Review Lacuna Coil – Black Anima

Dass härter selbst im Metal nicht automatisch besser bedeutet, haben LACUNA COIL mit ihrer 2016er Platte „Delirium“ bedauerlicherweise allzu deutlich gemacht. Obwohl brachiale Instrumentierungen und Andrea Ferros Growls, die zuvor nur sporadisch („Black Crown Halo“) oder gar nicht („Dark Adrenaline“) ihren Weg in die Alben der Italiener gefunden hatten, nunmehr fester Bestandteil ihrer Songs wurden, konnte „Delirium“ seinen beiden Vorgängeralben nicht das Wasser reichen – von den frühen Gothic-Werken der Band ganz zu schweigen. Die stetig wachsende Hörerschaft, die LACUNA COIL zum Teil wohl erst nach ihrem Schwenk in Richtung modernem Alternative Metal auf „Karmacode“ kennengelernt hat, schien von dem aggressiveren Sound der Platte dennoch angetan zu sein. Es verwundert daher nicht, dass das Quintett diesen Weg auf „Black Anima“ weitergeht.

Die gute Nachricht zuerst: LACUNA COIL haben ihrem seit „Karmacode“ mehr oder weniger konstant fortschreitenden, kreativen Verfall mit „Black Anima“ vorerst Einhalt geboten. Gegenüber „Delirium“ haben sich die Italiener demnach nicht weiter verschlechtert. Was uns gleich zur schlechten Nachricht bringt: Eine Kurskorrektur zeichnet sich auf dem neunten Studioalbum der ehemaligen Gothic-Metaller ebensowenig ab. Das elegante Mittelmaß zwischen gefälliger Eingängigkeit, effektiver Melodik und kleinen, aber feinen, kompositorischen Details, das selbst die schwächeren Alben der Band zumindest bis zu einem gewissen Grad auszeichnete, haben LACUNA COIL immer noch nicht wiedergefunden.

Stattdessen ist die Truppe mehr denn je darum bemüht, die Gegensätze in ihrer Musik möglichst weit auseinanderklaffen zu lassen. So vereinnahmt Ferros zugegebenermaßen ziemlich kräftiger, gutturaler Gesang nicht selten ganze Strophen („Sword Of Anger“) und an der Gitarrenfront bekommt man beinahe ausschließlich stumpfes, unmelodisches Modern-Metal-Chugging zu hören. Demgegenüber stehen Christina Scabbias zwar gewohnt treffsicheren, teilweise jedoch nervtötend hochgepitchten Vocals („Anima Nera“), die pathetische Keyboarduntermalung und die allzu aufdringlichen Electro-Sounds, die LACUNA COIL immer wieder in die Songs einschleusen.

Beinahe möchte man meinen, das Quintett lege es bewusst darauf an, die Grenzen des schlechten Geschmacks auszuloten – etwa mit dem schwülstigen Pseudo-Operngesang auf „Veneficium“ oder den aalglatten Oh-Ah-Chören auf „Apocalypse“. Die soliden Tracks, darunter das halbwegs mitreißende „Sword Of Anger“ und das leicht mysteriöse, erhabene „The End Is All I Can See“, das auch gut auf „Dark Adrenaline“ gepasst hätte, sind hier eindeutig in der Unterzahl. Selbst diese wenigen Lichtblicke auf „Black Anima“ werden allerdings von der furchtbar gekünstelten, leblosen Produktion getrübt, sodass LACUNA COIL sich auch mit jenen nur dürftig über Wasser halten können.

Noch nie klangen LACUNA COIL dermaßen heavy und modern wie auf „Black Anima“ – und noch nie hatten sie musikalisch und lyrisch derart wenig zu sagen. Hatten selbst die umstritteneren Veröffentlichungen der Alternative-Metaller zumindest ein paar hörenswerte Highlights zu bieten, so ist inzwischen jeglicher Zauber, welcher der Musik der Südeuropäer einst innewohnte, verloren gegangen. Ironischerweise ist es gerade Scabbia selbst, die die künstlerische Misere von LACUNA COIL mit ihrem mitleidigen Spoken-Word-Part auf „Save Me“ am Besten auf den Punkt bringt: „And what remains is the shadow of my past / I look in the mirror and hate what I see / I don’t recognize my face anymore and wonder where all my dreams are gone“.

