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Quicksand w/ No Joy

Nachdem die Wiedervereinigungen von Bands wie Refused und At The Drive-In den (Post-)Hardcore der 90er und 2000er wieder in die Gegenwart geholt haben, folgt der nächste Paukenschlag: QUICKSAND, eine der größten Legenden des Post-Hardcore, sind zurück. Nach 22 Jahren Pause erschien im November ihr neues Album „Interiors“. Nachdem QUICKSAND bereits 2014 eine Reunion-Tour gespielt haben, in deren Rahmen sie auch in Hamburg und Berlin zu Gast waren, sind sie im November 2017 in insgesamt vier deutschen Städten zu sehen. An einem Montag Abend treten die drei Musiker unterstützt von No Joy im Münchner Strom auf.

(c) Joyce Kim


(c) Joyce Kim

Während parallel zu diesem Konzert im einige Kilometer entfernten Backstage Comeback Kid und Every Time I Die vermutlich die Jugend vor der Bühne versammeln, ist das Publikum im Strom deutlich älter. Anstelle von Tanktops und Piercings dominieren Wollpullis und Vollbärte. Pünktlich um 21:30 Uhr betreten schließlich NO JOY die Bühne und liefern eine überzeugende habstündige Show ab. Leider ist ihr post-punkiger Shoegaze extrem matschig und dröhnend abgemischt. Besonders die Momente, in denen verträumte Melodien auf donnerndes Schlagzeug und fette Gitarrenriffs prallen, wissen allerdings zu gefallen, sodass der Applaus entsprechend sehr herzlich ausfällt.

QUICKSAND lassen dann einige Zeit auf sich warten, machen allerdings von der ersten Sekunde an keine Gefangenen. Nach dem Einstieg mit „Fazer“, der alle Anwesenden sofort mitnimmt, dauert es fast 20 Minuten, bis mit „Illuminant“ ein Song vom neuen Album erklingt, der ebenso wie seine Mitstreiter perfekt in die sehr ausgewogene Setlist passt. Die Band um Walter Schreifels hat ganz offensichtlich eine Menge Spaß, was sich auch in unterhaltsamen Ansagen bemerkbar macht – nicht zuletzt eine Anekdote über ein früheres Konzert im Olympiastadion, dessen Foto Walters Mutter damals sehr beeindruckt hat. Neben doch recht anständigem Pogo kommt es im Verlauf der Show sogar zu einigen Stage Divern, was von der Band ironisch kommentiert wird. Nach 90 Minuten ist dann schließlich nach dem finalen „Interiors“ Schluss und QUICKSAND verabschieden sich von einer jubelnden Menge.

Setlist QUICKSAND

  1. Fazer
  2. Too Official
  3. Head To Wall
  4. Unfulfilled
  5. Freezing Process
  6. Illuminant
  7. Warm And Low
  8. Lie And Wait
  9. Delusional
  10. Cosmonauts
  11. (Fake)
  12. Thorn In My Side
  13. Normal Love
  14. Hyperion
  15. (Room)
  16. Brown Gargantuan
  17. Omission
  18. Landmine Spring
  19. -----------
  20. Under The Screw
  21. Dine Alone
  22. Skinny (It's Overflowing)
  23. Interiors


QUICKSAND beeindrucken mit einer 90-minütigen Show ohne große Unterbrechungen, die von Beginn bis Ende Spaß macht und die jüngere Konkurrenz alt aussehen lässt. Hoffentlich war das Comeback mit „Interiors“ nicht einmalig, sondern bildet nur den Auftakt für eine langfristige Rückkehr.

