Interview mit Menetekel von Ungfell

Mit ihrem zweiten Album „Mythen, Mären, Pestilenz“ haben UNGFELL ein hervorragendes Folk-Black-Metal-Album herausgebracht, das musikalisch unglaublich abwechslungsreich, zugleich in sich stimmig ist und darüber hinaus Licht auf die interessante Schweizer Sagenwelt wirft. Im Interview mit Mastermind Menetekel könnt ihr mehr darüber lesen, warum der Kopf hinter dem Projekt ebenjenes Album für gelungener hält als sein Debüt, woher sein Interesse für Volkssagen rührt und was es mit dem ominösen Helvetic Underground Committee auf sich hat.

Was ist die Bedeutung hinter eurem Bandnamen UNGFELL?
„Ungfell“ heisst soviel wie „Unglück“ auf Schweizerdeutsch. Der Begriff ist allerdings komplett veraltet und wird meines Wissens nur noch in seltenen Fällen auf dem Lande verwendet. Es war mir wichtig, einen Bandnamen zu wählen, welcher auf die Schweiz verweist. Ein englischer oder hochdeutscher Bandname kam für mich nicht in Frage.
Im Kontext von UNGFELL ist der Bandname natürlich schlicht und einfach Programm. Es geht schließlich bei den meisten Stücken um unglückliche Schicksalswendungen, Todesfälle, blutige historische Ereignisse, usw.

Viele scheinen eure Musik mit der von Peste Noire und Sühnopfer zu vergleichen. Seht ihr euch von diesen Bands beeinflusst? Und woher bezieht ihr sonst eure Inspiration?
Ich gehe aus Prinzip nicht wirklich auf den Inspirationsdiskurs ein, da ich meines Erachtens keinen fruchtbaren Beitrag dazu leisten kann. Jeder Hörer hat seine eigenen Assoziationen, da muss ich nicht auch noch mitmischen.
Abgesehen von musikalischen Inspirationsquellen finde ich zur Zeit besonders alte Sagenbücher sehr inspirierend. Auch visuelle Zeugnisse aus dem Mittelalter finde ich generell sehr spannend (Holzstiche usw.).

Wie steht ihr zu den moderneren Variationen des Black Metal?
Puh, die Frage ist ziemlich breit gefächert… Ich habe eigentlich mit den wenigsten Varianten effektiv “Probleme”. Vieles aus dem Blackgaze find ich ziemlich schrottig, um ehrlich zu sein…
Ich bin trotz eines latent vorhandenen Skeptizismus grundsätzlich offen, was neue Musik angeht.

Ihr werdet auch mit dem Helvetic Underground Committee in Verbindung gebracht. Könntest du uns aufklären, was es damit auf sich hat?
Das H.U.C. ist eine Vereinigung verschiedener Musiker, welche sich dem Erschaffen von extremer Untergrundmusik verschrieben haben. Man kann es auch als einen “Zirkel” bezeichnen. Es ist nicht mehr und nicht weniger.

Ich habe den Eindruck, dass ihr sehr darauf achtet, eure Songs abwechslungsreich zu gestalten. Was haltet ihr demgegenüber von Bands, die ihre Tracks immer nach demselben Muster aufbauen?
Das ist korrekt. Bei UNGFELL war es mir von Anfang an ein Anliegen, die Stücke möglichst vielfältig zu gestalten. Ich habe grundsätzlich überhaupt kein Problem damit, wenn Bands immer demselben Muster folgen. Solange es funktioniert, steht dem nichts entgegen. Ich denke allerdings, dass dann die wahre Kunst darin besteht, die Songs trotzdem nicht langweilig werden zu lassen. Da zeigt sich dann, ob es sich effektiv um gute Musiker handelt, oder ob die immerselbe Struktur schlicht ein Ausdruck von musikalischem Unvermögen sind.

Kürzlich habt ihr mit „Mythen, Mären, Pestilenz“ eure zweite Platte veröffentlicht. Worin unterscheidet sich das Album deiner Meinung nach in erster Linie von eurem Debüt „Tôtbringære“?
Es ist mein Eindruck, dass „Mythen, Mären, Pestilenz“ den bisher kohärentesten Release von UNGFELL darstellt. „Mythen, Mären, Pestilenz“ liegt ein etwas konkreteres Konzept zu Grunde, als dies bei den vorherigen Releases bisher der Fall war. Während „Tôtbringære“ eine wilde Sammlung von Geschichten beinhaltete, Geht es bei „Mythen, Mären, Pestilenz“ wesentlich geregelter zu und her. Die ungezügelte Wildheit wird etwas sparsamer eingesetzt und weicht stückweit einem nachdenklicheren, mythischen Unterton. Die beiden Alben spiegeln musikalisch also jeweils relativ gut die lyrischen Komponenten wider.

Zwischen den wilden Black-Metal-Tracks habt ihr mehrere folkige Zwischenspiele eingebaut. Was war euer Gedanke dahinter?
Naja, neben all dem Gekeife und Geblaste muss sich das Ohr auch mal wieder etwas entspannen. Die Zwischenspiele sind für mich zu einem essentiellen Bestandteil von UNGFELL geworden. Außerdem tragen Interludes meines Erachtens generell dazu bei, ein Album zu mehr als “nur” einer Abfolge von Liedern zu machen.

