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Vinsta – Vinsta Wiads

Die eher beliebig wirkende Berglandschaft auf dem Artwork, der unauffällig geschwungene Schriftzug, der Bandname, der Album- und die Songtitel im österreichischen Dialekt – fast sieht man sich zu dem Vorurteil verleitet, VINSTA sei nur eine x-beliebige Folk-Metal-Truppe aus den Alpen. Dass der Salzburger Christian Höll mit seinem noch jungen Soloprojekt gelegentlich auf akustischen Pfaden wandelt, stimmt sogar, doch eigentlich sind es zwei andere Metal-Genres, auf die sich VINSTA stützt: Progressive und Melodic Death Metal. Nachdem dieses Missverständnis aus der Welt geschafft ist, kann man sich mit neu entfachter Neugier daran machen, zu erkunden, was „Vinsta Wiads“ wirklich zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge.

Um nochmal auf die möglicherweise fälschlich unterstellte Beliebigkeit einzugehen: VINSTA klingt keineswegs wie irgendeine No-Name-Band, sondern sogar wie eine ganz bestimmte, viel gerühmte Prog-Death-Koryphäe. Schon beim ersten Hördurchlauf bekommt man schnell das Gefühl, dass „Vinsta Wiads“ eigentlich schon mal veröffentlicht wurde, nämlich im Jahr 1999 von Opeth. Kenner wissen natürlich, dass damit „Still Life“, eines der Meisterwerke ihrer mittleren Phase, gemeint ist. Jawohl, VINSTA hat hiermit gewissermaßen das österreichische Äquivalent zu jenem Genre-Klassiker geschaffen.

Dieser Gedanke kommt einem schon bei den eröffnenden langgezogenen Leadmelodien und Clean-Gitarren im Titeltrack und bleibt auch noch beharrlich im Kopf, wenn VINSTA seine mächtigen Growls, griffigen Groove-Riffs und treibenden Double-Bass-Drums auspackt. Die Ähnlichkeit zum besagten Referenzwerk ist frappierend: Immer wieder führt der Weg von den kraftvollen, rhythmischen Riffs und den subtil melancholischen Leads über wunderbar verspielte Soli hin zu sanften, mysteriösen Clean- und Akustik-Abschnitten. Sogar gesanglich ist Christian das exakte Ebenbild von Mikael Åkerfeldt, er kann nämlich nicht nur finster growlen, sondern auch nachdenklich singen.

Die Opeth-Anbetung, die auf „Vinsta Wiads“ betrieben wird, ist eigentlich fast schon dreist – aber eben auch verdammt gelungen umgesetzt. Ein wenig Individualität erlaubt sich VINSTA dann aber doch noch. So singt Christian konsequent auf österreichisch und fügt dem ohnehin schon gehaltvollen Stilmittel-Kanon seiner Vorbilder weitere Elemente wie hemmungslose Blast-Beats („Gedonknschwa“) oder mal gefühlvoll, dann wieder geradezu unheimliche Geigen („Gedonknstad“) hinzu.

Jazz-Balladen wie „Benighted“ sind das einzige, was es auf „Still Life“, nicht aber auf „Vinsta Wiads“ gibt. Ansonsten ähneln diese Alben einander wie ein Ei dem anderen. Die einzige Ausnahme bilden die Geigen-Interludes, mit denen VINSTA einen Teil seiner 45 Minuten lange Platte füllt. Innovativ ist „Vinsta Wiads“ wirklich nicht, genau genommen nicht einmal eigenständig. Dass der Salzburger die technischen Fähigkeiten und das Songwriting-Talent hat, derart knapp zu Opeth zu ihrer besten Zeit aufzuschließen und sie zum Teil sogar zu überflügeln, ist jedoch absolut bewundernswert. Seine zweite Veröffentlichung ist nämlich weit mehr als einfallsloser Klon, sondern ein von vorne bis hinten beeindruckendes, atmosphärisches, mystisches und spielfreudiges Album, das einem perfekten Fluss folgt und seinem Vorbild in praktisch nichts nachsteht.

