Interview mit Ol Drake von Evile

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Für eine kurze Zeit sah es tatsächlich danach aus, als sei bei den britischen Thrashern EVILE nach längerer Abwesenheit wieder alles beim Alten: 2018 kehrte Leadgitarrist Ol Drake zur Band zurück und nährte so die Hoffnung vieler Fans, dass es  bald ein neues Album ihrer Helden geben würde. Dieser Wunsch sollte erfüllt werden, doch anders als gedacht. Nur kurze Zeit nach Ols Rückkehr verließ dessen Bruder und EVILE-Frontmann Matt die Band. Was zum erneuten Stillstand hätte führen können, begriff die Truppe aus Huddersfield allerdings als Chance und so entstand das Comeback-Album „Hell Unleashed“ mit Ol Drake am Gesang. Angesichts solch einschneidender Veränderungen baten wir den neuerlich zum Frontmann aufgestiegenen Leadgitarristen zum Gespräch.
Das Logo der Band Evile

Hi Ol und vielen Dank, dass du dir Zeit für uns nimmst! Wir leben in seltsamen Zeiten – wie geht es dir?
Mir geht es gut! Es war ein seltsames Jahr, aber der Lockdown gab mir Gelegenheit, meine Familie öfter zu sehen, einen Twitch-Stream zu starten und die neuen EVILE-Songs zu perfektionieren. Ich bin also sogar ein bisschen dankbar dafür!

Das Cover von "Skull" von EvileSeit dem letzten EVILE-Album „Skull“ sind acht Jahre vergangen. Was ist in dieser Zeit alles passiert?
Ich habe EVILE 2013 kurz nach der Veröffentlichung von „Skull“ verlassen. Die Band hat mich ersetzt und fünf Jahre lang weitergemacht, allerdings haben sie ohne mich als Teil der Gleichung nie wirklich neue Musik geschrieben. Irgendwann tauchte Piers (mein Nachfolger) nicht mehr zu den Proben auf und ich sagte Matt (ursprünglich als Witz), dass sie mir Bescheid sagen sollten, falls sie einen neuen Leadgitarristen brauchen. Ich habe lange darüber nachgedacht und eigentlich wollte ich es auch selbst wieder, weshalb im Oktober 2018 einfach alles zusammenpasste. Ich fing an, an neuem Material zu arbeiten, aber dann begannen die Schwierigkeiten mit Matt, weshalb die Platte erst jetzt veröffentlicht wurde.

Obwohl es über die Jahre einige Besetzungswechsel bei EVILE gab, war es wohl der größte Schock für viele Fans, als Matt im vergangenen Jahr ausgestiegen ist. Wie ist es für dich, neben der Leadgitarre auch den Posten als Sänger zu übernehmen?
Anfangs war ich deshalb sehr nervös, weil ich so etwas vorher noch nie gemacht hatte. Mit der Hilfe von Chris Clancy, dem Produzenten von „Hell Unleashed“, und Melissa Cross (in der Metal-Szene angesehener Gesangscoach, Anm. d. Red.) konnte ich jedoch einiges an Selbstvertrauen dazugewinnen. Als ich die Demoversionen der neuen Songs aufnahm, habe ich Blut geleckt, also musste ich meine Stimme wirklich in Form bringen – das tue ich auch jetzt noch. Chuck Schuldiner (Death, Anm. d. Red.) war für mich ausschlaggebend dafür, dass es OK ist, gleichzeitig Leadgitarrist und Sänger zu sein.

Findest du es eigenartig, dass du plötzlich der Frontmann von EVILE bist, nachdem du fünf Jahre nicht in der Band warst?
Ich finde das überhaupt nicht seltsam – nach Matts Ausstieg fühlte sich das schlicht wie der nächste natürliche Schritt in unserer Entwicklung an. Wir haben sogar darüber nachgedacht, einen neuen Sänger zu suchen, aber dann hatten wir dass Gefühl, dass ein bekanntes Gesicht wahrscheinlich besser bei den Leuten ankommen würde. Natürlich ist es jetzt anders, aber das ist unvermeidbar.

Hattet ihr je Zweifel daran, dass ihr ohne Matt weitermachen würdet?
Nein, es war uns immer klar, dass wir mit oder ohne ihn weitermachen würden.

Das Cover von "Hell Unleashed" von EvileWie würdest du Euer neues Album „Hell Unleashed“ beschreiben? Wo siehst du Ähnlichkeiten – oder Unterschiede – zu euren früheren Alben?
Eine Parallele ist auf jeden Fall, dass „Hell Unleashed“ genau wie der Großteil seiner Vorgänger überwiegend von mir geschrieben wurde. Der Hauptunterschied liegt in der Herangehensweise an den Gesang. Das Material verträgt sich einfach nicht mit melodiösen Vocals – wir haben ein paar Sachen ausprobiert, aber es hat einfach nicht funktioniert. Das einzig passende war ein eher aggressiver Stil.

