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Pestilence – Hadeon

2014, ein Jahr nach der Veröffentlichung des siebten Albums „Obsideo“, schien das Kapitel PESTILENCE für immer geschlossen: Die Band sei „dauerhaft zur Ruhe gelegt“, ließ Patrick Mameli die Fans damals wissen. So ganz ohne PESTILENCE konnte der Ausnahmegitarrist dann aber doch nicht: Seit 2016 ist die Band unter seiner Führung, ansonsten aber einmal mehr auf allen übrigen Positionen mit neuen Musikern besetzt, wieder zurück. Die Manifestation der neuerlichen Reunion in Form neuen Materials ließ nicht lange auf sich warten: Mit „Hadeon“ erscheint nun das achte Studioalbum.

Bereits nach den ersten Takten von „Non Physical Existent“ ist klar: Wo PESTILENCE drauf steht, ist auch 2018 noch PESTILENCE drin. Ohne Verschnaufpause haut das Quartett dem Hörer auch diesmal technisch versierte, mitunter fast mechanisch klingende Riffs um die Ohren. Doch nicht nur das Riffing, auch der bandtypische, sterile Gitarrensound sorgt für massig Wiedererkennungswert. Und spätestens Mamelis heiserer Gesang macht das Resultat vollkommen unverwechselbar – Vergleiche mit anderen Bands sind also überflüssig.

Vergleicht man „Hadeon“ jedoch mit den vorangegangenen Werken, stellt man – wohl zur Freude vieler Fans – einen gewissen Retro-Charme fest: Gerade die eingestreuten Effekte (wie die spacige Gesangsmodulation in „Astral Projection“), aber auch die verspielten Soli und atmosphärischen Parts („Subvisions“) erinnern an die „guten, alten Zeiten“. Die Produktion, für die wie schon bei „Obsideo“ Christian „Moschus“ Moos vom Spacelab Studio verantwortlich zeichnet, tut hier ihr Übriges: Anders als beim knackig-modern klingenden Vorgänger schwingt im Sound diesmal eine angenehme Oldschool-Note mit.

Was die Songstrukturen angeht, agieren die Niederländer einmal mehr bandtypisch monoton: Oftmals belassen es PESTILENCE bei zwei Riffs (und ein paar wenigen Variationen), die den Song in endlosen Wiederholungen bis zum Solo (und darüber hinaus) tragen müssen. Dass alle beteiligten Musiker dabei größte Spielfertigkeit an den Tag legen, schützt „Hadeon“ zwar nicht davor, dass der eine oder andere Song (auf sehr hohem Niveau) dann doch etwas stumpf klingt. Da das aber quasi schon in der PESTILENCE-DNA verankert ist, sollten sich zumindest Fans der Band daran aber nicht weiter stören.

Schlussendlich ist „Hadeon“ sowohl der logische „Obsideo“-Nachfolger als auch eine tiefe Verneigung vor den Frühwerken der einflussreichen Tech-Deather aus den Niederlanden: Was „Hadeon“ in puncto Riffs bisweilen an Pepp fehlt, macht das Album an anderer Stelle mit verspielten Soli und schicker Retro-Atmosphäre wett. In knapp 40 Minuten geben PESTILENCE so einen gelungenen Abriss dessen, wofür sie mit ihrem Namen 2018 stehen. Aber auch, warum der Name nach 32 Jahren (und zuletzt einigen eher mittelmäßigen Alben) seine Strahlkraft zu Recht nicht verloren hat.

Embrace The Dawn – The Effigist

Bei einem Bandnamen wie EMBRACE THE DAWN werden wohl viele erst mal an kitschigen Gothic oder Symphonic Metal denken. Wirft man jedoch einen Blick auf das Cover-Artwork von „The Effigist“, dem Debüt der besagten, 2015 gegründeten Band mit Mitglieder aus allen Winkeln der Welt, wird augenblicklich klar, was hier wirklich gespielt wird: hochmoderner Technical Death Metal. Dennoch liegt man auch mit der symphonischen Spielart des Metal nicht ganz daneben, denn diese und andere Einflüsse hat sich das internationale Quartett ebenfalls auf seine Fahnen geschrieben. Ob „The Effigist“ trotz seiner knappen Spielzeit von einer halben Stunde wohl wirklich derart vielfältig ist?

