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Bloodshot Dawn – Reanimation

Selten lässt sich so eine Verquickung der alten Spielart einer Band mit ihrer neuen feststellen wie auf der neuen Scheibe von BLOODSHOT DAWN. Die Engländer, die auf ihren vorherigen beiden Alben eine zackige Interpretation von Melodic Death und Thrash Metal spielten, legen mit ihrer dritten Platte „Reanimation“ eine nicht allumfassende, aber dennoch sehr deutliche Kehrtwende zum Technical Death Metal hin.

Damit rückt das Quartett unweigerlich in die Nähe zu den Amerikanern von Revocation, welche den Mix von Thrash mit Tech Death salon- bzw. erfolgsfähig gemacht haben. Allerdings anders als auf deren Debüt „Empire Of The Obscene“ (2008), geben BLOODSHOT DAWN stets die Marschroute ihrer Tracks vor; die Briten konfrontieren den Hörer nicht mit einem technisch versierten Wirrwarr an Handfertigkeiten, sondern legen ihren Songs das Fünkchen Melodik bei, welchen es bedarf, um schnell im Gedächtnis zu bleiben.

Bereits der Opener „Seared Earth“ knallt mächtig in den Gehörgang, bleibt allerdings dank griffiger Leads und dem catchy Refrain, unterlegt mit futuristischen Sounds, auch sofort dort. In dieser Manier setzen BLOODSHOT DAWN ebenfalls bei den weiteren neun Tracks an: ein einnehmendes Motiv hier („Survival Evolved“), eine gewisse Steigerung („Controlled Conscious“) da, das durchweg starke Riffing sowie das antreibende Drumming und voilà, „Reanimation“ bringt tatsächlich alle Fähigkeiten mit, derer es einer Platte bedarf, um den Hörer zurück ins Leben zu holen.

Dabei driften BLOODSHOT DAWN nicht in gängige Tech-Death-Eigenheiten ab wie ein stellenweise überpräsenter, jazzy gespielter Bass oder die zu klinisch sauber abgenommene getriggerte Doublebass. Stattdessen legen die Engländer einen gewaltigen Schuss Thrash in ihr Spiel, welches Sänger McMorran durchweg kräftig anheizt. „Reanimation“ liefert somit viele Gründe, um nicht nur in Erinnerung zu bleiben, sondern sich auch noch von Genre-Kollegen abzugrenzen; ein Stand, den sich BLOODSHOT DAWN verdient erspielt haben.

Ein Ohr sollten die Hörer riskieren, welche sich die Wartezeiten auf die neuen Platten von Battlecross und Ouroboros versüßen wollen sowie all die Open-Minded-Entdecker, die ihren Metal ungern nur einem Genre zuschreiben lassen!

Decrepit Birth – Axis Mundi

Mag man den Amerikanern – gelinde ausgedrückt – ein gewisses Ungeschick bei der Wahl ihres politischen Oberhauptes nachsagen, so glänzen die US-Bürger ohne jegliche Zweifel zumindest bei dem Geschick ihrer Tech-Death-Combos. Origin, Death, Nile oder Rivers Of Nihil: Amerikanischer Metal bietet eine Vielzahl an schwindelerregend gut spielenden, technisch hochgradig versierten Bands. Nach sieben Jahre der Stille meldet sich ein weiterer großer Name der Szene mit seinem vierten Album „Axis Mundi“ zurück: DECREPIT BIRTH.

Tech Death protzt nicht sonderlich mit Melodik oder Hooks, sondern ganz im Sinne der Bezeichnung brillieren Tech-Death-Metal-Bands mit einem mühelos wirkenden Spiel, welches Musik mehr zu einem Raffinessen-Wettbewerb ausarten lässt anstatt den Hörer in eine wohlige Klangwelt zu packen. DECREPIT BIRTH beherzen dieses Vorgehen auf „Axis Mundi“ in jeder Sekunde. Obgleich das Quartett dabei wesentlich melodiöser vorgeht als seine Lands- und Genre-Kollegen Origin, gelingt es DECREPIT BIRTH nur bedingt, an Achtungserfolg wie der neusten Obscura-Platte „Akroasis“ oder dem Rivers-Of-Nihil-Debüt „The Conscious Seed Of Light“ anzuknüpfen. An zu vielen Ecken fehlen die gerissenen Tempi-Wechsel, weswegen eine Tech-death-Platte doch erst im Player landet, zu wenig Abwechslung bietet Robinsons Gesang, vergleichsweise unspektakulär wirken die auf Dauer nur bedingt unterhaltsamen, kaum denkwürdigen Tracks.

