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Devil May Care – Echoes

Bei manchen Alben sieht man das Cover und ist schon vollkommen gespannt, ob die Musik dahinter mit dem Design mithalten kann. So auch beim zweiten Album „Echoes“ der Würzburger Post-Hardcore-Kombo DEVIL MAY CARE. Dass man dem musikalischen Inhalt mit einer optimistischen Einstellung entgegenblicken kann, liegt am durchweg soliden 2016er Debüt „Rose Of Jericho“ und den Live-Qualitäten (die übrigens auch unplugged vorhanden sind) der Unterfranken. Also Kopfhörer aufsetzen und schnell auf Play drücken!

Mit „Dead Ember“ startet die Platte mit einem im Up-Tempo gehaltenen Song, der neben dem nach Melo-Death anmutenden Riff einen eingängigen Refrain zu bieten hat. Ein guter Start, um den Hörer neugierig zu machen. Und auch im weiteren Verlauf wird man nicht enttäuscht. Zwar sind core-lastige Riffs und der Wechsel zwischen Shouts und Klargesang schon lange nichts neues mehr, jedoch haben die Würzburger ein gutes Gespür dafür, den Hörer auf der emotionalen Schiene anzugreifen. Das tolle „On Wings Of Wax“ kommt erst melancholisch daher, bevor das Ende mit einem Wutausbruch von Sänger und Gitarrist Tim Heberlein eingeleitet wird. Das energetische „Atlas“ wirkt motivierend und mit „Odyssey“ schaffen es DEVIL MAY CARE, ordentlich Dampf abzulassen.

Unüberhörbar sind auf „Echoes“ die Parallelen zu Funeral For A Friend und Silverstein, die den emotionalen Post-Hardcore Anfang der 2000er dominiert haben. Die Grundstimmung der Vorreiter wird dabei aufgenommen und mit eigener Interpretation wiedergegeben. Die auf Spieldauer gegebene Ähnlichkeit wirkt dabei weder störend noch abgekupfert, sondern versprüht sogar eine gewisse Nostalgie. Neben den variierenden Gitarren und dem druckvollen Bass leben DEVIL MAY CARE dabei vor allem von Sänger Tim Heberlein. Ohne Probleme wechselt er zwischen gefühlvoll, energetisch und aggressiv und fängt so allzeit die zu den Instrumenten passende Stimmung ein. Um sich davon zu überzeugen braucht man sich nur den traurigen Titeltrack oder das schnelle „The Fire“ anhören.

Logisch, wo melodischer Post-Hardcore vorliegt, sind auch „Oho’s“ und Pathos nicht weit entfernt. Glücklicherweise schaffen es die Würzburger, dies auf einem meist angenehmen Level zu halten, sodass man nur selten mit den Zähnen knirschen muss. Doch selbst Songs wie „Wake Me Up“ oder „L.I.A.R.“, auf denen dies der Fall ist, haben genug Qualität um mit etwas Wohlwollen darüber hinwegsehen zu können. So gibt es neben der etwas fehlenden Eigenständigkeit und den wenigen Momenten im Kitsch an DEVIL MAY CAREs zweitem Album nichts auszusetzen. Die Melodien sind eingängig, alle vier Mitglieder machen ihren Part mehr als ordentlich und auch der etwas raue Mix passt super zur Stimmung der Platte.

So lässt sich feststellen: Die Musik auf „Echoes“ hält, was das Artwork verspricht. Neben einem heißen Anwärter auf das beste Cover des Jahres haben wir mit DEVIL MAY CARE auch einen heißen Anwärter auf die besten Newcomer in ihrer Sparte. Ihre zweite CD führt den eingeschlagenen Weg des Debüts fort und setzt mit verfeinertem Songwriting und etwas mehr Abwechslung noch eine Schippe drauf. So darf man das Quartett mit gutem Gewissen auf eine Stufe mit den Darmstädtern 8Kids stellen und zu einer der hoffnungsvollsten Bands im deutschen Post-Hardcore küren.

Clowns – Nature / Nurture

Manchmal ist es gut, die Kontrolle abzugeben, die Gedanken auszuschalten, alle eventuellen Peinlichkeiten zu ignorieren und schlicht und ergreifend auszuflippen. Sich – auf den Bereich der Musik zu übertragen – ganz im Chaos und der Energie von Melodie und Rhythmus zu verlieren. Punk Rock und Hardcore im Allgemeinen bieten sich für ein derartiges Loslassen geradezu an. Die Australier*innen CLOWNS gehen mit ihrem neuen Album „Nature / Nurture“ einen Schritt weiter und stellen damit quasi die Blaupause für das (un-)gepflegte Durchdrehen – den entsprechenden emotionalen Kater nach dem Exzess inklusive.

Ihr mit Elementen aus Rock’n’Roll und Hardcore durchsetzter Punk war bereits auf den drei Vorgänger-Alben quasi ständig am Überschnappen. Auf „Nature / Nurture“ perfektionieren CLOWNS ihren Sound: Rasende, voll auf Höhen gedrehte Gitarren treffen auf ein wild nach vorne preschendes Schlagzeug, ohne auf ruhige Momente und eingängige Strukturen zu verzichten. Kombiniert mit dem harschen Gesang von Stevie Williams und konterkariert von der liebevollen Stimme von Bassistin Hanny J weckt die Band mehr als einmal Erinnerungen an Fucked Up aus Kanada. Besonders am – starken – Beginn des Albums sind diese Parallelen allerdings eine fast schon zu hohe Hürde.