Origin – Unparalelled Universe

Ist das noch Tech Death oder doch schon Grindcore? Oder öffnen ORIGIN mit ihrem neuen Album „Unparalelled Universe“ das Tor zu einem neuen Genre, in dem die kurze Brutalität des Grindcores mit dem technischen Geschick des Tech Death zu etwas verbunden wird, das sich nicht nur hart, sondern auch noch geschickt in die Schädeldecke prügelt? ORIGIN ist die Auflösung dieses Gedankengangs mit Sicherheit egal, schließlich machen die Amerikaner auf  „Unparalelled Universe“ doch „nur“ wieder das, was sie seit zwei Dekaden auf die Musiklandschaft loslassen: Death Metal in seiner schnellsten Form.

Bereits im Opener lassen die US-Amerikaner ein schier unkoordiniertes Feuerwerk an Ideen los; ein Feuerwerk, welches auch in den kommenden vier Tracks keinerlei Bändigung erfahren wird. Erst mit „Invariance Under Transformation“ zeigen ORIGIN einen nahezu konzipiert wirkenden, da mit einer erkennbaren Struktur versehenen Song, der in feinster Death-Metal-Manier das letzte Staubkorn aus der Box drückt – die Schweden von Bloodbath dürften neidisch auf dieses Prachtexemplar blicken. „Unparalelled Universe“ bietet neben der gewünschten Portion Geknüppel allerdings auch einige Überraschungen, seien es das atmosphärische Outro („Cascading Failures“), das Brujeria-Cover „Revolucion“ (vom 1995er Album „Raza Odiada“) oder aber der mit zehn Minuten bemessene Song „Uneqivocal“, der nicht nur durch seine Überlänge auffällt, sondern besonders durch seine Steigerung ab der Hälfte des Tracks.

Während Paul Ryan pfeilschnelle wie schwindelerregende Gitarrenläufe zaubert und Bassist Mike Flores einige jazzige Anleihen durchblicken lässt, ist es besonders Schlagzeuger John Longstreth, dessen flinke Gliedmaßen einen Playthrough nur dann möglich machen, wenn der Hörer mehr als ein Fan ist, nämlich selbst versierter Tech-Death-Drummer. Auch wenn ORIGIN ihr Handwerk also wie eh und je zur Schau stellen, bietet „Unparalelled Universe“ dennoch mehr Raum, um sich in die Lieder einfinden zu können. Denn während der Vorgänger „Omnipresent“ (2014) überladen und zu durcheinander gehalten war, gelingt es dem Quartett auf ihrem siebten Album besser, ihren musikalischen Wahnsinn in Maßen zu streuen. Technik-Enthusiasten, die ihre Musik unberechenbar gestaltet wissen wollen, landen mit dem neusten ORIGIN-Werk somit erneut einen Treffer, der sie auch nach achtzehnmal Hören noch immer irgendwie überfordern dürfte.

Gojira w/ Code Orange, Car Bomb

Bereits letztes Jahr tourten GOJIRA als Support für Alter Bridge durch Europa. Nun kehrt die französische Öko-Band, die bekannt dafür wurde, extrem brachiale und progressive Death-Metal-Hymnen über ganz unmetallische, grüne Themen wie Plastikmüll oder Massentierhaltung zu schreiben, mit CODE ORANGE und CAR BOMB als Support zurück. In München hat sich das Trio die Theaterfabrik als Location für ihre Headlinertour zu ihrem aktuellen Werk „Magma“ ausgesucht. An sich eine nachvollziehbare Wahl – wenn an diesem Abend nicht anscheinend die Belüftungsanlage der Halle ausgefallen wäre (oder absichtlich abgestellt wurde). Schon bei Konzertbeginn vernebeln unangenehm hohe Temperaturen und stickige Luft die Sinne der Anwesenden.


