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Loch Vostok – Strife

(Progressive Metal / Melodic Death Metal / Power Metal) Mit den aktuellen Veröffentlichungen von Persefone und Winterhorde hatte das Label ViciSolum Productions in letzter Zeit bereits progressiven, melodischen Extreme Metal im Angebot. Nun erscheint in ihrem Katalog mit „Strife“ ein weiteres Album, das in dieses Nischengenre eingeordnet werden kann. Es ist das mittlerweile siebte Studiowerk der schwedischen Band LOCH VOSTOK.

Waren besagte Alben von Persefone und Winterhorde großartige, das Genre weiterentwickelnde Beiträge, kann selbiges über „Strife“ leider nicht gesagt werden. Zwar hat auch LOCH VOSTOKs Platte musikalisch viel zu bieten, wirklich außergewöhnlich und herausragend ist daran allerdings wenig.
Dabei fängt die Scheibe so vielversprechend an: „Babylonia Groove“ macht seinem Namen alle Ehre und entfesselt ein wildes Prog-Feuer aus groovigen Riffs, die sich mit düsteren, mysteriösen Gesangspassagen abwechselt. So weit, so gut. Dann jedoch folgt das, was letztlich jedem einzelnen Song auf dem Album zum Verhängnis wird: der Refrain.

Statt dem sonstigen, meist recht aggressiv oder finster gehaltenen Stil des Albums gerecht zu werden, brechen sie hier in musikalisch seichte Power-Metal-Lines aus, die derart nervig und uninteressant sind, dass der Stilbruch den Eindruck erweckt, die Band sei in der Sekunde des Übergangs ausgewechselt worden. In hoffnungslos misslungenen Versuchen, einige mitsingbare Soilwork-Momente zu erschaffen, muss man also enttäuscht miterleben, wie ein starker, gut geschriebener Song nach dem anderen sein Potential verspielt.

Das ärgert insofern, als LOCH VOSTOK mit Stücken wie „Summer“, „Yurei“ oder „Ventilate“ diverse interessante, stimmige und fetzige musikalische Kompositionen erschaffen haben, die ohne ihre verzweifelten, kitschigen Power-Metal-Elemente zu absoluten Hits hätten werden können. Das betrifft auch das Quasi-Djent-Stück „Cadence“, bei dem die Diskrepanz zwischen dunkler Atmosphäre und Sonnenschein-Refrain besonders unangenehm auffällt.

„Chance verschenkt“ ist also wohl die passendste Wertung, die man „Strife“ zugestehen kann. Die zahlreichen starken Momente werden durch eigentlich im rein quantitativen Vergleich nur wenige, aber qualitativ einfach miese leider derart abgewertet, dass von einem potentiell hervorragenden, progressiven Extreme-Metal-Album ein lediglich ganz passables übrigbleibt. Damit können LOCH VOSTOK sich zwar durchaus immer noch sehen lassen, im gleichen Atemzug wie diverse andere Namen, die im Prog dieses Jahr auf sich aufmerksam machten, kann man die Schweden damit jedoch nicht nennen.

Panzerballett – X-Mas Death Jazz

(Progressive Metal / Jazz) Alle Jahre wieder hat PANZERBALLETT-Gitarrist Jan Zehrfeld lustige Bearbeitungen bekannter Weihnachtssongs als Festtagsgruß veröffentlicht: Er zerhackte „Let It Snow“ oder „Leise rieselt der Schnee“ und setzte sie als klamaukige Jazzmetal-Perlen im PANZERBALLETT-Sound wieder zusammen. Irgendwie wusste man: Es war nur eine Frage der Zeit, bis daraus einmal ein vollständiges Album werden würde. Jetzt ist es da!

„X-Mas Death Jazz“ bietet acht Megahits, die Freunden klassischer Weihnachtsromantik garantiert das Fest vermiesen werden – denn so hart, komplex und verrückt habt ihr „Kling, Glöckchen“, „Little Drummer Boy“ oder „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ sicher noch nie gehört. Das hier ist nichts für den Familienkaffee am ersten Weihnachtstag, sehr wohl aber ein audiophiler Leckerbissen für Freude von Tech-Metal, Djent, Jazz und Fusion.

Da Weihnachtslieder in der Regel nicht ohne Text auskommen, werden PANZERBALLETT dieses Mal von mehreren Gastsängern unterstützt. Mit dabei sind unter anderen Matthias IA Eklundh (Freak Kitchen, Steve Vai), Mike Keneally (Frank Zappa, Joe Satriani) und Jen Majura (Evanescence). Stilistisch bleibt ansonsten alles beim Alten, wer also die letzten Alben der Band mochte, darf auch bei „X-Mas Death Jazz“ wieder zugreifen. Spielerisch bewegen sich die Jungs sowieso auf einem schwindelerregend hohen Niveau und sind über jeden Zweifel erhaben.

