Konzertbericht: Negura Bunget w/ The Stone, Neochrome

28.05.2010 München, Titanic City

„Und wieder stirbt ein kleines Stück Geschichte unserer Stadt“.
Auch wenn sich dieser Vers der deutschen Punk-Band Wizo auf einen alten Schlachthof bezieht, passt er besser als jeder andere als Einleitung für diesen Konzertbericht – ist der Auftritt von NEGURA BUNGET doch der Vorletzte Metal-Abend im Münchner Titanic City, einer Szene-Institution, wie sie nicht jede Stadt eine hat: Mayhem spielten bereits in diesem düsteren Keller mitten in Schwabing, Immortal und Dissection. Hier wurde Münchner Musikgeschichte geschrieben, geschwitzt, gelebt. In einem Monat ist diese nun wirklich genau das: Geschichte. Eine chicke Stadt wie München braucht keine Kellerkneipen mehr, vor allem nicht im gesundrenovierten Schwabing – so zumindest die Meinung der Eigentümer, die den Pachtvertrag nicht weiter verlängern wollten, und offensichtlich ebenso die all derer, die geeignete neue Locations gehabt hätten, diese jedoch lieber leer stehen lassen, als sie an eine Rocker-Kneipe zu vermieten… am Ende könnte sich das ja noch auf den Wert der Wohnungen auswirken.
Und so hat der Abend, auch wenn sich wohl weder die Bands noch ein Großteil des Publikums dieser traurigen Tatsache bewusst sind, zumindest für mich einen gewissen melancholischen Touch…

Musikalisch beginnt der Abend pünktlich um halb neun mit NEOCHROME, einer ungarnischen Band, deren musikalisches Schaffen sich irgendwo zwischen Neothrash und modernem Melodic Death Metal einordnen lässt. Die Bedingungen, die sich NEOCHROME bieten, sind dabei durchaus ambivalent: Einerseits ist der Sound nahezu perfekt, andererseits lässt sowohl die Besucherzahl als auch deren Begeisterung für das, was ihnen da geboten wird, etwas zu wünschen übrig: Keine 50 Nasen haben es an diese Dienstag vor die Tür geschafft – ob das mit dem Termin oder doch damit, dass NEGURA BUNGET den Split nicht ohne Imageschaden überstanden haben, zu tun hat, vermag ich nicht zu beurteilen – gewiss ist, dass die letzten Auftritte von NEGURA BUNGET weit besser besucht waren.
Und genau so ambivalent, wie die Rahmenbedingungen ist auch der Auftritt von NEOCHROME: Zwar spielen sie einen musikalisch astreinen Gig, und wissen mir auch musikalisch zu gefallen, jedoch wirkt das Auftreten der Jungs all zu statisch: Headbangt sich das Mädel am Keyboard wenigstens noch den Kopf von den Schultern, nimmt beispielsweise der Leadgitarrist den Fuß nur ein einziges Mal von seiner angestammten Stelle, und das wohl auch nur, da er ob einer gerissenen Saite zu einem Instrumentenwechsel gezwungen war. Dass Sänger Vee zugleich auch die zweite Gitarre bedient, ist dabei eher unglücklich, führt diese Kombination doch zu noch weniger Bewegung auf der Bühne. Dennoch: NEOCHROME wissen, was sie tun, und am Ende ist es doch die Musik, die zählt. Nach dem Emperor-Cover „I’m The Black Wizzards“ sowie dem neuen Stück „Supernatural“ ist schließlich Schluss und NEOCHROME verlassen unter wohlwollendem Klatschen die Bühne.

Nach einer kurzen Umbaupause ist es Zeit für etwas Black Metal. Hierfür zeigen sich THE STONE aus Serbien verantwortlich, die durchaus zurecht als Routiniers bezeichnet werden können, sind sie doch bereits seit über acht Jahren aktiv und können auf einen beachtlichen Backkatalog aus vier Alben und unzähligen Splits, Eps und Best Ofs zurückblicken.
Diese Erfahrung merkt man den Musikern auch direkt an, so dass es hier wenig böse Überraschungen gibt: Von einer gerissenen Saite, die einen der Gitarristen einen Song lang ausschaltet, abgesehen, verläuft der Auftritt relativ ereignislos: Mit getünchten Gesichtern, Nieten und Knochen erfüllen THE STONE so ziemlich jedes Black Metal-Klischee, und auch ihr musikalisches Schaffen lässt wenig Zweifel an der Intention der Künstler: Straighter Black Metal steht hier auf dem Programm, böse und schnell, wie man sich das eben so vorstellt. Von Zeit zu Zeit kann das ja auch mal richtig Spass machen, und so kann ich mich an der Darbietung zunächst durchaus erfreuen… nach einer guten halben Stunde hätte es mir jedoch eigentlich auch wieder gereicht, bietet das Material der Serben doch auf lange Sicht wenig Abwechslung.
Das scheint das restliche Publikum (von einem Die-Hard-Fan in der ersten Reihe abgesehen) ähnlich zu sehen, hält sich der Applaus trotz der durchaus engagierten Show von Live-Fronter Glad doch in Grenzen; aber gut, tosenden Applaus kann man von kann man von einer halben Hundertschaft wohl auch nicht erwarten… THE STONE lassen sich davon jedoch nicht davon abhalten, eine intensive Show zu spielen: Es wird geheadbangt, gestikuliert und während des Spielens dankbar aus der vom NEOCHROME-Gitarrist hingehaltenen Bierflasche getruken. Nach einem 45 Minuten-Set aus neuem wie altem Material, sowie dem Slayer-Cover „Aggressive Perfector“ ist dann auch diese Show vorbei und die Zeit des großen Umbaus ist gekommen…