Fjørt – Couleur

FJØRT sind rastlos. Dass die Band aus Aachen in letzter Zeit nur sehr wenige Konzerte gespielt hat, resultiert Ende 2017 in „Couleur“, ihrem dritten Album innerhalb von drei Jahren. Der mitreißende und eigenständige Post-Hardcore der drei Musiker entwickelt sich parallel zu dieser Geschwindigkeit rasend schnell weiter und erhält immer mehr Nuancen. Die direkte, krachige EP „Demontage“ wurde vom treibenden „D’accord“ abgelöst, das wiederum ins politischere, in seiner Härte eingängigere „Kontakt“ mündete. „Couleur“ ist gleichzeitig sperriger und eingängiger sowie ruhiger und härter und das bisher in sich stimmigste FJØRT-Album.

Die programmatische Ansage für „Couleur“ ertönt bereits im Opener: „Rückwärts war nie vorgesehen!“ Zwar ist auch das dritte Album der Band aus Aachen unverkennbar FJØRT, unterscheidet sich aber dennoch in einigen Bereichen vom bisherigen Output der drei Musiker. Gerade im Vergleich zu den beiden Vorgängern verzichten FJØRT auf „Couleur“ weitestgehend auf Ausbrüche in schnellere, punkigere Gefilde. Dadurch entsteht in einigen Momenten der Eindruck von Gleichförmigkeit, den die drei Musiker allerdings durch mitreißendes Songwriting ausgleichen können. Dazu trägt sicherlich auch ihre schier berstende Intensität bei.

Die fette Produktion steht dem melodischen, vertrackten Sound hervorragend zu Gesicht. Wütende Post-Hardcore-Brecher wechseln sich immer wieder mit ruhigen, teilweise im Post-Rock angesiedelten Momenten ab. Melancholische, eingängige Melodien treffen auf brachiale Wall of Sounds und heftige Schlagzeugattacken, was „Couleur“ trotz seines Mid-Tempo-Charakters eine abwechslungsreiche Dynamik verleiht. Das beste Beispiel für die Kombination all dieser Aspekte ist der Titeltrack, mit dem FJØRT ein wahres Meisterstück gelingt. Die Synthietöne in „Eden“ sowie das melancholische Klavier in „Zutage“ sind zwar stimmig in die Songs integriert, wirken allerdings etwas gewollt. In dieser Hinsicht besitzen FJØRT noch Potenzial.

Textlich ist „Couleur“ das bisher überzeugendste und stimmigste FJØRT-Album. Ihr Plädoyer für Meinungsfreiheit im Titeltrack sowie der Fokus auf zwischenmenschliche Kommunikation, um stumpfes Schwarz-Weiß-Denken zu vermeiden, betonen auf „Couleur“ permanent das Politische des Privaten. Mit dem ruhig-aggressiven „Raison“ setzen FJØRT „Paroli“ vom Vorgänger „Kontakt“ fort und positionieren sich weiterhin gegen den weltweiten gesellschaftlichen Rechtsruck. Dass FJØRT auf „Couleur“ verstärkt auf das Wechselspiel zwischen Davids und Chris‘ Gesang setzen, erzeugt trotz ihrer ähnlichen Stimmlagen eine intensive Dynamik.

FJØRT können offensichtlich nicht enttäuschen. Mit „Couleur“ liefert die Band ein weiteres umwerfendes Album ab, das zwar an einigen Stellen noch mehr Abwechslung vertragen könnte, allerdings vor Intensität, wunderschönen Melodien, Leidenschaft und Emotionalität nahezu platzt.

The Tidal Sleep – Be Water

Im deutschen Post-Hardcore sind THE TIDAL SLEEP eine Ausnahmeerscheinung. Durch ihre bisherigen Alben haben sie in Deutschland, ähnlich wie Touché Amoré in den USA, eine wahre Welle an Bands losgetreten, die beeinflusst von amerikanischen Screamo-Bands, aber eben auch THE TIDAL SLEEP selbst, Härte, Melodie und Emotionalität verknüpfen. Mit „Be Water“ legen die sympathischen Musiker nun ihr drittes Album in sechs Jahren vor, auf dem sie erneut begeistern.

