Interview mit Nerrath von Horn

Steckte man vor erst drei Jahren noch in den Kinderschuhen, arbeitete man sich Stück für Stück vor und hat nun letztlich mit „Kraft der Szenarien“ ein durchaus bemerkenswertes Album abgelegt. Die Rede ist von Nerrath und seinem Projekt Horn, welcher uns im Interview unter anderem auch von dieser Entwicklung erzählte.

Grüße Nerrath!
Grüss dich, Patrick.

„Die Kraft der Szenarien“ ist dein zweites Album, vergleiche es doch einmal mit den Demos und deinem Debüt.
– Die Demos stellten mehr oder weniger die nötige Vorarbeit für die Alben dar…Herantasten, Experimentieren, oder, wie man so schön sagt, „den eigenen Stil suchen bzw. finden“. Demnach unterscheiden sie sich doch recht deutlich von den beiden Alben, da eben diese auf sich ähnelnden musikalischen Pfaden wandeln, wie ich zumindest im Nachhinein zu glauben pflege…was sich zwischen beiden Alben ein wenig geändert hat, ist lediglich die Thematik, die Produktion und die Instrumente an sich.

Ich würde dir einen immensen Fortschritt bescheinigen, „Die Kraft der Szenarien“ ist viel ausgereifter als alles zuvor von dir. Was hast du anders gemacht? Hast du über etwaige Fehler nachgedacht oder die Rezensionen zu Herzen genommen?
– Den Dank nehme ich entgegen…Fortschritt und Ausgereiftheit sehe ich als natürlichen Prozess, der sich zumindest bei neueren Bands/Projekten wie Horn abzeichnen sollte, an. Man lernt über die Zeit seine Instrumente besser zu handhaben und mit mehr Sorgfalt und Struktur an die Sache ranzugehen. Fehler finde ich schon einige an dieser Scheibe, und das nicht erst im Nachhinein. Aber damit kann ich leben, den eine „perfekte“ Scheibe aufzunehmen maße ich mir nicht an. Rezensionen hab ich mir generell nicht zu Herzen genommen, eher „Meinungen“ von diversen Leuten, auf die ich vertrauen konnte.

Langsam aber sicher scheinen englische Stücke Einzug in Horn zu finden. Woher der allmähliche Wandel?
– Ja, das hast du schon ganz richtig erkannt. Erstens bin und war ich seit jeher ein grosser Fan der englischen Sprache und habe allein durch den Umgang mit Englisch einiges an Erfahrungen gesammelt. Zweitens ist es aufgrund bestimmter phonetischer Umstände um Längen einfacher einen Text in Englisch zu kreieren und umzusetzen. Hinzu kommt noch der Nebeneffekt, dass sich Nicht-Deutschsprachler auch mal einen kleinen Eindruck dessen verschaffen können, worum es bei Horn thematisch geht.

Mit Black Blood Records hat sich nun also ein Label gefunden, wie kam der Kontakt zustande und was gab letztlich den Ausschlag?
– Nun, eigentlich galt mein Interesse ursprünglich „Einheit Produktionen“, „Black Blood“ kam ja erst später durch die Gründung dieses Labels ins Spiel. Ich hatte seit der 2. Demo Kontakt zu Olaf und hab ihm fortan meine Scheiben rumgesandt. Er hat dann zeitgleich den Verlauf von Horn miterlebt und man ist über die Zeit öfter aufeinander getroffen und hat sich ausgetauscht. Dadurch habe ich auch Björn kennengelernt, der letztendlich die Idee zu diesem neuen Label hatte. Und da ihm meine Scheibe recht zugesagt hat, hat sich das ganze dann nach einigen Verzögerungen und Haken realisieren lassen. Im Endeffekt ist Horn auch eher auf „Black Blood“ als auf „Einheit“ zu geschneidert, da ich meine Musik selbst nicht dem Pagan Metal zuordnen würde.

