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The Hirsch Effekt w/ PeroPero

Für manche Bands gibt es die treffende Bezeichnung „MusikerInnen-Musik“: Musik, die hauptsächlich von Menschen gehört wird, die selbst Musik machen oder Musik studieren. Darunter fallen häufig Bands aus den Bereichen Progressive und Avantgarde. THE HIRSCH EFFEKT sprechen mit ihrer Mischung aus Mathcore, Punk, Metal und Indierock und -pop mit Symphonie-Einschlag sicher auch diese Klientel an. Dass die Hannoveraner gleichzeitig einen unbestreitbaren Popappeal besitzen, zeigt das zahlreiche Publikum ihrer Show in Münchner Backstage Club an Halloween.

Während im benachbarten Werk eine Halloween-Party für Jugendliche mit Chartsmusik aufwartet, eröffnet das Duo PEROPERO pünktlich um 20 Uhr den Abend. Die Band spielt einen vertrackten Sound zwischen Progressive Rock, Hard Rock und Metal, den sie mit pathetischem Gesang verbindet. Ihr ausgefallenes Outfit steht exemplarisch für die Verschrobenheit der knapp 40-minütigen Show. Leider ist der Gesang an einigen Stellen doch etwas schief und trotz knackigen Sounds schleichen sich einige Längen ein. Das Publikum tanzt allerdings losgelassen und spendet lauten Applaus.

Nach einer halbstündigen Umbaupause ertönt „Like A Bridge Over Troubled Water“ als Intro, bevor THE HIRSCH EFFEKT unter lautem Jubel vor einem sehr gut gefüllten Backstage Club die Bühne betreten. Die in Sicherheit wiegende Stimmung wird vom Opener „Lifnej“ jäh zerstört. Nach anfänglichen Soundproblemen pendelt sich die Abmischung ein und die drei Jungs geben absolut alles auf der Bühne. Erstaunlicherweise wirken THE HIRSCH EFFEKT bei den neuen Songs deutlich souveräner, was allerdings nicht bedeutet, dass sich in die alten Nummern Fehler einschleichen.

Nach ungefähr 40 Minuten kommt auch einiges an Bewegung in das bis dahin wild kopfnickende, allerdings recht statische Publikum. Dabei knickt eine Besucherin leider um, woraufhin die Intensität wieder zurückgefahren wird. Sowohl die zwei Zugaben als auch das schelmische Grinsen der Band weist darauf hin, dass THE HIRSCH EFFEKT an diesem Abend genau so viel Spaß haben wie das Publikum. Das finale „Agitation“ beendet eine 90-minütige, atemlose Show.

Setlist THE HIRSCH EFFEKT

  1. Lifnej
  2. Agnosie
  3. Cotard
  4. Inukshuk
  5. Ligaphob
  6. Lentevelt
  7. Laxamentum
  8. Xenophotopia
  9. Berceuse
  10. Tardigrada
  11. Mara
  12. ----------
  13. Athesie
  14. Agitation


PeroPero waren ein dezenter Auftakt für den Wahnsinn, der THE HIRSCH EFFEKT live sind – dabei kamen allerdings auch die emotionalen Momente nicht zu kurz. Die neuen Songs von „Eskapist“ haben sich nahtlos in das bestehende Set der Hannoveraner eingefügt. Sieht man sich die Publikumsentwicklung der letzten Jahre an, dürfte der Backstage Club nächstes Mal zu klein geworden sein.

Converge – The Dusk In Us

CONVERGE haben seit ihrer Gründung 1990 noch kein einziges schlechtes Album veröffentlicht. Sei es das ungezügelte, punkig-thrashige „Petitioning The Empty Sky“, ihr emotionales Hardcore-Meisterwerk „Jane Doe“ oder das eingängigere, dabei jedoch nicht weniger intensive „All We Love We Leave Behind“: Die vier Musiker aus Boston spielen in einer ganz eigenen Liga. Mit „The Dusk In Us“ legen CONVERGE ihr neuntes Album vor. Darauf vereinen sie alle Trademarks ihrer bisherigen Diskografie und erzeugen dennoch ein eigenständiges, umwerfendes Stück Musik.

„A Single Tear“ macht keine Gefangenen und eröffnet „The Dusk In Us“ melodisch-aggressiv. Gleichzeitig spielen die vier Musiker mit Dynamiken und lassen Raum für ruhigere, fast schon zerbrechliche Momente. Bereits zu Beginn zeigt sich, dass Jacob Bannons brachiales Geschrei sowie sein Gesang zunehmend deutlicher verständlich sind und er stark an letzterem gearbeitet hat. Textlich legen CONVERGE nach wie vor die emotionale Verletzlichkeit in persönlichen sowie gesellschaftlichen Kämpfen schonungslos offen.