CAR BOMB eröffnen den Abend mit einer Mischung aus Meshuggah, The Dillinger Escape Plan und Tech-Death-Metal. Immer wieder bauen die New Yorker mächtige Klangwände auf, die in ihrer Kombination aus mechanischem Riffung und ballernder Doublebass an die legendären Schweden erinnern, ehe CAR BOMB mit einer mathigen Einlage und wildem Geschrei The Dillinger Escape Plan huldigen und es dem Hörer gleichzeitig schwer machen, sich während der Grooves in einem wohligen Gefühl zu verlieren. Dass die vier Musiker wie die Zinnsoldaten auf der Bühne stehen und sich kaum bewegen, ist dabei nicht mangelnder Lust, sondern schlicht fehlendem Platz geschuldet. Dafür bewegt sich das Publikum ein wenig, indem der eine oder andere Kopf geschüttelt und nach den Songs diverse Fäuste gereckt werden. Mit diesem Auftritt werden CAR BOMB zwar sicher nicht zur neuen Lieblingsband der Anwesenden avancieren, ein gelungener Auftritt und eine starke Eröffnung des Abends waren diese rund 30 Minuten aber fraglos. [CE]


Nach einer knappgehaltenen Umbaupause, die nun deutlich mehr Platz auf der Bühne bietet, erlischt die Hallenbeleuchtung, die Bühne wird in rotes Licht getaucht und mit düsteren elektronischen Klängen beginnen CODE ORANGE ihr Set. Bereits nach wenigen Sekunden des brachialen Openers „Forever“ bildet sich ein amtlicher Pit in der Theaterfabrik, der das gesamte Set überstetig anwächst. Befeuert von anpeitschenden Ansagen von Drummer Jamie walzen sich CODE ORANGE bei perfektem Sound durch dekonstruierte Breakdowns, suhlen sich in elektronischen Sludgelawinen und sorgen dafür, dass die Temperatur in der Theaterfabrik in Saunagefilde ansteigt. Nach zehn Nummern und 40 Minuten Spielzeit verabschieden sich CODE ORANGE vom Publikum. Auch als Hardcore-Band haben die fünf MusikerInnen mit diesem schweißtreibenden, energiegeladenen Auftritt sicherlich viele neue Fans aus dem Metalbereich hinzugewinnen können. [BL]

Setlist Code Orange

  1. Forever
  2. Kill The Creator
  3. My World
  4. Bleeding In The Blur
  5. The New Reality
  6. I Am King
  7. Slowburn
  8. Ugly
  9. Spy
  10. The Mud



Als GOJIRA dann mit „Only Pain“ von ihrem aktuellen Album „Magma“ ihr Konzert starten, hat die Halle bereits Saunatemperaturen erreicht. Das merken auch die Franzosen selbst und betonen wiederholt, wie verdammt heiß es gerade auf der Bühne ist. In Sachen Einsatz lassen die Prog-Deather sich dadurch allerdings nicht unterkriegen: Mit einer wie immer energiegeladenen Show präsentieren die Duplantier-Brüder und ihre Mitmusiker wie immer präzise wie ein Uhrwerk einen außerordentlich gut zusammengestellten Querschnitt durch ihre Diskographie. Die Fans zeigen sich dabei bei altem und neuem Material gleichermaßen textsicher und gröhlen begeistert markante Textstellen mit. Dass der Sound leider stellenweise nicht so ganz mitspielt, indem er zwar im Tiefenbereich druckvoll und klar donnert, sämtliche Gitarrenmelodien aber fast gänzlich verschluckt, ist bei so einer Show glücklicherweise verkraftbar.

Heimlicher Star der Band ist auch dieses Mal Drummer Mario. Bei Songs wie „The Cell“, „Oroborus“ oder dem Überhit „Toxic Garbage Island“ beweist er eindrucksvoll seine Groovekünste und seinen wiedererkennbaren Stil und darf dann in der Mitte noch ein ausgedehntes Drumsolo vortragen, das vom merklich musikalischen Publikum mit Klatschen begleitet und anschließend bejubelt wird. Ob es nun der Hitze geschuldet ist oder bereits vor dem Konzert entschieden wurde, die Setlist unterscheidet sich jedenfalls von denen der restlichen Tour. So fehlt beispielsweise der Titeltrack des Vorgängers „L’Enfant Sauvage“ vollständig, wodurch das Album an diesem Abend gar nicht vertreten ist. Trotz dieser Umstände sieht man den Fans nach dem Konzert eine Mischung aus Zufriedenheit und Erschöpfung an, sodass die Rückkehr von GOJIRA nach München als voller Erfolg gewertet werden kann. [SB]

