Motörhead w/ Saxon, Crobot

  • St. Louis, The Pageant
  • 08. September 2015

motörhead

Kurzzeitig stand alles wieder auf der Kippe. Nach den Konzertabbrüchen in Denver und Austin sowie der sich hieran anschließenden Unterbrechung der Tour, schien es, als ob sich bei MOTÖRHEAD die Tourmisere von 2013 wiederholen würde. Nachdem dann die Meldung raus war, Lemmy habe die Höhenluft in Denver nicht vertragen und St. Louis würde der Ort werden, an dem der Neustart der Tour gefeiert werde solle, war ich froh und sekptisch zugleich. In welcher Verfassung würde sich der Mann zeigen, der seit 40 Jahren die härtere Gitarrenmusik wie kaum ein zweiter repräsentiert?
crobotlogoDen Abend eröffnen pünktlich um 20 Uhr die Retro-Rocker von CROBOT, die sich seit der Veröffentlichung ihrer CD „Something Supernatural“ 2014 nahezu ununterbrochen auf Tour befinden. Diese permanente Live-Präsenz merkt man dem Quartett auch deutlich an, nicht in Form von Abnutzungserscheinungen, sondern daran, wie sehr die Truppe aufeinander eingespielt ist. Mit ordentlich Druck, Spielfreude und einem für einen Opener dankbar klaren Sound schleudern CROBOT ihren groovigen, mich manchmal an Wolfmother erinnernden Stoner/Retro-Rock ins Publikum. In puncto Bühnenpräsenz setzt die Gruppe vor allem auf Bewegung, Gitarren werden um den Hals geschleudert, Mikrofonständer stilecht von sich geschleudert und per Kabel wieder zurückgeholt und Bassist Jake Figueroa huscht in einer Art über die Bühne, die in ihrer Erscheinungsform irgendwo zwischen Krabbe und Spinne angesiedelt ist. Keine Frage, die Band ist in Sachen Energie und Laufdistanz der Gewinner des Abends; musikalisch ist mir die Show aber auf Dauer zu eintönig und auch das Stageacting erscheint zunehmend einstudiert und ergo kalkulierbar. Insofern ist die exakt auf 30 Minuten taktierte Spielzeit genau der richtige Rahmen für den heutigen Abend. CROBOT werden mit Sicherheit den einen oder anderen Fan dazugewonnen haben.
saxon-logoWas folgt, ist ein routinierter Rundumschlag – SAXON, eine jener Bands, bei denen es kaum eine bessere Bezeichnung als „Urgestein“ gibt, betreten nach kurzer Umbaupause die Bühne und beweisen, dass die Bezeichnung „Warriors Of The Road“ nicht von ungefähr stammt. Immerhin reisen die Briten in Sachen Heavy Metal schon seit 1979 quer über den Globus und, wie die graue Majestät Biff Byford anmerkte, absolvierten ihre erste Tour gemeinsam mit – genau, Motörhead. Diese Tatsache verleiht dem heutigen Abend eine gewisse historische Stringenz. Von diesem Umstand aber abgesehen, unterscheideden sich SAXON an diesem Abend in St. Louis nicht von den SAXON an jedem anderen Ort. Laut und zielsicher zockt man sich durch ein knapp einstündiges Set, das zur Freude der Fans nahezu auschließlich aus Klassikern besteht. Zwar gibt es mit „Sacrifice“ sowie dem Titelstück des neuen, für Oktober angekündigten Albums „Battering Ram“ zwei aktuelle Stücke, ansonsten setzt man aber auf erprobte Kost. „Heavy Metal Thunder“, „Wheels Of Steel“, „The Eagle Has Landed“, wer ein Best-Of-Set erwartet hat, sieht nahezu sämtliche Wünsche erfüllt. Biff und seine Mannschaft sind in bester Spiellaune und vor allem der in Ehren ergraute Frontmann hat das Publikum mit seiner charmant-derben Art fest im Griff. Und so liefern SAXON einen zwar überraschungsarmen, aber durch und durch hörenswerten und Spaß machenden Auftritt ab, der gerne den einen oder anderen Song hätte länger sein können.
motorhead-logoAls nach einer weiteren kurzen Umbaupause das Licht ausgeht, ist das Pageant zwar immer noch nicht so voll, wie ich es erwartet hatte – die Stimmung allerdings ist an einem Siedepunkt angelangt und als Lemmy dann tatsächlich die Bühne betritt, gibt es bei vielen kein Halten mehr. Vielleicht hat der eine oder andere es wirklich nicht mehr erwartet, diese Szenenikone noch einmal sehen zu dürfen. Aber, um es gleich vorweg zu nehmen, mit dem viel besungenen blühenden Leben hat Lemmys Erscheinungsbild nichts zu tun. Seine Augen blicken müde ins Publikum, seinem Gesicht sind die Strapazen der letzten zwei Jahre deutlich anzusehen und seine Stimme wirkt geradezu fragil – ein Wort, das früher in Kombination mit dem Namen Kilmister direkt zu einem ungrammatischen Satz geführt hätte. Es ist geradezu so, als ob das Alter, das Mister Kilmister all die Jahre ignoriert zu haben schien, jetzt mit Nachdruck sein Recht einfordert. Und doch ist da dann dieses Lächeln auf seinem Gesicht und es fallen die Worte, auf die jeder gewartet hat: „We’re MOTÖRHEAD. And we play Rock n‘ Roll.“