Welches eurer neuen Lieder würdest du als deinen persönlichen Favoriten ansehen und aus welchem Grund?
Das kann ich so nicht beantworten. Jeder Song gefällt mir in irgendeiner Weise, sonst wäre er gar nicht auf dem Album. Aber einen absoluten Favoriten hab ich nicht. Du müsstest mich wohl in einem Jahr noch einmal fragen, wenn ich etwas Abstand von dem Teil hab.

Ihr erzählt in euren Songs verschiedene Schweizer Sagen. Was fasziniert euch so an den Volksmythen eures Landes?
Solche Sagen sind immer auch ein Einblick in ein vergangenes Weltbild. Da finde ich es sehr spannend, anhand von schriftlichen oder mündlichen Zeugnissen quasi ein “neues” altes Universum zu konstruieren und darin einzutauchen, auch wenn es historisch nicht absolut akkurat sein sollte. Die Musik an sich trägt natürlich einen enormen Anteil an dieser Form der Immersion.

Inwieweit sind solche althergebrachten Geschichten deiner Meinung nach auch heute noch relevant?
Naja, sie sind eben für mich relevant. Das ist alles, was für mich zählt. Wenn das Thema jemanden nicht interessiert, hab ich kein Problem damit. Ich will keine Gesellschaftskritik üben mit meiner Musik. Das machen schon genug andere.

Gibt es deiner Meinung nach gewisse Merkmale, die die Schweizer Sagen von denen anderer Länder abheben?
Dazu fehlt mir das nötige Wissen. Ich habe zu wenige Vergleichsmöglichkeiten.

Musstet ihr für eure Texte bewusst recherchieren oder kanntet ihr die Sagen ohnehin bereits im Vorhinein?
Nein, ich habe ganz bewusst Recherche betrieben, hab mir Bücher zugelegt usw. Die Sagen werden bei uns kaum in der Schule thematisiert, darum muss man da schon etwas nachhaken, wenn man sich dafür interessiert.

Zurück zu eurem aktuellen Album: Das Bild, das ihr als Artwork verwendet habt, ist ein Holzschnitt, der die Geschichte des „Ritters von Lasarraz“ zeigt, nicht wahr? Von wem ist das Bild und warum habt ihr gerade dieses ausgewählt?
Es handelt sich beim Cover um eine Darstellung Wilhelm Roegges (1870-1946). Dargestellt sind die Eltern des Ritters von Lasarraz, wie sie aus ihrem Heim vertrieben werden, richtig. Es handelt sich dabei meines Wissens um eine Zeichnung und nicht um einen Holzschnitt. Das Bild hat eine unheimlich kalte Wirkung auf mich und ich wusste sofort, dass dieses Bild das Cover werden sollte. Ein typischer Bauchentscheid.

Die Drums wurden diesmal von Vâlant eingespielt. Wie kam es dazu? Und ist er nun ein festes Mitglied oder bleibt UNGFELL ein Soloprojekt?
Naja, der Junge ist talentiert, wieso soll man ihn da nicht spielen lassen? So wie es momentan aussieht, werde ich auch weiterhin mit dem guten Vâlant zusammenarbeiten. Dies tue ich auch schon bei anderen Projekten und die Kollaboration hat sich bisher immer als sehr fruchtbar erwiesen. UNGFELL wird aber immer unter der strikten Führung meiner Selbst stehen, da wird sich nichts ändern. Ich brauche absolute Befehlsgewalt diesbezüglich.

Herausgebracht habt ihr „Mythen, Mären, Pestilenz“ über Eisenwald Tonschmiede. Warum fiel eure Wahl gerade auf dieses Label und wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Das Label hat mich kontaktiert und ich habe zugesagt, so einfach war das. Die Releases bei Eisenwald sind immer sehr liebevoll gestaltet und das schätze ich sehr. Ich bin bisher sehr zufrieden mit der Zusammenarbeit.

Was habt ihr als Nächstes mit UNGFELL vor? Werdet ihr vielleicht auch mal Konzerte spielen?
Ich habe zur Zeit schon wieder einiges an Material zusammenkomponiert, da ließe sich schon bald wieder ein Release zusammenstellen. Vielleicht nehm ich’s aber auch gemütlich, wir werden sehen. Zunächst wird wohl sowieso erst mal “Tôtbringære” als LP erscheinen. Konzerte sind zur Zeit nicht geplant, aber wer weiß, vielleicht ergibt sich ja mal was…

Wenn du einverstanden bist, würde ich dieses Interview gerne mit unserem traditionellen Metal1.info-Brainstorming beenden:
Streaming: Naja ist halt so, heute.
Politik in der Musik: „F.O.A.D.“
Die Europäische Union: Ich bin Musiker, kein Politiker.
Mittelaltermarkt: Nee, danke.
Pagan Metal: In homöopathischen Dosen zu ertragen.
Lieblingssage: Die Sage vom Toggeli.

Nochmals ein großes Dankeschön für deine Zeit. Die letzten Worte möchte ich dir überlassen:
Ich bedanke mich für das Interesse an UNGFELL. Da wird noch einiges kommen. Wappnet euch.