Mit „White Christmas“ und „Kling, Glöckchen“ beginnt das Album zunächst etwas zu verkrampft und zerfasert, aber spätestens ab „Little Drummer Boy“ geht das Konzept auf. Zu den Highlights zählen „Es kommt bald“, „Rudolph, The Red-Nosed Reindeer“ und „Let It Snow“. Es mag jetzt skurril klingen, aber wer solch verkopfte Musik mag, wird diese Nummern so schnell nicht mehr aus dem Hirn bekommen. Für alle, die keine Weihnachtstexte mehr hören können, haben Jan Zehrfeld & Co. als Bonus auch noch die Instrumental-Versionen mit auf die Scheibe gepackt.

Wie immer bei PANZERBALLETT gilt aber auch für „X-Mas Death Jazz“: Auf Konserve wirkt die Musik trotz ihres klamaukigen Charakters ein Stück zu perfektionistisch und kühl. Das liegt vermutlich an ihrer streng mathematischen Natur. Erst live erwachen die halsbrecherischen Kompositionen so richtig zum Leben, wenn sie mit viel Charme und Humor vorgetragen werden. Dennoch eine schöne Sache für alle Fans und Tech-Metal-Freaks!

Sataninchen – Panda Metal Party

Sushi, Lakritze, Spaß-Metal: Es gibt Dinge, zu denen man nur eine von zwei klar definierten Positionen beziehen kann – die klassische „Love it or hate it“-Situation also. Zum Glück von SATANINCHEN haben viele Metalheads Humor und sind auch noch für den absurdesten Klamauk zu begeistern. Um „Panda Metal Party“, das Debüt von SATANINCHEN nicht zu hassen, ist das nämlich unerlässlich. Ein dickes Fell in Sachen Trash, Schlager und Schnulzenpop ist zum Genuss dieses Werkes ebenfalls unerlässlich. Doch von vorne …

Unter dem knuffigen Pseudonym SATANINCHEN und mit viel (Selbst-)Ironie interpretiert ein Berliner Künstler, der sich selbst als Ein-Mann-Satire-Black-Metal-Projekt inszeniert, die „größten Hits der 80er, 90er und von heute“ neu – so besagt es zumindest das Intro der CD, unterlegt von diversen Rülps- und Kotzgeräuschen. Und unter „Die größten Hits“ sind konkret die schlimmsten Nummern zu verstehen, die das Radio, der ZDF-Fernsehgarten und sämtliche Bierzelte dieser Welt je gehört haben: „Nur geträumt“ (Nena), „Griechischer Wein“ (Udo Jürgens), „Wahnsinn“ (Wolfgang Petry), „Verdammt ich lieb dich“ (Matthias Reim), „Mädchen“ (mit einem Feature der Original-Interpretin Luci van Org!) und (natürlich) der unsägliche Song beispielsweise, dessen Name nicht genannt werden darf (Helene F.).

Das Bandkonzept des „neu-interpretierens“ ist natürlich alles andere als neu: Was stilistisch ein wenig nach einer Low-Budget-Version von Eisregen klingt, ist im Endeffekt nichts anders als eine 2017er-Version von Onkel Tom im Black-Metal-Gewand. Das allein kann man SATANINCHEN, der auch Tom Angelrippers Sohn sein könnte, kaum zum Vorwurf machen … wahrscheinlich braucht einfach jede Generation ihren „Onkel Tom“, um die musikalischen Verbrechen ihrer Zeit zu verdauen.

Auch sonst gibt es wenig, was man SATANINCHEN vorwerfen kann – außer vielleicht dem Bruch der Genfer Konvention. Aber damit sind ja schon ganz andere ungeschoren davongekommen. Sieht man von der Instrumentierung mit bratenden Zerrgitarren und Grunzgesang ab, sind die Cover vom Arrangement her allesamt ziemlich originalgetreu gehalten und musikalisch durchaus patent umgesetzt: Vor allem der Frauengesang von Nina Jiers (Neopera) in „Lay All Your Love“ (ABBA) und in der Alternativversion des Songs, dessen Name nicht genannt werden darf, sorgt im Kontext dieses Spaß-Projektes für Erstaunen. Da hat man auf so mancher ernst gemeinter CD schon Schlimmeres gehört. Aber auch der Sound ist für ein Satire-Projekt überraschend professionell – kein Wunder, ist Sascha Blach alias Alexander Paul Blake (u.a. Eden Weint Im Grab, Aethernaeum), der SATANINCHEN dahingehend unterstützte, auch kein Unbekannter in seinem Fach.

Die Skurrilität der gesamten Kollektion, die ansonsten von „Zu Spät“ (Die Ärzte) bis „Sun Of Jamaica“ (Goombay Dance Band) reicht, bringt das „Katzelied“ auf den Punkt – eine von zwei Eigenkomposition von SATANINCHEN im hier gebotenen Strauß bunter Melodien. Und das nicht nur, weil es eigentlich von einem Kater handelt, dem es an die Klöten geht.