Musikalisch präsentieren sich CONVERGE auf „The Dusk In Us“ so facettenreich wie noch nie. Neben dem chaotisch-punkigen „Eye Of The Quarrel“ steht der groovende Bass in „Trigger“, der gemeinsam mit sägenden Gitarren wie eine mutierte Blues-Variation klingt. Das sludgeige „Under Duress“ wird von der Hardcore-Thrash-Brechstange „Broken By Light“ komplementiert. Die darin aufblitzenden, eindeutig von Kerry King beeinflusste Gitarrensoli sind ein absolut organischer Teil der Nummer. Die minimalen Längen in einigen Songs, wie beispielsweise in „Murk & Marrow“, fallen aufgrund des überwältigenden Gesamteindrucks kaum auf.

Sowohl das mehr als siebenminütige Titelstück als auch das sehnsüchtige „Thousands Of Miles Between Us“ heben die Einflüsse von Jacob Bannons Soloprojekt „Wear Your Wounds“ hervor. Beide Stücke baden in purer Melancholie zwischen geflüstertem und emotionalem Clean-Gesang. Alle Lieder auf „The Dusk In Us“, egal ob laut oder leise, ob chaotisch oder straight, ob brutal oder verletzt, werden von der perfekten Produktion von Gitarrist Kurt Ballou veredelt. Schließlich verbinden CONVERGE alle genannten Stile im finalen „Reptilian“ schlüssig miteinander und brennen „The Dusk In Us“ zum Abschluss rabiat nieder.

„The Dusk In Us“ ist unverkennbar CONVERGE, ohne dass die Band stillstehen würde. Die vier Musiker aus Boston können einfach nicht enttäuschen, klingen wie keine andere Band und sind auch nach 27 Jahren immer noch die absolute Speerspitze des Genres.

Conveyer – No Future

CONVEYER nehmen auf ihrem neuem Album „No Future“ eine gewohnt pessimistische Sicht auf die Welt ein. Kein Wunder, waren doch auch die Vorgänger „Worn Out“ und „When Given Time To Grow“ nicht von übermäßiger lyrischer Philanthropie geprägt. Passend dazu gibt es auf dem Cover von „No Future“ die Wolke eines Bombenabwurfes zu betrachten.

In Bezug auf den musikalischen Inhalt von „No Future“ ist Pessimismus jedoch nicht angebracht: Die Amis brennen ein Feuerwerk an melancholischem Hardcore-Punk ab, das gut mit dem Material der Kollegen von Counterparts, Defeater und Konsorten vergleichbar ist: „Dust“ legt mit einem mächtigen Refrain vor und in „Whetstone“ wird sogleich kompromisslos drauflos geprügelt. Wer besonders auf Letzteres steht, der sollte gleich zum Titeltrack vorskippen, der mit tonnenschweren Gitarren, Breakdowns, Dissonanzen und wütendem Gebrüll („Destroy Our Indifference“) über den Hörer hinwegdonnert.
Die Band versteht das Handwerk der Laut-Leise-Dynamik sehr gut, die Übergänge von ruhigen Gitarren-Parts zu krachenden Breakdowns und rasantem Uptempo-Hardcore sind zahlreich und wirken stets durchdacht: Wenn CONVEYER durch Songs wie „Disgrace“ und „Levity“ mit variablen Rhythmen, Breakdowns, massig Groove und Anflügen von Melodien durchwalzen, bleiben keine Wünsche mehr offen.
Der selten eingesetzte Clean-Gesang wirkt nie deplatziert, sondern trägt zur Atmosphäre der elf Tracks auf „No Future“ bei. „Drift“ gibt er kurzzeitig einen melodischen Touch, und in „New Low“ wird dadurch in Kombination mit den sphärischen Gitarren eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen.

CONVEYER gelingt es auf ihrem neuen Album, in selten gehörter Weise Eingängigkeit zu schaffen – dies insofern, als „No Future“ zu keiner Zeit wirklich melodisch, sondern vordergründig rauh, düster und sehr hart ist. Nach einem Durchlauf ist erstmal Luftholen angesagt. A propos Luftholen: Die Art und Weise, wie Sänger Adams immer wieder über die Rhythmus-Gitarren hinweg schreit, ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dieses Albums, das mit „Parting Words“ einen versöhnlichen Ausklang findet… auf dass diese Aufbruchsstimmung wieder niedergerissen werden kann.

