Interview mit Grànt von Gràb

Mit seinem neuen Projekt GRÀB hat Grànt – alias Azathoth (Eudaimony, Trinitas, ex-Dark Fortress) – das wohl beste auf Bayerisch besungene Black-Metal-Album seit Lunar Auroras „Hoagascht“ veröffentlicht. Im Interview verrät er, was das Album sonst noch mit Lunar Aurora verbindet, warum er sich erst jetzt an Texte in seiner „Muttersprache“ gewagt hat und worauf es ihm bei Texten über den Tod ankommt.

Logo der Band Gràb

„Hoagascht“ von Lunar Aurora war das erste auf Bayerisch gesungene Black-Metal-Album, das ich gehört habe. Ging dir das damals genauso, oder kennst du bayerischen Black Metal schon länger?
Viele Leute denken, dass „Hoagascht“ das erste Mal war, dass Black Metal mit bayerischen Texten kombiniert wurde. Das ist aber mitnichten so. Lunar Aurora hatten schon deutlich früher den Song „A haudiga Fluag“ veröffentlicht und schon damals war ich absolut beeindruckt davon, wie gut bayerischer Dialekt und Black Metal miteinander harmonieren, wenn man die Texte ernst und düster genug verfasst und effektiv in die Musik einbringt.

„Ich mache Musik ja nicht,
um in den Charts zu landen“

Was hat das erste so besungene Album, das du gehört hast, mit dir gemacht oder in dir bewegt?
Das erste Album mit bayerischen Texten war „Hoagascht“. Ein Album, das mich von der ersten Sekunde an in seinen Bann gezogen hat und mit „Im Gartn“ einen der besten Opener der Black-Metal-Historie hat. Das war Gänsehaut pur für mich und meines Erachtens auch das große Finale für Lunar Aurora. Sie haben sich mit ihrem besten Album verabschiedet.

Trotzdem hat es bis jetzt gedauert, dass du selbst angefangen hast, auf Bayerisch zu singen – warum? Hast du dich vorher nicht getraut oder es dir nicht zugetraut, kein Interesse gehabt oder Angst vor den Reaktionen?
Angst vor den Reaktionen? Reaktionen sind für mich grundsätzlich nicht wichtig. Ich mache seit jeher nur das, worin ich mich verwirklichen kann. Ob das dann jemandem gefällt oder nicht, ist für mich völlig sekundär. Ich mache Musik ja nicht, um in irgendeinem Magazin möglichst viele Punkte einzuheimsen oder womöglich sogar noch, um in den Charts zu landen. Nein, mir geht es in meinen Texten und der Musik einzig und allein um Selbstreflexion. Darum, meine Visionen wahr werden zu lassen. Zu Dark Fortress hätten bayerische Texte schlichtweg nicht gepasst. Von daher musste ich erst ein völlig eigenes Projekt ins Leben rufen – mit bayerischem Bandnamen und bayerischen Texten. Bei GRÀB ist die Mundart bestens aufgehoben.

Und das Screamen – kam das natürlich, oder musstest du hier aktiv umdenken?
Nein, dabei musste ich nicht umdenken.

„Texte auf hochdeutsch waren nie mein Ding“

Wie hat es sich dann angefühlt, die ersten Texte auf Bayerisch zu verfassen? War es schwer, sich da einzudenken – nicht zuletzt, weil Mundart ja keine Schriftsprache ist?
Der erste Text, den ich für GRÀB geschrieben habe, war „Nachtkrapp“. Das war im Jahr 2013. Für mich war es damals ein völlig neuer Ansatz, weil ich seit 1994 immer nur englische Texte geschrieben hatte. Texte auf hochdeutsch waren nie mein Ding, weil ich da die Messlatte sehr hoch anlege. Bis auf ganz wenige Ausnahmen wie Lunar Aurora oder Nagelfar fand ich die meisten hochdeutschen Texte immer ziemlich schlecht. Natürlich hatten mich Lunar Aurora damals mit „Hoagascht“ maßgeblich inspiriert. Wobei ich sagen muss, dass ich das bayerische Texten noch einmal auf einer anderen Ebene betreibe als Lunar Aurora, weil ich alles in Reimform und als Konzeptalbum geschrieben habe.

Bandfoto der Band Gràb, die Musiker stehen im Dämmerlicht an einem See

© Iris Moraitis

Inwiefern ist „Zeitlang“ ein Konzeptalbum?
Die Texte des Albums sind komplett durchkonzipiert und bauen vom ersten Song „Nachtkrapp“ an aufeinander auf. Dadurch wird man mit auf die einsame Reise des Protagonisten genommen. Die Texte sind außerdem eben allesamt in Reimform als bayerische Gedichte verfasst.