CLOWNS schaffen es allerdings, sich im Lauf von 36 Minuten von ihren Vorbildern – zu denen auch The Bronx und Frank Carter zählen – zu emanzipieren. Mehr als das, erzählen CLOWNS über die Spielzeit von „Nature / Nurture“ hinweg eine musikalische Geschichte. Nach dem melodiösen, verspielten und überdrehten Beginn, wird der Ton des Albums zwar nicht weniger chaotisch, allerdings zunehmend düsterer. Der Hardcore-infizierte (Pop-)Punk(rock) von Songs wie „Soul For Sale“ ist in „I Wanna Feel Again“ bereits nahezu verschwunden, während der Spaß aus „I Shaved My Legs For You“ beinahe gänzlich gewichen ist. Einflüsse aus Old-School-Hardcore und sogar Mathcore nehmen zu, bis der Sound von CLOWNS immer mehr an die Brachialität und Experimentierfreude von Refused in ihren unterschiedlichen Phasen erinnert.

Der Stilwechsel ist erfrischend, Nummern wie „Prick“ können allerdings hinsichtlich des Songwritings nicht ganz mit den Highlights auf „Nature / Nurture“ mithalten. Auch das treibende und aggressive „Prey For Us“ reißt zwar mit, gerät dann aber doch eine Spur zu generisch. Spätestens, wenn im abschließenden „Nurture“ nach dem Start-Stop-Feedback „May I Be Exhumed?“ ruhige, orientalische Sitarklänge erklingen und sich zu einem rabiaten Riffgewitter steigern, ist allerdings klar, dass man hier das große Ganze bewerten muss. CLOWNS veröffentlichen mit „Nature / Nurture“ ihr bisher stärkstes Album, das im Vertrieb mehr als zurecht die Große Bühne des legendären Fat-Wreck-Labels erhält. Punks not dead.

La Dispute – Panorama

LA DISPUTE haben nicht zuletzt durch die ausgesprochen substanziellen Lyrics und charakteristischen Vocals von Frontmann Jordan Dreyer seit jeher eine Ausnahmestellung in der Post-Hardcore-Szene inne: Beeinflusst von Bands wie Refused oder At The Drive-In, aber auch von Jazz, Blues oder Post-Rock ist die Truppe aus Grand Rapids (Michigan, USA) allerdings auch immer für die eine oder andere musikalische Überraschung gut gewesen. „Panorama“ ist das vierte und das erste auf dem legendären Punklabel Epitaph Records erschienene Album des Quintetts – die Erwartungshaltung ist also hoch, zumal die Platte Bestandteil eines Multimediakonzepts ist, welches in Verbindung mit einem Computerspiel die Texte und Musik von LA DISPUTEs neuestem Output in einer virtuellen Fantasy-Welt audiovisuell erlebbar machen möchte.

Im Großen und Ganzen bleiben LA DISPUTE ihrem bewährten Konzept treu, entwickeln es sogar weiter: Viel Text und Sprechgesang, abwechslungsreiche Arrangements mit schönen Steigerungen, aber keine wirklichen Ausbrüche – was ein bisschen schade ist, da so der eine oder andere Höhepunkt, auf den die Band hinarbeitet, ausbleibt. Dafür wirkt „Panorama“ musikalisch ausgesprochen geschlossen und bietet in der Gesamtheit eine hohe emotionale Intensität. Man hat das Gefühl, dass die Post-Rock-Elemente weiter in den Vordergrund gerückt sind, während punkige Strukturen die Ausnahme bleiben. Entsprechend den Vorbildern von Refused kommen auch auf „Panorama“ Instrumente wie Trompete, Piano und Synthesizer zum Einsatz, was die dem gesamten Album zugrundeliegende Atmosphäre und Homogenität weiter verstärkt.

So fällt es schwer, einzelne Titel hervorzuheben, was aber nicht bedeuten soll, dass die Kompostitionen von LA DISPUTE in irgendeiner Form beliebig oder austauschbar sind: Man sollte sich einfach die Zeit nehmen und „Panorama“ in seiner Gänze hören, obwohl mit dem zweigeteilten „Fulton Street“ wirkliche Highlights, mit dem ruhigen „Rhodonite And Grief“ oder auch „Footsteps At The Pond“ aber auch Songs mit Singlecharakter vorhanden sind. Dass die beteiligten Musiker ausgesprochen versiert sind und wissen, was sie tun, ist in Anbetracht der durchaus vorhandenen musikalischen Komplexität und Bandbreite von Post-Rock über Indie bis hin zu progressiven Strukturen nicht unwichtig.

Im Gegensatz zu „Wildlife“ handelt es sich bei den poetischen, fast gerappten Texten von Dreyer wieder um sehr persönliche Momentaufnahmen. Der inhaltliche rote Faden ist das Thema „Verlust“ und selten wurden Texte im Hardcore (der Begriff „Emocore“ ist sicherlich auch zulässig) derart ansprechend präsentiert – genau Zuhören lohnt sich also. Über weite Strecken mutet LA DISPUTEs neues Album wie ein Poetry Slam an. Kaum verwunderlich, denn Dreyer sieht sich nicht unbedingt als Sänger, sondern eher als Schriftsteller oder Erzähler und erinnert so in seiner Performance gelegentlich auch ein wenig an die Hardcore-Legende Henry Rollins.

