CD-Review: Celtic Frost - To Mega Therion

Besetzung

Thomas Gabriel Warrior – Gesang, Gitarre, Effekte
Dominic Steiner – Bass
Reed St. Mark – Schlagzeug, Percussion, Pauke

Gastmusiker:
Wolf Bender – Horn (Tracks 01, 04, 10)
Claudia-Maria Mokri – Hintergrundgesang (Tracks 02, 06, 10)
Urs Sprenger – Sound-Effekte (Track 09)
Horst Müller – Sound-Effekte (Track 09)

Tracklist

01. Innocence And Wrath
02. The Usurper
03. Jewel Throne
04. Dawn Of Megiddo
05. Eternal Summer
06. Circle Of The Tyrants
07. (Beyond The) North Winds
08. Fainted Eyes
09. Tears In A Prophet's Dream
10. Necromantical Screams


CELTIC FROST gelten unumstritten als richtungsweisende Wegbereiter im extremen Metal-Bereich und Inspirationsquelle für eine unüberschaubare Anzahl an Bands, die zum Teil heute selbst Genregrößen sind. Sogar die ursprünglich verlachte Vorgänger-Combo Hellhammer genießt mittlerweile nicht nur Kultstatus, sondern wird ebenso zu den Vorreitern im Black Metal gezählt und steht heute mit Tom Gabriel Fischers Tribute-Band Triumph Of Death auch live wieder im Rampenlicht. Was manchen Musikliebhabern bei all den ehrfurchteinflößenden Phrasen über Legendenstatus und Pioniertätigkeit vielleicht nicht bewusst ist, ist die straffe zeitliche Abfolge in der Entwicklung, die zu dieser Position der Schweizer geführt hat: Während Tom Warrior & Co. 1984 noch unter dem Banner Hellhammer musizierten und im März jenen Jahres die finale (und einzige) EP „Apocalyptic Raids“ erschien, kam nach den ersten beiden CELTIC-FROST-EPs „Morbid Tales“ und „Emperor’s Return“ schon gut anderthalb Jahre später das Debütalbum auf den Markt.

Tatsächlich lagen die Pläne für „To Mega Therion“ in Form des Albumtitels und einiger Songentwürfe schon zu Hellhammer-Zeiten quasi in der Schublade – insofern ist die Namensänderung eher als flüssiger Übergang denn als harter Bruch zu sehen. Nach dem stilistisch variableren, in Teilen avantgardistischen „Into The Pandemonium“ (1987), der unsäglichen Glam-Metal-Massenmarktannäherung „Cold Lake“ (1988) und dem zumindest aus heutiger Sicht mehr als soliden „Vanity/Nemesis“ (1990)  war dann auch erst mal Schluss mit Studioalben und später auch der Band, ehe sich CELTIC FROST im neuen Jahrtausend reformierten und „Monotheist“ (2006) schufen. „To Mega Therion“ nimmt in dieser grob dargelegten Entwicklung zweifelsohne eine zentrale Rolle ein. Zusammen mit den beiden ersten, oben erwähnten Studiolebenszeichen – die als „Morbid Tales“ auf einer CD vereint erhältlich sind und deshalb gerne ebenso als Full-Length-Debüt angesehen werden (auch weil „Morbid Tales“ in den USA als LP erschien) – gehört der erste Longplayer zur Essenz dessen, was man als Metal-Fan von CELTIC FROST mal gehört haben sollte.

Schon auf den ersten Eindruck wirkt „To Mega Therion“ wie eine Metal-Blaupause: Im Titel trägt die Platte „das Große Tier“ aus der Offenbarung des Johannes, das man im Metal-Kosmos auch aus Iron Maidens Klassiker „The Number Of The Beast“ kennt, der in seinem Intro Zitate aus jenem Buch des Neuen Testaments enthält. Das Cover ist indes mit H. R. Gigers blasphemischem Gemälde „Satan I“ gestaltet, das eine gehörnte Gestalt zeigt, die eine Figur des gekreuzigten Leibs Jesu als Zwille missbraucht.

