Review Dream Theater – Images And Words

Mein Werdegang zum Dream Theater-Fan war alles andere als handelsüblich. Man sollte meinen, dass es bei einer musikalisch derart anspruchsvollen Band einiges an Eingewöhnungszeit bedarf, bis man ihre Werke zu schätzen weiss. Ich hatte mich von den Aussagen einiger Dream Theater-Fans auf dem Blind Guardian-Board, wie kompliziert deren Songs doch wären, gar schon fast ins Bockshorn jagen lassen. Allerdings kam ich dann doch noch auf den Geschmack, und zwar, wie eine Jungfrau zum Kinde, völlig unverhofft und plötzlich. So begab es sich dann, dass ich eines schönen Freitag Morgen in den Saturn ging und mir die erstbeste Dream Theater-CD, namentlich „Images and Words“, aus dem Regal griff, um meinen Metal-Horizont etwas zu erweitern. Und ich hätte mir nicht träumen lassen, was für ein einschneidendes Hörerlebnis das werden sollte…

Dream Theater, die übrigens nach ihrem äußerst anspruchsvollen Debüt „When Dream and Day unite“ einen kleinen Lineup-Wechsel durchmachten (Sänger Charlie Dominici warf das Handtuch, weil ihm die Band nicht erfolgreich genug war und durch den Lichtjahre besseren Kanadier James LaBrie ersetzt) schafften es mit ihrem Zweitling, aus dem engen Dunstkreis der Extrem-Prog-Rock-Gemeinde auszutreten und endlich auch bei qualitätsbewussten Metal- oder allgemein Musikfreunden Anklang zu finden. Den fünf in New York ansässigen Genies gelingt auf dieser LP der, für viele der selbsternannten Prog-Bands, schwierige bis unmögliche Spagatschritt zwischen technischer Ausgereiftheit und der Demonstration derselben auf der einen Seite und eingängigen, atmosphärischen Songs auf der anderen Seite. Die 8 Stücke sprühen geradezu vor uneingeschränkt positiver Power, der erhebende Geist des Albums kommt in allen Instrumenten zum Ausdruck, man bekommt also unendlich gefühlsintensive Musik dargeboten. Die glasklare und druckvolle Produktion tut ihr übriges.
Diese Leistung ist meiner Meinung nach nicht der Verdienst eines einzelnen Band-Mitgliedes, vielmehr trägt jeder der 5 seinen Teil zum Gesamtkunstwerk „Images and Words“ bei. Auch das Songwriting lastet gut verteilt auf den Schultern der gesamten Band (Lyrics ausgenommen). Dies resultiert darin, dass das Songmaterial durch die Bank bis aufs Letzte ausgearbeitet und zurechtgefeilt wirkt, irrationale Ecken oder gar störende Elemente, die den Genuß trüben würden, lassen sich hier auch nach hundertmaligem Hören nicht ausmachen. Die Musiker funktionieren wie ein Uhrwerk, Gitarren- und Basslines gehen jederzeit mit Drumpatterns, Keyboard und Gesang konform, greifen ineinander wie Zähne eines Zahnrades.

Wie bereits gesagt, überzeugt hier nicht nur das Gesamtwerk, sondern auch die Einzelleistungen. Sänger James LaBrie, stimmlich nicht ganz der klassische Metal-Frontmann, überzeugt durch gefühlvollen Gesang, oft auch in höheren Tonlagen (kritisch wird es nur, wenn er die Kopfstimme auspackt, die doch recht gewöhnungsbedürftig ist und am Anfang nicht recht gefallen wird, ja sogar etwas stört) und im beinahe soulig-zärtlichen Flüsterton. Eine reife Leistung, denn obwohl er für mich nicht zu den besten Metal-Sängern auf dem Planeten zählt, fügt er sich stets perfekt und nahtlos in die Songs ein. Über Gitarrist John Petrucci muss man sowieso keine Worte mehr verlieren, er zieht hier alle Register seines breit gefächerten Könnens. Sein Sound schwankt stetig zwischen federleichten Picking-Passagen, virtuosen High-Speed-Soli und auch teilweise ziemlich rohen Thrash-Riffs, die jedoch immer präzise und klar gespielt sind und auch nie deplaziert wirken. Auch Bassist John Myung kommt eine tragende Rolle zu, jedoch beschränkt sich diese nicht instrument-typisch auf den Rhythmusbereich, auch der Melodiebereich gewinnt durch sein mehr als geniales Spiel (meiner Meinung nach das beste, was ich je gehört habe!) sehr viel. Drummer Mike Portnoy knüppelt sich wie eh und je durch die 57 Minuten, von treibendem Power-Drumming bis hin zu atemberaubenden Rolls ist alles drin. Last but not least Kevin Moore, der durch seine Keyboard-Sphärenklänge und soften Soli viel zur Stimmung der Lieder beiträgt.