„Wenn ich nicht mehr bin – das bleibt“

Die Texte werden im Promotext und auf Bandcamp als dein textliches Vermächtnis bezeichnet. Was willst du damit zum Ausdruck bringen?
Oberflächlich betrachtet wird auf „Zeitlang“ die Geschichte eines fiktiven Charakters erzählt – einem alten Mann. Die wenigen Menschen, die mich wirklich gut kennen, wissen jedoch, dass die Texte sehr viele autobiographische Züge haben und dass auf dem Album somit keine fiktive Geschichte erzählt wird, sondern meine. Ich habe das Ganze lediglich auf eine andere Ebene gepackt. Mein Vermächtnis ist es insofern, als man auch sagen könnte, dass ich der Menschheit nicht mehr zu sagen habe als das, was ich in den Texten von „Zeitlang“ geschrieben habe. Wenn ich nicht mehr bin – das bleibt.

© Iris Moraitis

Ausgerechnet im Titeltrack verwendet ihr ein Sample auf Hochdeutsch – mich reißt das etwas aus dem Konzept. Warum habt ihr euch dafür entschieden, und woher stammt das Sample?
Ich finde das Sample aus dem Film „Das siebente Siegel“ absolut nicht irritierend. Im Gegenteil: Es passt perfekt zu der Botschaft hinter dem Song „Zeitlang“. Wie du dir vielleicht vorstellen kannst, ist es ohnehin schon schwer genug, ein Film-Sample zu finden, das inhaltlich zu Song und Text passt. Wenn man dann aber noch hergeht und ein passendes Sample im bayerischen Dialekt sucht, wird das ein Ding der Unmöglichkeit. Das weiß ich daher, weil ich zunächst jede Menge alter bayerischer Filme durchgegangen bin – aber da war nichts von Substanz dabei. Ganz nebenbei bemerkt hatten übrigens auch Lunar Aurora beim Song „Im Gartn“ ein hochdeutsches Sample, obwohl ihre Songtexte allesamt auf bayerisch waren. Und auch da fand ich das ebenso wie bei uns herausragend.

Bayerische/Österreichische Texte scheinen generell im Trend zu liegen – Waldgeflüster aus München oder Perchta aus Salzburg wären da etwa zu nennen. Verfolgst du das, interessiert dich das, quasi als neues Sub-Genre?
Die von dir genannten Bands kenne ich nur vom Namen her. Ihre Musik interessiert mich allerdings nicht. Ich höre überwiegend immer noch die ganzen Black Metal Klassiker aus den 1990ern, selten mal eine neue Veröffentlichung.

„Der Tod ist für mich die Essenz des Lebens“

Als Titel des Albums habt ihr „Zeitlang“ gewählt, das Titelbild ist eine Gevatter-Tod-Darstellung. Welche Rolle spielt Zeit im Sinne von Vergänglichkeit in deinem persönlichen Weltbild?
Unser aller Zeit läuft ab dem Moment unserer Geburt gegen uns. Daher auch die Textzeile aus dem Song „A Dåg im Herbst“, die da lautet: „Und an jedn miadn Schritt macht da Boandlkramer mit“. Der Tod begleitet uns auf all unseren Lebenswegen. Da für mich an diesem Leben unter Menschen nichts Erstrebenswertes ist, sehne ich den Tag schon lange herbei, an dem der Tod zu mir kommt.

Im (Black-)Metal ist der Tod omnipräsent – von ernsthafter Auseinandersetzung mit dem Topos bis klischeehaft überzogenem Splatter-Text ist da alles dabei. Wie trashig darf für dich ein Text über den Tod sein?
Der Tod ist für mich ein ernstes Thema. Ich selbst bin nicht nur fasziniert vom Tod, sondern sogar besessen davon. Der Tod ist für mich die Essenz des Lebens. Von irgendwelchen pseudo-humorigen Annäherungen zu diesem Thema halte ich also nichts.

Gevatter Tod leuchtet einem alten Mann ins Gesicht. Cover des Albums "Zeitlang" der Band GRAB.Das Cover würde ich jetzt schon zu den stärksten des Jahres zählen. Normal frage ich gerne, warum ein Bild aus Sicht des Musikers das perfekte Cover für ein Album ist … das entfällt hier. Kannst du uns stattdessen einfach etwas zu dem Bild erzählen … wurde es für das Album angefertigt, oder woher stammt es und wer hat es gemalt?
Das Bild wurde von Benjamin König – einigen auch noch als Aran von Lunar Aurora bekannt – eigens für GRÀB angefertigt. Ich kenne Benjamin aus seiner Zeit bei Lunar Aurora ebenfalls schon über 20 Jahre. Seine Kunst habe ich immer bewundert und mir war klar, dass sein Stil ideal zu GRÀB und zu „Zeitlang“ passt. Ich habe ihm im Vorfeld im Groben erzählt, worum es auf dem Album geht und habe ihm dann sämtliche Freiheiten gelassen, sich künstlerisch voll und ganz zu entfalten. Aus meiner Sicht ist es eines der besten Coverartworks, die ich im Metal jemals gesehen habe.