Mission Ready Open Air


Ein neues Festival zu erschaffen ist in der dichten deutschen Festivallandschaft alles andere als ein einfaches Unterfangen. Auf dem Flugplatz Giebelstadt bei Würzburg wird dies nun trotzdem versucht – bei der ersten Ausgabe des MISSION READY FESTIVALs buhlen 15 Bands, verteilt auf eine Punk-Rock- und eine Hardcore-Stage, um die Gunst der rund 5000 Besucher. Dank nur kurzer Überschneidungen ist der Kampf um die Zuschauer jedoch ein sehr entspannter.

Pünktlich um 14 Uhr beginnen COCK RIOT mit ihrem klassisch-lässigen Punk Rock den knapp 11-stündigen Konzerttag und erweisen sich als idealer Opener. Die schon vor deren Bühne Befindlichen schwingen ein erstes Mal das Tanzbein und auch die Band hat sichtlich Spaß an ihrem Auftritt. Nebenan folgt mit TRUST IN RANDOM dann leider Malen-nach-Zahlen-Hardcore, was zwar solide, aber tendenziell eher langweilig ist. Klare 1:0 Führung für die Punk-Rock-Stage.

Dort spielen als nächstes SAM ALONE AND THE GRAVEDIGGERS, deren Musik jedoch dermaßen auf Radiotauglichkeit getrimmt ist, dass die Hardcore-Stage unbedrängt zum 1:1 ausgleichen kann. Denn dort bitten WOLF DOWN zum Tanz und die Anwesenden tanzen gern, während die Truppe aus dem Ruhrpott derweil die Bühne zerlegt und genretypisch gegen Sexismus, Homophobie, Rassismus und Faschismus wettert. Dabei darf auf ein Aufruf zur Störung einer lokalen AfD-Veranstaltung natürlich nicht fehlen. Starker Auftritt, bei dem Musik und Message Hand in Hand gehen.


“Die Rude Boys von der Reeperbahn sind da!, heißt es derweil nebenan, wo RANTANPLAN aufspielen und die gute Laune aufs MISSION READY bringen. Mit ihrem humoristischen und doch durchaus durchdachten Texten in Kombination mit ihrem entspannten Ska können die Hamburger das Publikum schnell für sich einnehmen, sodass ausgiebig getanzt und gegrinst wird, während die Herren ihr Set spielen. Das Lachen vergeht dann aber ganz schnell wieder, als mit WISDOM IN CHAINS die nächste Hardcore-Truppe ansteht. Das liegt aber primär daran, dass zum einen nach 15 gespielten Minuten der Strom weg ist. Die fünfminütige Zwangspause kann man der Band nicht anlasten, wohl aber, dass sie ihr Set dann auch noch sechs Minuten vor dem eigentlichen Schluss beenden. Schade, aber so kann die Punk-Rock-Stage erneut in Führung gehen – 2:1.

Diese Führung auszubauen versuchen anschließend THE BABOON SHOW, was aber leider vollkommen misslingt. Denn nach einem Ganze fünf Minuten dauernden Intro kredenzt die Band den Anwesenden Punk der alten Schule, der leider auch sehr altbacken klingt. Ohne wirkliche Biss in der Musik scheitert der Versuch, gute Laune zu verbreiten eher kläglich – vielleicht auch, weil gerade das RANTANPLAN zuvor so gut gelungen war. Einfaches Spiel also für DEEZ NUTS, die ihrem Hardcore noch eine Prise Hip-Hop-Flair beimischen und damit beim Publikum ganz offensichtlich einen Nerv treffen. So springen und headbangen die Leute vor der Bühne und sind bester Laune, zu denen die Party-Schlagseite in der Musik ihren Teil beiträgt. Klasse Show und folgerichtig der Ausgleich zum 2:2.

Im Anschluss machen MASSENDEFEKT abwechselnd eine passable und eine bedauernswerte Figur, abhängig davon, was sie spielen. Denn während ihre eigenen Kompositionen durchaus gut ankommen,ist die Coverversionen von „Bro Hymn“ (Pennywise) so dermaßen schlecht, dass man schreiend wegrennen möchte. Zum Wegrennen ist es danach sicher auch einigen Neulingen zu Mute, denn die Aggressivität, mit der TERROR die Hardcore-Stage zerlegen, ist absolut exquisit. Scott Vogel und Kollegen sind bester Laune, an der sie auch das Publikum teilhaben lassen, indem sie die Leute massenhaft zum crowdsurfen animieren. Mit alten Krachern wie „Always The Hard Way“, aber auch Material vom aktuellen Album „The 25th Hour“ begeistern die Herren ihre Fans und beweisen eindrucksvoll, warum sie in der Szene und darüber hinaus hinaus so respektiert sind. Klarer Punktsieg und damit erstmalig die Führung für die Bühne mit den harten Klängen – 2:3.

