Konzertbericht: Hanzel Und Gretyl w/ Deadcell

20.10.2012 München, Backstage Club

Die Begeisterung für die Ästhetik des Dritten Reiches ist in der Welt des (Industrial) Metal nichts wirklich Außergewöhnliches – so überspitzt, wie es die beiden Amerikaner hinter HANZEL & GRETYL zelebrieren, bekommt man dieses Phänomen jedoch selten präsentiert. In teilweise vollkommen sinnlosen Konstrukten werden hier deutsche Satzfragmente zu für Amerikaner wohl besonders deutsch klingenden Versen zusammengestückelt, durch den inflationären Einsatz von Audiosamples aus Hitlerreden provokant aufgemotzt und durch mit Nazi- oder zumindest daran erinnernden Symbolen zugekleisterten Shirts, Artworks und dergleichen mehr derart offensichtlich ins Lächerliche gezogen, dass jedem normal denkenden Menschen spätestens auf den zweiten Blick klar sein muss, mit was man es hier zu tun hat: Einer Persiflage, Humor, zugegebenermaßen der unreflektierten Sorte – denn gesellschaftskritisch will diese Band ganz gewiss nicht sein. Muss sie aber auch nicht, ist Kunst doch durchaus nicht dazu verpflichtet, eine wie auch immer geartete Message zu vermitteln…. es darf auch mal die seichte Unterhaltung sein.

Seicht ist auch das, was DEADCELL als Support abliefern: Zu viert präsentiert die Truppe recht belanglosen Industrial, welcher vor allem aufgrund der deutlich zu geringen Lautstärke absolut keinen Schwung hat und trotz des bereits zu diesem Zeitpunkt gesteckt vollen Clubs keine Stimmung aufkommen lässt. Zwar gibt sich die Band durchaus motiviert und hat mit der Videoshow auf Leinwand auch optisch etwas zu bieten, wirklich zu begeistern weiß die Truppe heute jedoch wohl niemanden.

Der Umbau ist schnell gemacht, beschränkt sich das Equipment, mit dem HANZEL UND GRETYL heute antreten, doch auf einen Gitarren- und einen Bass-Amp – eine erste Enttäuschung. Denn auch wenn es sich um Industrial und damit per se synthetische Musik handelt, verleiht ein Schlagzeuger aus Fleisch und Blut dem Ganzen live dann doch zumeist etwas mehr Drive – man denke an dieser Stelle bloß an Combichrist. Im Vergleich zu der darauffolgenden ist diese Enttäuschung noch von der milden Sorte.
Nach dem Intro „Hanzel Und Gretyl Fur Immer“, welches von den Fans schon begeistert mitgegrölt wird, betritt das Duo in Kostümen aus Pickelhaube, Biermagazin und Totenschädelmaske auf Seiten von Kaizer von Loopy, einem relativ unspektakulären Uniformgewand bei Sängerin Vas Kallas die Bühne und legt los. Mit was, ist jedoch nur schwer zu sagen … macht das Duo doch im Grunde genommen recht wenig: Statt Livemusik werden hier die Audiospuren des Albums durch die Boxen gejagt, mit Bass und Gitarre wird lediglich gedoppelt. Ob der Tatsache, dass die komplette Musik-Mischung dabei noch merklich zu leise ist, erinnert der im Vergleich dazu überlaute Gesang an eine schlechte Karaoke-Party – nicht zuletzt, da Kaizer von Loopy klingt, als hätte er in seinem Leben nichts anderes als „Bier her!“ gesungen.

„Bier her“ ist dabei ein gutes Stichwort – hat die Show insgesamt mit Konzert doch weniger zu tun als mit einer Ballermann-Party: Zur Konservenmusik schraddeln die beiden Darsteller unmotiviert auf ihren Instrumenten herum, wobei Kaizer von Loopy jede sich bietende Gelegenheit nutzt, Bierdosen aus seinem Bier(d/h)osenträger ins Publikum zu schmeißen oder sich wahlweise selbst hinter die Maske zu kippen. Seinen Höhepunkt erreicht die Veranstaltung, als Vas Kallas in der Ansage zu „Das Boot“ verkündet, dass man in Amerika denkt, in Deutschland würde aus Stiefeln getrunken – und genau das wolle sie nun sehen. Dass sich im Rahmen einer solchen Veranstaltung im Folgenden selbstverständlich in kürzester Zeit gleich zwei Personen finden, die sich auf der Bühne einen ihrer Stiefel ausziehen und diesen mit Dosenbier füllen lassen, um dieses anschließend zu exen, ringt einem in diesem Kontext dann auch nicht mehr als ein müdes Lächeln ab. Wer sich von derlei Unterhaltungskunst erheitern lässt, beziehungsweise in Glückseligkeit schwelgt, wenn er von einem der Darsteller Bier in den offenen Mund geschüttet bekommt oder mit einer Bierdose herumspritzen kann, dürfte sich hier bestens aufgehoben fühlen – zur Erheiterung, mitunter aber auch zum Ärger derer, die eine Bierdusche auch bei einer Band wie HANZEL UND GRETYL nicht als das Höchste der Gefühle ansehen.

Nach einer guten Stunde ist der Spuk schließlich vorbei – zur Freude der einen, zur Enttäuschung der anderen. Dass HANZEL UND GRETYL eine Formation der etwas anderen Art sind, ist nichts, was überrascht – ebenso wenig, dass man hier nicht mit der gleichen Ernsthaftigkeit oder Erwartung erscheinen sollte, wie vielleicht bei den meisten anderen Konzerten. Was überrascht, ist die Stümperhaftigkeit, mit der das Duo und insbesondere der Kaizer die perfekt ausgearbeitete Inszenierung, für die HANZEL UND GRETYL in Bild und Ton stehen, auf der Bühne in sich zusammenfallen lässt – denn da reicht es nicht, sich als Bühnenshow mit Bier zu übergießen, herumzugrölen und zu den eigenen CDs mitzuspielen. Das ist nicht provokant, das ist nicht witzig, das ist einfach nur schlecht. Dass der eine oder andere Fan die Chose begeistert feiert wie zu Großvaters Zeiten, überrascht dabei auch nicht mehr. Denn wer nicht einmal den humoristischen Ansatz von HANZEL UND GRETYL versteht, dem mag man auch nicht abverlangen, gut von schlecht unterscheiden zu können.

Setlist HANZEL UND GRETYL:
Intro: Hanzel Und Gretyl Fur Immer
01. Unterstutzung 87
02. Kaizerreich
03. Hail To The Darkside
04. Number 1 In Deutschland
05. Das Boot
06. Heil Hizzle Mein Nizzle
07. Prosit
08. Bavarian Bierhaus Blood
09. Fikk Dich Mit Fire
10. Disko Fire SheissMessiah
11. Third Reich From The Sun
12. More German Than German
13. Metal Overture
14. Ich Bin Uber Alles
15. And We Shall Purify
16. Komm Zu Uns
17. SS Deathstar Supergalatik
18. I’m Movin‘ To Deutschland

19. Fukken Über Death Party

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