„Panorama“ zeugt durchaus von einer musikalischen Weiterentwicklung – die aber vielleicht nicht jedermann schmecken wird, denn die Hardcore-Einflüsse wurden zugunsten zugänglicherer und melodischerer Elemente weiter reduziert, die hochemotionalen Vocals stehen nach wie vor im Fokus (auch wenn die Musik inzwischen ein gleichberechtigter, wenn auch etwas zurückhaltender Partner geworden ist). Dazu passt auch die dynamische, nicht übermäßig fette Produktion. Alles wirkt wie aus einem Guß und fließt wie ein akustischer Film organisch ineinander über – aber mit Post-Hardcore à la Converge haben LA DISPUTE musikalisch kaum noch etwas zu tun. Dafür ist  „Panorama“ eine äußerst eigenständige Platte mit hohem Wiedererkennungswert und einer ausgesprochen intensiven Atmosphäre geworden – und somit die Auseinandersetzung auf jeden Fall wert.

Crail – Chapter I: Rise

„Strong In Life“ ist eine der Hauptaussagen der Hardcore-Band CRAIL aus Olching im Münchner Westen. Hier wird also nicht nur musikalisch die Hardcore-Fahne hochgehalten. Wobei die „Roadkill-Crew“ aus dem Süden der Nation auf ihren ersten Longplayer „Chapter I: Rise“ durchaus auch metallisch kann, die Bezeichnung Metalcore wäre somit auch legitim. Was es allerdings mit dem Spitznamen auf sich hat, bleibt ein Geheimnis – ist aber vielleicht auch besser so.

Elf Songs präsentieren CRAIL auf ihrem Debüt und es gibt eigentlich über die gesamte Spielzeit von 49 Minuten auf die Fresse. Melodisch gesungene Choruspassagen oder andere Anbiederungen an den Mainstream sucht man auf „Chapter I: Rise“ vergeblich und das ist auch gut so: hierfür dürfte durchaus der Oldschool-Hardcore-Background von Sänger Nagel mitverantwortlich sein. Was aber nicht heißen soll, dass auf jegliche Melodie verzichtet wird: Gerade die beiden Gitarren erinnern in den mehrstimmigen, klassisch-metallischen Passagen an alte Killswitch Engage. So gesehen gar nicht mal überraschend, dass beide Gitarristen die Band aus Massachusetts als einen ihrer Haupteinflüsse nennen. Und der eine oder andere Song hat auch absolut das Zeug zur Mitgröhl-Hymne, „Rise“ wäre hier als Beispiel zu nennen. Das Highlight von „Chapter I: Rise“ ist allerdings das längste Stück des Albums: „Inferno“ zeigt in fünf Minuten Spielzeit die gesamte stilistische Bandbreite von CRAIL auf – groovige Midtempo-Parts, wüstes Blastbeat-Geballer, sogar eine melodisch-atmosphärische Strophe mit gesprochenen Vocals zu Beginn des Songs, das Ganze Moshpit-kompatibel aufbereitet. Da kommt Freude auf.

Die Produktion ist recht fett, schnörkellos und ausgewogen – lediglich das eine oder andere Becken klingt irgendwie merkwürdig und gibt manchen Songabschnitten ironischerweise beinahe einen Hauch von Industrial-Charakter – so gehört bei circa dreieinhalb Minuten im Opener „Buried Alive“. Vielleicht sowas wie Glück im Unglück oder so. Die Schlagzeugarbeit als solche macht allerdings Freude: nicht stumpf und möglichst schnell auf die zwölf, sondern präzise Double-Bass-Attacken und Breaks gehören zum Programm und sorgen auf Albumlänge für Abwechslung. Die letzten vier Tracks auf „Chapter I: Rise“ sind übrigens neu gemasterte Versionen der Songs von CRAILS Debüt-EP „Roadkill“.

Durchaus überzeugend, was CRAIL mit „Chapter I: Rise“ auf die Beine gestellt haben. Kompromissloser Hardcore mit starkem Metaleinschlag, technisch schön umgesetzt und kurzweilig: Was will man mehr? Fans von Kapellen wie Biohazard oder Pro-Pain dürfen ohne Frage zugreifen, aber auch Metalheads, die ihr Haupthaar schütteln statt die Fäuste fliegen lassen wollen, sollten mal ein Ohr riskieren.

Jesus Piece – Only Self

JESUS PIECE aus Philadelphia sind ein weiterer Beleg dafür, dass in der US-amerikanischen Hardcore-Szene derzeit so einiges am Brodeln ist. Die ebenfalls aus Pensylvannia stammenden Code Orange konnten sich durch ihren kompromisslosen, bei aller Härte jedoch durchdachten Hardcore in den letzten Jahren einen großen Namen erspielen. Die 2015 gegründeten JESUS PIECE haben das Zeug, ebenfalls zu einer großen Nummer zu werden. Neben ihren schweißtreibenden und rabiaten Liveshows treten sie den Beweis dafür nun mit ihrem Debütalbum „Only Self“ an.

Die fünf Jungs von JESUS PIECE sind wütend, was von der ersten Sekunde von „Only Self“ an unüberhörbar ist. Textlich brüllt sich Sänger Aaron Heart die Wut auf persönliche Probleme, soziale Ungerechtigkeiten, Polizeigewalt und den weltweit zunehmenden Rassismus von der Seele. Trotz brutaler Riffs und fast schon urmenschlichen Brüllens ist „Only Self“ nur beim ersten Eindruck ein weiteres stumpfes Metal-Hardcore-Album. Neben permanent eingestreuten Dynamik- sowie Rhythmuswechseln bauen JESUS PIECE immer wieder Noise-Elemente ein. Diese sorgen dafür, dass „Only Self“ eine stetig bedrückende Atmosphäre entwickelt.

