Interview mit Johan Söderberg von Amon Amarth

AMON AMARTH sind zurück und legen mit „Jomsviking“ erstmals in ihrer über zwanzigjährigen Karriere ein Konzeptalbum vor. Wir trafen uns in Berlin mit Johan Söderberg, der als Gitarrist auch einer der Hauptsongwriter der Schweden ist, und sprachen mit ihm unter anderem über seinen Arbeitsethos, skandinavische Gründlichkeit und was die Band nach mittlerweile zehn Alben antreibt.

Ihr habt im Januar als erste Rückmeldung einen recht außergewöhnlichen Teaser veröffentlicht. Wer hatte die Idee dazu?
Das war, wenn ich mich recht erinnere, tatsächlich unser Management, das sich das hat einfallen lassen. Sie haben uns mehrere verschiedene Ideen vorgeschlagen und wir haben uns für diese Version entschieden. Es war lustig anzusehen, als wir die ersten Bilder vom Teaser online veröffentlichten und die Leute dachten, wir seien gehackt worden. Josh Barnett, der den Thor-Charakter spielt, ist übrigens Fan der Band und wir haben ihn schon einige Male getroffen. Als wir dann herausgefunden haben, dass er die Rolle übernehmen wird, fanden wir das ziemlich cool und witzig.

In dem Video verweist ihr AMON-AMARTH-Hasser in ihre Schranken. Seid ihr heutzutage noch derlei Anfeindungen von Leuten, die euch wegen eurer Wikingerthematik kritisieren, ausgesetzt?
Wir lassen dem eigentlich keine Aufmerksamkeit zukommen. Mir ist egal, was die Leute denken oder ob sie sagen, wir seien keine echte Viking-Metal-Band, darüber zerbreche ich mir sicherlich nicht den Kopf. Aber wir sehen solche Kommentare natürlich manchmal online und das Video war unserer Ansicht nach eine gute Möglichkeit, sich darüber lustig zu machen.

Ihr seid sehr bekannt für eure ausgedehnten Touren und eure Rastlosigkeit. Habt ihr euch nach den letzten Shows zu „Deceiver Of The Gods“ mal eine Auszeit gegönnt?
Nein, da waren die Übergänge mehr oder weniger fließend. Nachdem wir die letzte Tour Anfang 2015 beendet hatten, haben wir geradewegs mit dem Songwriting-Prozess zu „Jomsviking“ angefangen. Wir haben eigentlich keine Zeit, uns eine Auszeit zu nehmen, weil wir üblicherweise acht bis neun Monate brauchen, um ein neues Album zu schreiben, und ich meine jetzt nur die Musik. Die Aufnahmen dauern etwa sechs Wochen. Die Freizeit, die wir also normalerweise haben, ist eher in der Toursaison, wenn wir uns zwischen zwei Touren befinden. Da können wir uns dann mehr um unser Privatleben kümmern.

Amon Amarth

Ist es für euch immer noch aufregend, ein neues Album zu veröffentlichen oder ist es nach zehn Platten mittlerweile zur Routine geworden?
Ich finde es nach wie vor super aufregend. Wir sind in der Regel für eine sehr lange Zeit auf Tour und fangen nach einer kleinen Pause wieder mit dem Songwriting an. Wir schreiben dabei so lange, dass nach dem Abschluss des Songwritings und der Aufnahmen ein gutes Jahr seit der letzten Tour vorübergegangen ist. Wir sind also sehr begierig darauf, wieder auf Tour zu gehen. Der Hauptgrund, warum wir das tun, ist schließlich, rauszugehen und vor so vielen Leuten wie möglich spielen zu können. Das ist das Ziel der Band und ich hoffe, dass wir jetzt noch weiter wachsen.

Die Presseinfo spricht natürlich vom besten und spektakulärsten AMON-AMARTH-Album aller Zeiten. Wie würdest du die Platte ohne aufgeblasene Worte beschreiben?
Ich denke, es ist wahrscheinlich tatsächlich unser bisher bestes Album. Das liegt wohl daran, dass wir das Ganze schon so lange machen. Wir versuchen natürlich immer, uns selbst zu übertreffen und je mehr Musik man macht, desto besser wird man darin. Ich würde sagen, im Wesentlichen ist es das Songwriting, das sich verbessert hat. Wir zielen darauf ab, etwas zu erschaffen, was ein bisschen Neues bietet, aber zugleich sogar noch besser ist.

Amon AmarthWie kann man sich als Außenstehender die treibende Kraft dahinter vorstellen?
Meiner Ansicht nach läuft es letzten Endes einfach nur auf harte Arbeit hinaus. Wir wenden unglaublich viel Zeit fürs Songwriting auf und werfen dabei alles aus dem Material raus, was nicht hineingehört. Ich höre manchmal von anderen Bands, die ins Studio gehen und sagen: So, wir haben 50 Songs in zwei Monaten geschrieben und jetzt nehmen wir zehn davon und nehmen ein Album auf. Da denke ich doch: Diese anderen 40 sogenannten Songs, die sie ihrer Aussage nach in der Hinterhand haben, wie gut können die denn wirklich gewesen sein? Wenn ich einen Song schreibe, sind da natürlich hunderte von Ideen, die in den Song mit einfließen, es aber nicht aufs Album, also das Endprodukt, schaffen. Ich benötige mindestens einen Monat, um einen Song zu schreiben, mit dem ich dann auch zufrieden bin.