Merklich aufgeräumter, geradliniger und mit mehr Struktur versehen agieren die US-Amerikaner in ihren letzte drei Tracks. Diese Veränderung im Spiel ist ebenso markant wie die Songs irgendwie auch bekannt wirken; der Blick in die Tracklist verrät, dass DECREPIT BIRTH hier Metallica, Sepultura sowie Suffocation mit einer eigenen Interpretation von „Orion“, „Desperate Cry“ sowie „Infecting The Crypts“ huldigen. Schade, dass das Quartett dann interessant wird, wenn es sich an den Kompositionen anderer bedient.

„Axis Mundi“ kann leider nicht als das große Comeback gefeiert werden, auf das die Fans jahrelang warten mussten. Stattdessen klingt die vierte Platte von DECREPIT BIRTH wie der Grund, weswegen die US-Amerikaner überhaupt erst pausieren mussten; voller Elan eingespielt, aber ohne ein gewisses Etwas versehen, verliert „Axis Mundi“ schnell an Fahrt und lässt den Hörer eher enttäuscht als verzückt zurück.

Archspire – Relentless Mutation

Technical Death Metal ist ein Genre, das selbst Death- und Extreme-Metal-Hörer in zwei Lager aufzuspalten vermag. Die einen verehren die Musiker und deren technischen Fertigkeiten solcher Bands geradezu, für die anderen hat das hyperaktive Gebolze und Skalen-Sweeping und -Shredding nicht einmal mehr im Ansatz etwas mit Musik, sondern nur noch mit Angeberei und Selbstbeweihräucherung zu tun. ARCHSPIRE könnte nun diese Schlüsselband sein, die beide Lager auf einen Nenner bringt. Mit „Relentless Mutation“, dessen verstörendes Cover die Wirkung der Musik optisch erschreckend gut einfängt, hat die Formation nun ihr drittes Studioalbum über Season Of Mist veröffentlicht und zog bereits im Vorfeld große Aufmerksamkeit auf sich.

Denn ARCHSPIRE sind keine der etlichen, kaum noch auseinanderzuhaltenden Tech-Death-Bands. Zwar verzichten auch die Kanadier nicht gänzlich auf die Genre-üblichen Elemente, jedoch gelang es wohl selten einer Band zuvor so hervorragend, einen derart eingängigen und wiedererkennbaren Stil herauszuarbeiten und dabei gleichzeitig die Messlatte für hohe Tempi und technisch anspruchsvolles Spiel in schwindelerregende Höhen zu legen. Mit „Involuntary Doppelgänger“, dem Opener und zudem besten Song des Albums, zeigt das Quintett der Musikwelt sogleich, was Sache ist. Die Drums rattern so absurd schnell, dass die Band parallel dazu ein Video ihres Schlagzeugers veröffentlichte, um zu beweisen, dass dieser tatsächlich so rasant und präzise spielen kann und es nicht im Studio programmiert wurde. Der Gesang lässt sich am treffendsten wohl als gegrowlter Double-Time-Rap beschreiben. In den Lyric-Videos der Band schafft man als Mitleser jedenfalls kaum, den im Maschinengewehrmodus herausgeschossenen Wörtern folgen.