Dass SONDASCHULE da ausgleichen wollen, glaubt man ihnen gern, doch klingen sie nach TERROR leider eher nach Kindergarten, denn nach irgendeiner Schule. Punk Rock mit Posaune, textlichen Allgemeinplätzen und wenig aufregendem Songwriting sind eben nicht die allerbesten Verkaufsargumente. Dabei soll allerdings auch nicht verschwiegen werden, dass die Truppe gelegentlich schon mit einem ordentlichen Riff oder einem coolen Groove um die Ecke kommt, was die Anwesenden dann auch entsprechend honorieren. Unterm Strich jedoch ein eher schwachbrüstiger Auftritt.

Diesen Vorwurf müssen sich MADBALL keinesfalls anhören, denn die legendären New Yorker legen den besten Auftritt des Tages hin. Freddie strotzt nur so vor Motivation und feiert die Veranstaltung als Hardcore-Familienfest, bei dem ihm zu Folge lediglich Sick Of It All fehlen. „Set It Off“ oder „Hardcore Lives“ geben den Leuten vor der Bühne den Soundtrack zum Ausrasten, was auch prompt geschieht. Unablässig dreht sich der Pit und in Scharen purzeln die Anwesenden über die Absperrung zur Bühne. Allerdings kommen MADBALL nicht nur über die ungezügelte Aggression, wie beispielsweise TERROR, sondern bestechen mit dermaßen heftigen Grooves, dass alle Anwesenden sich zur Musik bewegen – ob sie wollen oder nicht. Eigentlich eine Darbietung, die ob ihrer Stärke außer Konkurrenz laufen müsste, so bauen die Hardcoreler ihre Führung mit 2:4 aus.

Einen Sonderpunk für den spaßigsten Auftritt sichern sich ME FIRST AND THE GIMME GIMMES, die ihr Set ausschließlich mit durch den Punk-Rock-Filter gedrehten Coversongs bestreiten und das auf so angenehme und unterhaltsame Art und Weise tun, dass man sie nur mögen kann. Bereits seit 1995 ist die Truppe unterwegs und spielt neben ihrem Markenkern – Nummern aus den 60ern und 70ern – auch einige aktuelle Hits. Das Rad wird dabei sicher nicht neu erfunden, aber der Spaßfaktor ist enorm hoch. Zudem bietet der Auftritt die Chance, bei guter Musik in Ruhe etwas zu essen oder sich noch eine Hopfenkaltschale zu genehmigen. 3:4 – Anschlusstreffer und damit vor den beiden Headlinern effektiv der knappe Sieg für die Hardcore-Stage.

Auf dieser beweisen direkt im Anschluss AGNOSTIC FRONT einmal mehr, warum sie die Könige des NYHC sind. Mit packenden Rhythmen, donnernden Grooves und Texten, die zwischen dem Beschwören der Szenefamilie und Sozialkritik alternieren, zeigen die New Yorker, woraus dieses Genre gestrickt ist. Von ihnen. Mit einer großväterlichen Altersgelassenheit zerlegen AGNOSTIC FRONT die Bühne und wirken dabei kein bisschen altersmüde, sondern durchaus energiegeladen. Das Publikum vor der Bühne feiert die Show und die Songs der Truppe, da diese einfach unantastbar sind, seien es alte Granaten wie „Victim In Pain“ oder die Band-Hymne „For My Family“. Würdiger Abschluss eines unheimlich starken Tages auf der Hardcore-Stage.

Dezidierter Headliner sind jedoch FLOGGING MOLLY, die als letzte Band des Mission Ready noch einmal die Punk-Rock-Stage zum Beben und das Publikum zum Kochen bringen. Im Handumdrehen verwandeln die Folk-Punker das verregnete Infield in einen veritablen Dancefloor, auf dem es während der 80 Minuten Spielzeit kein Stillstehen gibt. Durch sympathischen Ansagen von Dave King eingerahmt, zünden die Lieder der Truppe sofort und heizen die Partylaune der Mission-Ready-Besucher noch kräftig an. Die Reaktion der Leute macht zudem deutlich, dass die Organisatoren mit FLOGGING MOLLY als Headliner eine absolut richtige Entscheidung getroffen haben und so endet ein toller Tag mit einem echten Highlight.

Was unterm Strich bleibt ist gute Laune ob der tollen Organisation und der großartigen Bands, die sich beim ersten MISSION READY OPEN AIR die Klinke in die Hand gaben. Zudem entsteht schon direkt am Tag danach die erste Vorfreude auf die zweite Ausgabe im kommenden Jahr – dieses Festival hat definitiv gute Chancen, sich dauerhaft zu etablieren.