Auf „Be Water“ bleiben sich die fünf Musiker von THE TIDAL SLEEP treu. Treibendes Schlagzeug, perlende Gitarrenmelodien und ein nach vorne eilender Bass eröffnen das dritte Album der Band. Das Songwriting ist über die gesamte Spielzeit durchdacht und setzt auf Dynamik- sowie Rhythmuswechsel. Dass bereits der Opener etwas abrupt zum Ende kommt, stellt die vermutlich deutlichste Schwäche von „Be Water“ dar: Stellenweise wirkt das Album trotz seines stimmigen Aufbaus etwas fragmentarisch. Zum Ende hin geraten die Songs ebenfalls weniger mitreißend als zu Beginn.

Das ist allerdings nur ein kleiner Wermutstropfen. THE TIDAL SLEEP reißen mit ihrer umwerfenden Leidenschaft von der ersten Sekunde an mit, mal mehr („Spills“) und mal weniger („Changes“). Die Spielfreude und das Authentische ihrer Musik werden durch verschiedene Gesangsstile zwischen emotionalem Geschrei, gehetzten Spoken-Word-Parts und vereinzeltem Klargesang intensiviert. Der spanische Gastgesang von Cándido Gálvez der andalusischen Genrekollegen von Viva Belgrado auf „Sogas“ passt wie die Faust aufs Auge und stellt als Parade-Screamo-Song das Highlight des Albums dar.

Die Ausflüge in Post Rock („Footsteps“) sowie in den offensiven (Post-)Hardcore im Stile der frühen Thrice („Poisons“) zeigen die Vielseitigkeit auf, die THE TIDAL SLEEP auszeichnet. Nach mehreren Hördurchgängen offenbaren sich immer mehr Feinheiten, die das Fragmentarische als essenziellen Bestandteil von „Be Water“ aufdecken. Obwohl einige Nummern ein wenig gleichförmig und unspektakulär klingen („Hearses“), zeigt das dritte Album von THE TIDAL SLEEP dennoch, dass sie in der obersten internationalen Liga mitspielen.

The Hirsch Effekt w/ PeroPero

Für manche Bands gibt es die treffende Bezeichnung „MusikerInnen-Musik“: Musik, die hauptsächlich von Menschen gehört wird, die selbst Musik machen oder Musik studieren. Darunter fallen häufig Bands aus den Bereichen Progressive und Avantgarde. THE HIRSCH EFFEKT sprechen mit ihrer Mischung aus Mathcore, Punk, Metal und Indierock und -pop mit Symphonie-Einschlag sicher auch diese Klientel an. Dass die Hannoveraner gleichzeitig einen unbestreitbaren Popappeal besitzen, zeigt das zahlreiche Publikum ihrer Show in Münchner Backstage Club an Halloween.

Während im benachbarten Werk eine Halloween-Party für Jugendliche mit Chartsmusik aufwartet, eröffnet das Duo PEROPERO pünktlich um 20 Uhr den Abend. Die Band spielt einen vertrackten Sound zwischen Progressive Rock, Hard Rock und Metal, den sie mit pathetischem Gesang verbindet. Ihr ausgefallenes Outfit steht exemplarisch für die Verschrobenheit der knapp 40-minütigen Show. Leider ist der Gesang an einigen Stellen doch etwas schief und trotz knackigen Sounds schleichen sich einige Längen ein. Das Publikum tanzt allerdings losgelassen und spendet lauten Applaus.

Nach einer halbstündigen Umbaupause ertönt „Like A Bridge Over Troubled Water“ als Intro, bevor THE HIRSCH EFFEKT unter lautem Jubel vor einem sehr gut gefüllten Backstage Club die Bühne betreten. Die in Sicherheit wiegende Stimmung wird vom Opener „Lifnej“ jäh zerstört. Nach anfänglichen Soundproblemen pendelt sich die Abmischung ein und die drei Jungs geben absolut alles auf der Bühne. Erstaunlicherweise wirken THE HIRSCH EFFEKT bei den neuen Songs deutlich souveräner, was allerdings nicht bedeutet, dass sich in die alten Nummern Fehler einschleichen.

