Interview mit Albôin von Eis

Drei Jahre nach „Bannstein“ melden sich die deutschen Black-Metaller EIS mit einer neuen EP: „Stillstand und Heimkehr“. Per Mail, aus einem Bus im Norden Vietnams beantwortet Bandkopf Albôin unsere Fragen zur neuesten Veröffentlichung und den Entwicklungen bei EIS und lässt dabei tief in sein Seelenleben blicken.

Hallo und danke, dass du dir die Zeit für dieses Interview genommen hast. Alles gut bei dir?
Hallo Moritz und danke dafür, dass du dich mit den neuen Aufnahmen beschäftigst und uns Raum bei Metal1.info einräumst. Eigentlich müsste ich jetzt sowas schreiben wie „Ja man, alles total awesome, unsere neue EP kommt bald raus und we’re so much looking forward“ und so. Das wäre aber schlicht gelogen. Ich habe ein sehr unschönes Jahr hinter mir, dessen Resultat „Stillstand und Heimkehr“ zu einem großen Teil ist, und flüchte gerade bei jeder sich bietenden Gelegenheit aus Deutschland. Diese Antworten hier tippe ich in einem Bus irgendwo im Norden Vietnams. Zumindest das ist schön, ja. Ansonsten geht es mir aber nicht so richtig gut.

Eure neue EP heißt „Stillstand und Heimkehr“ – etwas romantisierend, aber in Zeiten, in denen die Wortfamilie der Heimat groß in Mode gekommen ist schon auch ein wenig bieder, oder?
Ich bin weder informiert darüber, was in Mode ist, noch interessiert es mich, um ehrlich zu sein. Weder der Titel noch die Texte befassen sich wirklich mit dem Begriff Heimat, das Wort kommt ja auch gar nicht vor. Wenn, dann geht es um etwas wie innere Heimat, ein Platz, an den man gehört, an dem man sich angekommen fühlt und den ich nicht habe.

Romantisieren will ich diesen Zustand nicht, und wer das Gefühl kennt, weiß auch, dass daran nichts Romantisches ist, außer vielleicht literarischen Motiven der Romantik, wie einer generell melancholischen, düsteren Grundhaltung und einer latenten Todessehnsucht. Ob das jetzt bieder ist… das spielt für mich als Künstler keine Rolle. Es geht nicht darum, den Zeitgeist zu treffen oder zu vermeiden, sondern Emotionen auszudrücken auf eine Weise, wie sie einem eben entspricht. Und diese EP entspricht meinem Lebensgefühl vermutlich mehr als alle vorigen Alben zusammen. Für mich wäre es derzeit eher bieder, wenn wir auf einmal aus Island kämen und statt Konzerten „Rituale“ abhalten würden.

Was war die Idee hinter dem Titel, der vermutlich auf den gleichnamigen Song zurückgeht?
Das Stück und der Titel sind parallel entstanden. Im Grunde sind das zwei Begriffe, die die inhaltliche Gesamtatmosphäre der Aufnahmen am besten widerspiegeln, und die auch mit dem Foto auf dem Coverartwork verknüpft sind. Stillstand symbolisiert dabei für mich ein Innehalten im Moment, ein Wahrnehmen des Moments, aber auch, einen Schritt, der vor einem liegt, nicht zu gehen. Heimkehr ist eher ein Wunsch und für mich etwas gleichzeitig vor- und rückwärts Gewandtes, etwas Sehnsüchtiges und eine Aufgabe, die ich vor mir sehe.

Dazu möchte ich noch sagen, dass beide Stücke der EP zusammen mit unserem Schlagzeuger Torrent entstanden sind, für den die Musik ebenfalls etwas sehr Persönliches bedeutet, wenn auch etwas anderes als für mich. Ich spreche hier nur für mich und meine Interpretation meiner Texte und meiner Musik.

Der Song ist Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ gewidmet – wie kam es dazu?
Das ist nicht ganz richtig, er ist „dem Wanderer über dem Nebelmeer“ gewidmet, einer unspezifischen Person, mir, dir oder jedem, in dem das Stück und seine Emotionen etwas auslösen, das meinem Gefühl bei seiner Erschaffung nahe kommen.

