CD-Review: Dritte Wahl - 3D

Besetzung

Gunnar Schröder - Gitarre, Gesang
Stefan Ladwig - Bass, Gesang
Jörn "Krel" Schröder - Schlagzeug
Holger H. - Gitarre, Keyboard

Tracklist

01. Ikarus
02. Was zur Hölle...
03. Abends halb zehn
04. Brennt alles nieder
05. Warm anziehen
06. Fabelhafte Voraussetzung
07. Zur See
08. Alles nur Chemie
09. 3D
10. Schöne Frau mit Geld
11. Ohne mich
12. Elektro Merten
13. Zusammen (Bonus)
14. Wenn ich groß bin (Bonus)


2017 erschien das letzte Album der Rostocker Punkrocker von DRITTE WAHL. Es trägt den kurzen und prägnanten Titel „10“ und ist wenig überraschend das zehnte Studioalbum der Band. Im September 2020, zwei Jahre nach dem 30sten Jubiläum der Band, erschien endlich der Nachfolger. Dessen Titel „3D“ ist ebenfalls kurz gehalten. Es stellt sich die Frage, ob neben der konsequenten Namensgebung noch weitere Gemeinsamkeiten bestehen. Wer sind DRITTE WAHL 2020?

Mit „Ikarus“ steigen DRITTE WAHL ruhig, locker und gemächlich in ihr neues Werk ein. Man fühlt sich sofort „zu Hause“: Der Sound, der auf „Geblitzdingst“ Einzug hielt und sich auf „10“ weiterentwickelte, wird  konsequent vorangetrieben: Gunnars Gesang ist markant wie eh und je. Mit Holger an der Lead-Gitarre kommt mehr Volumen und klangliche Finesse – die Produktion klingt rund, durchdacht und fein abgestimmt. „Was zur Hölle…“ nimmt im Anschluss Fahrt auf. Der Song, der vorab als EP erschien, wartet mit einem schmissigen Refrain auf, der live sehr gut funktionieren wird, und ist abwechslungsreich geschrieben. Thematisch schlägt „Was zur Hölle…“ in dieselbe Kerbe wie „Scotty“ vom Vorgängeralbum und verursacht damit ein dezentes Déjà-vu. Ähnlich ist es mit „Zur See“ und „Fliegen“.

„Brennt alles nieder“ ist nichts weniger als ein Meilenstein. Er ist schnell, aggressiv, kritisch und damit Punk alter Schule. Alte und neue Fans dürften sich gleichermaßen angesprochen fühlen. Der Song ist entgegen der Vermutung, die der Titel aufkommen lässt, keinesfalls ein zweites „Macht kaputt, was euch kaputt macht“, sondern eine Schilderung der Ereignisse von Rostock-Lichtenhagen 1992 aus Sicht der Opfer. Der Ruf „Wir fühlen uns abgehängt und darum steh’n wir hier“ ist eine Abrechnung mit der profanen Rechtfertigung von Gewalt, der Suche nach Sündenböcken und insgesamt eine Warnung vor daraus entstehenden Konsequenzen, die auch 2020 Bestand hat.

Auf „3D“ schlagen DRITTE WAHL abermals ruhigere Töne an. Die beiden Songs „Alles nur Chemie“ und „Abends halb zehn“ nehmen zwar Tempo aus dem Album, sind aber eine absolute Bereicherung. Die Band zeigt hier ihre Entwicklung, muss sich nicht mehr selbst beweisen, wie hart ihre Musik sein kann. Das ganze Album wirkt dadurch erwachsener. Beide Songs schlagen eine melancholische Richtung ein, doch „Abends halb zehn“ schafft es unterschwellig, ein wohliges Gefühl zu hinterlassen und ist insgeheim als Hymne an die Träumer und Phantasten eine tiefe Verbeugung vor so manchem Fan der Rostocker Punks, der sich in diesem Lied wiederfinden dürfte. „Alles nur Chemie“ wiederum umschifft das Risiko, als Lied über unglückliche Liebe kitschig zu sein, sehr geschickt und funktioniert auf seine Weise.

Einzig „Schöne Frau mit Geld“ fühlt sich deplatziert an. Der Ansatz des Songs, Klischees zu demontieren und ins Gegenteil zu verkehren, ist durchaus interessant, scheitert aber. Das Lied möchte nicht so recht zünden, Augenzwinkern hin oder her.

Ein besonderer Clou hingegen ist der Bonustrack „Zusammen“, der beim ersten Hören wahllos und profan wirkt. Hört man ein zweites Mal hin, entpuppt sich der Track als intelligent verpackte Kritik an stumpfer Selbstbeweihräucherung und inhaltsloser Phrasen, die in der Szene Einzug gehalten haben. „Zusammen“ hält gekonnt den Spiegel vor und erinnert daran, dass Musik kein reiner Selbstzweck ist. Generell trifft es auf das komplette Album zu, dass diese Platte nicht nebenbei gehört werden kann: Hier bringt die Band teilweise so viel Finesse in ihre Lieder, was Untertöne und Perspektiven betrifft, dass ein bewusstes Zuhören Pflicht ist.

DRITTE WAHL haben ihren Stil über die letzten drei Alben hinweg ausgebaut: Ihre Musik wurde vielfältiger und nach und nach zogen neue Klänge ein, die der Band insgesamt guttun und das Repertoire hervorragend erweitern. Ist es noch Punk? Ja, auf alle Fälle – wenn Punk bedeutet, dass man sich traut, Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen, auf Missstände aufmerksam zu machen und sich dabei selbst nicht zu verlieren. Denn genau dafür stehen DRITTE WAHL nach wie vor. Sie büßen auf diese Weise keinesfalls Authentizität ein, sondern gewinnen an Vielfalt und Tiefgang.

Abgesehen von den genannten kleinen Schwächen liefern die Jungs aus Rostock hier eine starke Fortsetzung ihrer Diskografie ab. Das Album klingt frisch und dennoch ab der ersten Minute vertraut. Ihr neu gefundenes Motto „Unterhaltung mit Haltung“ setzen DRITTE WAHL schlüssig um, ohne dabei in die Anspruchslosigkeit abzudriften. DRITTE WAHL sind also 2020 auch immer noch das, was sie schon immer waren: sie selbst.

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Bewertung: 8 / 10

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