Nicht minder prototypisch für Black und Death Metal als der äußere Anschein kommt das daher, was dahinter steckt. Nach dem schleppenden, aufgrund seiner orchesterhaften Untermalung mit Horn und Pauke majestätisch-erhaben wirkenden Intro „Innocence And Wrath“ ist man mit dem donnernden „The Usurper“ bereits mittendrin in der Metal-Geschichtsstunde: Innovatives Drumming mit gezielten Doublebass-Akzenten, sägendes Riffing und Tom Warriors legendäres „Ugh!“ springen dem Hörer entgegen wie ein hungriges Raubtier. Sein rastloses, effektives und im Vergleich zum primitiven Ansatz von Hellhammer doch schon ausgefeiltes Gitarrenspiel auf „To Mega Therion“ verbindet sich mit Reed St. Marks energischer, präziser Schlagzeugarbeit zu einer mächtigen, druckvollen Mischung, die sich mal in teils thrashigen Speed-Parts austobt und mal in zähflüssigen Doom-Passagen entlädt. Die Gesangsdarbietung Warriors, der die Texte heiser-guttural und mit Müh und Not zur Hälfte verständlich herausbellt, trägt ebenso zur ungezügelten, rohen Energie der Platte bei wie seine herrlich antivirtuosen, dissonanten Soli. All diese Merkmale finden sich in nahezu jedem Song wieder – als beispielhaft seien hier trotzdem neben dem Opener noch „Jewel Throne“, „Fainted Eyes“ oder das von der EP „Emperor’s Return“ stammende, neu eingespielte „Circle Of The Tyrants“ genannt.

Zwischen all der sorgsam arrangierten Rohheit verfügt das Album mit dem dezent eingearbeiteten, opernhaften und heimsuchenden Falsettgesang von Gastsängerin Mokri jedoch auch über einen avantgardistischen Anstrich, der sich neben den eingangs erwähnten orchestralen Elementen in mehreren Songs wiederfindet. In dem Kontext ebenfalls zu erwähnen ist „Tears In A Prophet’s Dream“, das Instrumental vor dem finalen Brecher „Necromantical Screams“, das mit Becken, Noise- und weiteren Ambient-Effekten sowie dem Klagen verzweifelter Stimmen eine unheimliche Atmosphäre erzeugt – heutzutage aber wohl für weniger Gänsehaut sorgen dürfte als zum Zeitpunkt der Veröffentlichung. Hier ist in den Song-Credits übrigens ein gewisser Urs Sprenger zu finden, besser bekannt als Steve Warrior, das zweite Gründungsmitglied von Hellhammer. Nicht mit an Bord hingegen war Stammbassist und Co-Gründer Martin Eric Ain, der zusammen mit Frontmann Tom Warrior das Duo hinter CELTIC FROST bildete, zum Zeitpunkt der Aufnahmen von „To Mega Therion“ jedoch kein Teil der Band war – wenngleich er vor seinem nur einige Wochen andauernden Ausstieg am Songwriting mitgewirkt hatte. Auf dem 1999er Re-Release des Albums wurden „The Usurper“ und „Jewel Throne“ mit den Versionen der 1986 erschienenen EP „Tragic Serenades“ ersetzt, auf denen Ain am Bass zu hören ist.

„To Mega Therion“ gilt nicht nur als Meilenstein der Metalszene und – zusammen mit anderen Werken von z. B. Venom oder Bathory – als stilbildend für mehrere Subgenres, sondern war auch für CELTIC FROST ein großer Schritt vorwärts. Das kreative Potential, das man mit der Hellhammer-EP nur erahnen konnte und das auf „Morbid Tales“ sowie „Emperor’s Return“ schon deutlich hörbar war, entfaltet sich hier auf beeindruckende Weise. Das Songwriting – beispielsweise der gezielte, mehrfache Wechsel zwischen Up- und Midtempo-Varianten oder die Kombination von traditionellen und unkonventionellen Songstrukturen – sowie die daraus resultierende Stimmung machen „To Mega Therion“ zu einem kurzweiligen, intensiven und vor allem zeitlosen Hörerlebnis, das zwischen attackierender Brachialität und beklemmender Düsternis pendelt. Wer sich für die extremeren Spielarten von Metal interessiert, kommt an diesem Werk nicht vorbei.

Bewertung: 9.5 / 10

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