Zumindest ist dem Text, neben der Widmung, ein Zitat von Caspar David Friedrich vorangestellt. Was verbindest du mit ihm, aber auch konkret diesem Bild?
Das Bild ist für mich seit Jahrzehnten ein berührendes Kunstwerk, es hat so etwas Stilles, Befreiendes an sich. Gleichzeitig ist es nur ein Moment, ein Ausblick auf eine Ferne im ungewissen Nebel, eine Sekunde auf einer Wanderung, von deren Mühen man als Betrachter nichts sieht. Sicherlich wird dir die Parallele zum Cover nicht entgangen sein. Das Foto bedeutet mir sehr viel, beide Bilder rufen sehr viele und zum Teil widersprüchliche Emotionen in mir hervor. Ich widme dieses Stück also allen Hörern, die sich auch als solch ein Wanderer fühlen.

In dem Zitat geht es im Grunde um meine Philosophie von Kunst und speziell davon, wie ich selbst Musik schreibe. Friedrich beschreibt darin, wie der Künstler äußere Eindrücke in sich aufnehmen, sie in sich Resonanz finden lassen soll, und erst nach dieser Innensicht beginnen soll, mit seiner Kunst in der Außenwelt etwas zu bewirken. So, und auch nur so, hat für mich meine Musik Berechtigung, indem ich ihren Hörern etwas von meiner Innenwelt zeige und durch Musik und Texte transportiere.

Generell ist die EP deutlich puristischer und traditioneller als euer bisheriges Schaffen. Was hat dich an dieser sehr klassischen Auslegung des Genres gereizt?
Eigentlich möchte ich immer dasselbe, nämlich meinen jeweiligen geistigen Zustand verarbeiten. Dass dabei dieser Sound herauskommen würde, war nicht geplant. Mich reizt Musik vor allem, wenn sie mir authentisch erscheint, nicht verkopft und durchgeplant. „Stillstand und Heimkehr“ ist traurig, wütend und sehnsüchtig, und es tut weh. Zumindest mir. Deshalb ist ein perfektionierter Sound dafür genauso wenig denkbar wie bis in die hinterste Ecke durchkomponierte Songs. Die Aufnahmen klingen genau so, wie sie entstanden sind. Im Übrigen finde ich sie zum Teil gar nicht so traditionell, zumindest für meine Verhältnisse oder Maßstäbe.

Habt ihr die beiden Songs als EP veröffentlicht, weil sie fern ab von eurer eigentlichen Ausrichtung für die Zukunft liegen sollen, also nicht auf ein nächstes Album gepasst hätten, oder um wieder etwas von euch hören zu lassen und aufzuzeigen, in welche Richtung es künftig gehen soll?
Weder noch. Diese beiden Stücke sind an einem Wochenende entstanden sind. Und weil beide Stücke eine Momentaufnahme sind, gehören sie zusammen. Sie haben nichts mit zukünftiger Musik zu tun und sind auch kein Kalkül, um ein bisschen von uns Reden zu machen. Es gibt sie, weil es sie eben jetzt so geben muss. Ursprünglich waren sie auch nicht einmal zwingend für EIS geplant, aber als sie fertig waren hat sich gezeigt, dass sie wohl mehr EIS sind als vieles, das ich vorher geschrieben habe. Wir haben uns entschieden, die Öffentlichkeit deshalb daran teilhaben zu lassen.

Die Band hat sich auf dem Weg zu diesem Stil einmal mehr gewandelt, mittlerweile seid ihr offiziell nur noch als Duo unterwegs. Was hat das einerseits mit der Band als abstrakte Institution gemacht, wie hat sich andererseits eure Arbeitsweise dadurch konkret verändert?
Im Grunde sind wir mit Torrent am Schlagzeug und Dante an der Gitarre zu viert, mittlerweile gibt es eigentlich keine Unterscheidung mehr zwischen Mitgliedern und Livemusikern. Alle von uns arbeiten an der Band mit, und eine Band von etwas gehobenerem Hobbystandard macht sehr viel Arbeit und vieles muss zusammen entschieden werden.

Musikalisch ändert das nichts. Diese beiden Stücke sind zusammen mit Torrent entstanden, der eine Menge Ideen für Drumtracks eingebracht hat. Den Rest habe ich wie seit fast zehn Jahren allein geschrieben, und jeder hat sein Instrument eingespielt. Das ist anders als auf den letzten beiden Alben und lässt uns, denke ich, mehr eine Band sein als in den letzten Jahren. Der Stil der EP hat damit aber nichts zu tun. Ich habe einige Pläne für zukünftige Musik, und die wird sich von der jetzigen auch wieder unterscheiden.