„This was the hottest night of my life“ erzählt einer der Musiker von GOJIRA am Ende ihres Auftritts – eine durchaus treffende Zusammenfassung. Bei unmenschlichen Temperaturen bieten alle drei Bands jeweils auf ihre eigene Art wahnsinnig energetische Shows, die den Abend zu einem vollen Erfolg machen. Besonders GOJIRA selbst beweisen erneut, dass ihr kometenhafter Aufstieg in den letzten Jahren absolut berechtigt ist. Doch auch CODE ORANGE und CAR BOMB zeigten ihre bemerkenswerten Qualitäten, sodass man sich auf die Rückkehr aller drei Bands freuen kann.

Persefone – Aathma

PERSEFONE dürften sich mittlerweile zur bekanntesten Metal-Formation aus Andorra hochgearbeitet haben. 2013 erschien ihr vielgelobtes Werk „Spiritual Migration“, das Progressive-Metal- und Melodic-Death-Metal-Fans gleichermaßen für sich gewinnen konnte. Mit „Aathma“ steht nun das fünfte, fast 64 Minuten lange Album in den Startlöchern, das den Status der Band noch weiter festigen soll.

Melodic Death Metal mit verschwurbeltem Progressive Metal zu kombinieren ist tatsächlich etwas, was man in dieser Form noch nicht oft gehört hat. „Prison Skin“, der erste richtige Song der Platte nach gleich zwei instrumentalen Intros, bietet in knapp sechseinhalb Minuten eine gute Zusammenfassung des Repertoirs der Truppe: Zwischen klassischem, geradlinigem und schnellem Dual-Guitar-Riffing feuern die durch die Bank absoluten Spitzeninstrumentalisten fast im Sekundentakt dermaßen vertrackte Rhythmikstunts durch die Boxen, dass selbst Prog-Bands wie Dream Theater und Haken sicherlich ins Staunen geraten. Vom ersten Durchlauf an ist das zutiefst beeindruckend, gleichzeitig aber eine so enorme Reizüberflutung, dass die meisten der Tracks mehr als eine Hand voll Male gehört werden müssen, um das alles erfassen zu können.

Das ist einerseits zwar große eine Stärke des Albums, denn bei all der Verspieltheit verliert „Aathma“ auch bei zehn und mehr Wiederholungen immer noch kein bisschen von seinem Reiz. Andererseits ist das auch der größte Kritikpunkt, denn PERSEFONE geht wiederholt der Flow verloren, da sie sich oft in zu ausufernden Spielereien verlieren. Gerade deshalb sind es straightere Songs wie das großartige „Living Waves“, das eingängige „Spirals Within Thy Being“ oder das abschließende, vierteilige Opus „Aathma“, die den besten Eindruck hinterlassen, wohingegen das fast zehnminütige „Stillness Is Timeless“ dann doch zu viel des Guten ist. Denn so sehr die einzelnen Teile auch grooven – und das tun sie teilweise auf derart brillante Art, dass PERSEFONE in diesem Punkt gut 90% aller Prog-Bands in die Tasche stecken – so durcheinander wirken die Songs häufig, wenn etwa doppelt so viele Ideen Einzug in die Stücke fanden, als gut für sie gewesen wäre.