Großer Umbau deshalb, weil NEGURA BUNGET wie gewohnt derart viele Instrumente auf die Bühne bringen, dass es immer wieder an ein Wunder grenzt, dass sie all dies tatsächlich auf der kleinen Bühne des Titanic City unterbringen. Und während die Rumänen die Bühne vollstellen, steigt bei mir die Spannung, was mich da wohl erwartet – ist es schließlich mein mittlerweile fünftes NEGURA BUNGET-Konzert, jedoch das Erste des neuen Lineups. So sind zu Beginn die ungewohnten Gesichter an Bass und den Gitarren durchaus irritierend… irritierender noch ist jedoch die Tatsache, wie die Neulinge die Lücke, die Hupogrammos Disciple’s und Sol Faur hinterlassen haben, tatsächlich zu schließen in der Lage sind. Sicherlich, wenn man pingelig ist, könnte man sagen, dass Corbs Stimme nicht ganz so viel Tiefe wie die von Hupogrammos Disciple, Spins Gitarrenspiel nicht so viel Feeling wie das von Sol Faur hat… doch könnte dies objektiv gesehen ebensogut von der jeweiligen Tagesform abhängen. Ansonsten sind die Unterschiede zwischen den neuen und den alten NEGURA BUNGET überraschend gering:
Wie gewohnt eröffnen die Mannen um Bandkopf und Schlagzeuger Negru das Set auf ihrem überlangen Horn, im weiteren Verlauf kommen Panflöten, Flöten, das Klangbrett und Xylophon zum Einsatz. Neu-Fronter Corb gibt sich dabei alles in allem recht zurückhaltend, ja, fast etwas schüchtern, als hätte er sich noch nicht ganz in die Rolle des Sängers eingefunden oder fürchte negative Reaktionen seitens des Publikums. Dieses scheint sich an der pikanten Frage von Recht und Unrecht im Casus NEGURA BUNGET jedoch wenig zu stören – lediglich die bereits erwähnt niedrige Besucherzahl ist ein Indiz, dass das nicht für alle Fans gilt und der Rest schlicht zuhause geblieben ist.So präsentiert sich die Truppe alles in allem durchaus souverän, sowohl bei der Darbietung des neuen Materials von „Vîrstele Pămîntului“, als auch bei den alten Klassikern wie „A-Vînt In Abis“ vom „Măiastru Sfetnic“-Rerelease „Măiestrit“ oder der Percussion-Track „Norilor“ von „Om“ – lediglich ein Feedback, welches den Mischer bisweilen in die Verzweiflung treibt, trübt gelegentlich die Freude an der Darbietung.
Reichlich unerwartet jedoch kommt bereits um halb zwölf das Ende der Veranstaltung: Nach „Dacia Hiperboreanã“ ist nach knappen 60 Minuten nämlich auch schon wieder Schluss – ob es am eher verhaltenen Applaus der „Menge“ oder an der Stimmung der Musiker liegt, ist ungewiss, jedoch wird trotz einsetzender Zugaberufe auf eine solche verzichtet. Schade, ist man von NEGURA BUNGET doch etwas anderes gewohnt gewesen als eine Spielzeit von gerade einmal einer Stunde.


NEGURA BUNGET haben an diesem Abend bewiesen, dass sie den Split zwar vielleicht nicht unbeschadet, aber zumindest auf musikalischer Ebene recht gut überstanden haben. Hinsichtlich des Spirits und der unvergleichlichen Atmosphäre, die einer NEGURA-Show eigen war, bilde zumindest ich mir zwar als voreingenommener, langjähriger NEGURA BUNGET-Fan ein, sie habe etwas unter dem Verlust der beiden Ausnahmemusiker gelitten, jedoch ist diese Einschätzung durchweg subjektiv… ob dies so der Wahrheit entspricht, wird wohl erst die Zeit und die nächste Tour zeigen – muss man dem neuen Lineup doch auch zu Gute halten, dass sie auf einen weit geringeren Erfahrungsschatz zurückgreifen kann als die eingespielte Vorgängerbesetzung.

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Fotos von: Moritz Grütz

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