Schade, dass die elektronischen Elemente noch kein essenzieller Bestandteil der Songs sind, sondern als Verbindungselemente eingesetzt werden. Dass JESUS PIECE durchaus innovativ und abwechslungsreich agieren können, beweisen sie auf „Only Self“ dennoch einige Male. „In The Silence“ setzt auf einen ruhigen, bedrohlichen Beginn, der die heftigen Ausbrüche umso stärker betont. „Dog No More“ hingegen beweist, dass JESUS PIECE auch mit schnelleren Songs überzeugen können. Das finale Doppel aus „I“ und „II“ fügt „Only Self“ schließlich eine fast schon melodische Post-Hardcore-Note hinzu, die zeigt, wohin der Weg für JESUS PIECE gehen kann.

Die fünf Musiker arbeiten nicht mit Melodien, von denen sich auf „Only Self“ so gut wie gar keine finden, sondern setzen ganz auf ihre dynamische Energie. Dabei schaffen sie es, einen Gesamtsound zu erzeugen, einzelne Lieder dennoch unterschiedlich zu konzipieren. Die fette Produktion ergänzt das Album perfekt. Dass JESUS PIECE durchdachtes und technisch beeindruckendes Songwriting vorweisen können, zeigt, dass sie definitiv das Zeug haben, eine neue Generation an heftigem, dennoch intelligenten Hardcore anzuführen.

KEN Mode – Loved

KEN MODE machen schon seit beinahe 20 Jahren zusammen Musik, laufen allerdings auch in der Hardcore-Szene immer noch ein bisschen unter dem Radar. Die drei Musiker aus dem kanadischen Winnipeg haben mit ihrem aggressiven Noise Punk allerdings auch nie versucht, sich dem Mainstream anzubiedern. Als die Band sich 2016 eine Auszeit gönnte, lebten die drei Musiker unterschiedliche künstlerische Ambitionen aus. Ihr siebtes Album „Loved“ ist unverkennbar KEN MODE, entsprechend der letzten Jahre aber auch vollgepackt mit neuen Einflüssen.

Die Schizophrenie der manisch grinsenden, an Gevatter Tod erinnernden Figur auf dem Cover des Albums bestimmt den Klang von „Loved“. Vertrackte Rhythmen erinnern an Noise-Rock-Bands wie Shellac. Die Einflüsse dieses Genres machen sich auch durch immer wieder eingestreutes Feedbackpfeifen bemerkbar. Am deutlichsten wird die Noise-Ästhetik des siebten KEN-MODE-Albums allerdings durch die gnadenlos repetitiven Strukturen betont. Der in verschiedenen Stilen geschriene Gesang ist hingegen stark im (Post-)Hardcore verortet. Beide Musikstile bestimmen die Dynamik von „Loved“, das sich fast durchgehend im Midtempo bewegt. „Loved“ ist bewusst sperrig gehalten und lässt musikalisch keinen Raum für Optimismus oder andere positive Gefühle.

So gut produziert und konsequent KEN MODE ihre Vision einer düsteren, angespannten Atmosphäre umsetzen, geraten im monotonen Wahnsinn von „Loved“ die eigentlichen Lieder beinahe ins Hintertreffen. Dabei zeigen die drei Kanadier immer wieder, dass sie wissen, wie man für überraschende und begeisternde Momente sorgt. Zum einen gilt das für die Passagen, in denen KEN MODE ihre Lieder in nachvollziehbare, groovende, fette Parts lenken. Zum anderen bahnen sich immer wieder jazzige Momente ihren Weg, die in „This Is A Love Test“, „Illusion Dignity“ und „No Gentle Art“ von fast schon exzentrischen Saxophon-Soli hervorgehoben werden.

Einige Nummern sorgen auch durch Elemente wie Spoken-Word-Passagen oder schlicht durch eine Reduktion der brachialen Lautstärke für Abwechslung. Von Entspannung kann aufgrund der düsteren, bedrohlichen Stimmung auf „Loved“ allerdings zu keiner Zeit die Rede sein. Songs wie „Very Small Men“, die an Bands wie Birds In Row erinnern, lassen die unmittelbare, rohe Energie des Screamo anklingen. Leider räumen KEN MODE diesen Momenten nicht genügend Raum ein. Dennoch sind KEN MODE auf ihrem siebten Album musikalisch reifer geworden und stellen weiterhin eine spannende Kante im Bereich der härteren Musik dar.

Converge

Nachdem sie Ende 2017 ihr neues Album „The Dusk In Us“ veröffentlicht haben, sind CONVERGE 2018 mit neuen und alten Stücken bei vereinzelten Konzerten und Festivalshows in Europa zu sehen. Sänger Jacob Bannon nahm sich vor der Headlinershow seiner Band auf dem Münchner Saint Helena Festival Zeit für ein Gespräch über den Songwritingprozess der Band, technische Herausforderungen des Livespielens und die zunehmende Offenheit in musikalisch härteren Subgenres.

Zunächst einmal Gratulation zu eurem neuen Album, „The Dusk In Us“!
Danke, wir haben wirklich hart daran gearbeitet. Es ist schön zu sehen, dass es Leuten gefällt.