Nach ungefähr 40 Minuten kommt auch einiges an Bewegung in das bis dahin wild kopfnickende, allerdings recht statische Publikum. Dabei knickt eine Besucherin leider um, woraufhin die Intensität wieder zurückgefahren wird. Sowohl die zwei Zugaben als auch das schelmische Grinsen der Band weist darauf hin, dass THE HIRSCH EFFEKT an diesem Abend genau so viel Spaß haben wie das Publikum. Das finale „Agitation“ beendet eine 90-minütige, atemlose Show.

Setlist THE HIRSCH EFFEKT

  1. Lifnej
  2. Agnosie
  3. Cotard
  4. Inukshuk
  5. Ligaphob
  6. Lentevelt
  7. Laxamentum
  8. Xenophotopia
  9. Berceuse
  10. Tardigrada
  11. Mara
  12. ----------
  13. Athesie
  14. Agitation


PeroPero waren ein dezenter Auftakt für den Wahnsinn, der THE HIRSCH EFFEKT live sind – dabei kamen allerdings auch die emotionalen Momente nicht zu kurz. Die neuen Songs von „Eskapist“ haben sich nahtlos in das bestehende Set der Hannoveraner eingefügt. Sieht man sich die Publikumsentwicklung der letzten Jahre an, dürfte der Backstage Club nächstes Mal zu klein geworden sein.

Converge – The Dusk In Us

CONVERGE haben seit ihrer Gründung 1990 noch kein einziges schlechtes Album veröffentlicht. Sei es das ungezügelte, punkig-thrashige „Petitioning The Empty Sky“, ihr emotionales Hardcore-Meisterwerk „Jane Doe“ oder das eingängigere, dabei jedoch nicht weniger intensive „All We Love We Leave Behind“: Die vier Musiker aus Boston spielen in einer ganz eigenen Liga. Mit „The Dusk In Us“ legen CONVERGE ihr neuntes Album vor. Darauf vereinen sie alle Trademarks ihrer bisherigen Diskografie und erzeugen dennoch ein eigenständiges, umwerfendes Stück Musik.

„A Single Tear“ macht keine Gefangenen und eröffnet „The Dusk In Us“ melodisch-aggressiv. Gleichzeitig spielen die vier Musiker mit Dynamiken und lassen Raum für ruhigere, fast schon zerbrechliche Momente. Bereits zu Beginn zeigt sich, dass Jacob Bannons brachiales Geschrei sowie sein Gesang zunehmend deutlicher verständlich sind und er stark an letzterem gearbeitet hat. Textlich legen CONVERGE nach wie vor die emotionale Verletzlichkeit in persönlichen sowie gesellschaftlichen Kämpfen schonungslos offen.

Musikalisch präsentieren sich CONVERGE auf „The Dusk In Us“ so facettenreich wie noch nie. Neben dem chaotisch-punkigen „Eye Of The Quarrel“ steht der groovende Bass in „Trigger“, der gemeinsam mit sägenden Gitarren wie eine mutierte Blues-Variation klingt. Das sludgeige „Under Duress“ wird von der Hardcore-Thrash-Brechstange „Broken By Light“ komplementiert. Die darin aufblitzenden, eindeutig von Kerry King beeinflusste Gitarrensoli sind ein absolut organischer Teil der Nummer. Die minimalen Längen in einigen Songs, wie beispielsweise in „Murk & Marrow“, fallen aufgrund des überwältigenden Gesamteindrucks kaum auf.

Sowohl das mehr als siebenminütige Titelstück als auch das sehnsüchtige „Thousands Of Miles Between Us“ heben die Einflüsse von Jacob Bannons Soloprojekt „Wear Your Wounds“ hervor. Beide Stücke baden in purer Melancholie zwischen geflüstertem und emotionalem Clean-Gesang. Alle Lieder auf „The Dusk In Us“, egal ob laut oder leise, ob chaotisch oder straight, ob brutal oder verletzt, werden von der perfekten Produktion von Gitarrist Kurt Ballou veredelt. Schließlich verbinden CONVERGE alle genannten Stile im finalen „Reptilian“ schlüssig miteinander und brennen „The Dusk In Us“ zum Abschluss rabiat nieder.