Doch wer nun denkt „Okay, alles klar, nichts für mich!“, für den folgt nun das große ABER: Denn obgleich das alles natürlich, wie eigentlich immer im Tech-Death, irgendwo schon der Demonstration der technischen Fähigkeiten dient, zeigen sich ARCHSPIRE in erster Linie daran interessiert, schlüssiges und stimmiges Songwriting abzuliefern, wofür dann auch viele potentielle Schraddel-Parts lieber für fetzige Riffs oder auch mal sanfte, jazzige Clean-Gitarren-Passagen geopfert werden. Das ist letztlich der Knackpunkt, der „Relentless Mutation“ weit über andere Genre-Beiträge hebt und auch für nicht restlos Technical-Death-Metal-affine Hörer spannend macht.
Dabei funktionieren allerdings nicht alle Songs gleichermaßen gut. Neben dem bereits erwähnten Opener können vor allem „Remote Tumour Seeker“ und „Calamus Will Animate“ überzeugen, wohingegen „The Mimic Well“ oder „A Dark Horizontal“ bisweilen schon mal etwas zusammengewürfelt wirken. Aber selbst die schwächeren Tracks auf dem Album taugen immer noch dazu, über die Band zu staunen oder den seit Sekunde eins initiierten Adrenalinrausch auf einem konstant hohen Spiegel zu halten.

Mit „Relentless Mutation“ ist ARCHSPIRE ein Ausnahmealbum geglückt, das man mit Sicherheit am Ende des Jahres in so mancher Bestenliste wiederfinden wird. Ob es letztlich Tech-Death verabscheuende Metaller für sich zu gewinnen vermag, wird wohl sehr vom jeweiligen Hörer abhängen. Fest steht jedoch, dass die Kanadier ein neues Referenzwerk erschaffen haben, an dem sich zukünftige Technical-Death-Metal-Bands in Sachen Kreativität, Eigenständigkeit und instrumentellem Können messen müssen.

Akercocke – Renaissance In Extremis

Ganze zehn Jahre sind ins Land gegangen, seit AKERCOCKE mit ihrer damaligen Platte „Antichrist“ für allerlei Kontroversen in den Reihen streng gläubiger Christen gesorgt hatten – obwohl sich die Briten selbst gar nicht als anti-christlich sehen. Nun endlich folgt mit „Renaissance In Extremis“ das sechste Full-Length der Blackened-Prog-Death-Metaller, das zwar vermutlich nicht die gleichen Furore auslösen wird wie sein Vorgänger, dafür aber umso mehr Begeisterung im extremen Musiksektor. Denn wie es uns schon das vergilbte, obskure Artwork ins Ohr zu flüstern scheint, hat das Quintett erneut ein eindringlich atmosphärisches Album aus dem Hut gezaubert.

Die streng genommen gar nicht so neuen Songs, die es zusammen auf knapp eine Stunde Spielzeit bringen, basieren zwar auf Ideen, die bis zur Zeit von „Antichrist“ zurückgehen, dennoch zeigen sich AKERCOCKE im Jahr 2017 gewissermaßen verjüngt. Wer in all den Jahren auf einen weiteren angeschwärzten Todesblei-Hammerschlag im Stil von „The Goat Of Mendes“ gewartet hat, wird von „Renaissance In Extremis“ bestimmt nicht enttäuscht, aber vermutlich doch überrascht sein. Zwar haben die Briten ihre geradezu unmenschlich tiefen Growls, ihre Nackenbrecher-Riffs und ihre gnadenlos brutalen Double-Bass- und Blast-Beat-Explosionen keineswegs verlernt oder vernachlässigt, doch inzwischen werden sie wesentlich gezielter und portionierter eingesetzt.

Die vermeintliche Lücke füllen AKERCOCKE mit starken Anleihen aus Thrash und Progressive Metal, die zwar schon früher oft herauszuhören waren, sich aber erst jetzt voll entfalten. Das heißt im Klartext: Zu den grobschlächtigen Growls und den absolut diabolischen Screams gesellen sich nun auch öfters derbe Shouts und gespenstische, dekadent wirkende Cleans, die zwar gewöhnungsbedürftig, im Kontext mit den geisterhaften Texten aber richtig stimmig sind. An der instrumentalen Front feuern AKERCOCKE ein abgehacktes Thrash-Riff nach dem anderen ab, immer wieder umspielt von einfallsreichen Leads und Soli.

