Interview mit Alan „Nemtheanga“ Averill von Dread Sovereign

DREAD SOVEREIGN haben mit „All Hell’s Martyrs“ kürzlich eines der bisher besten Doom-Metal-Alben des noch jungen Jahres veröffentlicht. Aus diesem Grund haben wir die Chance genutzt, um Sänger und Mastermind Nemtheanga alias Alan Averill einige Fragen zum aktuellen Album zu stellen. Dabei wurde schnell deutlich, dass dieser nicht nur auf der Bühne, sondern auch in Bezug auf seine Antworten stets sehr authentisch und ehrlich ist. Was er zum Album, zum Thema Religion und natürlich auch zum Stand der Dinge bei Primordial zu sagen hat, erfahrt ihr hier.

DS_Logo1
Wie bist du auf die Idee zu DREAD SOVEREIGN gekommen und gibt es eine besondere Bedeutung hinter dem Namen der Band?
Naja, es ist heutzutage halt schwierig, einen guten Namen für eine Band zu finden, oder? Die Idee für die Band hatte ich schon seit Jahren im Hinterkopf und wir hatten auch noch ein paar andere Namen zur Auswahl. Der Ausdruck „dread sovereign“ kommt von den ersten Siedlern in Amerika, die mit der Mayflower auf den neuen Kontinent übersetzten. Die mit dem Ausdruck, welcher so viel wie „Gefürchteter Souverän/Herrscher“ bedeutet, auf König James verwiesen.

Gibt es denn hinter „All Hell’s Martyrs“ eine tiefere Bedeutung, eventuell mit Blick auf das Cover und die Texte?
Das Cover zeigt die Häutung von Sankt Bartholomäus. Der Titel bezieht sich tatsächlich auf unsere Verbindung zu Märtyrern und der Hölle auf Erden.

Wie müssen wir uns den Prozess des Songwritings vorstellen? Hast du die Musik und die Texte allein geschrieben oder waren alle Bandmitglieder involviert? Wie lange hast du beziehungsweise habt ihr für das Songwriting gebraucht?
Ich habe die Gitarre schon seit Jahren gequält, um Ideen und Riffs zu sammeln und während der etwas ruhigeren Phase, nach dem letzten Primordial-Album, habe ich entschieden, es ernsthaft zu versuchen und die Ideen wahr zu machen. Ich denke, dass 95 Prozent des Albums auf mich gehen. Also ein Großteil der Texte, der Ästhetik und der Riffs geht auf mich. Einen Song auf „All Hell’s Martyrs“ schrieb Bones und ich hoffe, dass er in Zukunft noch mehr zum Songwriting beiträgt.

AlanIn welcher Hinsicht unterscheiden sich die Texte von denen bei Primordial?
Ihr habt ja sicherlich die Texte beider Bands gelesen, also könnt ihr die Frage selbst beantworten. Die Texte von DREAD SOVEREIGN sind mehr in der Tradition des klassischen Metal geschrieben, und obwohl sie auch einen geschichtlichen Hintergrund haben, befassen sie sich mehr mit der blasphemischen, okkulten und geheimnisvollen Seite der Dinge. Es gibt beispielsweise keine politischen Einflüsse.

Beim Intro habt ihr euch für einige Worte des Sektenführers Jim Jones vom „Peoples Temple“ entschieden. Welche Intention hattet ihr dabei?
Weil es verdammt cool und vor allem mächtig böse klingt. Außerdem ist es ein großartiges Intro, ist das nicht genug? Es passt aber auch sehr gut in das Konzept des Martyriums und der Schaffung der Hölle auf Erden.