„The Dusk In Us“ ist unverkennbar CONVERGE, ohne dass die Band stillstehen würde. Die vier Musiker aus Boston können einfach nicht enttäuschen, klingen wie keine andere Band und sind auch nach 27 Jahren immer noch die absolute Speerspitze des Genres.

Conveyer – No Future

CONVEYER nehmen auf ihrem neuem Album „No Future“ eine gewohnt pessimistische Sicht auf die Welt ein. Kein Wunder, waren doch auch die Vorgänger „Worn Out“ und „When Given Time To Grow“ nicht von übermäßiger lyrischer Philanthropie geprägt. Passend dazu gibt es auf dem Cover von „No Future“ die Wolke eines Bombenabwurfes zu betrachten.

In Bezug auf den musikalischen Inhalt von „No Future“ ist Pessimismus jedoch nicht angebracht: Die Amis brennen ein Feuerwerk an melancholischem Hardcore-Punk ab, das gut mit dem Material der Kollegen von Counterparts, Defeater und Konsorten vergleichbar ist: „Dust“ legt mit einem mächtigen Refrain vor und in „Whetstone“ wird sogleich kompromisslos drauflos geprügelt. Wer besonders auf Letzteres steht, der sollte gleich zum Titeltrack vorskippen, der mit tonnenschweren Gitarren, Breakdowns, Dissonanzen und wütendem Gebrüll („Destroy Our Indifference“) über den Hörer hinwegdonnert.
Die Band versteht das Handwerk der Laut-Leise-Dynamik sehr gut, die Übergänge von ruhigen Gitarren-Parts zu krachenden Breakdowns und rasantem Uptempo-Hardcore sind zahlreich und wirken stets durchdacht: Wenn CONVEYER durch Songs wie „Disgrace“ und „Levity“ mit variablen Rhythmen, Breakdowns, massig Groove und Anflügen von Melodien durchwalzen, bleiben keine Wünsche mehr offen.
Der selten eingesetzte Clean-Gesang wirkt nie deplatziert, sondern trägt zur Atmosphäre der elf Tracks auf „No Future“ bei. „Drift“ gibt er kurzzeitig einen melodischen Touch, und in „New Low“ wird dadurch in Kombination mit den sphärischen Gitarren eine ganz eigene Atmosphäre geschaffen.

CONVEYER gelingt es auf ihrem neuen Album, in selten gehörter Weise Eingängigkeit zu schaffen – dies insofern, als „No Future“ zu keiner Zeit wirklich melodisch, sondern vordergründig rauh, düster und sehr hart ist. Nach einem Durchlauf ist erstmal Luftholen angesagt. A propos Luftholen: Die Art und Weise, wie Sänger Adams immer wieder über die Rhythmus-Gitarren hinweg schreit, ist ein weiteres Alleinstellungsmerkmal dieses Albums, das mit „Parting Words“ einen versöhnlichen Ausklang findet… auf dass diese Aufbruchsstimmung wieder niedergerissen werden kann.

Mission Ready Open Air


Ein neues Festival zu erschaffen ist in der dichten deutschen Festivallandschaft alles andere als ein einfaches Unterfangen. Auf dem Flugplatz Giebelstadt bei Würzburg wird dies nun trotzdem versucht – bei der ersten Ausgabe des MISSION READY FESTIVALs buhlen 15 Bands, verteilt auf eine Punk-Rock- und eine Hardcore-Stage, um die Gunst der rund 5000 Besucher. Dank nur kurzer Überschneidungen ist der Kampf um die Zuschauer jedoch ein sehr entspannter.