Schenkt ihr denn Reaktionen auf eure Musik viel Aufmerksamkeit?
Nein, nicht wirklich. Klar, man nimmt die Meinungen schon wahr, weil man als Band existieren muss und dazu im Internet unterwegs ist und mit Menschen interagiert. Aber die Reaktionen von Fans und Presse ist nichts, wonach ich oder einer von den Jungs aktiv suchen würde. Wir würden kein Album veröffentlichen, wenn wir nicht zufrieden mit dem wären, was wir machen.

Euer letztes Album „All We Love We Leave Behind“ war fünf Jahre alt, als ihr „The Dusk In Us“ veröffentlicht habt. Das heißt, die Arbeit an eurem aktuellen Album hat relativ lang gedauert …
Wirklich fokussiert haben wir uns ungefähr ein halbes Jahr, in dem wir uns quasi eingeschlossen haben, um an „The Dusk In Us“ zu arbeiten. Aber selbstverständlich gab es davor immer wieder einzelne Skizzen und Entwürfe. Wir alle schmeißen Ideen hin und her, nehmen Demos auf oder entwickeln Ideen, wenn wir gemeinsam in einem Raum sind. Das kann dann auch wirklich spontan sein, wenn zum Beispiel jemand von uns ein knackiges Riff spielt, an dem wir arbeiten wollen. Der härteste Part für uns ist es allerdings heutzutage, die Logistik zu stemmen. Es ist wirklich herausfordernd an dem Punkt, an dem wir jetzt in unseren Leben sind. Es ist nicht leicht, die Zeit zu finden, zu der wir uns alle neben Arbeit, unseren Familien und anderen Verpflichtungen treffen können, um gemeinsam Musik zu machen.

Gab es, auch aufgrund dieser logistischen Herausforderungen, eine andere Herangehensweise an „The Dusk In Us“ als sonst?
Nein, da es so etwas wie eine normale Herangehensweise bei uns nicht gibt. Alben sind stark von Kurt [Ballou, der Gitarrist der Band, Anm. d. Red.] beeinflusst, andere sind das Resultat unseres gemeinsam kreativen Prozesses. Aber egal, wie wir arbeiten: Nichts wird wirklich fertig, bis wir gemeinsam in einem Raum sind. Nate, unser Bassist, ist zum Beispiel wirklich stark, was das arrangieren betrifft. Er hat vielleicht nicht so viele Riffideen, aber schafft es immer, Kurts Ideen auf den Kern zu reduzieren und sie so zu bearbeiten, dass sie am effektivsten wirken.

Das erklärt, warum jedes CONVERGE Album seinen eigenen Sound hat, aber dennoch immer klar als eines eurer Alben zu erkennen ist. Wie würdet ihr „The Dusk In Us“ im Vergleich zu euren anderen Alben einordnen?
Ich ordne das nicht ein. Was wäre denn der Sinn davon? Wir sind seit langer Zeit eine Band und sind seit unseren Anfängen kontinuierlich besser geworden. Das gilt für uns als Musiker, in technischer Hinsicht aber auch was die kreative Kommunikation betrifft. Ich hoffe, dass man das von Album zu Album hören kann.

Das Gleiche gilt neben der musikalischen auch für die klangliche Seite, wie ich finde. Wie habt ihr euch der Produktion genähert?
Wir haben „The Dusk In Us“, und auch „All We Love We Leave Behind“ zu viert produziert; es gibt keinen eindeutigen Produzenten. Ich finde, dass so konservative Bezeichnungen nicht wirklich zu CONVERGE passen. Wir spielen wirklich bis zur letzten Minuten mit Ideen, sei es, dass wir Riffs überarbeiten, neue Songideen einbringen, die wir alle gut finden, oder die Reihenfolge der Songs auf dem Album überarbeiten. Die Produktion ist in unserem Fall ein konstanter Prozess, in dem alle unsere Ansichten wertgeschätzt und berücksichtigt werden.

Du hast gerade die Reihenfolge der Songs angesprochen: Hast du dabei sowohl in textlicher als auch musikalischer Hinsicht ein Narrativ vor Augen?
Manchmal ja, aber das funktioniert nicht notwendigerweise so. CONVERGE ist eine Demokratie; das heißt, wie arbeiten alle zusammen, um das Endergebnis besser zu machen. Es kann also sein, dass ich eine Reihenfolge super finde, aber Kurt eine vollkommen andere, aber genau so wichtige Vorstellung davon hat. Davon unterscheidet sich wiederum Nates Vorschlag, der vielleicht der Reihenfolge widerspricht. Nachdem wir alle unsere Meinungen auf den Tisch gelegt haben, versuchen wir daraus die beste Version zu erstellen, die wir machen können.

Was ist die Bedeutung hinter dem Titel „The Dusk In Us“?
Der Name des Albums basiert auf den Texten. „The Dusk In Us“ ist ein Lied und große Teile der Themen dieser Nummer ziehen sich durch das gesamte Album. Ich schreibe über persönliche Sachen, über mein Leben, über Dinge, die mich betreffen und um die Menschen um mich herum. Dabei schreibe ich aber nicht über düstere Sachen. Ich sehe unsere Musik nicht als negativ an, sondern als sehr hoffnungsvoll. Unsere Lieder beschäftigen sich mit den Grauzonen des Lebens, den Herausforderungen, denen wir uns alle stellen müssen.