Für beklemmende Grusel-Atmosphäre sorgen vor allem die zahlreichen mysteriösen, zum Teil sogar recht flinken Clean-Passagen („A Particularly Cold Sept“), die sich wunderbar in die Songstrukturen einfügen. Doch AKERCOCKE machen sich auch allerlei andere Mittel zunutze, um die Geister vor dem inneren Auge tanzen zu lassen – so etwa die eisig-klirrenden Keyboards in „First To Leave The Funeral“, die unheilverkündenden Streicher in „Familiar Ghosts“ sowie subtil eingeflochtene Electro-Sounds, Bläser und Chöre.

Während AKERCOCKE vor einer Dekade noch niederschmetternden Blackened Death Metal mit allenfalls hintergründigen Thrash- und Prog-Verweisen gespielt haben, gewähren sie auf „Renaissance In Extremis“ all ihren Einflüssen gleich viel Raum zur Entfaltung. Das schlägt sich auch in der Produktion nieder, die nun weniger wuchtig, dafür aber dynamischer und schnittiger erscheint. Natürlich machen AKERCOCKE es weder sich selbst noch ihren Hörern leicht, denn der nunmehr höhere technische Anspruch resultiert auch darin, dass die Songs nur selten eingängig sind und sich kaum Anspieltipps herauskristallisieren. Wer sich trotzdem die Mühe macht, sich damit zu beschäftigen, wird allerdings mit einem spannenden, kreativen und stimmungsvollen Spitzenklasse-Album belohnt.

Vinsta – Vinsta Wiads

Die eher beliebig wirkende Berglandschaft auf dem Artwork, der unauffällig geschwungene Schriftzug, der Bandname, der Album- und die Songtitel im österreichischen Dialekt – fast sieht man sich zu dem Vorurteil verleitet, VINSTA sei nur eine x-beliebige Folk-Metal-Truppe aus den Alpen. Dass der Salzburger Christian Höll mit seinem noch jungen Soloprojekt gelegentlich auf akustischen Pfaden wandelt, stimmt sogar, doch eigentlich sind es zwei andere Metal-Genres, auf die sich VINSTA stützt: Progressive und Melodic Death Metal. Nachdem dieses Missverständnis aus der Welt geschafft ist, kann man sich mit neu entfachter Neugier daran machen, zu erkunden, was „Vinsta Wiads“ wirklich zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge.

Um nochmal auf die möglicherweise fälschlich unterstellte Beliebigkeit einzugehen: VINSTA klingt keineswegs wie irgendeine No-Name-Band, sondern sogar wie eine ganz bestimmte, viel gerühmte Prog-Death-Koryphäe. Schon beim ersten Hördurchlauf bekommt man schnell das Gefühl, dass „Vinsta Wiads“ eigentlich schon mal veröffentlicht wurde, nämlich im Jahr 1999 von Opeth. Kenner wissen natürlich, dass damit „Still Life“, eines der Meisterwerke ihrer mittleren Phase, gemeint ist. Jawohl, VINSTA hat hiermit gewissermaßen das österreichische Äquivalent zu jenem Genre-Klassiker geschaffen.

Dieser Gedanke kommt einem schon bei den eröffnenden langgezogenen Leadmelodien und Clean-Gitarren im Titeltrack und bleibt auch noch beharrlich im Kopf, wenn VINSTA seine mächtigen Growls, griffigen Groove-Riffs und treibenden Double-Bass-Drums auspackt. Die Ähnlichkeit zum besagten Referenzwerk ist frappierend: Immer wieder führt der Weg von den kraftvollen, rhythmischen Riffs und den subtil melancholischen Leads über wunderbar verspielte Soli hin zu sanften, mysteriösen Clean- und Akustik-Abschnitten. Sogar gesanglich ist Christian das exakte Ebenbild von Mikael Åkerfeldt, er kann nämlich nicht nur finster growlen, sondern auch nachdenklich singen.