Pünktlich um 14 Uhr beginnen COCK RIOT mit ihrem klassisch-lässigen Punk Rock den knapp 11-stündigen Konzerttag und erweisen sich als idealer Opener. Die schon vor deren Bühne Befindlichen schwingen ein erstes Mal das Tanzbein und auch die Band hat sichtlich Spaß an ihrem Auftritt. Nebenan folgt mit TRUST IN RANDOM dann leider Malen-nach-Zahlen-Hardcore, was zwar solide, aber tendenziell eher langweilig ist. Klare 1:0 Führung für die Punk-Rock-Stage.

Dort spielen als nächstes SAM ALONE AND THE GRAVEDIGGERS, deren Musik jedoch dermaßen auf Radiotauglichkeit getrimmt ist, dass die Hardcore-Stage unbedrängt zum 1:1 ausgleichen kann. Denn dort bitten WOLF DOWN zum Tanz und die Anwesenden tanzen gern, während die Truppe aus dem Ruhrpott derweil die Bühne zerlegt und genretypisch gegen Sexismus, Homophobie, Rassismus und Faschismus wettert. Dabei darf auf ein Aufruf zur Störung einer lokalen AfD-Veranstaltung natürlich nicht fehlen. Starker Auftritt, bei dem Musik und Message Hand in Hand gehen.


“Die Rude Boys von der Reeperbahn sind da!, heißt es derweil nebenan, wo RANTANPLAN aufspielen und die gute Laune aufs MISSION READY bringen. Mit ihrem humoristischen und doch durchaus durchdachten Texten in Kombination mit ihrem entspannten Ska können die Hamburger das Publikum schnell für sich einnehmen, sodass ausgiebig getanzt und gegrinst wird, während die Herren ihr Set spielen. Das Lachen vergeht dann aber ganz schnell wieder, als mit WISDOM IN CHAINS die nächste Hardcore-Truppe ansteht. Das liegt aber primär daran, dass zum einen nach 15 gespielten Minuten der Strom weg ist. Die fünfminütige Zwangspause kann man der Band nicht anlasten, wohl aber, dass sie ihr Set dann auch noch sechs Minuten vor dem eigentlichen Schluss beenden. Schade, aber so kann die Punk-Rock-Stage erneut in Führung gehen – 2:1.

Diese Führung auszubauen versuchen anschließend THE BABOON SHOW, was aber leider vollkommen misslingt. Denn nach einem Ganze fünf Minuten dauernden Intro kredenzt die Band den Anwesenden Punk der alten Schule, der leider auch sehr altbacken klingt. Ohne wirkliche Biss in der Musik scheitert der Versuch, gute Laune zu verbreiten eher kläglich – vielleicht auch, weil gerade das RANTANPLAN zuvor so gut gelungen war. Einfaches Spiel also für DEEZ NUTS, die ihrem Hardcore noch eine Prise Hip-Hop-Flair beimischen und damit beim Publikum ganz offensichtlich einen Nerv treffen. So springen und headbangen die Leute vor der Bühne und sind bester Laune, zu denen die Party-Schlagseite in der Musik ihren Teil beiträgt. Klasse Show und folgerichtig der Ausgleich zum 2:2.

Im Anschluss machen MASSENDEFEKT abwechselnd eine passable und eine bedauernswerte Figur, abhängig davon, was sie spielen. Denn während ihre eigenen Kompositionen durchaus gut ankommen,ist die Coverversionen von „Bro Hymn“ (Pennywise) so dermaßen schlecht, dass man schreiend wegrennen möchte. Zum Wegrennen ist es danach sicher auch einigen Neulingen zu Mute, denn die Aggressivität, mit der TERROR die Hardcore-Stage zerlegen, ist absolut exquisit. Scott Vogel und Kollegen sind bester Laune, an der sie auch das Publikum teilhaben lassen, indem sie die Leute massenhaft zum crowdsurfen animieren. Mit alten Krachern wie „Always The Hard Way“, aber auch Material vom aktuellen Album „The 25th Hour“ begeistern die Herren ihre Fans und beweisen eindrucksvoll, warum sie in der Szene und darüber hinaus hinaus so respektiert sind. Klarer Punktsieg und damit erstmalig die Führung für die Bühne mit den harten Klängen – 2:3.