Tatsächlich üben sich EMBRACE THE DAWN beim Musizieren nicht nur in wüstem Geprügel und haarsträubender Fingerakrobatik. Vielmehr statten die Tech-Deather ihre Songs stets mit den Stilmitteln aus, nach denen diese verlangen, auch wenn man sich dafür aus dem eigenen Genre-Terrain herauswagen muss. Den Auftakt im Opener „Cold Black Hole“ machen beispielsweise düstere Ambient-Klänge, ein verzerrter Funkspruch und melancholische Clean-Gitarren, ehe sich EMBRACE THE DAWN schließlich auf ihr primäres Instrumentarium besinnen.

Trotz aller Vielfalt fühlt sich das Viergespann nämlich merklich im technischen Todesmetall zuhause, sodass kraftstrotzende Growls, pfeilschnelle Riffs und Soli sowie punktgenaues Drumming doch die vorherrschenden Merkmale der Platte sind. Die eingangs erwähnten symphonischen Elemente beschränken sich lediglich auf die Chöre im epischen Refrain von „Cerebral Sanitation“ und die unheilverkündenden Streicher im abschließenden „Tartarus“. Interessanterweise reizen EMBRACE THE DAWN jedoch auch ihre Möglichkeiten als Tech-Death-Musiker nicht vollends aus – was den Songs durchaus zugute kommt.

Die von Bands wie Archspire aufgestellten Geschwindigkeitsrekorde werden auf „The Effigist“ nicht gebrochen, herkömmliche Blast-Beats sucht man selbst in den treibenderen Songs meist vergebens. Für eine Tech-Death-Truppe spielen EMBRACE THE DAWN also gar nicht mal so technisch – Ausnahmen wie die rasanten Frickeleien auf „Singularity“ bestätigen die Regel. Spielerisch ist dennoch alles einwandfrei, ebenso in puncto Produktion, die mit ihrem kräftigen und sauberen Klang sämtlichen Standards des Genres entspricht. Das kreative, stimmige Songwriting kann somit ungestört zur Geltung kommen.

EMBRACE THE DAWN mögen nicht ganz so außergewöhnliche Musik machen, wie man eingangs vermuten könnte, und sie ringen dem Hörer kaum jemals dasselbe Staunen ab wie Archspire oder Fallujah. Mit „The Effigist“ haben sie jedoch ein äußerst gelungenes Album kreiert, das beweist, dass die Newcomer sowohl die Ideen als auch das Können haben, um mit ihrer Konkurrenz mitzuhalten. Wer also Lust auf einfallsreichen Technical Death Metal, aber nur wenig Zeit zur Verfügung hat, für den ist das Debüt des Quartetts genau das Richtige.

Bloodshot Dawn – Reanimation

Selten lässt sich so eine Verquickung der alten Spielart einer Band mit ihrer neuen feststellen wie auf der neuen Scheibe von BLOODSHOT DAWN. Die Engländer, die auf ihren vorherigen beiden Alben eine zackige Interpretation von Melodic Death und Thrash Metal spielten, legen mit ihrer dritten Platte „Reanimation“ eine nicht allumfassende, aber dennoch sehr deutliche Kehrtwende zum Technical Death Metal hin.

Damit rückt das Quartett unweigerlich in die Nähe zu den Amerikanern von Revocation, welche den Mix von Thrash mit Tech Death salon- bzw. erfolgsfähig gemacht haben. Allerdings anders als auf deren Debüt „Empire Of The Obscene“ (2008), geben BLOODSHOT DAWN stets die Marschroute ihrer Tracks vor; die Briten konfrontieren den Hörer nicht mit einem technisch versierten Wirrwarr an Handfertigkeiten, sondern legen ihren Songs das Fünkchen Melodik bei, welchen es bedarf, um schnell im Gedächtnis zu bleiben.