Und diese Texte sind sozusagen das Ergebnis aller Alben von CONVERGE bis zu „The Dusk In Us“?
Jedes Album ist anders. Es gibt quasi nur zwei Gemeinsamkeiten: Normalerweise sind unsere Alben sehr laut und ziemlich dynamisch und sie bestehen aus persönlichen Liedern über persönliche Dinge. Aber klar, Leute romantisieren Musik und reinterpretieren sie. Als Künstler verliert man den Besitz seiner eigenen Werke, sobald man sie der Öffentlichkeit zugänglich macht. Das meine ich nicht im Sinne von Ökonomie, aber es ist jetzt offen für Interpretationen und es kann Verbindungen bei Leuten herstellen, die du nicht für möglich gehalten hättest. Wenn es Zeilen von mir gibt, die genau das beschreiben, was ich zu dieser Zeit gefühlt habe, dann kann es sein, dass jemand anderes sie vollständig auf seine, gänzlich andere Situation bezieht. Das ist genauso valide wie das Gefühl, dass ich hatte, als ich diese Zeilen auf Papier gebracht habe, um es aus mir raus zu bekommen. Ich sehe das also als eine konstante Entwicklung, von dem Punkt an, wenn du es veröffentlichst.

Du hast mit „Wear Your Wounds“ letztes Jahr zwei Alben veröffentlicht. Hatte das einen Einfluss auf dein Songwriting für „The Dusk In Us“?
Ja, für mich schon; aber das gilt auch für die anderen Jungs. Wir schreiben ja alle permanent an Songs und spielen mehrere Instrumente. Ich bin zum Beispiel ein ganz guter Bassspieler, dafür eher nicht so der gute Gitarrist – mit 20 Takes würde ich dann vielleicht eine gut aufgenommene Gitarre hinbekommen. Aber ich beherrsche es so gut, dass ich Demos aufnehmen und den Jungs vorspielen kann. Wear Your Wounds ist ruhiger und etwas reduzierter – das entspricht der Art, wie ich gerne schreibe und das ist die Art von Musik, die ich gerne höre und zu der ich den besten Zugang habe.

Ich habe schon immer so geschrieben. Das ist in einzelnen Momenten bei CONVERGE immer mal wieder aufgeblitzt. Ich würde sagen, es gab auch schon zu Zeiten von „Jane Doe“ einige Momente in dieser Richtung, und das Hauptriff von „A Single Tear“ vom neuen Album basiert auf Ideen, die ich schon lange habe. Dieser Song hätte zu beiden Bands gehen können. Oft gehen meine Ideen dann durch den „Kurt-Filter“, und dabei kommt ein komplett anderes Monster heraus. Er spielt komplett anders Gitarre als ich und ich hätte keine Ahnung, wie man solche Akkorde spielen soll und würde niemals auf sie kommen.

Alle unsere Projekte haben einen Einfluss darauf, wie CONVERGE klingt. Ben spielt bei Mutoid Man, die ja sehr technisch und rifforientiert sind, wodurch er wirklich präzise spielt. Mich beeinflusst Wear Your Wounds und die Arbeit mit Deathwish auf jeden Fall. Nate spielt bei Old Man Gloom, Doomriders und anderen Projekten, und Kurt arbeitet mit so vielen verschiedenen Bands als Porduzent zusammen, was ihn zu einem besseren Kommunikator macht. Wir bringen alle unseren Teil ein.

Du hast gerade gesagt, dass deine Texte sehr persönlich sind. Ist es hart, alte Songs live zu singen, wenn du das, was sie ausdrücken, vielleicht nicht mehr fühlst oder fühlen willst?
Nein, das ist gar kein Problem. Live zu spielen stellt dich vor ganz andere Herausforderungen, in erster Linie die damit verbundene Körperlichkeit. Neben dem Inhaltlichen denken wir eher an den Flow und auch an die technischen Grenzen, was zum Beispiel die Instrumentierung betrifft. Auf dem Album haben wir vielleicht vier oder fünf verschiedene Stimmungen unserer Gitarren, live können wir aber nur auf zwei oder drei Gitarren und einen Stagetech zurückgreifen, der uns beim Wechseln hilft. Gleichzeitig wollen wir unsere Shows so schnell und intensiv wie möglich halten. Insofern sind wir bei unseren Konzerten auf 20 oder 25 Songs beschränkt.

Ein weiterer Aspekt ist ebenfalls die Zeit, um gemeinsam zu proben. Wir hatten letztens darüber geredet, mal wieder alte Songs zu spielen, und hatten auch Bock darauf; aber wir konnten die Nummern einfach nicht ausreichend proben. Wir sind keine der Bands, die sagen, dass ihre alten Songs scheiße sind – sie haben immer noch Relevanz und eine Bedeutung für viele unserer Fans. Deswegen ist es uns wichtig, die Lieder mit den Leuten zu teilen. Du siehst: Unsere Sets sind stärker von Zeit und Songs bestimmt, die zu spielen uns Spaß macht.