Wie auch schon auf dem nicht ganz so vertrackten Vorgänger „Spiritual Migration“ pflegen PERSEFONE auf „Aathma“ eine intellektuelle, philosophische Herangehensweise, die sich zwar vor allem in den Lyrics, aber auch in der Musik widerspiegelt. Mit viel Gespür für eine erhabene, spacige Atmosphäre bauen sie immer wieder auch meditative oder moderne, elektronische Parts ein, deren herausragende Wirkung vor allem dem Klargesang sowie der fantastischen Klavier-, Streicher- und Synthesizer-Arbeit von Keyboarder Miguel Espinosa zu verdanken ist. Sie setzen die wichtigen Ruhepole zwischen den brachialen oder hirnverknotenden Technikspielereien der Musiker, die nicht selten schon in den Technical-Death-Metal-Bereich abdriften. Mit ihrem unverkennbaren Stil erschaffen PERSEFONE ein individuelles Klangbild, dem man ohne Zweifel attestieren kann, dass es seinem Attribut „progressiv“ mehr als gerecht wird und dieser unverbrauchten Art Musik auf die nächste Ebene verhilft. Kein Wunder also, dass das Sextett für das Intro „An Infinitesimal Spark“ und für „Living Waves“ Paul Masvidal (Vokalist der damals ähnlich innovativen Cynic) verpflichten konnten, der den Stücken seinen charakteristischen Vocoder-Gesang schenkt.

Auch in Sachen Produktion hat sich einiges getan. Obgleich „Spiritual Migration“ bereits einen klaren, kraftvollen Sound für sich verbuchen konnte, ist der Unterschied zwischen „Aathma“ und PERSEFONEs früheren Werken kolossal. Jens Bogren, der sich auf für Bands wie Symphony X, Katatonia, Opeth, Devin Townsend und Arch Enemy verantwortlich zeigt, verpasste der Scheibe einen sehr modernen, technisch perfekten, aber nicht zu sehr geglätteten Klang, der den Songs sehr zugutekommt. Besonders beeindruckend wirkt hierbei das grandiose Finale der namensgebenden Quadrilogie „Aathma“, das in seiner orchestralen Breite und mit den betörend schönen, weiblichen Clean-Vocals auch einen Disneyfilm hätte untermalen können.

„Aathma“ wird in der Prog-Szene mit Sicherheit großes Aufsehen erregen und gerade in diesen Kreisen am Ende des Jahres seinen Weg auf diverse Bestenlisten finden. Für nicht sehr Tech-Death-affine Hörer werden die in geradezu epileptischer Hektik hin- und herwechselnden Ideen sicherlich immer wieder zu Schwierigkeiten führen, dem roten Faden der Songs zu folgen. Wer allerdings auf Sammelsurien an meisterhaft umgesetzten Musikkunststücken steht und über etwas chaotische Strukturen hinwegsehen kann, für den wird es wohl 2017 kaum ein passenderes Werk geben.

Allegaeon – Proponent For Sentience

Seit 2008 (davor schon unter dem Namen Allegiance) zeigen ALLEGAEON mit ihrer Musik, dass Tech-Death nicht brutal und Melo-Death nicht simplistisch sein müssen. Zwei Jahre nach „Elements Of The Infinite“ legen die amerikanischen Melodic-Tech-Deather ihr viertes Album „Proponent For Sentience“ nach. Dieses klingt nicht nur dem Namen nach sehr ambitioniert, das insgesamt 72 Minuten Spielzeit umfassende Opus ist es auch tatsächlich. Erfreulicherweise sind ALLEGAEON an ihren Ansprüchen nicht gescheitert, sondern sogar daran gewachsen, wie die vorliegende Platte eindeutig beweist.