Wenn Heino Metal-Songs covern darf, dürfen SATANINCHEN auch Metal-Versionen von Schlagern spielen. Oder ist es nicht vielmehr so: Wenn ein Heino schon Metal-Songs verschlagert, braucht man nicht auch noch ein SATANINCHEN, das Schlager-Songs vermetalt? Die Antwort auf diese Glaubensfrage muss sich jeder selbst geben – Fakt ist: Wenn es schon niveaubefreiter Metal-Klamauk sein soll, dann ist SATANINCHEN aufgrund der Einhaltung grundlegender musikalischer Standards und eines gewissen, nicht zu leugnenden Unterhaltungswertes keine schlechte Wahl. Wäre da nicht dieser eine Song (in gleich zwei Versionen!), dessen Name nicht genatemlos, durch die Nacht, bis der neue Tag erw… ICH HASSE EUCH ALLE! Außer die Pandas auf dem Cover. Die sind süß.

Metal1.info

SCHANDMAUL gehören heute zur Speerspitze des deutschen Mittelalter-Rock. Unser Herausgeber Sigi Maier hat die Band seit den Anfangstagen von METAL1.info im Jahr 2002 mit unzähligen Specials und Interviews auf ihrem Weg begleitet. Logisch also, dass die Wahl auf SCHANDMAUL-Sänger Thomas Lindner fiel, als die Idee zu diesem Special-Interview geboren wurde: Zum 15. Geburtstag von METAL1.info haben wir den Spieß einmal umgedreht und unseren Chefredakteur Moritz Grütz (MG) sowie METAL1.info-Herausgeber Sigi Maier (SJM) in den SCHANDMAUL-Proberaum geschickt, wo sie von Thomas (TL) und seinem Bruder, Hörspielproduzent Stefan Lindner (SL), über Digitalisierung, die Medienwelt im Metal und die Grundsätze und Ideen hinter METAL1.info ins Kreuzverhör genommen wurden.

SL: Die gesamte Musikbranche hat gerade sehr an der Digitalisierung zu knabbern – also der Entwicklung weg vom physischen Tonträger hin zum Streaming. Ihr seid ein digitales Musikmedium. Profitiert ihr davon, dass die Verkäufe von RockHard, Metal Hammer und Co. rückläufig sind, oder wirkt sich dies gar nicht auf euch aus?
MG: Schwierig. Das hat zwei Aspekte: Online sind wir immer schneller und freier als Print, das heißt, wir haben keine Zeichenbeschränkungen und können das entsprechend ausnutzen. Was die Musik betrifft, ist es aber mittlerweile so, dass viele Labels ihre Alben bereits einige Wochen vor Release komplett streamen, so dass sich jeder Fan oder potentielle Käufer weit vor der Veröffentlichung sein eigenes Bild machen kann. Früher waren Reviews das Vorgeschossene, das vor der eigentlichen Veröffentlichung rauskam und ein erstes Bild vermittelt hat. Das hat sich geändert und sich natürlich auch auf die Relevanz der Rezensionen ausgewirkt. Diese richten sich nun mehr vornehmlich an jene User, die vorab nicht selbst reinhören können oder wollen, bieten aber nichts Exklusives mehr.

SL: Habt ihr durch die Entwicklungen der letzten Jahre mehr oder weniger Klicks?
SJM: Genau deswegen hätte ich zur ersten Frage „nein“ gesagt. METAL1.info ist seit seiner Gründung immer ein Medium gewesen, das kaum von aktuellen Trends beeinflusst wurde und selbständig gewachsen ist. Wir haben miterlebt, wie YouTube und Facebook größer geworden sind, ohne dass wir auf jeden Zug sofort aufgesprungen sind. Diesem Umstand verdanken wir meiner Meinung nach auch unsere Stammleserschaft, die uns bei der Metal-Hammer-Jahresumfrage auf Platz 4 der besten Webzines 2016 gewählt hat.
Die Digitalisierung bringt in erster Linie Vorteile für die Labels, die via Download oder Streaming viel mehr Reichweite generieren können. Als wir 2002 anfingen, bekamen wir CD-Pakete per Post, heute sind es Download-Pakete per Mail. Die Download-Pakete haben den Nachteil, dass manchmal zum Beispiel Extras fehlen, was besonders bei Re-Releases ein Problem darstellt, wenn der eigentliche Rezensionsgrund fehlt, oder manche Best-Ofs aus fünf oder mehr CDs im Streaming schwer zu händeln sind. Wir nehmen uns dann auch die Freiheit, entsprechende Review-Anfragen abzulehnen.

