehin der passendere, anstatt sich unsinnigen Vergleichen hinzugeben. Stone Sour klingen schließlich auch nicht wie Slipknot, die Foo Fighters klingen nicht wie Nirvana, Scars On Broadway klingen nicht wie System Of A Down… ich denke, es ist klar, worauf ich hinauswill: Die neue Band X muss nicht wie die alte Band Y klingen, nur weil teilweise diesselben Musiker involviert sind.

Ebenso verhält es sich bei JUST LIKE VINYL, die mit ihrer wütenden Post-Hardcore-Note zwar in die Ecke von Eraks Ex-Band schielen, allerdings nicht nur mit der Faust auf den Tisch hauen, sondern auch mal filigran auf den Gitarren frickeln oder melodische Rock-Elemente bieten. Dass die Herren der Musikszene aus Seattle entstammen, kann man auch definitiv heraushören. Insgesamt kann man hier verdammt viel heraushören: Einerseits alteingesessene Größen von Led Zeppelin bis hin zu den bereits erwähnten Nirvana, andererseits aber auch jüngere Kollegen wie die NY-Progger Coheed And Cambria, die At-The-Drive-In-Nachfolger von The Mars Volta oder Tomahawk, eine der vielen Bands von Faith-No-More-Frontmann Mike Patton.

Was dabei herauskommt, ist zum Glück kein ideenloser Rip-off-Mix, sondern ein vielschichtiges, modernes Rock-Album, das vor allem vom omnipräsenten Kontrast und Wechselspiel zwischen Härte und Melodie lebt. Das merkt man nicht nur am Gesang, der zwischen softer Klarstimme und vernichtenden Screams alterniert, sondern auch im Songwriting. So legt beispielsweise „Bitches Get Stitches“ mit abgehacktem Riffing und rastlosen Drums los, um dann einen zweistimmigen Refrain zu bieten, der im Ohr bleibt, bevor im Solo-Part wieder eine heftige Heavy-Breitseite abgefeuert wird. „Walk You Home“ ist ein verhaltener Rocker mit aufbegehrenden Momenten und zuckersüßen Passagen, während „Sucks To Be You“ als rasanter Brecher furios aus den Boxen prescht, um letztendlich in einem zähflüssigen Sludge-Teil auszuklingen.

Man sieht also, JUST LIKE VINYL können geradlinig und fulminant losrocken, aufmüpfig und vertrackt Krach machen, verspielt über die Gitarrenbünde flitzen, aber auch eingängig und poppig sein. Das Ganze wirkt dabei – vor allem durch die progressive Ausrichtung – etwas chaotisch, jedoch niemals desorientiert. „Black Mass“ fordert den Hörer, überfordert ihn aber nicht. Es ist eine Platte, auf die man sich einlassen muss, für die man sich Zeit nehmen muss, die man nicht mal so nebenher hört. Wenn man dann noch – im Gegensatz zu mir – nicht das Bedürfnis hat, sich bei Screamo-Vocals mit einem Schraubendreher die Trommelfelle punktieren zu wollen, ist man bei JUST LIKE VINYL an der richtigen Adresse.

Maiden UniteD – Across the Seventh Sea

(Heavy Metal, Akustik) MAIDEN UNITED sind ein Nebenprojekt diverser Musiker vornehmlich niederländischer Herkunft und covern Iron Maiden-Songs in rein akustischen Versionen. Klingt langweilig? Irrtum! Zugegeben, eine gewisse Affinität zu Iron Maiden muss der Hörer mitbringen, aber das ergibt immer noch eine beachtliche Zielgruppe. Mit „Across the Seventh Sea“ erscheint nun das zweite Album der Truppe um Within-Temptation Gitarrist Ruud Jolie und Bassist Joey Bruers von der Maiden-Cover-Band Up The Irons.