Eighteen Visions – XVIII

Eine satte Dekade ist ins Land gegangen, seit sich EIGHTEEN VISIONS nach zwölf Jahren auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs auflösten. Jetzt meldet sich die Band mit ihrem neuesten Streich „XVIII“ zurück. Nach dem Tod von Bassist Mick Richard Morris im Jahr 2013 und ohne Gitarrist Ken William Floyd hat sich die Gruppe zu einem Trio entwickelt, das mittlerweile bei Rise Records unter Vertrag steht. Fakt ist: Reunions konnten bei Musikfans nicht immer für Glückseligkeit sorgen. Wie gut schlagen sich die US-Amerikaner also unter diesen Umständen?

Der knapp zweiminütige Opener geht relativ geradlinig nach vorne, setzt auf brachiale Gitarren und feinstes Gekeife von Frontmann James Hart. Erstaunlich hart ist der Einstieg für eine Band, die oftmals als Post-Hardcore stilisiert wird. Diese softere Seite, die weit in den Alternative Metal ragt, wird direkt in der Folge zu Gehör gebracht: „The Disease, The Decline And Wasted Time“ ist in den Strophen zwar langatmig und kann mit dem Midtempo dort nur wenig punkten, entwickelt aber im Refrain dafür umso mehr Kraft. Die teilweise staubtrockenen Gitarren versprühen sogar Stoner-Rock-Charme, was den Song enorm aufwertet. Was darauf folgt, lässt die Zunge aber nicht immer nur vor Freude schnalzen. Die Songs verlieren sich oft in einer anstrengenden Aneinanderreihung der doch sehr ähnlichen Elemente. Es wird kurzzeitig etwas Fahrt rausgenommen, dann setzt man wieder auf von Riffs überlagerte Parts und eine erdrückende Atmosphäre. Monotonie funktioniert im Doom Metal und teilweise im Black Metal außerordentlich gut, ist aber für eine Mischung zwischen Metalcore und Post-Hardcore eher unzureichend. Auch die wiederholt zum Einsatz kommenden Breakdowns können diesen Eindruck leider nur bedingt wettmachen, wenn sie auch durchaus erfrischend wirken. Neben der in Ordnung gehenden Produktion können EIGHTEEN VISIONS einige, wenn auch nur kleine Glanzmomente auf der Haben-Seite verbuchen. Hier seien das technisch geprägte „Oath“ oder das groovende „Spit“ genannt.

EIGHTEEN VISIONS hatten sicherlich zu 100 Prozent Lust auf eine Wiedervereinigung und die Aufnahme eines neuen Albums. Leider können die Musiker aus Orange County von diesem Einsatz und Enthusiasmus nur stellenweise etwas transportieren. Im Gesamtbild wirkt „XVIII“ so nicht nur altbacken, sondern auch in vielen Momenten sehr gleichförmig. Eingefleischte Fans der Band können sich gut und gerne mit dem Material auseinandersetzen, aber dieses Release ist leider nicht spannend genug, um im Jahr 2017 mithalten zu können.

Das Album des Monats Juni …

… ist in seinem Herkunftsland Japan bereits im März erschienen – erst zur Jahresmitte fand es allerdings schließlich seinen Weg nach Europa. HEAVEN IN HER ARMS präsentieren mit „White Halo“ ein Meisterwerk aus dem Bereich des modernen Post-Hardcore und zementieren ihre Ausnahmestellung. Am dritten Album der fünf Japaner werden sich ab jetzt viele Bands aus diesem Genre messen lassen müssen. Die Höchstwertung führt in einem extrem starken Monat zurecht zur Auszeichnung als Album des Monats. Gratulation!

Zum Review gelangt ihr durch einen Klick auf das Cover:

We Ride – Empowering Life

„Irgendwann ist immer das erste Mal.” Nicht umsonst handelt es sich bei diesem Spruch um eine Redewendung, die sich immer wieder auf Kalendern wiederfindet, denn sie trifft schlicht oft zu. So sind WE RIDE die erste Band aus dem ansonsten nicht gerade als Metal- und/oder Hardcore-Land bekannten Spanien, die sich mit ihrem ersten Album „Empowering Life“ an Hardcore-Punk à la Comeback Kid versuchen, der es damit gelungen ist, einen Vertrag mit Victory Records zu ergattern.

Und das nicht zu Unrecht, wie man schnell merkt: WE RIDE schreiben abwechslungsreiche Musik, die schnell ins Ohr geht – und das in einem Genre, das nicht gerade für seine Masse an Bands mit einem Hang zur Variabilität bekannt ist. Da wäre der eher im Midtempo angesiedelte Opener „Voices“, der mit eingängigen Akkordfolgen und einem coolen Chorus punkten kann, die Ohrwürmer „Self-Made“, „Do It All Again“ und „Impossible“ sowie der beste Track des Albums, „Summer“. Die Band versteht es dabei gut, Härte, Melodie, Geschwindigkeit und wechselnde Rhythmik zu kombinieren, ohne vorhersehbar rüberzukommen. „Empowering Life“ sorgt im weiteren Verlauf für einige positive Überraschungen.