TL: Konkurriert ihr für euch ausschließlich mit anderen Webzines oder auch mit Printmedien?
MG: Print und Online ist nicht zu vergleichen – dadurch sind Printmagazine auch keine direkte Konkurrenz für uns. Der Metal Hammer und das RockHard sind als Name und Medium ganz anders etabliert, das werden wir in dieser Form nicht erreichen. In Sachen Leserschaft können wir also schwerlich zu Printmedien aufschließen.
Im Online-Bereich war es für uns immer wichtig, gewisse Alleinstellungsmerkmale zu schaffen, da es eine unfassbar hohe Anzahl an Webzines gibt. Ich denke, dass uns das mit der konstant hohen Qualität unserer Artikel und unseren Specials ganz gut gelungen ist. Wir schauen aber gar nicht so auf die anderen, sondern in erster Linie auf uns und unsere Leser. Wir hatten sehr lange ein aktives Forum – viele der damaligen Mitglieder schreiben bis heute in unserer Kommentarfunktion. Das ist natürlich schön. Dazu kommen natürlich immer neue Leser, so dass unsere Leserschaft langsam, aber kontinuierlich wächst.

TL: Eine ketzerische Frage: Warum fängt man so was an? Damit man umsonst auf Konzerte kommt? Oder kann man davon sogar leben?
MG: Ich habe vor meiner Zeit bei METAL1.info bereits für ein paar kleinere Magazine geschrieben. Schon da habe ich gemerkt, dass ich so zu Musik komme, auf die ich anders nie gestoßen wäre. Das hat sich auch nach zehn Jahren gehalten. Musik ist für mich wie eine Droge: Ich habe eine Schrankwand voller CDs, trotzdem brauche ich das, dass ich jeden zweiten, dritten Tag die Möglichkeit habe, etwas komplett Neues zu hören und für mich zu entdecken. Das ist ein supercooles Gefühl.
Leben kann davon natürlich niemand – Geld gibt es für die Arbeit keines. Im Gegenteil, wir haben ja die Rechnungen für unseren Server, die Domain und so weiter zu begleichen. Diese Kosten tragen wir als Team – dafür werden bei uns alle Redakteure gleich behandelt und können die Plattform für sich nutzen, um von den Vorteilen eines etablierten Magazins zu profitieren. Materiell betrachtet sind die Vorzüge des Hobbys durch die Digitalisierung aber nicht mehr nennenswert, da für eine Rezension ohne dazugehöriges Interview beispielsweise meist nicht einmal physische Tonträger zugesendet werden.
Bei Konzerten und Festivals ist der Aufwand-Ersparnis-Faktor etwas besser. Unter dem Strich ist METAL1.info also quasi ein Luxus-Nebenjob: Du machst das, was dir Spaß macht und kriegst dafür das, was du dir als Metal-Fan von dem Geld, das du an der Supermarktkasse oder sonst wo verdient hättest, eh gekauft hättest – CDs und Konzerttickets. Dafür fließt kein Geld direkt in den Geldbeutel, wir verdienen mit METAL1.info wie gesagt keinen Cent. Wir schalten bewusst keine Werbung und sind auch ansonsten gänzlich unabhängig und eigenständig. Wenn wir etwas verlosen, wird uns das ohne Gegenleistung zur Verfügung gestellt, und unsere Bewertung einer Platte, aber auch die Wahl zum „Album des Monats“, entscheidet sich rein nach dem Geschmack der Redakteure.

TL: Wie könnte man theoretisch in eurem Metier Geld verdienen?
SJM: Es würde wie bei YouTubern und Instagramern über platzierte Werbung funktionieren, indem wir uns zum Beispiel mit der neuen Schandmaul-CD in den Händen filmen oder fotografieren lassen, während wir Platten besprechen. Wir hatten und haben aber niemanden, der diesen Weg gehen will. Wenn ich andere Seiten ansurfe oder Magazine lese, dann weiß ich vorher, dass bestimmte Bands und Labels dort nie unter einer gewissen Bewertung landen. Das gefällt mir nicht. Wir legen mehr Wert auf unsere redaktionelle und persönliche Freiheit, anstatt bestimmten Zielgruppen zu gefallen.