Wonach wählst du eigentlich deine jeweiligen Frontbilder von deinen Veröffentlichungen aus, gibt es ein bestimmtes Verfahren oder sind das einfach Bilder, die dir gefallen?
– Da steckt schon ein tieferer Sinn dahinter…Bilder, die mir vertraut sind, mit denen ich tiefe Gefühle assoziiere. Die Bilder der beiden Demos sind in meinem Heimatort gemacht worden, bzw. in der Natur, die ihn umgibt und in der ich oft war und viel erlebt habe. Die Aufnahme des 1.Albums stammt aus einem kleinen Ort hoch in den Alpen, in denen ich auch mittlerweile viele Tage verbracht habe. Auf dem 2.Album ist eine beeindruckende Landschaft in Südwestfalen/Sauerland zu sehen…auch dort habe ich mich oft aufgehalten. Du siehst, die Auswahl ist keine zufällige…

Nun erntetest du ja teils wirklich schlechte Kritiken bezüglich deiner Demos, wie gingst du damit um?
– Hm, dass ist etwas übertrieben ausgedrückt…es waren durchschnittliche Kritiken, soweit ich weiss. Nun, aus heutiger Sicht würde ich aber auch nicht mehr erwarten. Es waren, wie gesagt, Experimente, unausgereifte Werke…

Offensichtlich ziehen dich die Alpen an, woran liegt das?
– Die Alpen sind für mich der Gegenpol zur heimischen Natur….die unbekannte, weite und atemberaubende Ferne. Sie spiegeln das Fernweh wieder, dass dem Heimweh thematisch gesehen, sofern es Horn anbelangt, oft als Kontrast entgegensetzt wird. Beide Gefühle sind grundlegend und beherrschen das Leben…öfter als man es wahrhaben will.

Kannst du dir erklären, wieso Black Metal-Bands nordische, harsche Wälder besingen, jedoch das Alpenland kaum anrühren, in dem ja mehr Schlagersänger zuhause sind?
– Nun, ich denke diese Frage kannst du dir selbst beantworten.
Die Kälte, das Dunkel sind einfach weitgehend essentielle Grundpfeiler des Black Metal. Für mich persönlich ist es die weite, kraftvolle, unbekannte, unbarmherzige Natur, die über Gott und der Welt steht.

Du lebst in Paderborn, NRW. Wäre es nicht logischer, der dort vorhandenen Natur zu huldigen?
– Deine eventuelle Vermutung, dass die heimische Natur nicht thematisiert wird, ist nicht korrekt. Diese hatte und hat immer noch einen ebenso hohen bzw. höheren Stellenwert wie die „ferne“ Natur.

Wie kommt es eigentlich zu diesem Bandnamen?
– Horn hat für mich vielerlei Bedeutungen. Ich möchte darauf an dieser Stelle allerdings nicht weiter eingehen…

Du sagst, dein Projekt entspringt aus Gedichten. Was für Gedichte waren das? Kannst du vielleicht ein paar Exzerpte samt Erklärung nennen?
-Ja, das stimmt, so habe ich es zumindest vor 2 Jahren auf der Homepage verlauten lassen. Ich mag den Begriff „Gedicht“ allerdings mittlerweile nicht mehr wirklich gern, da ich bei Gedichten zu oft an weltfremde, missverstandene Sensibelchen denken muss. Ich werde diesen üblen Beigeschmack nicht mehr los nachdem was ich in den letzten Jahren so mitbekommen habe. Meine „Gedichte“ waren eigentlich von vorne herein als einfache Liedtexte gedacht, die sich ab und an reimen…also kurz gesagt das Mittel, meiner Musik irgendein spezifisches Thema zu verleihen.
Texte anhand von Ausschnitten zu erklären halte ich für keine gute Lösung. Wer an den Texten interessiert ist, kann sich diese im Booklet durchlesen…und wer liest, der interpretiert…ganz individuell mit Hilfe von eigenen Erfahrungen und Lebenseinstellungen.
Dafür ist diese Form von „Literatur“ letztendlich gedacht.