Wertung: 4 / 10

Publiziert am von

3 Kommentare zu “Lacuna Coil – Black Anima

  1. Man könnte meinen das Stephan Rajchl selber versucht die Grenzen des schlechten Geschmacks versucht auszuloten,denn nichts ist schlimmer wenn eine Kritik subjektiv und nicht objektiv ist,von der Geschmacksfrage einmal ganz abgesehen.Und wenn die Gitarrenarbeit „unmelodisch“ sein soll scheint Stephan Rajchl das falsche Album gehört er hat nicht richtig hingehört.Ich habe den Eindruck das hier jemand eine Kritik von einer Band verfasst hat die ihm sowieso nicht gefällt.Wo da der Sinn liegt erschließt sich mir nicht.Bemitleidenswert…

    1. Hi Bernd,

      ach, das Märchen der „objektiven Kritik“ mal wieder. Kritiken waren nie objektiv und werden es auch nie sein, weil sie es nicht sein sollen und auch nicht können. An welchen objektiven Fakten man bitte festmachen soll, ob ein Album „gut“ oder „schlecht“ ist, würde ich gerne mal wissen. Auch wenn man dabei auf immer gleiche Aspekte wie Songwriting, Instrumentierung, Komposition, Produktion achtet, sind Rezensionen stets Bewertungen, die am Ende auf einem subjektiven Eindruck beruhen. Dabei wird es immer Leute geben, die es anders sehen. Es ist nun mal nicht wie in der Mathematik, wo wir uns alle einig sind, dass 2+2=4 ist.
      Davon abgesehen spricht es nicht für dich, dass du, anstatt mit Gegenargumenten zu arbeiten, Stephan nur ganz platt persönlich angehst. Wenn du anstatt an einem Meinungsaustausch nur daran interessiert bist, deine eigene Meinung in den Worten anderer zu lesen, und es darüber hinaus offenbar persönlich nimmst, wenn jemand etwas Kritisches über eine Band schreibt, die du magst, können wir dir mit dieser fundierten Review also leider nicht weiterhelfen.

      Grüße aus der Red
      Markus

    2. Hey Bernd,
      obwohl ich den Ton deines Kommentars nicht gerade höflich finde, freue ich mich für dich, dass dir das Album offenbar mehr zusagt als mir. Wie ich in meinem Text erwähnt habe, scheint die neue Marschroute der Band ja vielen zu gefallen, das will ich gar nicht leugnen.

      Das bringt mich aber auch schon zum ersten Punkt meiner Kritik an deiner Kritik: Reviews sind naturgemäß immer subjektiv. Man kann vielleicht einzelne Punkte bis zu einem gewissen Grad objektivieren (ein reines Gothic-Metal-Album als Thrash Metal zu bezeichnen, könnte man wohl objektiv falsch nennen), aber wie gut jemandem etwas gefällt ist immer subjektiv.
      In Bezug auf die Gitarrenarbeit bleibe ich ganz klar bei meiner Einschätzung. Auf ihren älteren Platten waren die Gitarren bzgl Melodieführung sehr präsent, inzwischen klingen sie in meinen Ohren nur noch grob.
      Und zuletzt möchte ich dir noch versichern, dass ich Lacuna Coil keineswegs grundsätzlich schlecht finde. Ich mag sogar manche ihrer neuern, wenn auch nicht mehr ganz aktuellen Alben wie „Dark Adrenaline“ ziemlich gerne, wie ich ja auch in meinem Text geschrieben habe. Außerdem spricht doch grundsätzlich auch nichts dagegen, eine Band zu kritisieren, der man generell nicht viel abgewinnen kann. Solange man seine Kritik begründen kann, ist das auch valide.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.