Bereits der Opener „Seared Earth“ knallt mächtig in den Gehörgang, bleibt allerdings dank griffiger Leads und dem catchy Refrain, unterlegt mit futuristischen Sounds, auch sofort dort. In dieser Manier setzen BLOODSHOT DAWN ebenfalls bei den weiteren neun Tracks an: ein einnehmendes Motiv hier („Survival Evolved“), eine gewisse Steigerung („Controlled Conscious“) da, das durchweg starke Riffing sowie das antreibende Drumming und voilà, „Reanimation“ bringt tatsächlich alle Fähigkeiten mit, derer es einer Platte bedarf, um den Hörer zurück ins Leben zu holen.

Dabei driften BLOODSHOT DAWN nicht in gängige Tech-Death-Eigenheiten ab wie ein stellenweise überpräsenter, jazzy gespielter Bass oder die zu klinisch sauber abgenommene getriggerte Doublebass. Stattdessen legen die Engländer einen gewaltigen Schuss Thrash in ihr Spiel, welches Sänger McMorran durchweg kräftig anheizt. „Reanimation“ liefert somit viele Gründe, um nicht nur in Erinnerung zu bleiben, sondern sich auch noch von Genre-Kollegen abzugrenzen; ein Stand, den sich BLOODSHOT DAWN verdient erspielt haben.

Ein Ohr sollten die Hörer riskieren, welche sich die Wartezeiten auf die neuen Platten von Battlecross und Ouroboros versüßen wollen sowie all die Open-Minded-Entdecker, die ihren Metal ungern nur einem Genre zuschreiben lassen!

Decrepit Birth – Axis Mundi

Mag man den Amerikanern – gelinde ausgedrückt – ein gewisses Ungeschick bei der Wahl ihres politischen Oberhauptes nachsagen, so glänzen die US-Bürger ohne jegliche Zweifel zumindest bei dem Geschick ihrer Tech-Death-Combos. Origin, Death, Nile oder Rivers Of Nihil: Amerikanischer Metal bietet eine Vielzahl an schwindelerregend gut spielenden, technisch hochgradig versierten Bands. Nach sieben Jahre der Stille meldet sich ein weiterer großer Name der Szene mit seinem vierten Album „Axis Mundi“ zurück: DECREPIT BIRTH.

Tech Death protzt nicht sonderlich mit Melodik oder Hooks, sondern ganz im Sinne der Bezeichnung brillieren Tech-Death-Metal-Bands mit einem mühelos wirkenden Spiel, welches Musik mehr zu einem Raffinessen-Wettbewerb ausarten lässt anstatt den Hörer in eine wohlige Klangwelt zu packen. DECREPIT BIRTH beherzen dieses Vorgehen auf „Axis Mundi“ in jeder Sekunde. Obgleich das Quartett dabei wesentlich melodiöser vorgeht als seine Lands- und Genre-Kollegen Origin, gelingt es DECREPIT BIRTH nur bedingt, an Achtungserfolg wie der neusten Obscura-Platte „Akroasis“ oder dem Rivers-Of-Nihil-Debüt „The Conscious Seed Of Light“ anzuknüpfen. An zu vielen Ecken fehlen die gerissenen Tempi-Wechsel, weswegen eine Tech-death-Platte doch erst im Player landet, zu wenig Abwechslung bietet Robinsons Gesang, vergleichsweise unspektakulär wirken die auf Dauer nur bedingt unterhaltsamen, kaum denkwürdigen Tracks.