TL: Seid ihr deswegen mehr „true“ als Printmagazine, die bezahlte Anzeigen annehmen und dann entsprechend positive Artikel und Rezensionen schreiben? Denkt ihr euch nie: „Scheißegal, ob mir die Platte gefällt, ich schreibe positiv darüber, denn dann ist der Server bezahlt.“?
MG: Wir sind uns und unseren Lesern gegenüber ehrlich. Sonst gäbe es METAL1.info bei all den anderen Webzines da draußen vermutlich auch nicht mehr … halbwegs kompetente Schreiberlinge haben die ja alle. Bei uns darf jeder Redakteur frei und absolut eigenmächtig entscheiden, wie viele Punkte er einer bestimmten Platte gibt. Wir sind niemandem verpflichtet und haben keine diesbezüglichen Interessenskonflikte. Natürlich diskutieren wir Wertungen intern, was wiederum zu Plus/Minus-Rezensionen, also einem Doppel-Review aus positiver und negativer Besprechung, führen kann. Der Leser entscheidet dann, welcher Argumentation er eher folgt. Würden wir uns da auch nur einmal „verkaufen“, wäre der Ruf ganz schnell dahin.
SJM: Ich würde „true“ immer mit glaubwürdig übersetzen. Sicherlich sind ein paar Bands nicht glücklich mit dem, was wir schreiben. Es geht aber nie darum, jemanden persönlich zu beleidigen. Wir wollen unseren Lesern fundierte Anhaltspunkte dazu liefern, was sie erwartet. Natürlich geht es am Ende um Geschmäcker und nicht um richtig oder falsch. Aber ein begründetes „Gefällt mir“ ist genauso viel wert wie ein begründetes „Gefällt mir nicht“. Damit tun sich einige Künstler erfahrungsgemäß schwer, da sie Kritik an ihrer Kunst oft sofort auf sich als Mensch beziehen. Ich trenne den Menschen strikt vom Künstler. Es gibt Idioten, die super Musik machen, und liebe Leute, die Grütze auf CD pressen. Viele trennen ihre Kunstfigur aber nicht mehr von sich selbst als Menschen, was ich für bedenklich erachte.

SL: Lässt sich das so sauber trennen? Wenn mir jemand sympathisch ist, bin ich doch eher geneigt, etwas Positives über seine Kunst zu schreiben …
MG: Das kann man gut ausblenden. Wenn ich „befangen“ bin, überlege ich mir natürlich zweimal, ob ich der richtige für diese Plattenbesprechung bin. Aber wenn ich sie selbst schreibe, geht es um Sound, Songwriting und Co. – da spielt die Sympathie keine Rolle. Ich kann mir vorstellen, dass der menschliche Bezug unterschwellig bei der Wortwahl zum Tragen kommt. Vielleicht bin ich weniger gehässig, wenn ich jemanden mag. Aber an der Bepunktung ändert das nichts.
SJM: Der größte Vorteil, den Menschen hinter dem Musiker zu kennen, besteht darin, dass man seine Intentionen besser nachvollziehen kann. Zum objektiven Maßstab erhält man so einen weiteren Informationsgrad, der dabei hilft, manche Entwicklungen zu verstehen und die musikalische Richtung einzuordnen. Das ist wertvoller als jeder Promozettel, bedeutet gleichzeitig aber nicht, dass einem das Ergebnis dadurch besser gefällt.
MG: Das Kriterium ist am Ende immer: Würde ich mir die CD daheim anhören und meinem besten Kumpel empfehlen. Dem ist es nämlich egal, ob ich den Sänger kenne oder der Schlagzeuger der Bruder meiner Arbeitskollegin ist.

SL: Objektivität hat im Musikjournalismus gar nichts zu suchen – richtig?
MG: Das sehe ich entschieden anders. Wir sind uns, glaube ich, alle einig, dass eine Plattenkritik nie hundertprozentig objektiv sein kann. Was ist schon objektiv in der Kunst und deren Beurteilung? Im Gegensatz zu anderen Kunstformen kann sich eine Plattenkritik allerdings an einigen halbwegs handfesten Kriterien orientieren. Musik machen hat viel mit Handwerk zu tun, zum Beispiel beim Sound, aber auch beim Songwriting. Bei diesen Punkten kann man unabhängig vom persönlichen Geschmack sagen, ob es funktioniert oder nicht. Das ist viel Erfahrungssache. Da hilft es natürlich, selbst Musiker zu sein. Man kann das aber mit der Zeit durch das viele Hören von und Schreiben über Musik auch so lernen – bei uns spielt die Mehrheit der Redakteure beispielsweise kein Instrument. Dann geht es um Sachen wie Monotonie als Stilmittel oder die Erkenntnis, dass drei Riffs in stumpfer Abfolge kompositorisch selten einen packenden Song ergeben. Dazu kommt die Performance der Musiker: Schlechter Gesang und schräge Gitarren sind längst kein Alleinstellungsmerkmal von Low-Budget-Produktionen. Die Kür ist dann der Innovationsgrad: Ist das, was man zu Hören bekommt, gute Hausmannskost oder kreativ und individuell? Auch das lässt sich relativ objektiv beurteilen, da es mir persönlich nicht gefallen muss, wie zum Beispiel jemand singt, solange es gut gemacht ist. Unter dem Strich ergeben diese sehr objektiven Kriterien den Hauptanteil der Wertung. Die Kür ist dann, den Rezensenten wirklich zu begeistern – da kommt dann der eigene Geschmack ins Spiel, und der ist natürlich nie objektiv. Aber da geht es dann um halbe Punkte rauf oder runter, würde ich sagen.
SJM: In Magazinen wie dem Mbeat und Co. ist kein Verriss zu erwarten, da alle CDs, die darin auftauchen, auch verkauft werden sollen. Beim EMP-Katalog und dem Nuclear-Blast-Magazin ist es genauso. Das sind umformulierte Werbetexte, da alles ausgeklammert wird, was nicht gut ist. Da wird die jeweilige Intention schnell deutlich. Das trenne ich strikt von dem, was wir bei METAL1.info tun und woran wir glauben.