Würdest du zustimmen, dass „Hell Unleashed“ EVILE wieder mehr zum kompromisslosen Sound des ersten Albums zurückbringt?
Ja. Das war zwar nicht unser erklärtes Ziel, aber wir wollten auf jeden Fall wieder zurück zu diesen prägnanten, spaßigen Riffs. Wir mögen „Hell Unleashed“ genauso gerne wie „Enter The Grave“ und beide Alben sind auf jeden Fall aus dem gleichen Holz geschnitzt – „Hell Unleashed“ ist einfach nur viel aggressiver. Die Leute vergessen gerne, dass Matts Gesang auf dem ersten Album auch alles andere als melodiös war.

Was kannst du uns über das Songwriting und die Aufnahmen zu „Hell Unleashed“ erzählen?
Wir haben es auch diesmal wie immer gemacht: Sobald die Grundidee eines Songs besteht, arbeite ich zuhause alleine daran. Dabei schicke ich immer wieder Versionen der Nummern an die Band, damit wir sie besprechen können. Wir nehmen dann entsprechende Änderungen vor und ich mache weiter. Diesmal hat dieser Prozess etwas länger gedauert, weil Matt zu beschäftigt war, um sich um Gesangslinien oder Texte zu kümmern. Das stellte ich im Nachhinein allerdings als Vorteil heraus, denn so hatten wir deutlich mehr Zeit, um die Songs abzurunden. Die Aufnahmen selbst waren ziemlich bizarr, weil wir uns ja im Lockdown befanden und nirgendwo hingehen konnten. Wir haben in den „Backstage Studios“ von Andy Sneap mit Chris Clancy als Produzenten aufgenommen. Wir sind zwei Wochen dort geblieben und waren nach 13 Tagen fertig. Aufgrund der Beschränkungen waren hauptsächlich Ben (Carter, Schlagzeug, Anm. d. Red.), Chris und ich dort. Joel (Graham, Bass, Anm. d. Red.) und Adam (Smith, Gitarre, Anm. d. Red.) kamen immer dann vorbei, wenn es möglich war.

Das neue EVILE-Album erscheint bei Napalm Records. Wie entstand diese Zusammenarbeit?
Nachdem unser Vertrag mit Earache ausgelaufen war, wollten wir etwas neues probieren. Wir haben damals mit einigen Labels gesprochen, aber nachdem Matt die Band verlassen hatte, wollten die meisten nichts mehr von uns wissen. Napalm war das einzige Label, das weiter an uns geglaubt hat. Das ist eine tolle Plattenfirma mit tollen Leuten im Hintergrund – jeder dort ist entspannt und coolDas Cover von "Enter The Grave" von Evile.

Im Augenblick scheinen Konzerte noch weit entfernt zu seine, aber macht ihr bereits Pläne für nach der Pandemie? Werden EVILE wieder nach Deutschland kommen?
Wir befinden uns bereits in der Planungsphase, aber im Augenblick ist das allerdings alles noch an sehr viel Hoffnung geknüpft, dass es auch tatsächlich passieren wird. Wir werden ganz sicher wieder nach Deutschland kommen, aber der Brexit hat das ganz schön verkompliziert. Zur Zeit ist es schlicht zu teuer für uns, in der EU zu touren.

Die COVID-19-Pandemie wirkt sich auf alle Bereiche des Lebens aus, aber Clubs und tourende Bands werden besonders in Mitleidenschaft gezogen. Wie geht es dir damit?
Es nervt mich, denn Kunst und Musik werden in der heutigen Gesellschaft auch ohne Virus schon genug unterbewertet. Wir müssen so schnell wie möglich zu irgendeiner Form von Normalität zurückfinden.

Lass uns zum Abschluss noch ein bisschen Brainstorming betreiben. Was ist das Erste, das dir zu den folgenden Begriffen einfällt?
Konzeptalbum: Prog Rock.
Slayer: Thrash.
Old School: Death.
Infected Nations: Unterbewertet.
Sommer-Festivals: Traurig (weil sie mir fehlen).
Social Distancing: Hatschi!
EVILE in zehn Jahren: Älter.

Noch einmal vielen Dank für deine Zeit! Möchtest du noch ein paar abschließende Worte an unsere Leser richten?
Wenn euch die neuen EVILE-Songs gefallen, dann kauft euch bitte eine physische Kopie des Albums oder den Download. Die meisten Leute wissen gar nicht, wie wichtig es ist, dass ein Produkt tatsächlich verkauft wird, wenn man auf einem Label ist. Das ist weit wichtiger als Tickets oder Merch zu kaufen, der Erlös aus dem Verkauf der Platte erstattet dem Label die Kosten, die es für die Produktion vorgestreckt hat. Unterstützt die Künstler! Kauft euch „Hell Unleashed“! Wir sehen uns auf Tour!

Ein 2020 entstandenes Foto der Band Evile

Dieses Interview wurde per E-Mail geführt.
Zur besseren Lesbarkeit wurden Smilies ersetzt.

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