Dass SONDASCHULE da ausgleichen wollen, glaubt man ihnen gern, doch klingen sie nach TERROR leider eher nach Kindergarten, denn nach irgendeiner Schule. Punk Rock mit Posaune, textlichen Allgemeinplätzen und wenig aufregendem Songwriting sind eben nicht die allerbesten Verkaufsargumente. Dabei soll allerdings auch nicht verschwiegen werden, dass die Truppe gelegentlich schon mit einem ordentlichen Riff oder einem coolen Groove um die Ecke kommt, was die Anwesenden dann auch entsprechend honorieren. Unterm Strich jedoch ein eher schwachbrüstiger Auftritt.

Diesen Vorwurf müssen sich MADBALL keinesfalls anhören, denn die legendären New Yorker legen den besten Auftritt des Tages hin. Freddie strotzt nur so vor Motivation und feiert die Veranstaltung als Hardcore-Familienfest, bei dem ihm zu Folge lediglich Sick Of It All fehlen. „Set It Off“ oder „Hardcore Lives“ geben den Leuten vor der Bühne den Soundtrack zum Ausrasten, was auch prompt geschieht. Unablässig dreht sich der Pit und in Scharen purzeln die Anwesenden über die Absperrung zur Bühne. Allerdings kommen MADBALL nicht nur über die ungezügelte Aggression, wie beispielsweise TERROR, sondern bestechen mit dermaßen heftigen Grooves, dass alle Anwesenden sich zur Musik bewegen – ob sie wollen oder nicht. Eigentlich eine Darbietung, die ob ihrer Stärke außer Konkurrenz laufen müsste, so bauen die Hardcoreler ihre Führung mit 2:4 aus.

Einen Sonderpunk für den spaßigsten Auftritt sichern sich ME FIRST AND THE GIMME GIMMES, die ihr Set ausschließlich mit durch den Punk-Rock-Filter gedrehten Coversongs bestreiten und das auf so angenehme und unterhaltsame Art und Weise tun, dass man sie nur mögen kann. Bereits seit 1995 ist die Truppe unterwegs und spielt neben ihrem Markenkern – Nummern aus den 60ern und 70ern – auch einige aktuelle Hits. Das Rad wird dabei sicher nicht neu erfunden, aber der Spaßfaktor ist enorm hoch. Zudem bietet der Auftritt die Chance, bei guter Musik in Ruhe etwas zu essen oder sich noch eine Hopfenkaltschale zu genehmigen. 3:4 – Anschlusstreffer und damit vor den beiden Headlinern effektiv der knappe Sieg für die Hardcore-Stage.

Auf dieser beweisen direkt im Anschluss AGNOSTIC FRONT einmal mehr, warum sie die Könige des NYHC sind. Mit packenden Rhythmen, donnernden Grooves und Texten, die zwischen dem Beschwören der Szenefamilie und Sozialkritik alternieren, zeigen die New Yorker, woraus dieses Genre gestrickt ist. Von ihnen. Mit einer großväterlichen Altersgelassenheit zerlegen AGNOSTIC FRONT die Bühne und wirken dabei kein bisschen altersmüde, sondern durchaus energiegeladen. Das Publikum vor der Bühne feiert die Show und die Songs der Truppe, da diese einfach unantastbar sind, seien es alte Granaten wie „Victim In Pain“ oder die Band-Hymne „For My Family“. Würdiger Abschluss eines unheimlich starken Tages auf der Hardcore-Stage.