„Er war sofort Feuer und Flamme“

Musikalisch hört man neben eher klassichem Black Metal auch diverse Folkinstrumente, die den Bayerischen Touch des Albums untermauern. Wie schwierig war es, diese Instrumentalspuren einzusammeln, beziehungsweise Leute zu finden, die diese Instrumente spielen?
Es war organisatorisch schon extrem viel Aufwand für mich. Den Hackbrettspieler hab ich zufällig mal bei einem Auftritt im Fernsehen gesehen. Da erzählte er dann im Interview, dass er privat eigentlich am liebsten Metal hört. Daher habe ich direkt zu ihm Kontakt aufgenommen und er war sofort Feuer und Flamme für das Ganze. Er hat mir dann auch den Kontakt zu dem Alphornspieler hergestellt.

Wie habt ihr in der Band das Songwriting aufgeteilt – ist das eine Gemeinschaftsproduktion?
Das komplette textliche Konzept stammt aus meiner Feder. Das ganze Grundgerüst für die Songs hat dagegen Gråin komponiert. Hinzu kamen dann die jeweiligen Gastmusiker, die ihre Beiträge auf dem Grundgerüst der Songs basierend komponiert haben.

Bandfoto der Band Gràb, die Musiker stehen im Dämmerlicht an einem See

© Iris Moraitis

Als Gastmusiker hat auch Morean an dem Album mitgewirkt, deinem Nachfolger bei Dark Fortress. Hast du mit der Band unterdessen deinen Frieden gemacht? Du hast Dark Fortress ja nicht eben im Guten verlassen …
Richtig, ich war mit den Leuten von Dark Fortress damals ziemlich zerstritten. Allerdings nie mit Morean, weil er überhaupt keinen Anteil an den Unstimmigkeiten hatte, die es damals gab. Das war 2007. Mittlerweile sind da schon wieder so viele Jahre vergangen, dass ich mich mit den Jungs wieder gut verstehe. Für mich war es naheliegend, Morean wegen eines Gastbeitrags für GRÀB zu fragen, weil er stimmlich noch einmal ein ganz anderes Spektrum abdeckt als ich. Und nur dann machen Gastmusiker für mich Sinn.

Weiterhin findet sich eine Gitarrenspur von P.K. alias Peter Kubik von Abigor, einer in der Szene umstrittenen Band, die aufgrund ihrer Kontakte zu Absurd und einiger zweideutiger Interview-Aussagen immer wieder in die Nähe der NSBM-Szene gerückt wird. Warum habt ihr euch für einen so streitbaren Gastbeitrag entschieden – gerade in Zeiten, in denen das Bewusstsein für die Problematik NSBM in der Metal-Szene größer ist denn je?
Für mich waren und sind Abigor nie umstritten. Ich kenne P.K. seit über 20 Jahren und schätze ihn nicht nur als Musiker, sondern auch als Mensch. Abigor sind für mich bis heute unumstrittene Pioniere des Black Metal. Insbesondere „Verwüstung“ und „Nachthymnen“ sind absolute Meilensteine dieses Genres. Abigor haben sich mit jedem Album neu erfunden. Und während bei den hoch gelobten Norwegern längst die Luft raus ist, liefern Abigor noch immer ab. Die beiden mehrstimmigen Gitarrenparts im Titeltrack von „Zeitlang“ haben den Song noch einmal deutlich aufgewertet und ihn abwechslungsreicher gemacht. Auch P.K. hat durch seine Beiträge maßgeblichen Anteil daran, dass das Album für mich einzigartig ist. Zu wem Abigor Kontakt pflegen, geht weder mich noch sonst jemanden was an und es interessiert mich auch nicht.

„Wir haben unser erstes Album aufgenommen“

Zu guter Letzt wüsste ich gern, wie es um deine anderen Projekte bestellt ist – darf man in nächster Zeit etwas von EUDAIMONY oder TRINITAS erwarten?
Für Eudaimony existieren ein paar Ideen, da ist aber noch nichts spruchreif. Mit Trinitas haben wir dagegen vor ein paar Monaten unser erstes Full-Length-Album fertig aufgenommen. Wir sind uns da auch schon mit einem Label einig geworden.

Vielen Dank für das Interview. Zum Abschluss würde ich dich noch zum traditionellen Metal1.info-Brainstorming bitten:
Die letzten Darkthrone-Alben: Nach „Total Death“ hat Darkthrone nichts mehr von Bedeutung veröffentlicht
Herbst:
beste Jahreszeit
Vegane Weißwürste:
nichts für mich
Das letzte Album, das du dir angehört hast:
Abigor – Totschläger: A Saintslayer’s Songbook
Alkoholfreies Weißbier:
nichts für mich
GRÀB in zehn Jahren:
So weit plane ich nicht.

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