Als sehr populäre und erfolgreiche Band, die den Durchbruch längst geschafft hat, könntet ihr natürlich immer den sicheren Weg gehen und noch mal dasselbe Album schreiben.
Wir wollen uns nicht wiederholen und versuchen auch wirklich zu erreichen, dass Musik und Texte gut zusammen funktionieren. Man sollte in der Musik wirklich hören können, worüber gesungen wird.

Vor allem bei „A Thousand Burning Arrows“ hat das ganz gut geklappt, finde ich.
Das ist der Song, an dem ich wahrscheinlich am härtesten gearbeitet habe. Es ist gut zu hören, dass sich der Aufwand gelohnt hat, wenn du gerade diesen Track hervorhebst. (lacht)

Wie läuft das Songwriting bei euch generell innerhalb der Band ab?
Olavi (Mikkonen, Gitarrist – Red.) und ich sind dafür zuständig, wir schreiben im Grunde alle Songs. In der Vergangenheit haben wir meist mehr im Proberaum zusammengearbeitet, aber wir haben jetzt keinen Proberaum mehr. Für das neue Album haben wir deshalb beide alleine gearbeitet und stattdessen anschließend eine Waldhütte gemietet, in der sich die komplette Band getroffen und eine Woche verbracht hat, um Ideen auszutauschen und die Einzelteile zusammenzufügen. Danach ging’s wieder zurück in unsere privaten Home-Studios, wo wir dann wieder allein Ideen gesammelt haben.

Amon Amarth

Herausgekommen ist ein Konzeptalbum über die Jomswikinger. Wie kam es zu diesem Schritt?
Es begann damit, dass unser Sänger Johan (Hegg – Red.) einfach nur eine Geschichte schreiben wollte. Das tat er in seiner Freizeit und es hatte zunächst gar nichts mit der Band zu tun. Er entschied sich, die Geschichte in Form eines Drehbuchs zu schreiben und als er dann fertig und bei 140 Seiten angelangt war, kam er auf die Idee, es uns, den anderen Bandmitgliedern, zu zeigen und dieses Drehbuch als Grundlage für unser nächstes Album zu nehmen. Wir waren alle der Meinung, dass ein Konzeptalbum eine neue Herausforderung für uns wäre und wir dem Vorschlag deshalb nachgehen sollten.
Als das also beschlossene Sache war, mussten wir das Skript natürlich auf den Punkt bringen und uns auf den Kern der Geschichte konzentrieren. Darüber hinaus mussten wir es umschreiben, damit wir am Ende auch singbare Songtexte, eingängige Refrains usw. hatten. Als ich die Geschichte zuerst gesehen hatte, dachte ich, okay, dann müssen wir jetzt wohl 25 Songs schreiben, um die ganze Handlung abzudecken…

Ein AMON-AMARTH-Doppelalbum?
Hehe, ja, allerdings machen wir normalerweise nicht so viele Songs. Als wir mit dem Songwriting fertig waren, hatten wir elf Songs. Dann waren wir jedoch in der Situation, dass wir zu viel Musik geschrieben hatten, um die heruntergekürzte Geschichte zu erzählen. Deshalb basiert eins der Lieder eigentlich gar nicht auf dem Skript, es ist mehr so eine Art Beigabe.

Lass‘ mich raten: Es ist „Raise Your Horns“.
Genau! (lacht)

Das ist ein Song, der live bestimmt gut funktionieren wird.
Ja, das denken wir auch.

Ester Segarra

Als ich mir das Album angehört habe, kam es mir epischer und atmosphärischer vor als die vorherigen Scheiben. War das euer erklärtes Ziel oder hat sich das automatisch während des Songwritings ergeben?
Da es diesen Handlungsstrang und ein zugrundeliegendes Konzept gibt, sind wir an das Album so herangegangen, als würden wir Musik für einen Film schreiben. Dadurch hat es sich für uns und für mich natürlicher angefühlt, mehr atmosphärische Elemente einzubringen. Als ich begann, die Songs zu schreiben, hatte ich schon orchestrale Elemente und sanftere, cleane Passagen im Hinterkopf.

Hast du schon darüber nachgedacht, wie ihr das live umsetzen wollt?
Orchestrale Elemente hatten wir ja auch schon auf vorangegangenen Alben, zum Beispiel auf „Surtur Rising“, auf dem sogar noch mehr orchestrale Parts vorkommen als auf „Jomsviking“. In der Vergangenheit haben wir solche Instrumente bei Live-Shows per Backing Track abgespielt und so werden wir das auch weiterhin handhaben. Es sind zwar orchestrale Sounds, aber ich habe sie auf einem Keyboard eingespielt. Der Unterschied beim neuen Album liegt darin, dass ich diese Elemente schon am Anfang des Songwritings eingebaut habe, wohingegen wir bei früheren Alben einen Song geschrieben und später im Studio dann orchestrale Parts hinzugefügt haben. Hier spielt also wieder diese Idee der Filmmusik mit rein. Ich wollte, dass die Songs von Anfang an diese Grundlage haben.