Was ist für dich ein perfekter Platz in der Natur?
– Interessante Frage. Es wäre ein vertrauter Ort, an dem keine Worte nötig sind, an dem man lediglich aufnimmt und die Zeit vergisst, ein Ort, der in exakter Übereinstimmung mit den Gefühlen steht, die man zu dem Zeitpunkt hegt…eine Waldlichtung in der warmen Abenddämmerung, eine trostloser Tag im herbstlichen Blättergewirr, ein eisiger klarer Wintermorgen in Eis und Schnee.
Oder aber: Ein unbekannter Ort in unbekannter Atmosphäre, an dem man der Natur weit untergeordnet ist….z.b. eine schroffe Klippe vor tosender See, die der Sturm an sich nimmt.

Wie sollte ein famoser Tag, zum Beispiel zwecks Inspiration oder Entspannung et cetera, in der Natur ablaufen?
– Die Momente und Zeiten aus der vorherigen Anwort treffen genau darauf zu…

Okay, nun mal eine Frage, die durchaus ernst gemeint ist, auch wenn sie leicht lächerlich anmutet: Mit welchem Teil des Waldes oder des Ökosystems Wald würdest du dich identifizieren?
– Hehe, das ist definitiv eine kreative Fragestellung. Aber über eine Antwort darauf habe ich ehrlich gesagt noch nie nachgedacht bzw. werde es wohl auch nicht.

Welche Bands schaffen es deiner Meinung nach, die Natur perfekt zu vertonen? Kannst du spezielle Werke und ihre Wirkung bzw. Herangehensart nennen?
– Auch darüber habe ich mir noch keine konkreten Gedanken gemacht. Horn genießt wie andere auch Einflüsse von diversen Bands, thematisch und auch musikalisch. Allerdings passiert das meist unterschwellig und fragmentartig, so dass ich konkret keine Namen nennen könnte.

Nun kann man dich musikalisch eher dem Black Metal zurechnen, heutzutage gibt es aber auch viele heidnische Truppen, welche die Wälder preisen. Was kannst du damit anfangen, wie siehst du diesen Trend?
– Ja, da hast du recht! Ich selber halte allerdings wenig von der Einstellung vieler dieser Gruppen, die Natur als obligatorische Randerscheinung der üblichen Pagan Metal Inhalte zu thematisieren. Oder sagen wir so es so: Ich finde es durchaus annehmbar, die Natur einzubringen, auch das ist meiner Meinung nach ein grundlegender Bestandteil des Pagan Metals. Ich sehe viel eher das Problem darin, das man teilweise dazu neigt, bestimmte tiefere Details der Natur anzureissen, sie aber nicht vollständig auszuführen. Als Beispiel wären da Scheiben genannt, auf denen nur einzelne Textpassagen oder Lieder konkret der Natur gewidmet sind, der Rest sich allerdings wieder populäreren Sachen zuneigt. Ich denke, dass sich zu viele verschiedene Aspekte einfach beissen und unschlüssig wirken.

Dein neues Album kann man sogar via EMP beziehen, wusstest du das? Wie findest du das, ich meine, es ist eine recht heftige Entwicklung oder?
Ja, das ist mir bekannt. Und um es vorweg zu nehmen: Ich bin nicht sehr froh darüber.
EMP ist einfach die falsche Umgebung für ungeschliffene, leicht-amateurhafte Musik, die aus tiefstem Herzen stammt und mit Aufopferung und hohem persönlichen Bezug umgesetzt wird. Der normale EMP-Kunde wird mit Horn nichts anfangen können, das ist klar, und ich wüsste nicht, dass Leute, die vorher schon an Horn interessiert waren, dort ihre Einkäufe erledigen.
Die Entwicklung ist da in der Tat recht heftig, aber ich versuche alles in einem gewissen Rahmen zu halten, auch wenn es im Bezug auf die 2.Scheibe teilweise schon zu spät ist. Aber bevor ich hier die altbekannten Anti-Kommerz-Phrasen wiederhole, lasse ich den Rest unkommentiert, und versuche, das Konzept von Horn für sich selbst argumentieren zu lassen.

So, dann wünsche ich dir noch alles Gute und ein Gelingen von weiteren Feinschliffen!
– Man dankt…auch für die engagierte Fragestellung.
Alles Gute für euer Magazin wünsche ich meinerseits.