SL: Bestimmte Medien eignen sich besonders langfristig auch als persönliche Richtschnur. Dafür muss ich nicht einmal der Meinung des Autors zustimmen. Deswegen finde ich eine gewisse Subjektivität schön.
MG: Wie gesagt, Subjektivität auszuschließen geht nicht, da schon innerhalb unseres Teams viele unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. Im Endeffekt sucht sich ein interessierter Redakteur eine Veröffentlichung aus. Das heißt nicht, dass er stellvertretend für alle anderen spricht. Wir trauen allerdings allen unseren Schreibern zu, dass sie ihren Standpunkt plausibel vertreten können. Unsere Leser müssen diese Einschätzungen dann nicht teilen, sollen sich aber nicht denken: „Was schreibt der für Mist?“ Dann haben wir etwas falsch gemacht.
SJM: Viele Magazine wie eben Mbeat und Co. treten als Werbemultiplikator auf, unsere Absicht ist eine andere. Wir wollen nichts bewerben oder wiederkäuen, sondern gestern wie heute Leute dazu bringen, längere geschriebene Texte von uns zu lesen und sich ausgehend davon eine eigene Meinung zu bilden. Dieses Publikum zu finden bzw. diese Zielgruppe anzusprechen, ist heutzutage schwieriger denn je, denn bei den meisten Onlinelesern reicht die Aufmerksamkeitsspanne nur für wenige Zeilen. Wir stehen uns zum Teil selbst im Weg mit diesem Credo. Aber da sind wir wieder beim Punkt, dass wir genau das schon immer gemacht haben und weiterhin machen wollen. Smartphones haben in gewisser Weise die Konzertfotografie entwertet, genau wie Facebook und Twitter oder auch WordPress die Vielfältigkeit der Sprache. Wir richten unsere Texte aber nicht per se suchmaschinenoptimiert aus, da wir dann unserem Anspruch kaum gerecht werden können.
MG: Mir macht Sprache Spaß. Mir ist wichtig, was ich schreibe und wie ich es schreibe. Ich will, dass auch der Leser an unseren Texten Spaß hat. Wir legen deswegen vergleichsweise viel Wert auf die sprachliche Qualität unserer Artikel, nicht nur auf die Message. Viele wollen das aber nicht, denen reicht ein Drittel unserer durchschnittlichen Textlänge und selbst dann scrollen einige lediglich runter bis zur Punktevergabe. Das kann man machen, dann bekommt man aber eben auch kein umfassendes Bild des Albums vermittelt. Wer wirklich wissen will, was wir über ein Album denken, der muss eben etwas mehr Text lesen. Vielleicht entspricht unsere Herangehensweise damit weniger dem Zeitgeist, doch besonders die Treue unserer Stammleserschaft zeigt, dass wir mit unserem Ansatz auch ein Zielpublikum haben.

TL: Und warum macht man sich diese Mühe?
SJM: Aus Neugier. 2002 hat Metal1 damit begonnen, dass drei Menschen neugierig gewesen sind – Stefan Popp, Andreas Althoff und ich. Wir haben uns die Frage gestellt, wie weit wir ohne jegliche Kontakte kommen und haben von Null angefangen. Uns war früh klar, dass wir nie von METAL1.info leben, aber für METAL1.info etwas bewegen können. Die Kombination aus Neugier und Passion ergibt meistens guten Content und viele Musiker haben ein gutes Gespür dafür, ob jemand mit einem Interview seinen Job erfüllt oder mit Leidenschaft bei der Sache ist.

SL: Was hat sich im Laufe der letzten 15 Jahre geändert?
SJM: Heutzutage geben viele Bands rund um ihren Release mächtig Gas und befeuern alle verfügbaren Kanäle mit allen Mitteln. Das geschieht mehr oder weniger kohärent, meist aber eher chaotisch. Hämatom haben zum Beispiel zu „Wir sind Gott“ ein beeindruckendes Konzept bis zu „Das letzte Abendmahl“ als Tourabschluss ausgerollt, das bei mir nach all den Jahren einen bleibenden Eindruck hinterlassen hat. Einzelne Facebook-Postings von wegen „Morgen kommt unsere neue CD, bitte alle kaufen!“ sind hingegen deutlich verbreiteter, da viele Kapellen gerade bei sozialen Medien sehr naiv vorgehen und gar nicht beziehungsweise schlecht beraten werden. Gerade in Zeiten der Digitalisierung ist Storytelling beziehungsweise Vermarktung im Online-Bereich wichtig und schafft Aufmerksamkeit. Mach Leute neugierig auf das, was du tust. Das funktioniert auch personenbezogen, wie bei ASP, der von seinen Jüngern selten bis nie kritisch hinterfragt wird. Bands wie The Moon And The Nightspirit lassen im Gegensatz dazu einzig und allein ihre Musik sprechen. Letztlich muss es nur authentisch sein.