Merklich aufgeräumter, geradliniger und mit mehr Struktur versehen agieren die US-Amerikaner in ihren letzte drei Tracks. Diese Veränderung im Spiel ist ebenso markant wie die Songs irgendwie auch bekannt wirken; der Blick in die Tracklist verrät, dass DECREPIT BIRTH hier Metallica, Sepultura sowie Suffocation mit einer eigenen Interpretation von „Orion“, „Desperate Cry“ sowie „Infecting The Crypts“ huldigen. Schade, dass das Quartett dann interessant wird, wenn es sich an den Kompositionen anderer bedient.

„Axis Mundi“ kann leider nicht als das große Comeback gefeiert werden, auf das die Fans jahrelang warten mussten. Stattdessen klingt die vierte Platte von DECREPIT BIRTH wie der Grund, weswegen die US-Amerikaner überhaupt erst pausieren mussten; voller Elan eingespielt, aber ohne ein gewisses Etwas versehen, verliert „Axis Mundi“ schnell an Fahrt und lässt den Hörer eher enttäuscht als verzückt zurück.

Archspire – Relentless Mutation

Technical Death Metal ist ein Genre, das selbst Death- und Extreme-Metal-Hörer in zwei Lager aufzuspalten vermag. Die einen verehren die Musiker und deren technischen Fertigkeiten solcher Bands geradezu, für die anderen hat das hyperaktive Gebolze und Skalen-Sweeping und -Shredding nicht einmal mehr im Ansatz etwas mit Musik, sondern nur noch mit Angeberei und Selbstbeweihräucherung zu tun. ARCHSPIRE könnte nun diese Schlüsselband sein, die beide Lager auf einen Nenner bringt. Mit „Relentless Mutation“, dessen verstörendes Cover die Wirkung der Musik optisch erschreckend gut einfängt, hat die Formation nun ihr drittes Studioalbum über Season Of Mist veröffentlicht und zog bereits im Vorfeld große Aufmerksamkeit auf sich.

Denn ARCHSPIRE sind keine der etlichen, kaum noch auseinanderzuhaltenden Tech-Death-Bands. Zwar verzichten auch die Kanadier nicht gänzlich auf die Genre-üblichen Elemente, jedoch gelang es wohl selten einer Band zuvor so hervorragend, einen derart eingängigen und wiedererkennbaren Stil herauszuarbeiten und dabei gleichzeitig die Messlatte für hohe Tempi und technisch anspruchsvolles Spiel in schwindelerregende Höhen zu legen. Mit „Involuntary Doppelgänger“, dem Opener und zudem besten Song des Albums, zeigt das Quintett der Musikwelt sogleich, was Sache ist. Die Drums rattern so absurd schnell, dass die Band parallel dazu ein Video ihres Schlagzeugers veröffentlichte, um zu beweisen, dass dieser tatsächlich so rasant und präzise spielen kann und es nicht im Studio programmiert wurde. Der Gesang lässt sich am treffendsten wohl als gegrowlter Double-Time-Rap beschreiben. In den Lyric-Videos der Band schafft man als Mitleser jedenfalls kaum, den im Maschinengewehrmodus herausgeschossenen Wörtern folgen.

Doch wer nun denkt „Okay, alles klar, nichts für mich!“, für den folgt nun das große ABER: Denn obgleich das alles natürlich, wie eigentlich immer im Tech-Death, irgendwo schon der Demonstration der technischen Fähigkeiten dient, zeigen sich ARCHSPIRE in erster Linie daran interessiert, schlüssiges und stimmiges Songwriting abzuliefern, wofür dann auch viele potentielle Schraddel-Parts lieber für fetzige Riffs oder auch mal sanfte, jazzige Clean-Gitarren-Passagen geopfert werden. Das ist letztlich der Knackpunkt, der „Relentless Mutation“ weit über andere Genre-Beiträge hebt und auch für nicht restlos Technical-Death-Metal-affine Hörer spannend macht.
Dabei funktionieren allerdings nicht alle Songs gleichermaßen gut. Neben dem bereits erwähnten Opener können vor allem „Remote Tumour Seeker“ und „Calamus Will Animate“ überzeugen, wohingegen „The Mimic Well“ oder „A Dark Horizontal“ bisweilen schon mal etwas zusammengewürfelt wirken. Aber selbst die schwächeren Tracks auf dem Album taugen immer noch dazu, über die Band zu staunen oder den seit Sekunde eins initiierten Adrenalinrausch auf einem konstant hohen Spiegel zu halten.