Mir sind auch die vielen traditionellen Metal-Riffs und -Leads aufgefallen.
Ja, das ist auch so eine Sache. In der Vergangenheit haben wir unsere eigenen musikalischen Einflüsse nicht so sehr durchschimmern lassen. Heutzutage denken wir, dass wir diese Schranken hinter uns lassen und diese Einflüsse stärker zeigen können.

Auf „Jomsviking“ habt ihr auch mit Doro kollaboriert. Eine Frauenstimme auf einem Album von AMON AMARTH ist eine überraschende Neuerung. Wie kam es dazu?
Das hängt natürlich damit zusammen, dass der Protagonist der Geschichte von der Liebe seines Lebens getrennt wird, also eine weibliche Figur in der Handlung vorkommt, die sehr stark und präsent ist. In einem späteren Teil der Story versucht er ja, sie zurückzugewinnen – an dieser Stelle war es unserer Ansicht nach wichtig, eine Frauenstimme hinzuzufügen, also eine Art Duett zu singen. Als wir uns Gedanken darüber machten, welche Sängerin gut zu unserer Musik passen würde, wussten wir, dass wir jemanden mit einer typischen, hundertprozentigen Metal-Hard-Rock-Röhre brauchten. Da denkt man natürlich an Doro und deshalb war die Auswahl auch ziemlich einfach. Wir hatten uns vorher schon ein paarmal auf Festivals und ähnlichen Gelegenheiten getroffen. Als wir bei ihr anfragten, war sie sofort begeistert und wollte es unbedingt machen. Doro ist eine sehr freundliche und positive Person. Sie kam dann zum Studio und hat ihre Gesangsaufnahmen dort absolviert. Insgesamt blieb sie für drei Tage bei uns, die gesamte Band war auch die ganze Zeit anwesend.

Amon Amarth

Apropos Studio: Ihr habt wie bei „Deceiver Of The Gods“ wieder mit Andy Sneap zusammengearbeitet. Was für eine Art Produzent ist er und worin unterscheidet er sich von eurem vorigen Producer Jens Bogren?
Andy ist gelassener, würde ich sagen. Außerdem ist er wie wir mit klassischem Heavy Metal aufgewachsen, spricht also sozusagen die gleiche Sprache und trifft denselben Ton wie wir. Wenn man also gerade einer Idee nachgeht und eine Anspielung auf irgendeine ältere Band macht, weiß er genau, worauf man hinaus will. Da wir nun zum zweiten Mal zusammengearbeitet haben, kennt er die Band und unsere Absichten und Ziele mittlerweile auch viel besser. Er hat uns die Kooperation diesmal also noch leichter gemacht.

Möchtest du über den Abgang von Fredrik (Andersson, Ex-Schlagzeuger – Red.) sprechen?
Nun, wir hatten 17 gute Jahre mit Fredrik. Es war wie eine langjährige Beziehung, und wie es bei einer solchen Beziehung nun mal ist, erreicht man nach einer gewissen Zeit manchmal einfach das Ende und man geht getrennte Wege. Dafür gab es jetzt auch keinen großen, triftigen Grund, so etwas passiert einfach. Es hat sich sowohl für ihn als auch für uns nicht mehr richtig angefühlt.

Amon Amarth Jomsviking Cover 2016 270Wie kam der Kontakt zu Tobias (Gustafsson, Schlagzeuger auf „Jomsviking“ und bei Vomitory – Red.) zustande?
Er ist ein alter Freund der Band, wir kennen ihn von früher und wissen, dass er ein lustiger und positiver Kerl ist und zudem ziemlich kreativ, was sein Schlagzeugspiel angeht. So jemanden wollten wir dann dementsprechend natürlich auch am Songwriting-Prozess teilhaben lassen und mit ihm Ideen austauschen. Sein Drumming verfolgt einen anderen Ansatz und es klingt daher auch ein bisschen anders im Vergleich zu den vorherigen Alben. Wir haben ihm nicht vorgeschrieben, was er spielen soll, sondern ihm freie Bahn gelassen. Während der Songwriting-Phase war er mehr oder weniger die komplette Zeit über mit dabei.

Du bist selbst seit mittlerweile 18 Jahren bei AMON AMARTH. Inwiefern entspricht der heutige Status der Band deinen Erwartungen bei deinem Einstieg?
Meine Erwartungen wurden weit übertroffen. Als ich als junger Musiker anfing, in einer Band zu aktiv zu werden, wollte ich einfach nur Metal spielen und in der Position sein, hier und da mal eine Live-Show zu absolvieren, das war mein Hauptziel. Mit der Zeit habe ich angefangen, mich stärker dafür zu interessieren, auch mal Songs zu schreiben. Inzwischen sehe ich mich fast mehr als Songwriter denn lediglich als Gitarrist.

Hat sich euer Live-Publikum in den letzten Jahren denn auch verändert?
Ja, da sind mehr Köpfe im Publikum! (lacht)