Die Opeth-Anbetung, die auf „Vinsta Wiads“ betrieben wird, ist eigentlich fast schon dreist – aber eben auch verdammt gelungen umgesetzt. Ein wenig Individualität erlaubt sich VINSTA dann aber doch noch. So singt Christian konsequent auf österreichisch und fügt dem ohnehin schon gehaltvollen Stilmittel-Kanon seiner Vorbilder weitere Elemente wie hemmungslose Blast-Beats („Gedonknschwa“) oder mal gefühlvoll, dann wieder geradezu unheimliche Geigen („Gedonknstad“) hinzu.

Jazz-Balladen wie „Benighted“ sind das einzige, was es auf „Still Life“, nicht aber auf „Vinsta Wiads“ gibt. Ansonsten ähneln diese Alben einander wie ein Ei dem anderen. Die einzige Ausnahme bilden die Geigen-Interludes, mit denen VINSTA einen Teil seiner 45 Minuten lange Platte füllt. Innovativ ist „Vinsta Wiads“ wirklich nicht, genau genommen nicht einmal eigenständig. Dass der Salzburger die technischen Fähigkeiten und das Songwriting-Talent hat, derart knapp zu Opeth zu ihrer besten Zeit aufzuschließen und sie zum Teil sogar zu überflügeln, ist jedoch absolut bewundernswert. Seine zweite Veröffentlichung ist nämlich weit mehr als einfallsloser Klon, sondern ein von vorne bis hinten beeindruckendes, atmosphärisches, mystisches und spielfreudiges Album, das einem perfekten Fluss folgt und seinem Vorbild in praktisch nichts nachsteht.

Origin – Unparalelled Universe

Ist das noch Tech Death oder doch schon Grindcore? Oder öffnen ORIGIN mit ihrem neuen Album „Unparalelled Universe“ das Tor zu einem neuen Genre, in dem die kurze Brutalität des Grindcores mit dem technischen Geschick des Tech Death zu etwas verbunden wird, das sich nicht nur hart, sondern auch noch geschickt in die Schädeldecke prügelt? ORIGIN ist die Auflösung dieses Gedankengangs mit Sicherheit egal, schließlich machen die Amerikaner auf  „Unparalelled Universe“ doch „nur“ wieder das, was sie seit zwei Dekaden auf die Musiklandschaft loslassen: Death Metal in seiner schnellsten Form.

Bereits im Opener lassen die US-Amerikaner ein schier unkoordiniertes Feuerwerk an Ideen los; ein Feuerwerk, welches auch in den kommenden vier Tracks keinerlei Bändigung erfahren wird. Erst mit „Invariance Under Transformation“ zeigen ORIGIN einen nahezu konzipiert wirkenden, da mit einer erkennbaren Struktur versehenen Song, der in feinster Death-Metal-Manier das letzte Staubkorn aus der Box drückt – die Schweden von Bloodbath dürften neidisch auf dieses Prachtexemplar blicken. „Unparalelled Universe“ bietet neben der gewünschten Portion Geknüppel allerdings auch einige Überraschungen, seien es das atmosphärische Outro („Cascading Failures“), das Brujeria-Cover „Revolucion“ (vom 1995er Album „Raza Odiada“) oder aber der mit zehn Minuten bemessene Song „Uneqivocal“, der nicht nur durch seine Überlänge auffällt, sondern besonders durch seine Steigerung ab der Hälfte des Tracks.

Während Paul Ryan pfeilschnelle wie schwindelerregende Gitarrenläufe zaubert und Bassist Mike Flores einige jazzige Anleihen durchblicken lässt, ist es besonders Schlagzeuger John Longstreth, dessen flinke Gliedmaßen einen Playthrough nur dann möglich machen, wenn der Hörer mehr als ein Fan ist, nämlich selbst versierter Tech-Death-Drummer. Auch wenn ORIGIN ihr Handwerk also wie eh und je zur Schau stellen, bietet „Unparalelled Universe“ dennoch mehr Raum, um sich in die Lieder einfinden zu können. Denn während der Vorgänger „Omnipresent“ (2014) überladen und zu durcheinander gehalten war, gelingt es dem Quartett auf ihrem siebten Album besser, ihren musikalischen Wahnsinn in Maßen zu streuen. Technik-Enthusiasten, die ihre Musik unberechenbar gestaltet wissen wollen, landen mit dem neusten ORIGIN-Werk somit erneut einen Treffer, der sie auch nach achtzehnmal Hören noch immer irgendwie überfordern dürfte.