Ihr habt einige kurze, extrem heftige und einige sehr lange, teilweise ruhigere Nummern. Würdest du sagen, dass es schwerer ist, eine Art Song zu schreiben?
Nein, das ist nicht das Kriterium dafür. Manchmal sitzen wir in einem Raum und gehen zehn unterschiedliche Versionen eines kleinen Breaks durch. Da kann dann auch vier Stunden oder sogar einen halben Tag dauern, 20 Sekunden Musik zu schreiben – das geht dann wirklich an die Substanz. Aber an andere Tagen macht es dann sofort klick. Es kommt also nicht so sehr auf die Länge eines Lieds an, sondern darauf, wie schnell man etwas zustande bringt. Das kann auch an der Tagesform liegen. Manchmal kommt man kraftlos in den Probenraum und stellt sich darauf ein, dass es echt hart wird, sich auszutauschen und gemeinsam Musik zu schreiben – und manchmal waren das unsere produktivsten Tage. An anderen Tagen waren wir ausgeschlafen und motiviert – und dann ist gar nichts passiert. Das ist einfach Teil des Prozesses. Man kann eben nicht festlegen, wie produktiv man sein wird, auch wenn das natürlich super wäre. (lacht)

Ihr bei einzelnen Shows in den letzten Jahren „Jane Doe“, „You Fail Me” und “The Dusk In Us” am Stück gespielt. Wie hat sich das angefühlt?
Es war seltsam. Ich höre unsere Musik nicht zum Spaß an, sondern nur, um mich darauf vorzubereiten, bestimmte Nummern live zu spielen. Ich nehme unsere Alben daher nicht so sehr als Ganzes, sondern in einzelnen Teilen an. Das ist schon witzig, weil das Ganze für unsere Songs und Alben so wichtig ist. Ganze Alben am Stück zu spielen fühlt sich fremd an, aber es macht Spaß und ist herausfordernd. „Jane Doe“ war schwer, da wir so daran gewohnt sind, nach einem bestimmten Song dieses Albums einen ganz anderen zu spielen. Das Muskelgedächtnis drängt einen dann richtig dazu, einen anderen Song zu spielen.

Bei „You Fail Me“ war das anders. Es war echt interessant, da ich vergessen hatte, wie viele Songs davon wir schon live gespielt haben. Alles war sehr vertraut, hat sich super angefühlt und ich mochte auch die Dynamik und den Flow sehr. „The Dusk In Us“ zu spielen war großartig, aber es ist sehr herausforderndes Material. Es ist gesanglich sehr dynamisch. Als Sänger ist es wirklich schwer, live zwischen verschiedenen Tonlagen hin und her zu springen. Es klingt vielleicht talentfrei, wenn man einfach nur laut brüllt, wenn man auf der Bühne steht, aber man unterschätzt die körperliche Anstrengung davon. Aber klar, auch ganz neue Songs – teilweise zum ersten Mal – live zu spielen, hat sich gut angefühlt.

Könnt ihr euch vorstellen, auch andere eurer Alben am Stück zu spielen?
Ich weiß es nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, eine Tour zu einem Album zu machen. Ich finde es schräg, wenn Bands das tun – ich meine, andere Bands können tun was sie wollen, aber für uns passt das nicht. Klar, Jubiläen sind cool und wir sind alle nostalgisch, das ist nur menschlich. Bei speziellen Anlässen und in einem bestimmten Umfeld, wie auf dem Roadburn, ist es dann was anderes, das hat was. Wer weiß, vielleicht machen wir es nochmal, auch mit einem anderen Album – aber es hat keine Priorität.

Ihr seid quasi ununterbrochen in allen Teilen der Welt unterwegs. Wie ist dein Eindruck der Hardcore-Szene in den USA und Europa – unterscheiden sich eure Shows auf den verschiedenen Kontinenten?
Alles ist gleich und gleichzeitig ist alles komplett anders, überall. Es ist seltsam. Manchmal kannst du in New Jersey spielen und es fühlt sich an wie ein Konzert in Österreich. (lacht) Es sind eher Orte, die eine ganz besondere, einzigartige Atmosphäre und Umgebung, die einen anderen Eindruck hinterlassen, Japan oder Neuseeland zum Beispiel. Aber gerade die USA und Europa… es fühlt sich nicht gleich an, aber Menschen, die harte Musik hören, schauen in westlichen Ländern ähnlich aus, denken ähnlich… Es gibt also schon viele Gemeinsamkeiten.

Ihr seid heute Headliner auf dem Saint Helena Festival, auf dem viele verschiedene härtere Genres und auch ruhige Momente vertreten sind. Was haltet ihr von diesem breit gefächerten Konzept?
Wir spielen schon lange auf sehr diversen Festivals, sowohl was den Bereich innerhalb aggressiver Musik betrifft, als auch darüber hinaus. Europa war in dieser Hinsicht sehr gut zu uns, da wir hier oft zusammen mit Bands aus komplett unterschiedlichen Genres spielen konnten. Vor zwei Jahren haben wir eine Show auf einem Festival gespielt, auf dem auch Method Man aufgetreten ist. So etwas ist schön und seltsam zur gleichen Zeit. In den USA passiert sowas leider sehr selten.

Wenn man stärker in dieser düsteren Welt unterwegs ist, in den Subgenres und Subsubgenres härterer Musik, gibt es trotz unterschiedlicher Stile eine Verbindung. Das fühlt sich eher wie Zuhause an, weil wir mit Bands spielen, mit denen wir psychologisch eher auf einer Wellenlänge sind als auf Popfestivals. Dort reagiert das Publikum oft ganz anders und ist geschockt, sodass man sich fühlt als wäre man ein Tier im Zoo, das auf die Bühne geschoben wurde. Aber auch das ist eine schöne Herausforderung und macht Spaß. Beides hat seine Stärken.