Mit „Relentless Mutation“ ist ARCHSPIRE ein Ausnahmealbum geglückt, das man mit Sicherheit am Ende des Jahres in so mancher Bestenliste wiederfinden wird. Ob es letztlich Tech-Death verabscheuende Metaller für sich zu gewinnen vermag, wird wohl sehr vom jeweiligen Hörer abhängen. Fest steht jedoch, dass die Kanadier ein neues Referenzwerk erschaffen haben, an dem sich zukünftige Technical-Death-Metal-Bands in Sachen Kreativität, Eigenständigkeit und instrumentellem Können messen müssen.

Akercocke – Renaissance In Extremis

Ganze zehn Jahre sind ins Land gegangen, seit AKERCOCKE mit ihrer damaligen Platte „Antichrist“ für allerlei Kontroversen in den Reihen streng gläubiger Christen gesorgt hatten – obwohl sich die Briten selbst gar nicht als anti-christlich sehen. Nun endlich folgt mit „Renaissance In Extremis“ das sechste Full-Length der Blackened-Prog-Death-Metaller, das zwar vermutlich nicht die gleichen Furore auslösen wird wie sein Vorgänger, dafür aber umso mehr Begeisterung im extremen Musiksektor. Denn wie es uns schon das vergilbte, obskure Artwork ins Ohr zu flüstern scheint, hat das Quintett erneut ein eindringlich atmosphärisches Album aus dem Hut gezaubert.

Die streng genommen gar nicht so neuen Songs, die es zusammen auf knapp eine Stunde Spielzeit bringen, basieren zwar auf Ideen, die bis zur Zeit von „Antichrist“ zurückgehen, dennoch zeigen sich AKERCOCKE im Jahr 2017 gewissermaßen verjüngt. Wer in all den Jahren auf einen weiteren angeschwärzten Todesblei-Hammerschlag im Stil von „The Goat Of Mendes“ gewartet hat, wird von „Renaissance In Extremis“ bestimmt nicht enttäuscht, aber vermutlich doch überrascht sein. Zwar haben die Briten ihre geradezu unmenschlich tiefen Growls, ihre Nackenbrecher-Riffs und ihre gnadenlos brutalen Double-Bass- und Blast-Beat-Explosionen keineswegs verlernt oder vernachlässigt, doch inzwischen werden sie wesentlich gezielter und portionierter eingesetzt.

Die vermeintliche Lücke füllen AKERCOCKE mit starken Anleihen aus Thrash und Progressive Metal, die zwar schon früher oft herauszuhören waren, sich aber erst jetzt voll entfalten. Das heißt im Klartext: Zu den grobschlächtigen Growls und den absolut diabolischen Screams gesellen sich nun auch öfters derbe Shouts und gespenstische, dekadent wirkende Cleans, die zwar gewöhnungsbedürftig, im Kontext mit den geisterhaften Texten aber richtig stimmig sind. An der instrumentalen Front feuern AKERCOCKE ein abgehacktes Thrash-Riff nach dem anderen ab, immer wieder umspielt von einfallsreichen Leads und Soli.

Für beklemmende Grusel-Atmosphäre sorgen vor allem die zahlreichen mysteriösen, zum Teil sogar recht flinken Clean-Passagen („A Particularly Cold Sept“), die sich wunderbar in die Songstrukturen einfügen. Doch AKERCOCKE machen sich auch allerlei andere Mittel zunutze, um die Geister vor dem inneren Auge tanzen zu lassen – so etwa die eisig-klirrenden Keyboards in „First To Leave The Funeral“, die unheilverkündenden Streicher in „Familiar Ghosts“ sowie subtil eingeflochtene Electro-Sounds, Bläser und Chöre.