Gojira w/ Code Orange, Car Bomb

Bereits letztes Jahr tourten GOJIRA als Support für Alter Bridge durch Europa. Nun kehrt die französische Öko-Band, die bekannt dafür wurde, extrem brachiale und progressive Death-Metal-Hymnen über ganz unmetallische, grüne Themen wie Plastikmüll oder Massentierhaltung zu schreiben, mit CODE ORANGE und CAR BOMB als Support zurück. In München hat sich das Trio die Theaterfabrik als Location für ihre Headlinertour zu ihrem aktuellen Werk „Magma“ ausgesucht. An sich eine nachvollziehbare Wahl – wenn an diesem Abend nicht anscheinend die Belüftungsanlage der Halle ausgefallen wäre (oder absichtlich abgestellt wurde). Schon bei Konzertbeginn vernebeln unangenehm hohe Temperaturen und stickige Luft die Sinne der Anwesenden.


CAR BOMB eröffnen den Abend mit einer Mischung aus Meshuggah, The Dillinger Escape Plan und Tech-Death-Metal. Immer wieder bauen die New Yorker mächtige Klangwände auf, die in ihrer Kombination aus mechanischem Riffung und ballernder Doublebass an die legendären Schweden erinnern, ehe CAR BOMB mit einer mathigen Einlage und wildem Geschrei The Dillinger Escape Plan huldigen und es dem Hörer gleichzeitig schwer machen, sich während der Grooves in einem wohligen Gefühl zu verlieren. Dass die vier Musiker wie die Zinnsoldaten auf der Bühne stehen und sich kaum bewegen, ist dabei nicht mangelnder Lust, sondern schlicht fehlendem Platz geschuldet. Dafür bewegt sich das Publikum ein wenig, indem der eine oder andere Kopf geschüttelt und nach den Songs diverse Fäuste gereckt werden. Mit diesem Auftritt werden CAR BOMB zwar sicher nicht zur neuen Lieblingsband der Anwesenden avancieren, ein gelungener Auftritt und eine starke Eröffnung des Abends waren diese rund 30 Minuten aber fraglos. [CE]


Nach einer knappgehaltenen Umbaupause, die nun deutlich mehr Platz auf der Bühne bietet, erlischt die Hallenbeleuchtung, die Bühne wird in rotes Licht getaucht und mit düsteren elektronischen Klängen beginnen CODE ORANGE ihr Set. Bereits nach wenigen Sekunden des brachialen Openers „Forever“ bildet sich ein amtlicher Pit in der Theaterfabrik, der das gesamte Set überstetig anwächst. Befeuert von anpeitschenden Ansagen von Drummer Jamie walzen sich CODE ORANGE bei perfektem Sound durch dekonstruierte Breakdowns, suhlen sich in elektronischen Sludgelawinen und sorgen dafür, dass die Temperatur in der Theaterfabrik in Saunagefilde ansteigt. Nach zehn Nummern und 40 Minuten Spielzeit verabschieden sich CODE ORANGE vom Publikum. Auch als Hardcore-Band haben die fünf MusikerInnen mit diesem schweißtreibenden, energiegeladenen Auftritt sicherlich viele neue Fans aus dem Metalbereich hinzugewinnen können. [BL]

Setlist Code Orange

  1. Forever
  2. Kill The Creator
  3. My World
  4. Bleeding In The Blur
  5. The New Reality
  6. I Am King
  7. Slowburn
  8. Ugly
  9. Spy
  10. The Mud