Pluspunkte gibt es außerdem für das coole Cover und den starken Gesang. WE RIDE bieten kurzweiligen, aggressiven, aber doch mitunter nachdenklichen Hardcore-Punk, der für zahlreiche Umdrehungen im CD-Player gut ist und mit einer Handvoll Ohrwurm-Momenten aufwarten kann. Sängerin Mimi Telmo sagte vor Release des Albums: „We wanted a powerful title, something simple but strong.“ Simple, but strong – das bringt „Empowering Life“ auf den Punkt.

Code Orange

Mit „Forever“ haben CODE ORANGE zu Beginn des Jahres die vielleicht beste Hardcore-Platte 2017 vorgelegt. Durch unermüdliches Touren – auch auf etlichen Festivals – werden immer mehr Menschen auf die Band auf Pittsburgh aufmerksam. Im Vorfeld ihres Konzerts in München als Support von Gojira Ende März konnten wir mit Gitarrist Eric über die Ästhetik der Band, den wachsenden elektronischen Einfluss in ihrer Musik und das seltsame deutsche Publikum sprechen.

Wie fühlt es sich an, als Support für Gojira auf, für eure Verhältnisse, großen Bühnen in Europa zu spielen?
Wir haben uns in den letzten Jahren daran gewöhnt, größere Shows zu spielen. Aber es ist immer eine Herausforderung, Hardcore-Shows im Kontext einer Metal-Tour zu spielen, egal ob in Europa oder in den USA. Es scheint so, dass wir uns da ganz gut anpassen können. Es ändert die Psychologie der Show ein bisschen, da wir versuchen, sie eher für ein Metalpublikum und seltsame Menschen zu spielen.

Was meinst du mit seltsame Menschen?
Nicht unbedingt seltsam im negativen Sinn, aber seltsamer als wir. Menschen, die unsere Musik nicht verstehen.

Wie reagieren diese seltsamen Metal-Menschen denn auf eure Auftritte?
Das kommt auf die Stadt an. Manchmal bewegen sich die Leute überhaupt nicht und schauen uns einfach nur an, aber wir verkaufen dann eine Wagenladung an Merch. Manchmal recken die Leute einfach nur ihre Metalhand in die Luft. Ganz ehrlich, ich verstehe auch nicht, wie diese Kombination überhaupt funktionieren kann, aber es läuft echt gut für uns. Den Leuten gefällt, was wir machen – sie zeigen es eben auf ihre eigene Art.

Wie würdet ihr eure Konzerte in Deutschland mit denen in den USA vergleichen?
Deutschland ist echt seltsam. Es ist egal, ob die Leute deine Shows mögen oder hassen, sie tun einfach nichts. Ok, wenn sie es wirklich hassen, dann lassen sie es dich spüren. (lacht) Aber das ist so seltsam für uns. Normalerweise ziehen wir schon auch Energie aus dem Publikum. In den USA siehst du, wie die Kids anfangen zu rennen und zu moshen und du weißt, ok, jetzt geht’s ab. Hier halten die Leute ihre Hände in die Luft, und du musst dir denken, ok, jetzt geht’s ab. Ich weiß echt nicht, warum das hier so ist. Deutschland war niemals mein Lieblingsort für Konzerte, aber vielleicht ändert sich das ja nach dieser Tour. Wir waren schon einige Male hier, aber noch nie in einem Metal-Kontext.

(c) Kimi Hanauer

Ihr wechselt ja öfter zwischen sehr kleinen Clubs und Supportshows in größeren Hallen. Wie wichtig ist euch der enge Kontakt mit dem Publikum, wie es bei Hardcore-Shows ja üblich ist?
Es ist uns schon wichtig, das zu haben, aber nicht unbedingt die ganze Zeit. Wenn wir in den USA Headliner-Shows spielen, dann ist uns das wichtig. Aber man gewöhnt sich auch daran, wenn Leute anders reagieren. Klar, wenn sie gar nicht reagieren, dann ist das Scheiße. Aber normalerweise gibt es Circle Pits oder sie heben zumindest ihre Fäuste in die Luft.