Mit „Thirteen Clergy To The Flames“ habt ihr einen ganz besonderen Punkt in der Geschichte der Verfolgung von Häretikern ausgewählt, da hier erstmals Religion und Politik gleichermaßen beteiligt waren. Habt ihr dieses Thema als Bild für heutige Missstände in der Gesellschaft genutzt oder habt ihr es lediglich aufgrund des historischen Vorfalls gewählt?
Wie gesagt, ich schreibe keine Fantasy-Texte oder Ähnliches. Ich muss etwas mit einer Bedeutung haben und fange dann an darüber zu schreiben. Um also über Themen wie Ketzerei und Blasphemie zu schreiben, ist es besser, einen mit Fakten belegten Ausgangspunkt zu haben. Des Weiteren fasziniert mich bis heute noch die Rebellion der Katharer. Auf den ersten Blick klingt das Stück also nach einem coolen alten Metalsong mit dieser zelebrierenden „Hail-Satan“-Note, aber wenn man an der Oberfläche gräbt, dann offenbart sich ein ernsteres Thema.

Du scheinst allgemein sehr vom Thema Religion fasziniert zu sein. Hat dieses Thema für dich außerhalb der Musik die gleiche wichtige Bedeutung?
Selbstverständlich. Ich bin zwar nicht religiös oder spirituell veranlagt, aber ich bin fasziniert von den Strukturen, die wir uns selbst und unserem Leben, bei der Suche nach dem Verständnis für Leben, Tod und unseren Platz in der Welt, auferlegen. Es ist die natürliche menschliche Neugierde und das, worüber ich schreibe. Einige Leute fanden beispielsweise das letzte Album von Primordial („Redemption At The Puritan’s Hand“ – Anm. d. Red.) etwas fremdartig, da ein paar Texte sich mit Spiritualität befasst haben. Aber wenn man älter wird, dann ist es völlig normal, sich auch seiner eigenen Sterblichkeit bewusst zu werden und diese Dinge zu hinterfragen.

DS_GroupWürdest du zustimmen, dass Kirchen, egal ob die katholische, die orthodoxe oder die protestantische, nur versuchen ihre eigenen „politischen“ Ziele zu verwirklichen und das sie dabei oft die eigentlichen Botschaften der Religion außen vor lassen?
Natürlich geht es einfach nur um ökonomische Gründe und um Macht. Die Inquisition war beispielsweise einfach ein Griff nach Land, Macht und Geld. Wenn man sich mit den Institutionen der Religion und des Glaubens beschäftigt, dann änderte sich daran historisch kaum etwas. Die Menschen suchen nach einer Bestätigung für ihre Existenz und dem Versprechen für ein Leben nach dem Tod, sodass sie hierfür sogar ihr Land, ihr Geld und ihr altes Leben aufgeben. Das ist eben ein Weg, wie einige von uns mit dem Tod umgehen. Ich bin nicht grundsätzlich gegen Spiritualität, da sie für das Individuum vollkommen in Ordnung ist und ich kann nachvollziehen, wie sie dem Leben eine weitere Ebene hinzufügen kann und sogar Glückseligkeit bringen kann. Es wird jedoch problematisch, wenn jemand versucht die Leute dazu zu bringen, dass Sie deinen imaginären besten Freund sehen können.

Ein weiterer Titel heißt „We Pray To The Devil In Man“. Was ist für dich der Teufel im Menschen, eventuell auch unabhängig vom Text?
Es handelt sich wieder um ein religiöses metaphorisches Bild. Es bedeutet einfach, dass die Archetypen des Luzifers gleich denen des Menschen sind. Es ist eine metaphorische Identifikation mit dem Rebellen und Widersacher. Eine Fokussierung auf die Energie, an welche ich in meinen 20er Jahren glaubte und die ich noch heute in mir trage. Wir glauben nicht daran, dass die Figur des Luzifers real ist, aber daran wofür die Metapher steht.