Seuche von Fäulnis hat unlängst seine ganze Band entlassen, um sich wieder mehr Freiheiten zu geben, die Band zurück zu den Wurzeln als Ein-Mann-Projekt zu bringen. Lief das bei euch ähnlich und ist dieser Zustand, als Duo mit Livemusikern zu agieren, dein Idealmodell?
Wie gerade gesagt, haben wir eigentlich in letzter Zeit eher den entgegengesetzten Weg eingeschlagen. Nach jedem Split mit früheren Mitgliedern habe ich die Band wieder als Band aufgebaut, weil das im Grunde mein Wunsch ist. Kompositorisch mag EIS eine Art Soloprojekt sein, sonst aber nicht. Ich war nur immer der Ansicht, dass diese Band Teil meiner Freizeit ist, und deshalb möchte ich daran Spaß haben und das nicht nur als anstrengend empfinden. Mit vier Leuten in der Band, alle davon verschieden und sicher nicht immer leicht, führst du im Grunde drei Beziehungen gleichzeitig. Das geht eben nicht zwingend immer gut, vor allem nicht, wenn man sich sehr verändert und am Ende etwas dabei herauskommt, das man so nie wollte.

Deshalb kann ich Seuche gut verstehen. Wir sind uns in der Hinsicht sehr ähnlich, wir sind beide komplizierte Menschen mit sehr klaren Vorstellungen und dem Hang, unbequeme, aber notwendige Entscheidungen zu treffen, wenn es nicht mehr anders geht. Das sieht von außen vielleicht arrogant und nach Arschloch aus, aber glaube mir, so einfach ist das nicht.

Ihr spielt in nächster Zeit diverse Shows – werden die beiden Songs der EP trotz ihrer Länge Bestandteil des Sets sein?
Am 24.2. in Oberhausen und am 25.2. in Hamburg spielen wir beide Stücke, ja. Danach werden wir sicherlich auswählen müssen. Generell haben wir ja sehr lange Songs und selbst bei einem Headlinerset bringen wir höchstens acht Stücke unter. Aber erst mal sehen, wie sich die beiden Songs auf der Bühne so machen.

Besten Dank für Zeit und Antworten. Zum Abschluss ein Brainstorming: Was fällt dir spontan zu folgenden Begriffen ein?
GroKo:
Ich kann’s nicht mehr hören. Uns geht es so derart gut in Deutschland, dass wir uns den Luxus erlauben können, über sowas monatelang zu schreiben, ohne dass es das wert wäre. Ja, es muss tiefgreifende Änderungen geben in dieser Gesellschaft, aber es wird doch nicht ernsthaft jemand glauben, dass das mit etablierten politischen Systemen geschehen wird.
Avokados: Anwalts Liebling. Oder war das so ähnlich? Geht jedenfalls am besten als Shake mit Schokolade und Eis. Alles ist besser mit Eis. Haha.
Heimat: Wie gesagt, schwierig. Ist für mich etwas sehr Abstraktes und von Orten fast ganz unabhängig.
Darkthrone: Haben natürlich wahnsinnig gute Sachen gemacht. Heute musikalisch verzichtbar, aber ich schätze sehr, wie sympathisch die beiden geblieben sind.
Touren: Mache ich gerne, ist für uns organisatorisch aber schwierig. Würde gerne mal eine Luxustour machen, nur erstklassigen Wein und ausgesuchte Biere, alten Whiskey, Sushi und andere hervorragende internationale Küche, dazu Whirlpools, Sauna und Kingsizebetten, und ein Kulturprogramm in jeder Stadt. Oder eine Tour in Asien.
Dein aktuell meistgehörtes Album: Hm… vermutlich Vargravs „Netherstorm“ oder Black Sabbaths „Heaven And Hell“. Auf Reisen höre ich aber generell selten Musik, da gibt es andere Eindrücke und Genüsse.
EIS in 10 Jahren: Ich würde nochmal das Thema Luxustour ansprechen… Ansonsten arbeiten wir generell konstant weiter und hoffen darauf, uns stetig zu verbessern.

Die letzten Worte gehören dir – gibt es noch etwas, was du unseren Lesern mitteilen möchtest?
Nein danke, ich habe sicher schon zu viel gesagt. Wer mehr wissen möchte ist herzlich eingeladen mir zu schreiben, alboin@the-eis-reich.de Und dir nochmals danke für dieses Forum!