Während AKERCOCKE vor einer Dekade noch niederschmetternden Blackened Death Metal mit allenfalls hintergründigen Thrash- und Prog-Verweisen gespielt haben, gewähren sie auf „Renaissance In Extremis“ all ihren Einflüssen gleich viel Raum zur Entfaltung. Das schlägt sich auch in der Produktion nieder, die nun weniger wuchtig, dafür aber dynamischer und schnittiger erscheint. Natürlich machen AKERCOCKE es weder sich selbst noch ihren Hörern leicht, denn der nunmehr höhere technische Anspruch resultiert auch darin, dass die Songs nur selten eingängig sind und sich kaum Anspieltipps herauskristallisieren. Wer sich trotzdem die Mühe macht, sich damit zu beschäftigen, wird allerdings mit einem spannenden, kreativen und stimmungsvollen Spitzenklasse-Album belohnt.

Vinsta – Vinsta Wiads

Die eher beliebig wirkende Berglandschaft auf dem Artwork, der unauffällig geschwungene Schriftzug, der Bandname, der Album- und die Songtitel im österreichischen Dialekt – fast sieht man sich zu dem Vorurteil verleitet, VINSTA sei nur eine x-beliebige Folk-Metal-Truppe aus den Alpen. Dass der Salzburger Christian Höll mit seinem noch jungen Soloprojekt gelegentlich auf akustischen Pfaden wandelt, stimmt sogar, doch eigentlich sind es zwei andere Metal-Genres, auf die sich VINSTA stützt: Progressive und Melodic Death Metal. Nachdem dieses Missverständnis aus der Welt geschafft ist, kann man sich mit neu entfachter Neugier daran machen, zu erkunden, was „Vinsta Wiads“ wirklich zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge.

Um nochmal auf die möglicherweise fälschlich unterstellte Beliebigkeit einzugehen: VINSTA klingt keineswegs wie irgendeine No-Name-Band, sondern sogar wie eine ganz bestimmte, viel gerühmte Prog-Death-Koryphäe. Schon beim ersten Hördurchlauf bekommt man schnell das Gefühl, dass „Vinsta Wiads“ eigentlich schon mal veröffentlicht wurde, nämlich im Jahr 1999 von Opeth. Kenner wissen natürlich, dass damit „Still Life“, eines der Meisterwerke ihrer mittleren Phase, gemeint ist. Jawohl, VINSTA hat hiermit gewissermaßen das österreichische Äquivalent zu jenem Genre-Klassiker geschaffen.

Dieser Gedanke kommt einem schon bei den eröffnenden langgezogenen Leadmelodien und Clean-Gitarren im Titeltrack und bleibt auch noch beharrlich im Kopf, wenn VINSTA seine mächtigen Growls, griffigen Groove-Riffs und treibenden Double-Bass-Drums auspackt. Die Ähnlichkeit zum besagten Referenzwerk ist frappierend: Immer wieder führt der Weg von den kraftvollen, rhythmischen Riffs und den subtil melancholischen Leads über wunderbar verspielte Soli hin zu sanften, mysteriösen Clean- und Akustik-Abschnitten. Sogar gesanglich ist Christian das exakte Ebenbild von Mikael Åkerfeldt, er kann nämlich nicht nur finster growlen, sondern auch nachdenklich singen.

Die Opeth-Anbetung, die auf „Vinsta Wiads“ betrieben wird, ist eigentlich fast schon dreist – aber eben auch verdammt gelungen umgesetzt. Ein wenig Individualität erlaubt sich VINSTA dann aber doch noch. So singt Christian konsequent auf österreichisch und fügt dem ohnehin schon gehaltvollen Stilmittel-Kanon seiner Vorbilder weitere Elemente wie hemmungslose Blast-Beats („Gedonknschwa“) oder mal gefühlvoll, dann wieder geradezu unheimliche Geigen („Gedonknstad“) hinzu.