TL: Arbeiten im Printbereich andere Arten von Redakteuren als online und wo liegen die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten?
SJM: Dass viele – egal ob Print oder online – in ihrer Aufgabe einen Beruf oder eine Art Berufung sehen. Im Print-Bereich sind viele Folkmagazine, an denen ich mitgearbeitet habe, inzwischen weg vom Fenster. Da gab es in allen Redaktionen passionierte Schreiber, die coole Ideen hatten und geilen Content produziert haben. Nur das Korsett drumherum war zu starr dafür oder die Verantwortlichen bzw. die Geldgeber nicht mutig genug, andere Wege zu gehen, als Anzeige gegen Artikel zu tauschen. In den Anfängen von METAL1.info kam wiederum niemand zu uns, der einfach Musik gehört hat und dann darüber schreiben wollte. Das waren eher jahrelange Wacken-Besucher, die im Metal mehr gesehen und teils dafür gelebt haben. Dadurch ist bei uns ein besonderer Spirit entstanden, durch den wir auch Rückschläge verkraftet haben. METAL1.info war ein ständiges Scheitern und Lernen, aber wir hatten zum Glück immer einen festen Kern oder mehrere Zugpferde, die weitergemacht haben. Manchmal kommen die Impulse auch von extern, zum Beispiel durch Musiker. Deswegen haben wir so manches Printmedium überlebt.

SL: Ihr habt im Team aber keine gelernten Journalisten, oder?
SJM: Doch, mich zum Beispiel – aber Journalismus ist ein dynamisches Feld, das heißt, das lernt niemand einmalig. Medien verändern sich und damit auch Schreibstile und Anforderungen an Redakteure. Deswegen ist es nicht wichtig, Journalismus studiert zu haben.

SL: … sagen alle, bis auf die, die Journalismus studiert haben. Den Kunden interessiert es am Ende vermutlich wirklich wenig, ob jemand etwas gelernt oder nicht, er bewertet das Ergebnis. Aber hattet ihr mit eurem Team jemals Probleme im Hinblick auf Akzeptanz bei anderen Magazinen, bei Labels oder Bands, da ihr eben nicht alle klassisch ausgebildet seid?
MG: In diesem Genre gibt es das so nicht, glaube ich, da auch die meisten Redakteure von Print-Magazinen kein Journalismus-Studium vorzuweisen haben. Die meisten gelernten Journalisten sind sich vermutlich einfach zu schade, um als Redakteure im Musik- oder gar Metalbereich zu arbeiten, selbst wenn das Interesse an der Musik da wäre. Andererseits ist das Jobangebot in dem Nischensektor überschaubar: Es gibt wenige Printmagazine, die Redaktionen sind klein, viel läuft über freie Redakteure – und für die ist es auch nur ein Hobby wie für uns. Andererseits lese ich dann in der SZ Konzertkritiken von Metallica, bei denen ich mir denke, dass sie den Praktikanten, der den Mist geschrieben hat, in der Zeit lieber die Kaffeemaschine hätten reinigen lassen sollen. Für diese Artikel wäre es nämlich oft ergiebiger gewesen, ein paar Alben der Band zu hören, statt journalistische Zeitungsstandards zu befolgen. Bei uns ist das Know-how entscheidender, das heißt: Wie gut ist dein Background im betreffenden Genre und wie gut kannst du die Musik einer Band auch im Vergleich zu stilistisch ähnlichen Combos einordnen.

SL: Aber Printredakteure und Plattenfirmen blicken nicht auf euch herab?
SJM: Nicht, dass wir es wüssten. Wir kommen allerdings auch nicht mit den Printredaktionen des Metal Hammer und Co. in Berührung. Beim Fotografieren macht es einen Unterschied. Da lassen einen bei größeren Konzerten Printvertreter oftmals gerne wissen, dass man selbst nur für den Online-Bereich knippst. Weil Print ja die größere Reichweite hat und gedruckt wird und demnach wertvoller ist und so weiter. Aber am Ende zeigt sich dann oft, dass nicht unbedingt das meiste und teuerste Equipment die besten Ergebnisse liefert.