Wenn du auch findest, dass die Kombination mit Gojira ungewöhnlich wirkt, stellt sich mir die Frage, wie diese Tour zustande gekommen ist?
Gojira erscheinen auf Roadrunner, unserem aktuellen Label. Da waren dann einige in der höheren Etage, die alles darangesetzt haben, uns zusammenzubringen. Und sie hatten recht: Gojira sind super, sowohl als Band als auch als Menschen, genauso wie ihre Crew. Da helfen uns wirklich alle mit unseren technischen Problemen zurechtzukommen, von denen wir jeden Tag etliche haben. (lacht)

Du hast es gerade schon angesprochen: Ihr habt das Label von Deathwish zu Roadrunner gewechselt. Was waren die Gründe dafür?
Das war eine Entscheidung, die wir hinsichtlich der Ressourcen für die Produktion und die Werbung für das neue Album gefällt haben. Wir wollten „Forever“ wirklich groß aufziehen und eine super Produktion haben. Dabei hat uns Roadrunner sehr geholfen.

Wenn du dir das Feedback von Fans und Presse so ansiehst: Hat sich dieser Wechsel in dieser Hinsicht gelohnt? Kümmern euch Reaktionen auf eure Musik überhaupt?
Mir persönlich ist das nicht wichtig. Wobei, wenn es negativ wäre, würde ich mir vermutlich schon Gedanken machen, ob ich etwas ändern muss. Aber wenn es darum geht, das, was wir tun, in einem größeren Rahmen zu tun, ist es natürlich gut, wenn man positives Feedback von vielen Leuten bekommt. Das motiviert uns. Die Pressestimmen bisher waren auch fast alle sehr positiv.

Auch wenn ihr das Label gewechselt habt, habt ihr wieder mit Kurt Ballou zusammengearbeitet. War euch das wichtig?
Auf jeden Fall. Die Art wie er harte, metallische Hardcore-Musik aufnimmt und klingen lässt, ist großartig. Aber er weiß nicht so viel, wenn es um Programmieren und die Produktion von elektronischer Musik geht. Daher sind wir ins Studio 4 bei Philadelphia gefahren und haben den Gesang und die elektronischen Elemente mit Will Yip aufgenommen.

Diese elektronische Seite von CODE ORANGE ist auf „Forever“ stärker vertreten als bisher. War das eine bewusste Entscheidung?
Ja, definitiv. „I Am King“ hatte einige solche Momente, aber das war weniger elektronisch, als mehr bearbeitete Gitarren und kleine Loops. Bei den Liveshows hat sich das dann immer deutlicher und extremer in diese elektronische Richtung entwickelt, auch, weil ich in der Zeit einfach viel gelernt habe. Wenn du uns zwischen der Veröffentlichung von „I Am King“ und jetzt öfter gesehen hättest, würdest du leichter verstehen, wieso „Forever“ so klingt, wie es klingt. Ich glaube aber, dass man die Verbindung auch so hören kann, aber das hat sich wirklich live entwickelt.

Ihr habt ja einen neuen Gitarristen, Dom. Ist er ein volles Mitglied oder nur auf Tour dabei?
Sowohl als auch. Er hat auch schon Gitarre auf dem Album gespielt, während ich am Keyboard und anderen Instrumenten war, quasi als mein zweites Paar Hände. Wir haben ihn dann auf die US-Tour mitgenommen, um zu sehen, wie es läuft – und es lief großartig und es läuft immer noch großartig. Wenn es nach mir geht, dann ist er fest dabei, allein schon, weil ich keine Lust mehr habe, Gitarre zu spielen. Das ist einfach nicht mehr mein Fokus.

Hat sich denn in der Arbeit an „Forever“ etwas daran geändert, wie ihr Songs geschrieben habt?
Es war schon etwas anders, aber irgendwie doch gleich. Auf jeden Fall war es besser. Auf „I Am King“ habe ich Loops gebastelt, die wir als Anfang der Songs genutzt haben, mit Ausnahme des Titeltracks, in dem auch ein Loop in der Mitte zu hören ist. Dieses Mal hatte ich Samples und habe sie über ganze Songs gestreckt. So gibt es eine wirkliche Verbindung und beides spielt zusammen. Ansonsten läuft es wie immer: Jeder von uns bringt die jeweils individuellen Elemente ein. Das kommt dann immer darauf an, was wir gerade brauchen. Wenn wir einen seltsamen Song schreiben möchten, dann kommen alle auf mich zu und fragen mich, ob ich nicht was in petto habe. (lacht) Dann spiele ich etwas vor, und wenn es uns gefällt, arbeiten wir gemeinsam daran, meistens mit den Gitarren. Und so geht das dann weiter. Ich bin wie gesagt für die elektronischen Sachen verantwortlich, Reba schreibt viele der heftigeren Riffs, gemeinsam mit Jamie, der größtenteils für die Songstrukturen verantwortlich ist.