Als GOJIRA dann mit „Only Pain“ von ihrem aktuellen Album „Magma“ ihr Konzert starten, hat die Halle bereits Saunatemperaturen erreicht. Das merken auch die Franzosen selbst und betonen wiederholt, wie verdammt heiß es gerade auf der Bühne ist. In Sachen Einsatz lassen die Prog-Deather sich dadurch allerdings nicht unterkriegen: Mit einer wie immer energiegeladenen Show präsentieren die Duplantier-Brüder und ihre Mitmusiker wie immer präzise wie ein Uhrwerk einen außerordentlich gut zusammengestellten Querschnitt durch ihre Diskographie. Die Fans zeigen sich dabei bei altem und neuem Material gleichermaßen textsicher und gröhlen begeistert markante Textstellen mit. Dass der Sound leider stellenweise nicht so ganz mitspielt, indem er zwar im Tiefenbereich druckvoll und klar donnert, sämtliche Gitarrenmelodien aber fast gänzlich verschluckt, ist bei so einer Show glücklicherweise verkraftbar.

Heimlicher Star der Band ist auch dieses Mal Drummer Mario. Bei Songs wie „The Cell“, „Oroborus“ oder dem Überhit „Toxic Garbage Island“ beweist er eindrucksvoll seine Groovekünste und seinen wiedererkennbaren Stil und darf dann in der Mitte noch ein ausgedehntes Drumsolo vortragen, das vom merklich musikalischen Publikum mit Klatschen begleitet und anschließend bejubelt wird. Ob es nun der Hitze geschuldet ist oder bereits vor dem Konzert entschieden wurde, die Setlist unterscheidet sich jedenfalls von denen der restlichen Tour. So fehlt beispielsweise der Titeltrack des Vorgängers „L’Enfant Sauvage“ vollständig, wodurch das Album an diesem Abend gar nicht vertreten ist. Trotz dieser Umstände sieht man den Fans nach dem Konzert eine Mischung aus Zufriedenheit und Erschöpfung an, sodass die Rückkehr von GOJIRA nach München als voller Erfolg gewertet werden kann. [SB]

„This was the hottest night of my life“ erzählt einer der Musiker von GOJIRA am Ende ihres Auftritts – eine durchaus treffende Zusammenfassung. Bei unmenschlichen Temperaturen bieten alle drei Bands jeweils auf ihre eigene Art wahnsinnig energetische Shows, die den Abend zu einem vollen Erfolg machen. Besonders GOJIRA selbst beweisen erneut, dass ihr kometenhafter Aufstieg in den letzten Jahren absolut berechtigt ist. Doch auch CODE ORANGE und CAR BOMB zeigten ihre bemerkenswerten Qualitäten, sodass man sich auf die Rückkehr aller drei Bands freuen kann.

Persefone – Aathma

PERSEFONE dürften sich mittlerweile zur bekanntesten Metal-Formation aus Andorra hochgearbeitet haben. 2013 erschien ihr vielgelobtes Werk „Spiritual Migration“, das Progressive-Metal- und Melodic-Death-Metal-Fans gleichermaßen für sich gewinnen konnte. Mit „Aathma“ steht nun das fünfte, fast 64 Minuten lange Album in den Startlöchern, das den Status der Band noch weiter festigen soll.

Melodic Death Metal mit verschwurbeltem Progressive Metal zu kombinieren ist tatsächlich etwas, was man in dieser Form noch nicht oft gehört hat. „Prison Skin“, der erste richtige Song der Platte nach gleich zwei instrumentalen Intros, bietet in knapp sechseinhalb Minuten eine gute Zusammenfassung des Repertoirs der Truppe: Zwischen klassischem, geradlinigem und schnellem Dual-Guitar-Riffing feuern die durch die Bank absoluten Spitzeninstrumentalisten fast im Sekundentakt dermaßen vertrackte Rhythmikstunts durch die Boxen, dass selbst Prog-Bands wie Dream Theater und Haken sicherlich ins Staunen geraten. Vom ersten Durchlauf an ist das zutiefst beeindruckend, gleichzeitig aber eine so enorme Reizüberflutung, dass die meisten der Tracks mehr als eine Hand voll Male gehört werden müssen, um das alles erfassen zu können.