„Proponent For Sentience“ ist nämlich eine zum Bersten mit fantastischen Ideen gefüllte, musikalische Fundgrube. Technische Riffs, atemberaubende Frickel-Leads, hyperschnelle Soli, stimmig ergänzende und gut hörbare Basslines sowie variable Schlagzeugrhythmen mit nicht zu knapp bemessenen Double-Bass- und Blasting-Parts gehören bei ALLEGAEON schon länger zur Grundausstattung, dennoch müssen all diese Aspekte auch hier noch einmal gelobt werden. Doch damit haben sich die fünf (inzwischen nur noch vier) Vorzeigemusiker längst nicht zufriedengegeben.
Die Bandbreite reicht vom symphonischen Bombast der ersten zwei Parts des Titeltracks über die heiteren Flamenco-Akustikgitarren im über acht Minuten langen „Gray Matter Mechanics – Apassionata Ex Machinea“ und die stimmungsvollen, fast schon Post-Metal-artigen Gitarren in „Of Mind And Matrix“ bis hin zu den mitreißenden, kraftvollen Gast-Vocals von Gesangsakrobat Björn Strid (Soilwork) im dritten und letzten Teil des Titelsongs. Für praktisch jede Nummer haben sich ALLEGAEON etwas Besonderes einfallen lassen, ohne dabei den stilistischen roten Faden zu verlieren.
Obwohl die im Allgemeinen recht langen Songs äußerst facettenreich und spielerisch auf höchstem Niveau sind, erleidet man zu keiner Zeit eine Reizüberflutung, da die meisten Songs nachvollziehbaren Strukturen folgen und so manche eingängige, aber deswegen nicht minder beeindruckende Stelle (die nicht selten der Refrain ist, siehe „Terrathaw And The Quake“) beinhalten. Dass man die vielen Dinge, die es in der Musik von ALLEGAEON zu entdecken gibt, auch tatsächlich als solche erkennt, liegt mitunter an der tadellosen, klaren Produktion. Ansonsten sei außerdem noch Neuzugang Riley McShane positiv hervorzuheben, er liefert hinter dem Mikro mit seinen variablen Screams und Growls eine mehr als solide Leistung ab.

Egal, von welchem Ausgangspunkt man an die Platte herangeht, „Proponent For Sentience“ ist ein durch und durch gelungenes Stück Melodic-Tech-Death, mit dem sich ALLEGAEON abermals als Meister ihres Fachs profilieren. Die neuen Songs sind episch, verspielt, vielfältig, bisweilen sogar atmosphärisch und dennoch leicht zugänglich, ohne dabei zu schnell an Reiz zu verlieren. Einzig das abschließende, eher gemäßigte Rush-Cover „Subdivisions“ will mit seinen recht gewöhnlichen Cleans nicht so recht dazu passen, doch darüber kann man ohne weiteres hinwegsehen. Die Fans sind damit bis zum nächsten Output auf jeden Fall gut versorgt.

Peripheral Cortex – Rupture (Demo)

Als Band im beiliegendem Promo-Sheet zu behaupten, dass man Tech Death spielt, geht einfach über die Lippen. Als Band damit erst gar nicht hausieren zu müssen, sondern seine Musik für sich selbst sprechen zu lassen, ist das beste Qualitätssiegel, welches sich die Musiker selber geben können. Und eine von Mendel Bij de Leij (Aborted, Oracles) gemixte und gemasterte Demo vorlegen zu können, unterstreicht dies nur; das Berliner Quartett PERIPHERAL CORTEX geht bei seinem Einstand in die deutsche Technical-Death-Landschaft wie beschrieben vor und macht mit der (leider nur) zwei Track umfassenden „Rupture“-Demo auf sich aufmerksam.

Die knapp zehnminütige Scheibe zieht bereits beim ersten Durchlauf, denn PERIPHERAL CORTEX machen so ziemlich alles richtig, um einen Fuß in dieses anspruchs- und gehaltvolle wie dynamische Genre setzen zu können: facettenreiches Riffing, haarscharfes Drumming, smoothe Basslinien und Motivwechsel wie Sand an Meer. Zwar danken die Ohren der kurzen Spielzeit für die absehbare Erholung, da PERIPHERAL CORTEX im ersten Moment ebenso überfordern wie eine „Epitaph“ es vor gut zwölf Jahren tat, so richtig damit abfinden, dass die Berliner vorerst nicht mehr Material kredenzen, möchte sich der geneigte Tech-Death-Fan allerdings nicht, denn dafür sind die gebotenen zwei Songs zu gut.

In Zeiten, in denen das deutsche Genre-Wunderkind Necrophagist ein Heckmeck um seine Existenz macht und lediglich Obscura als bedeutender Tech-Death-Export vermarktet werden kann, kommen PERIPHERAL CORTEX eigentlich gerade richtig. Mit „Rupture“ zeigen sich die Berliner bereits auf dem Niveau, dank dem man ihre hoffentlich bald in den Läden stehende erste Full-Length bereits vorab empfehlen kann.