Ach ja, die Lieder… ja, dieser Ansammlung an Superlativen soll natürlich auch wieder eine eingehende Einzelbesprechung folgen, also frisch ans Werk. Der Opener „Pull me under“ setzt die Messlatte für die 7 übrigen Songs bereits (fast) unerreichbar hoch und zählt bis heute völlig zu Recht zu den besten und populärsten Dream Theater-Werken. Bereits der von Kevin Moores Keyboards getragene Anfang zieht den Hörer sofort in seinen Bann, bevor sich der Song ganz zaghaft, Schritt für Schritt, Instrument für Instrument zu einem sehr stimmigen Meisterwerk entfaltet, dem dank den bereits erwähnten Thrash-Riffs auch die nötige Härte nicht fehlt. Das Ende, das sich erst nach göttlichen acht Minuten ankündigt, ist zwar in gewisser Weise interessant, doch wirkt es bei einem so schönen Song wie diesem leicht fehl am Platze.
Beim Follow-Up „Another Day“ handelt es sich um eine Rock-Ballade, die zwar durch schöne Gitarren-Hooks und gelungene Saxophon-Einlagen glänzt, doch in der Gesamtbetrachtung fällt ein Mangel an progressiven Elementen auf, was den Song meiner Meinung nach etwas unspektakulär macht. Auch durch die geringe Länge des Songs (lediglich 4:22) tritt deutlich zutage, dass der Song eigentlich radio-tauglich sein sollte. Interessante Bemerkung am Rande: „Another Day“ wurde bis heute nicht ein einziges Mal auf MTV gespielt, stattdessen avancierte „Pull me under“ dort zum Hit… Qualität setzt sich eben manchmal doch durch.

Apropos Qualität: „Take the Time“ auf der 3 schlägt in dieselbe Kerbe wie zuvor “Pull me under” – ein absolut komplettes Werk, das sich noch dazu durch einen Drive auszeichnet, der wirklich nicht mehr von dieser Welt ist! Die ganzen 8 Minuten und 21 Sekunden grooven einfach nur höllisch, was vielleicht an John Myungs Bassspiel liegt, mit dem er hier über sich hinauswächst. Das Riffing unterscheidet sich nicht großartig von dem von „Pull me under“ und ist symptomatisch für den gesamten Longplayer.
Mit „Surrounded“ bewahrheitet sich das Gesetz der Serie: wie bei „Another Day“ handelt es sich auch hierbei um eine Ballade, die erneut durch schöne Gitarrenharmonien besticht und anstatt des Saxophons mit einem Flügel aufwartet. Durch härteres Riffing und zahlreichere Soli (das Solo bei 3:40 ist wirklich toll!) will jedoch hier der Funke eher überspringen. Verglichen mit den beiden 8-Minuten-Hämmern fällt der Song dennoch leicht ab, was allerdings nun wirklich keine Schande ist.

Wer als nächstes einen Song mit Großkaliber erwartet, der… nun ja, wie soll ich sagen… der ist genau an der richtigen Adresse! Mit „Metropolis Pt.1: The Miracle and the Sleeper“ schufen Dream Theater ihren vielleicht populärsten und wichtigsten Song. Während man von den ersten vier Minuten in eine wundersame und wunderschöne Welt entführt wird, beginnt danach das große Schaulaufen. In den nächsten, komplett instrumental gehaltenen Minuten wechseln sich John Petrucci, John Myung und Kevin Moore beim Solieren ab, jeder stiehlt jedem die Schau mit einer doppelt so abgefahrenen Solo-Einlage wie sein Vorgänger. Trotz dieser vier Minuten langen, von zahlreichen Breaks durchsetzten Extrem-Frickel-Passage reißt die aufgebaute Stimmung und Magie zu keinem Zeitpunkt ab! Zum Ende wird die Geschichte dann genau so zu Ende geführt, wie sie begann. Ein echtes Kunstwerk.
„Under a Glass Moon“, der meiner Meinung nach härteste Song der Platte, schlägt etwas geradliniger ein als sein Vorgänger, d.h. Bass- und Keyboard-Soli sucht man dieses Mal vergeblich. Als Entschädigung dafür besteht „Under a Glass Moon“ allerdings zu weiten Teilen aus Gitarrensoli, ist also auch meilenweit von einem schnörkellosen Stück Metal entfernt.

„Wait for Sleep“ ist ein kurzes Keyboard-only-Intermezzo aus der Feder Kevin Moores, das als Intro zum großen Finale von „Images and Words“ fungiert: dem elfeinhalbminütigen Mammutwerk „Learning to live“. Wie „Pull me under“ wird auch dieser Prog-Orgasmus vom Keyboard eingeleitet, bevor die eigentliche Instrumentierung einsetzt. Ich kann den genialen Aufbau der ersten Minute gar nicht genug loben! In der Gesamtbetrachtung ist „Learning to live“, welches vom Sound und Aufbau her spätere DT-Songs wie etwa „Voices“ oder „Scarred“ beeinflussen sollte, über weite Strecken hin weniger hart als die anderen großen Stücke der LP (besonders herausstechend sind die fast lateinamerikanisch anmutenden Akustikpassagen sowie die mehrstimmigen Bombast-Vocals am Schluss), eine echte Prog-Rock-Hymne eben, leicht dem Stil der Siebziger angelehnt, mit den Mitteln der frühen Neunziger umgesetzt, dazu noch ein Stück, das ein unvergleichliches Album standesgemäß abrundet. Toll!

Fazit: Dream Theater haben diesem Album ihren Durchbruch völlig zu Recht zu verdanken, denn es bietet Neueinsteigern (wie mir, siehe oben…) genug Anhaltspunkte, die Genialität der Band für sich zu entdecken, und Kennern der Combo genug virtuose Kabinettstückchen und versteckte Details, um sich monatelang mit diesem Gesamtkunstwerk eingehend zu befassen. Die 8 im Schnitt sehr langen Songs umfassen Elemente fast aller nur erdenklichen Stilrichtungen und dürften somit Metalfans aller Lager (okay, Death Metal-Fans schauen in die Röhre, aber man kann´s ja nicht allen Leuten Recht machen… ;-)) und selbst Nicht-Metalfans dank gemäßigterer Stücke wie „Surrounded“ ansprechen. Alles in allem eine wirklich überirdische Leistung, die auch mit einer angemessenen Note gewürdigt wird.

Wertung: 10 / 10

Geschrieben am 31. März 2013 von Metal1.info

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