Das sich anschließende Set ist ähnlich wie bei den Vorgängern Saxon frei von Überraschungen. Nun, eine Überraschung besteht vielleicht darin, dass sich die Band dazu entscheidet, das aktuelle Werk „Bad Magic“, immerhin ein Platz-1-Album in vielen Ländern, gar nicht zu berücksichtigen. Stattdessen gibt es jene Songs, die seit Jahren zum festen Bestand eines jeden Auftritts von MOTÖRHEAD gehören. Man eröffnet mit „Dr. Rock“ und bringt recht schnell das grandiose „Metropolis“, bei dem sich der anfangs ziemlich verwaschene Sound äußerst störend bemerkbar macht. Zudem sind die Songs teils erheblich langsamer als gewohnt gespielt – leider hinkt Lemmys Gesang nichtsdestotrotz dem Tempo hinterher und ist meistens zu leise. Das raubt dem Auftritt doch einiges an Energie. Trotzdem: Bei „Over The Top“ geht es im Publikum ordentlich zur Sache und beim obligatorischen „Ace Of Spades“ flippt die Menge noch einmal völlig aus. Und dann ist bereits Schluss. Ein Blick bestätigt: Die Spielzeit liegt noch unter einer Stunde. Und das, obwohl sowohl Mikkey Dee und Phil Campbell beide ihr Solo bekommen und eigentlich jeder Song in einem Klanggewitter endet. Nach einer auffallend langen Pause kommt die Band dann noch einmal, um mit „Overkill“ stilecht den Abend zu beschließen. Man merkt Lemmy zum Schluss an, dass er nicht mehr kann. Obwohl er sich im Verlauf des Konzerts nicht ein einziges Mal vom Mirkofon wegbewegt hat, wirkt er erschöpft, irgendwie aber auch zufrieden. Er hat es mal wieder geschafft. Ein Fan hat im Vorfeld geschrieben, dass Lemmy ja weder sich noch sonst jemandem etwas beweisen müsse. Das stimmt. Aber diese Tour, immerhin jene zum 40 jährigen Jubiläum der lautesten Band der Welt, die wird er sich abringen und beweisen müssen.

Alles in allem wird sich an diesem Abend niemand gelangweilt haben und selten bekommt man zwei so großartige Bands gleich hintereinander zu sehen. Trotzdem bleibt ein seltsamer Nachgeschmack. Es hat zwar keiner etwas Vergleichbares gesagt – aber vielleicht geht es nicht nur mir so, vielleicht kam es auch dem einen oder anderen so vor, als habe er gerade eine Art Abschiedskonzert von MOTÖRHEAD gesehen. Ich zumindest stelle fest: Ich hätte mich gefreut, wenn sich Lemmy noch einmal kurz umgedreht hätte, als er von der Bühne ging …

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