Oni – Ironshore

Unter einem wolkenverhangenen Himmel blickt eine gehörnte Gestalt in majestätischer Übermacht auf uns herab. Es handelt sich um einen Oni, einen gestaltwandelnden Dämon der japanischen Mythologie. Ebendiesen unliebsamen Gesellen haben sich die kanadischen Newcomer ONI nämlich zum Namenspatron gewählt. Wer nun denkt, ihr Debüt „Ironshore“ sei musikalisch an Whispereds Samurai Metal angelehnt, der irrt sich gewaltig, denn ONI spielen darauf gänzlich unjapanischen Djent bzw. Prog-Death. Irgendetwas Besonderes müssen die sechs Kanadier (die auf dem Album nur zu fünft sind) jedoch an sich haben, wenn sie schon ihr erstes Album über ein großes Label wie Metal Blade veröffentlichen dürfen.

Tatsächlich springt uns dieses Besondere gleich in den ersten rasanten Tönen des Openers „Barn Burner“ entgegen: ONI setzen neben ihren Metal-typischen Instrumenten nicht etwa ein Keyboard, sondern einen sogenannten Xylosynth ein, eine Mischform aus Xylophon und Synthesizer. Der spacige Sound dieses ungewöhnlichen Instruments passt zu den spielerisch höchst anspruchsvollen Gitarrenriffs und Drum-Patterns erfreulicherweise wie die Faust aufs Auge. Gerade wenn Xylosynthist (?) Johnny DeAngelis das Spotlight für sich hat, beweist er beeindruckendes technisches Können, so zum Beispiel im zwischen Gitarre und Xylosynth hin und her wechselnden Solo in „Chasing Ecstasy“.

Doch auch die übrigen Bandmitglieder dürfen sich für ihr Spiel größtenteils auf die Schultern klopfen. Die vorherrschenden aggressiven Screams klingen recht gut, wenn auch nicht so gelungen wie die gelegentlichen Growls, an den Gitarren überzeugen ONI durch verspielte, luftig leichte Frickeleien, aber auch brutale, bisweilen sogar recht einfallsreiche Breakdowns. Vor allem in den weniger harten Passagen freut man sich über kreative Bassspielereien, während Drummer Joe Greulich gerade in den brachialen Momenten zeigt, was er drauf hat. Obwohl also jeder in der Band sein Instrument perfekt beherrscht, überfordern ONI zu keiner Zeit, sondern achten in ihren Songs stets auf den Flow, sodass selbst der elfminütige Longtrack „The Science“ nicht minder spannend ist als die übrigen mittellangen Tracks.

Nach all dem Lob muss jedoch leider auf einige Dinge hingewiesen werden, bezüglich derer ONI noch Verbesserungsbedarf vorweisen. Auf den viel zu glatten, austauschbaren Klargesang sowie einige stumpfe Core-Rhythmuseskapaden wie gegen Ende von „The Science“ sollten die Prog-Deathcoreler in Zukunft nämlich lieber ganz verzichten, da sie hier nur störend dazwischenfunken. Vor allem die schwachen Cleans stehen dem Hörgenuss viel zu oft im Weg, die rein gescreamten Tracks „The Only Cure“ und „Spawn And Feed“ funktionieren eindeutig besser. Auch die übertrieben sterile Produktion ist ein kleiner Wermutstropfen.

Insgesamt überwiegen bei ONI die positiven Aspekte und allein schon ob ihrer Fähigkeiten als Musiker möchte man die Kanadier beglückwünschen. „Ironshore“ ist voll von spielerischen Glanzleistungen und der Xylosynth fügt der Musik eine außergewöhnliche Note bei. Allerdings fallen die Cleans, manche der typischen Core-Elemente und die Produktion zu sehr negativ ins Gewicht, als dass man die Platte guten Gewissens als Meisterwerk bezeichnen könnte. Ganz abgesehen davon, dass sich ONI mit ihrem Namen und dem Artwork eher irreführend präsentieren. An sich hat man es hier jedoch mit interessanten Newcomern zu tun.