Dezidierter Headliner sind jedoch FLOGGING MOLLY, die als letzte Band des Mission Ready noch einmal die Punk-Rock-Stage zum Beben und das Publikum zum Kochen bringen. Im Handumdrehen verwandeln die Folk-Punker das verregnete Infield in einen veritablen Dancefloor, auf dem es während der 80 Minuten Spielzeit kein Stillstehen gibt. Durch sympathischen Ansagen von Dave King eingerahmt, zünden die Lieder der Truppe sofort und heizen die Partylaune der Mission-Ready-Besucher noch kräftig an. Die Reaktion der Leute macht zudem deutlich, dass die Organisatoren mit FLOGGING MOLLY als Headliner eine absolut richtige Entscheidung getroffen haben und so endet ein toller Tag mit einem echten Highlight.

Was unterm Strich bleibt ist gute Laune ob der tollen Organisation und der großartigen Bands, die sich beim ersten MISSION READY OPEN AIR die Klinke in die Hand gaben. Zudem entsteht schon direkt am Tag danach die erste Vorfreude auf die zweite Ausgabe im kommenden Jahr – dieses Festival hat definitiv gute Chancen, sich dauerhaft zu etablieren.

Eighteen Visions – XVIII

Eine satte Dekade ist ins Land gegangen, seit sich EIGHTEEN VISIONS nach zwölf Jahren auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs auflösten. Jetzt meldet sich die Band mit ihrem neuesten Streich „XVIII“ zurück. Nach dem Tod von Bassist Mick Richard Morris im Jahr 2013 und ohne Gitarrist Ken William Floyd hat sich die Gruppe zu einem Trio entwickelt, das mittlerweile bei Rise Records unter Vertrag steht. Fakt ist: Reunions konnten bei Musikfans nicht immer für Glückseligkeit sorgen. Wie gut schlagen sich die US-Amerikaner also unter diesen Umständen?

Der knapp zweiminütige Opener geht relativ geradlinig nach vorne, setzt auf brachiale Gitarren und feinstes Gekeife von Frontmann James Hart. Erstaunlich hart ist der Einstieg für eine Band, die oftmals als Post-Hardcore stilisiert wird. Diese softere Seite, die weit in den Alternative Metal ragt, wird direkt in der Folge zu Gehör gebracht: „The Disease, The Decline And Wasted Time“ ist in den Strophen zwar langatmig und kann mit dem Midtempo dort nur wenig punkten, entwickelt aber im Refrain dafür umso mehr Kraft. Die teilweise staubtrockenen Gitarren versprühen sogar Stoner-Rock-Charme, was den Song enorm aufwertet. Was darauf folgt, lässt die Zunge aber nicht immer nur vor Freude schnalzen. Die Songs verlieren sich oft in einer anstrengenden Aneinanderreihung der doch sehr ähnlichen Elemente. Es wird kurzzeitig etwas Fahrt rausgenommen, dann setzt man wieder auf von Riffs überlagerte Parts und eine erdrückende Atmosphäre. Monotonie funktioniert im Doom Metal und teilweise im Black Metal außerordentlich gut, ist aber für eine Mischung zwischen Metalcore und Post-Hardcore eher unzureichend. Auch die wiederholt zum Einsatz kommenden Breakdowns können diesen Eindruck leider nur bedingt wettmachen, wenn sie auch durchaus erfrischend wirken. Neben der in Ordnung gehenden Produktion können EIGHTEEN VISIONS einige, wenn auch nur kleine Glanzmomente auf der Haben-Seite verbuchen. Hier seien das technisch geprägte „Oath“ oder das groovende „Spit“ genannt.

EIGHTEEN VISIONS hatten sicherlich zu 100 Prozent Lust auf eine Wiedervereinigung und die Aufnahme eines neuen Albums. Leider können die Musiker aus Orange County von diesem Einsatz und Enthusiasmus nur stellenweise etwas transportieren. Im Gesamtbild wirkt „XVIII“ so nicht nur altbacken, sondern auch in vielen Momenten sehr gleichförmig. Eingefleischte Fans der Band können sich gut und gerne mit dem Material auseinandersetzen, aber dieses Release ist leider nicht spannend genug, um im Jahr 2017 mithalten zu können.