Auch wenn es euer drittes Album ist, seht ihr „Forever“ lieber als eure zweite Platte. Heißt das, dass ihr „Love Is Love//Return To Dust“ nicht mehr mögt?
Ich würde nicht so weit gehen und sagen, dass ich es nicht mag, aber ich höre es mir einfach nicht an. Das ist nicht die Musik, die mich momentan interessiert, sondern eine andere Ausrichtung. Es fühlt sich an, als würde man zurückgehen, wenn man die alten Nummern spielt. Sie passen auch nicht so gut mit dem neuen Material zusammen. Wir haben bis Mitte 2016 schon noch ein, zwei alte Songs gespielt, aber damit haben wir aufgehört. Es war einfach Zeit. Das war eben noch CODE ORANGE KIDS, die ganze Ästhetik war unterschiedlich – insofern haben wir das hinter uns gelassen.

Die Ästhetik sticht bei euch ja wirklich ins Auge. Die letzten beiden Alben ähneln sich im Design, das sich wiederum auf eure Musikvideos bezieht. Wie habt ihr das entwickelt und wieso habt ihr euch dazu entschieden?
Wir wollten „Forever“ als Fortsetzung von „I Am King“ charakterisieren, das ja ein echter Neuanfang war. Dieses Mal war es eine Evolution. Ich glaube auch, dass die Ästhetik ein großer Teil von CODE ORANGE ist. Bei uns spielt alles zusammen. Wenn es das Video zum Titeltrack ist, dann hat es Joes Gesicht, zum Beispiel. Wir sind auch wirklich komplett selbst für das Artwork verantwortlich. Ich designe das Merch, Jamie und unsere Freundin Kimmie haben sich um die Platten und so weiter gekümmert.

Diesen Sommer spielt ihr als Support für System Of A Down – wie kam das denn zustande?
Unser Manager arbeitet auch mit System Of A Down, Deftones und AFI zusammen. Wir haben ihn immer gepusht, mit seinen anderen Bands zu spielen, was mit den Deftones auch schon geklappt hat, das war super. Irgendwann hat er dann den Jungs von System etwas vorgespielt und sie mochten es – das war aber schon vor Jahren. Jetzt war es ein langer Prozess, bist wir uns auf das Level hochgearbeitet haben, dass wir wirklich mit ihnen zusammen auftreten können. Ich freue mich unglaublich darauf, das wird verrückt. Das wird wirklich ein ganz anderes Level, ich kann mir das noch gar nicht vorstellen.

Gibt es noch andere Bands, mit denen ihr gerne spielen würdet?
Puh, so viele… Crowbar ist eine meiner absoluten Lieblingsbands, mit ihnen würde ich richtig gerne gemeinsam unterwegs sein, auch wenn ich keine Ahnung habe, wie das funktionieren soll. Das gilt auch für Hatebreed. Aber hey, so viele Dinge, die wir als Band tun wollten, haben wir auch erreicht – hoffentlich wird das in Zukunft so weitergehen und diese Touren kommen wirklich zustande.

Ihr werdet, zurecht, als einer der spannendsten Acts im Hardcore wahrgenommen. Welche Bands ragen für euch in der Szene heraus?
Turnstile, Power Trip, Nails und wir sind schon die Speerspitze. Wenn es eine Tour mit uns vier gäbe, das wäre absoluter Irrsinn, die Tour um alle Touren zu beenden. Ich glaube aber nicht, dass das passieren wird. Wir haben schon jeweils mit einer dieser Bands zusammengespielt und sie sind super, aber das wäre echt zu viel. Es gibt auch viele gute Pittsburgh-Bands, wie Eternal Sleep, Unit 731 und Path To Misery, die gute Freunde von zu Hause sind, sehr harter metallischer Hardcore. Pittsburgh war schon immer der beste Ort für meine Art dieser Musik. Ich fände es großartig, wenn es mehr Bands in Pittsburgh gäbe, die aktiver wären, sodass wir sie auf Tour mitnehmen könnten, aber es ist halt eine Arbeiterstadt. Da ist es schwer, die Energie für Musik aufzubringen.

Was sind die nächsten Pläne für CODE ORANGE?
Vielleicht eine Europa-Tour im Herbst, aber das wissen wir noch nicht sicher. Wir spielen bei This Is Hardcore, das wird großartig. Was neue Musik angeht: Die anderen denken, glaube ich, schon an neue CODE-ORANGE-Sachen. Einige Sachen für „Forever“ habe ich schon vor Jahren geschrieben und neu zusammengesetzt. Das ist immer ein bisschen zufällig, was ich wo einbauen kann. Ich arbeite eigentlich ununterbrochen an elektronischen Dingen. Ich habe gerade ein Album zusammen mit Aaron Spector, auch bekannt als Drumcorps, gemacht, „It’s Almost Forever“. Das haben wir auf Kassette auf unserer US-Tour verkauft und hoffen, es bald auf Spotify zu bekommen – mal sehen.