CD-Review: Gràb - Zeitlang

Besetzung

Grànt – Gesang
Gråin – Gitarre, Bass, Synthesizer
Seb – Schlagzeug

Gastmusiker:
PK - Leadgitarre (Track 3)
Morean – Gitarre, Gesang (Track 1)
Paymon – Keyboard
Schwadorf – Hackbrett (Track 7)
Diverse Gastmusiker - Folkinstrumente

Tracklist

01. Sched oreidig
02. Nachtkrapp
03. Zeitlang
04. Weizvåda
05. Nordwand
06. A Dåg im Herbst
07. Auf da Roas
08. S' letzte G'leit
09. A Gråbliacht


Gevatter Tod leuchtet einem alten Mann ins Gesicht. Cover des Albums "Zeitlang" der Band GRAB.

Lange Zeit führte im Black Metal an englischsprachigen Texten quasi kein Weg vorbei: Schon Deutsch galt als uncool oder zumindest kauzig, von Dialekten gar nicht erst zu reden. Als Lunar Aurora 2012 ihr Album „Hoagascht“ komplett auf Bayerisch betexteten, war das noch komplett exotisch – und Marcel Dreckmann (Helrunar), der 2016 dem Plattdeutschen des Münsterlands mit Wöljager ein eigenes Projekt widmete, wirkte damit auch eher schrullig als trendy.

Das scheint sich geändert zu haben: Immer mehr Bands texten in Mundart – gerade aus dem südlichen deutschsprachigen Raum. Zu nennen wären hier etwa Vinsta (Salzburgerisch) oder Perchta (Tirolerisch), ganz aktuell aber auch Waldgeflüster (Bayerisch) mit ihrem ersten Dialekt-Album „Dahoam“. Fast zeitgleich erscheint mit „Zeitlang“ das ganz absolut gesehen erste Album von GRÀB (benannt nach dem bayerischen Wort für alt und grau – nicht nach der Ruhestätte). Und wenngleich Waldgeflüster wohl die größere Aufmerksamkeit erhalten werden, ist „Zeitlang“ für Fans deutschen Black Metals fraglos das spannendere Album.

Das legt schon die Tatsache nahe, dass hinter dem Pseudonym von Bandgründer, Sänger und Texter Grànt ein alter bekannter der deutschen Black-Metal-Szene steckt: Matthias Jell alias Azathoth, bis „Seance“ (2006) die Stimme von Dark Fortress. Das alleine garantiert natürlich keine Qualität – doch die Vorschusslorbeeren sind in diesem Fall berechtigt. Wie schon bei Eudaimony und Trinitas stellt Jell auch bei GRÀB unter Beweis, dass er wirklich grantig screamen kann. Und wie schon auf Lunar Auroras „Hoagascht“ erweist sich das von seiner Klangfäbung stets gastig und verwegen klingende Bayerisch auch auf „Zeitlang“ als die passendste Textsprache für Black Metal nach Alt-Norwegisch.

Stilistisch bewegt sich „Zeitlang“ in einem etwas breiteren Korridor als die sehr true Trinitas-EP – wenngleich auch GRÀB zu keiner Zeit verleugnen, dass sie aus dem traditionellen Black Metal kommen und sich dort auch zugehörig fühlen. Das macht sich schon im Sound von Thomas Taube (Five Lakes Studio) bemerkbar: Zwar transportiert der Mix mit seinen schrammelig-verwaschenen Gitarren, den sehr präsenten Keyboards und dem für das Jahr 2021 eigentlich zu flachen Drumsound massig Oldschool-Atmosphäre. Für das, was GRÀB musikalisch abliefern, ist er zumindest in den harten Passagen aber fast etwas zu konturlos: So gibt „Zeitlang“ so manches melodische Detail nur widerwillig preis – und das, obwohl die Stücke etwa mit einem regional geprägten Zusatzinstrumentarium geradezu gespickt sind.

Den Klängen von Hackbrett, Zither und Alphorn ist es (in Kombination mit dem bereits angesprochen Sound und den flächigen Keyboards) auch zu verdanken, dass immer wieder Negura-Bunget-Flair aufkommt. Das Riffing selbst steht eher in der Tradition traditioneller Black-Metal-Bands: Gleich der erste volle Song, „Nachtkrapp“, lässt auch von der Gitarrenarbeit her an Lunar Aurora denken – im weiteren Albumverlauf kommen Assoziationen zu Nagelfar, Graupel oder auch Stormnatt auf. Dabei überzeugen GRÀB immer wieder mit griffigen Riffs, die nicht bloß Black-Metal-Standards widergeben. Ein paar etwas zu austauschbare Schrammelparts haben sich dann aber doch noch dazwischen gemogelt. Wenn GRÀB für eventuelle künftige Releases noch an einer Schraube nachjustieren müssen, dann an dieser.

Warum GRÀB ausgerechnet im Titeltrack den Stilbruch eines Samples auf Hochdeutsch begehen, bleibt unklar. Klar hingegen ist: Mit „Zeitlang“ haben die Herren im Gesamtpaket aus Musik, Instrumentierung und Textsprache eines der spannendsten Black-Metal-Alben des Jahres veröffentlicht. An „Hoagascht“ reicht es zwar nicht ganz heran – für alle Fans dieses Genre-Meilensteins (und griffigem Black Metal mit einem gewissen Etwas ganz allgemein) führt an „Zeitlang“ aber kein Weg vorbei.

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Bewertung: 8.5 / 10

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2 Kommentare zu “Gràb – Zeitlang”

  1. Roland

    Also ja,künstlerische Ausführung eindeutig teutonische Qualitätsarbeit, profunde Handwerkskunst zwingend solide exerziert… Mehr aber auch nicht! Bajuwarische Mundart als Alleinstellungsmerkmal? Geh‘ bitte!
    Dieser mid-tempo lastige, eingängige pop-„black metal“ ist meines Erachtens seit „dämmerung der szenarien“ kein novum mehr.
    Ja, ich bekenne, bin mitterweile ein alter,weißer mann; aber mit black metal wie ich ihn damals kennen und lieben lernte – ulver(!), strid, interitus (ger), isvind etc. etc. hat das poppige gedudel mit krächzgesang nichts gemein.. Aber: de gustibus non disputandum est

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