Jazz-Balladen wie „Benighted“ sind das einzige, was es auf „Still Life“, nicht aber auf „Vinsta Wiads“ gibt. Ansonsten ähneln diese Alben einander wie ein Ei dem anderen. Die einzige Ausnahme bilden die Geigen-Interludes, mit denen VINSTA einen Teil seiner 45 Minuten lange Platte füllt. Innovativ ist „Vinsta Wiads“ wirklich nicht, genau genommen nicht einmal eigenständig. Dass der Salzburger die technischen Fähigkeiten und das Songwriting-Talent hat, derart knapp zu Opeth zu ihrer besten Zeit aufzuschließen und sie zum Teil sogar zu überflügeln, ist jedoch absolut bewundernswert. Seine zweite Veröffentlichung ist nämlich weit mehr als einfallsloser Klon, sondern ein von vorne bis hinten beeindruckendes, atmosphärisches, mystisches und spielfreudiges Album, das einem perfekten Fluss folgt und seinem Vorbild in praktisch nichts nachsteht.

Origin – Unparalelled Universe

Ist das noch Tech Death oder doch schon Grindcore? Oder öffnen ORIGIN mit ihrem neuen Album „Unparalelled Universe“ das Tor zu einem neuen Genre, in dem die kurze Brutalität des Grindcores mit dem technischen Geschick des Tech Death zu etwas verbunden wird, das sich nicht nur hart, sondern auch noch geschickt in die Schädeldecke prügelt? ORIGIN ist die Auflösung dieses Gedankengangs mit Sicherheit egal, schließlich machen die Amerikaner auf  „Unparalelled Universe“ doch „nur“ wieder das, was sie seit zwei Dekaden auf die Musiklandschaft loslassen: Death Metal in seiner schnellsten Form.

Bereits im Opener lassen die US-Amerikaner ein schier unkoordiniertes Feuerwerk an Ideen los; ein Feuerwerk, welches auch in den kommenden vier Tracks keinerlei Bändigung erfahren wird. Erst mit „Invariance Under Transformation“ zeigen ORIGIN einen nahezu konzipiert wirkenden, da mit einer erkennbaren Struktur versehenen Song, der in feinster Death-Metal-Manier das letzte Staubkorn aus der Box drückt – die Schweden von Bloodbath dürften neidisch auf dieses Prachtexemplar blicken. „Unparalelled Universe“ bietet neben der gewünschten Portion Geknüppel allerdings auch einige Überraschungen, seien es das atmosphärische Outro („Cascading Failures“), das Brujeria-Cover „Revolucion“ (vom 1995er Album „Raza Odiada“) oder aber der mit zehn Minuten bemessene Song „Uneqivocal“, der nicht nur durch seine Überlänge auffällt, sondern besonders durch seine Steigerung ab der Hälfte des Tracks.

Während Paul Ryan pfeilschnelle wie schwindelerregende Gitarrenläufe zaubert und Bassist Mike Flores einige jazzige Anleihen durchblicken lässt, ist es besonders Schlagzeuger John Longstreth, dessen flinke Gliedmaßen einen Playthrough nur dann möglich machen, wenn der Hörer mehr als ein Fan ist, nämlich selbst versierter Tech-Death-Drummer. Auch wenn ORIGIN ihr Handwerk also wie eh und je zur Schau stellen, bietet „Unparalelled Universe“ dennoch mehr Raum, um sich in die Lieder einfinden zu können. Denn während der Vorgänger „Omnipresent“ (2014) überladen und zu durcheinander gehalten war, gelingt es dem Quartett auf ihrem siebten Album besser, ihren musikalischen Wahnsinn in Maßen zu streuen. Technik-Enthusiasten, die ihre Musik unberechenbar gestaltet wissen wollen, landen mit dem neusten ORIGIN-Werk somit erneut einen Treffer, der sie auch nach achtzehnmal Hören noch immer irgendwie überfordern dürfte.