Das ist einerseits zwar große eine Stärke des Albums, denn bei all der Verspieltheit verliert „Aathma“ auch bei zehn und mehr Wiederholungen immer noch kein bisschen von seinem Reiz. Andererseits ist das auch der größte Kritikpunkt, denn PERSEFONE geht wiederholt der Flow verloren, da sie sich oft in zu ausufernden Spielereien verlieren. Gerade deshalb sind es straightere Songs wie das großartige „Living Waves“, das eingängige „Spirals Within Thy Being“ oder das abschließende, vierteilige Opus „Aathma“, die den besten Eindruck hinterlassen, wohingegen das fast zehnminütige „Stillness Is Timeless“ dann doch zu viel des Guten ist. Denn so sehr die einzelnen Teile auch grooven – und das tun sie teilweise auf derart brillante Art, dass PERSEFONE in diesem Punkt gut 90% aller Prog-Bands in die Tasche stecken – so durcheinander wirken die Songs häufig, wenn etwa doppelt so viele Ideen Einzug in die Stücke fanden, als gut für sie gewesen wäre.

Wie auch schon auf dem nicht ganz so vertrackten Vorgänger „Spiritual Migration“ pflegen PERSEFONE auf „Aathma“ eine intellektuelle, philosophische Herangehensweise, die sich zwar vor allem in den Lyrics, aber auch in der Musik widerspiegelt. Mit viel Gespür für eine erhabene, spacige Atmosphäre bauen sie immer wieder auch meditative oder moderne, elektronische Parts ein, deren herausragende Wirkung vor allem dem Klargesang sowie der fantastischen Klavier-, Streicher- und Synthesizer-Arbeit von Keyboarder Miguel Espinosa zu verdanken ist. Sie setzen die wichtigen Ruhepole zwischen den brachialen oder hirnverknotenden Technikspielereien der Musiker, die nicht selten schon in den Technical-Death-Metal-Bereich abdriften. Mit ihrem unverkennbaren Stil erschaffen PERSEFONE ein individuelles Klangbild, dem man ohne Zweifel attestieren kann, dass es seinem Attribut „progressiv“ mehr als gerecht wird und dieser unverbrauchten Art Musik auf die nächste Ebene verhilft. Kein Wunder also, dass das Sextett für das Intro „An Infinitesimal Spark“ und für „Living Waves“ Paul Masvidal (Vokalist der damals ähnlich innovativen Cynic) verpflichten konnten, der den Stücken seinen charakteristischen Vocoder-Gesang schenkt.

Auch in Sachen Produktion hat sich einiges getan. Obgleich „Spiritual Migration“ bereits einen klaren, kraftvollen Sound für sich verbuchen konnte, ist der Unterschied zwischen „Aathma“ und PERSEFONEs früheren Werken kolossal. Jens Bogren, der sich auf für Bands wie Symphony X, Katatonia, Opeth, Devin Townsend und Arch Enemy verantwortlich zeigt, verpasste der Scheibe einen sehr modernen, technisch perfekten, aber nicht zu sehr geglätteten Klang, der den Songs sehr zugutekommt. Besonders beeindruckend wirkt hierbei das grandiose Finale der namensgebenden Quadrilogie „Aathma“, das in seiner orchestralen Breite und mit den betörend schönen, weiblichen Clean-Vocals auch einen Disneyfilm hätte untermalen können.

„Aathma“ wird in der Prog-Szene mit Sicherheit großes Aufsehen erregen und gerade in diesen Kreisen am Ende des Jahres seinen Weg auf diverse Bestenlisten finden. Für nicht sehr Tech-Death-affine Hörer werden die in geradezu epileptischer Hektik hin- und herwechselnden Ideen sicherlich immer wieder zu Schwierigkeiten führen, dem roten Faden der Songs zu folgen. Wer allerdings auf Sammelsurien an meisterhaft umgesetzten Musikkunststücken steht und über etwas chaotische Strukturen hinwegsehen kann, für den wird es wohl 2017 kaum ein passenderes Werk geben.