Mindahead – Reflection

Eine Progressive-Extreme-Metal-Band mit einer Frau als Leadsängerin? Wer in letzter Zeit im Metal-Bereich seine Augen und Ohren offen gehalten hat, dürfte nun wohl gleich an Oceans Of Slumber denken. Ebenjene Beschreibung trifft allerdings auch auf die Italiener MINDAHEAD zu, die mit „Reflection“ ihr gut einstündiges Debüt vorlegen. Im Gegensatz zu ihren texanischen Zeitgenossen verzichten die sechs aufstrebenden Italiener jedoch auf Anleihen aus Black und Doom Metal, sondern verhärten ihre progressive Musik ausschließlich mit kräftigem Death Metal.

Davon merkt man anfangs noch rein gar nichts, denn im Gegensatz zu dem zweifelsfrei interessanten, aber nicht gerade bahnbrechenden Textkonzept über eine fiktive Zukunft, in der die Gedanken der Menschen systematisch kontrolliert werden, ist die Musik, die MINDAHEAD spielen, überaus unkonventionell. So folgt auf den Titeltrack – ein düsteres Piano-Intro – mit „Remain Intact“ nicht etwa gleich ein derber Todesmetallausbruch, sondern ein fließender Übergang in eine verträumte, Ambient-artige Klangwelt mit reduzierten, atmosphärischen Gitarren und Bass. Erst nach ungefähr zwei Minuten holen MINDAHEAD zum metallischen Befreiungsschlag aus, es bleibt jedoch weiterhin sehr melodisch.
Diese Unvorhersehbarkeit ist bezeichnend für die Strukturen auf „Reflection“ und bereits früh wird klar, dass MINDAHEAD damit genau richtig gefahren sind. Denn auf diese Weise halten die Italiener praktisch durchgehend die Spannung hoch, obwohl das Album als solches dadurch auch ziemlich sperrig erscheint. Selbst nach einigen Durchläufen bleiben nur ein paar Passagen zuordenbar im Gedächtnis, doch das macht nichts, da man dadurch stets dazu verleitet ist, sich noch eingehender mit den anspruchsvollen, facettenreichen Songs auseinanderzusetzen. Zwischen abgefahrenen, variablen Longtracks wie dem beinahe elfminütigen „Amigdala“ wissen MINDAHEAD jedoch auch, sich zurückzunehmen, sodass reduzierte, melancholische Akustik- bzw. sphärische Clean-Phasen (oder ganze Tracks wie das ergreifende „Farewell“) vor allem wegen ihrer Emotionalität und Stimmung beeindrucken.
Der Gesang von Kyo Calati ist schon ganz ordentlich, wenn auch nicht allzu besonders, die Screams hingegen klingen leider viel zu gepresst, da hätten MINDAHEAD den Fokus lieber auf die vereinzelten tiefen Growls legen sollen. Instrumental lässt sich das Sextett jedoch überhaupt nichts zu Schulden kommen: Die Riffs und Soli sind verspielt, melodiös und heavy zugleich, am Bass wird sich ordentlich ausgetobt und Drummer Matteo Ferrigno wartet mit Double-Bass, Blasts und vertrackten Rhythmen auf. Sogar bisweilen symphonische Keyboards kann man heraushören, hier übertreiben es MINDAHEAD gelegentlich jedoch mit dem Pathos.

Trotz einiger kleiner Schwachpunkte kann man das Erstlingswerk von MINDAHEAD bedenkenlos als gelungen bezeichnen. Die italienischen Prog-Deather haben darauf atmosphärische und technisch komplexe Elemente miteinander verbunden und somit ein Album kreiert, auf dem etwaige Genre-Standards zur rechten Zeit umgangen werden, ohne dabei zu sprunghaft vorzugehen. Noch ist da ein wenig Luft nach oben, doch die werden MINDAHEAD in Zukunft vielleicht auch noch verdrängen, darum sollte man ihren Werdegang auf jeden Fall weiter verfolgen.