Die wichtigste Veränderung zum Vorgänger „Mind The Acoustic Pieces“ aus dem Jahre 2010 ist sicher, dass MAIDEN UNITED sich diesmal kein vollständiges Album der britischen Legenden vorgenommen haben, um es 1:1 neu zu interpretieren. Stattdessen haben sie sich auf „Across The Seventh Sea“ eine eigene bunte Best-of-Liste zusammengestellt, die von „Prowler“ (vom Debütalbum „Iron Maiden“ von 1980) bis hin zu Songs von „Seventh Son Of A Seventh Son“ (1988) reicht – auf letzterem liegt klar der Fokus, haben es doch alleine vier Songs desselben auf das neue Album geschafft.
Zusätzlich gilt, dass die Band dieses Mal mehr Wert auf einen geschlossenen Gesamteindruck gelegt hat. Litt „Mind The Acoustic Pieces“ noch ein wenig an der Experimentierlust der Band (also daran, dass man jeden Titel anders machen wollte und so streckenweise der Zusammenhang und Zusammenhalt der Lieder verloren ging), haben MAIDEN UNITED hier erkennbar zugelegt – und das, ohne die Tiefe ihrer Kompositionen zu schädigen.

Denn sie spielen immer noch nicht einfach unplugged-Versionen der Songs, sondern bieten eigenständige Kompositionen, die sich nicht nur durch die mangelnde Verstärkung von den Originalen unterscheiden. Stattdessen werden Rhythmen verändert, längere Instrumentalpassagen hinzugefügt oder an den Tempi geschraubt. Das alles wirkt herrlich durchdacht, niemals überflüssig verspielt, und doch sehr selbstständig. Alle Lieder sind dabei von einem ernsten, melancholischen Grundton getragen – gute-Laune-Musik ist das nicht, sondern genau das richtige für die kommenden Herbsttage. Die einzige Ausnahme ist „Wasted Years“, das als Rausschmeißer hervorragend platziert ist und den Hörer mit einem beschwingtem Gefühl in den Tag entlässt.

Entsprechend gelungen sind die Tracks, auf denen sie die genannten Stärken ungehemmt ausspielen. Etwas heraus fällt allerdings die Version von „Prowler“. Nun handelt es sich dabei auch im Original um eine, sagen wir höflich: unambitionierte Nummer. Vielleicht erklärt dies die Schwierigkeiten, die MAIDEN UNITED hatten, dem Song ein eigenes Profil zu geben. In abgeschwächter Form trifft dies auch auf die Version von „Only The Good Die Young“ zu, wobei diese in der Mitte einen schönen Piano-Part und ein gelungenes Ende spendiert bekommen hat, was für vieles entschädigt. Absolute Highlights hingegen sind das herausragende und verträumt klingende „22 Acacia Avenue“, die wunderbar eigenständige Fassung von „2 Minutes To Midnight“ oder „Children Of The Damned“, auf dem Sänger Damian Wilson voll aus sich heraus gehen darf. Dasselbe gilt auch für die minimalistische Version von „The Evil That Men do“.
Überhaupt profitieren MAIDEN UNITED von ihrem großartigen Sänger, der dieses Jahr mit seiner eigenen Band Headspace und auf dem letzten Threshold-Output bereits gezeigt hat, wozu er fähig ist. „Across The Seventh Sea“ kann er ohne Bedenken in seine Referenzen aufnehmen. Atmosphärisch passend, aber eher unauffällig bleiben hingegen die vereinzelten Cello-Parts von Perttu Kivilakso (Apocalyptica).

Am besten funktionieren MAIDEN UNITED natürlich live – wer die sympathische Truppe einmal gesehen hat, wird dies bestätigen können. Wenn 200 Iron-Maiden-Fans jede Zeile mitsingen können, entsteht eben doch eine besondere Atmosphäre. Schade, dass man sie hierzulande so selten zu Gesicht bekommt. Als Ersatz sei das Album jedem Iron-Maiden-Fan ans Herz gelegt, dazu unbedingt auch jedem Fan von akustischen Interpretationen und generell jedem Fan klassischen Heavy Metals, der bereit ist, sich auf eine akustische Reise über die siebte See einzulassen.

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