LP-Gatefold TemplateMit „Cthulu Opiate Haze“ und „Live Through Martyrs…“ gibt es zwei Stücke, die mich in gewisser Weise an die Musik von Selim Lemouchi, bei The Devils Blood und später auch Selim Lemouchi & His Enemies, erinnern. Auf deiner Facebook-Seite sagtest du außerdem, dass er für dich wie „Ein Bruder von einer anderen Mutter“ ist. War seine Musik also ein Einfluss für diese Songs?
Tatsächlich? Ich fasse das als Kompliment auf, vor allem weil er ein Musiker weit über meinen Verhältnissen war. Ich würde nicht sagen, dass The Devils Blood ein musikalischer Einfluss für mich waren, aber ohne jeden Zweifel war Selim eine inspirierende Person und eine wahre Naturgewalt.

Ungeachtet dieser beiden Stücke, hat eure Musik nicht diesen psychedelischen Einschlag, den viele Bands heutzutage haben. Eure Musik klingt eher dunkel, drohend und intensiv, was vermutlich in der Produktion begründet liegt. Wolltet ihr, dass die Scheibe so roh und natürlich wie möglich klingt?
Sicher, das ist genau, was ich wollte, dieser offene und grobe Live-Sound. Was ihr hört, sind wir zusammen in einem Raum spielend mit den ineinanderfließenden Instrumenten. Natürlich gibt es auch einige Gesangs- und Gitarren-Overdubs, aber die ersten Takes der Stücke haben wir aufgenommen, als wir gemeinsam in einem Raum spielten. Ich hasse diesen modernen und getriggerten Plastik-Pro-Tool-Sound, wo man mit Copy-and-Paste arbeitet. Das hört man auch.

Ihr habt „All Hell’s Martyrs“ via Ván Records veröffentlicht. Wie seid ihr mit ihnen in Kontakt gekommen und wolltet ihr in erster Linie mit ihnen zusammenarbeiten?
Ich habe sie bereits respektiert, bevor ich sie kennengelernt habe und ich hatte zunächst eigentlich einige Labels im Blick. Es hat sich dann einfach ergeben und wir sind stolz darauf, einen Vertrag mit ihnen zu haben. Ich habe nicht die Absicht, dass wir die größte Band oder so etwas werden. Es geht um gegenseitigen Respekt und es funktioniert sehr gut.

Booklet 12pagesWird es aufgrund des Releases auch Touraktivitäten geben? Wie wirst du diese mit den Liveauftritten deiner anderen Bands koordinieren?
Es wird zwar wirklich schwer, aber wir werden natürlich spielen, wo wir können und wenn sich zudem eine entsprechende Tour anbietet und alle Beteiligten Zeit haben, warum denn nicht. Dies ist eine eigenständige Band mit ihren eigenen Rechten.

Wird es nach den Veröffentlichungen von Twilight Of The Gods und nun DREAD SOVEREIGN auch bald etwas Neues von Primordial geben?
Wir werden im Juni mit den Aufnahmen zu einem neuen Album von Primordial beginnen und es soll dann irgendwann um den Oktober herum veröffentlicht werden, denke ich. Wir proben momentan bereits die neuen Songs.

Auf welche Weise werden sich die neuen Perspektiven, die du bekommen hast, auf die Arbeit mit Primordial auswirken?
Ich persönlich glaube, dass ich seit den letzten Primordial-Alben einiges dazugelernt habe in Bezug auf meine eigene Stimme und auch in Bezug auf Produktionen und Techniken, die ich bei Primordial ausprobieren und anwenden wollte. Das Lernen ist eine stetig steigende Kurve und wenn man aufhört zu lernen, dann kann man gleich aufhören mit der Musik. Bei diesen Bands mitgemacht zu haben, hat mir eine bessere Perspektive auf meine Arbeit mit Primordial gegeben.

Das ist doch ein guter Abschluss und wir bedanken uns dafür, dass du dir die Zeit genommen hast, um unsere Fragen zu beantworten. Die letzten Zeilen gehören dir.
Erfolg und Kraft. Wir sehen uns in der Hölle.

Publiziert am von Christoph Ilius

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.