Heutzutage ist so ein Line Up wie heute Abend normal. Vor sieben oder acht Jahren wäre so etwas noch seltener gewesen. Vermutlich hätte man einen Haufen metallischer Hardcore-Bands zusammengeworfen, weil das zu dem Zeitpunkt eben angesagt war. Was ich heutzutage an aggressiver Musik mag ist, dass viele der Subsubgenres zusammenkommen und mutieren. Nimm zum Beispiel The Secret heute Abend: Viele sehen sie als Black-Metal-Band, aber für mich sind sie Hardcore-Kids. Es wird auch immer schwerer zu sagen, was zum Beispiel Black Metal eigentlich ist: Ist es ein Begriff, ist es ein Sound, eine Nuance, eine Idee – es gibt heute so viele verschiedene, gleichberechtigte Versionen davon. Das ist eine spannende Entwicklung.

Diese Entwicklung erlebst und gestaltest du ja mit deinem Label Deathwish aktiv mit. Als CONVERGE zeichnet ihr euch ja auch durch Innovation aus. Siehst du momentan Bands, die in der von dir angesprochenen Entwicklung herausragen?
Es ist schwer, hier jemanden herauszupicken. Es gibt so viel großartige Musik und es passieren soviel tolle Dinge, sowohl bei alten Genres als auch bei neuen Formen. Wir waren letztes Jahr in Europa mit Thou, Grave Pleasures und Crowbar unterwegs. Alle drei Bands ziehen ihre Inspiration aus ganz bestimmten Ecken der härteren Musik. Crowbar sind für mich legendär, aber ihren Einfluss haben viele Punk- und Hardcore-Fans heute vergessen, weil die Band normalerweise nicht vor einem Publikum wie heute spielt. Wenn sie die Gelegenheit dazu haben, würden die Leute merken, wie alles verbunden ist. Dann gibt es Grave Pleasures, die eine moderne Version von Gothic Rock spielen – das verbinden sie mit anderen Sounds und schaffen so doch ihr ganz eigenes Ding ist. Schließlich sind da Thou, die sich durch einen ganz eigenen DIY-Spirit auszeichnen, aber sich klanglich gar nicht so sehr von uns oder auch Crowbar unterscheiden. Es war schön, dass wir zusammengekommen sind und gemeinsam touren konnten. Es ist wirklich das Besondere an der heutigen Zeit, dass so etwas passieren kann.

Das Publikum für Underground-Musik ist heute sehr offen für klangliche Diversität. Früher war das nicht so, da kamen die Leute zum Moshen, zum Headbangen oder was immer sie machen wollten. Heute ist alles offener.

Dieses Interview wurde persönlich geführt.

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The Amity Affliction – Misery

Was zur Hölle ist nur mit der Core-Szene los? Wo früher Abwechslung, Inovationen und Wut regiert haben, gibt es heute nur noch 0815-Pop und Einheitsbrei. Egal ob Callejon, Caliban, Asking Alexandria, Parkway Drive oder Bring Me The Horizon, nahezu alle einstmals großartigen Bands sind in die Mainstream-Schiene abgerutscht. Wobei man Bring Me The Horizon zugestehen muss, dass sie auf ihrer letzten Scheibe Alternative Rock auf hohem Niveau abgeliefert haben. Was THE AMITY AFFLICTION aber auf „Misery“ fabrizieren, ist alles andere als hohes Niveau.

Der Erfolg der letzten Jahre scheint der Band aber recht zu geben. Mit ihrer letzten Scheibe „This Could Be Heartbreak“ sicherten sich die Australier hohe Chartplatzierungen und ausverkaufte Tourneen. Rein musikalisch haben sich THE AMITY AFFLICTION aber schon zu diesem Zeitpunkt recht weit vom Metal- bzw. Hardcore entfernt. Die Kompositionen auf „Misery“ entbehren aber nun jeglicher Nähe zu diesen Genres. Vom Opener „Ivy (Doomsday)“ bis zum abschließenden „The Gifthorse“ spielen die Jungs eine krude Mischungs aus Pop, Alternative und Electro, die häufig in die Belanglosigkeit abdriftet. Ein besonders störender Aspekt, sind mit Sicherheit die kaum noch vorhandenen Strophen in den Songs. Extrem minimalistisch, mit viel Elektro-Beats und ohne die charakteristischen Harsh-Vocals von Sänger Joel Birch kommen diese daher und dienen nur noch als bloße Steigbügelhalter für die Refrains.

Die Refrains erweisen sich aber auch bald als inhaltslose und überzogene Versuche, mit merkwürdigen Elektro-Parts an Bring Me The Horizon und Konsorten heranzureichen. Wo „That’s The Spirit“ genau platzierte und wohl dosierte elektronische Spielereien aufweist, werfen THE AMITY AFFLICTION wahllos mit Beats, Synthies und Effektstimmen um sich. Besonders schlimm wird es im Titeltrack des Albums. Der Gesang ist kaum noch als solcher zu erkennen, stattdessen kommen Erinnerungen an 90er-Jahre-Techno-Bands hoch. Aber auch „Feels Like I’m Dying“ hat einen so nervigen Elektropart, dass man die vier Minuten kaum aushält.

„Misery“ ist weichgespülter, massentauglicher Elektro-Pop, der THE AMITY AFFLICTION mit Sicherheit einiges an Erfolg bescheren wird. Genau wie so viele andere ehemalige Core-Bands, wählen die Australier den einfachen Weg zu einer größeren Fanbase und größeren Shows. Inwiefern man das als Fan des Genres unterstützen sollte, sei jedem selbst überlassen.