TL: Was erwartet ihr für die nächsten 10 Jahre? Gibt es dann keine Printmagazine mehr und nur noch Online-Portale? Das heißt, niemand verdient mehr Geld und wenn die verbliebenen Hobbyschreiber keinen Bock mehr haben, stirbt alles aus … ?
MG: In der Tat erwarte ich, dass die Relevanz von Printmedien weiter abnimmt, aus den oben genannten Gründen. Wer liest im Metal Hammer die News, wenn er sie online bereits Wochen vorher findet? Warum ein gekürztes Interview lesen, wenn ich auch ein ausführliches haben kann? Andererseits konzentriert sich der Hammer wie auch das Legacy und andere Magazine nun selbst vermehrt auf den Online-Bereich. Durch ihre Finanzkraft haben diese Medien ganz andere Möglichkeiten als wir. Das wird unsere zukünftige Konkurrenz und daran werden wir uns messen lassen müssen, auch wenn es ein kleiner David-gegen-Goliath-Kampf ist. Aussterben wird der Musikjournalismus in unserem Segment meiner Meinung nach jedenfalls nicht: So wie du immer jemanden findest, der aus Idealismus weiter Musik macht, auch wenn sich das heute ja auch nicht mehr im Ansatz finanziell rentiert, so wirst du auch immer jemanden finden, der über Metal schreibt, ohne einen Cent dafür zu sehen. Mit Modellbau verdient z.B. auch niemand Geld, dennoch verfolgen viele Menschen dieses Hobby. Aber ja, der ganze Sektor wird wohl vermehrt in den Hobby-Bereich abrutschen.

TL: Verwässert das und nimmt die Qualität ab, weil die Leute nur noch hobbymäßig schreiben und ansonsten ihrem 40-Stunden-Job nachgehen?
MG: Würde ich da jetzt „Ja“ sagen, dann würde ich ja meine eigene Arbeit schlecht reden. Ich glaube es ehrlich gesagt nicht. Wenn sich jemand freiwillig für ein Album meldet, dann kommt meiner Ansicht nach immer etwas Besseres dabei heraus, als wenn jemand unter Zeitdruck den Stapel CDs auf seinem Schreibtisch abarbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass auf freiwilliger Basis bessere und intensivere Ergebnisse entstehen. Einer unserer ehemaligen Redakteure hat für ein bekanntes Printmagazin gearbeitet und stand dabei permanent unter Zeitdruck. Der hat bei uns intern frei zitiert gesagt: „Fuck, ich habe hier noch acht CDs, die ich bis morgen bepunkten soll. Ich hol mir jetzt eine Flasche Wein und dann würfel ich.“ Diesen Druck haben wir nicht, da wir keine Pflichten erfüllen, sondern nur über das schreiben, worauf wir Lust haben. Die Redakteure, die sich bei uns um die eingehenden Promos kümmern, bieten sie der Redaktion an – das läuft dann wie auf dem Jahrmarkt: Manches ist hart umkämpft, für anderes interessiert sich keine Sau. Das ist dann eben so.

TL: Können die Leser denn Qualität verlangen, ohne dafür zu bezahlen?
SJM: Nein, können sie nicht. Das bringt mich aber wieder darauf, wie es in zehn Jahren vermutlich aussieht: Kaum Print, weniger Webzines und mehr Dunkler Parabelritter. Mehr in die Richtung, dass Leute noch weniger lesen und mehr audiovisuell konsumieren. Online-Leser werden sich mehr mit einem Medium oder einem Menschen und vielleicht auch den damit verbundenen Werten identifizieren. Ähnlich wie in der Musik ist der Bezugspunkt entscheidend. Ich kann Leute für mich oder METAL1.info begeistern, indem ich für etwas stehe. Wer heute über Musik schreibt, morgen über Yoga und – kurzum – generisch Trends bedient, wird es schwer haben. So trennt sich vielleicht auch die Spreu vom Weizen. Diese Entwicklung wird auch auf unsere Kosten laufen, da wir nur bis zu einem gewissen Grad mehr oder andere digitale Wege gehen können. Dafür verkörpern wir seit 15 Jahren die gleichen Werte und werden deswegen auch immer unsere Leser haben, die schätzen, wofür wir stehen und dass wir uns nicht verbiegen lassen.

TL: Würdet ihr heute anders starten als 2002?
SJM: Ich würde heute kein Webzine mehr ins Leben rufen, außer jemand anderes hat Lust, von Anfang an Geld reinzupumpen. Da sind wir schnell bei Alleinstellungsmerkmalen: Warum sollte sich bei der Vielzahl an Webzines jemand mit dir beschäftigen? Welchen Mehrwert bietest du einer Plattenfirma? Es ist heutzutage für neue Magazine fast unmöglich, an gute Kontakte zu kommen, weil in der Musikindustrie unglaublich viele Köche den Brei verderben. Manche Veröffentlichungen werden beispielsweise von drei und mehr Promoagenturen gleichzeitig bearbeitet. Wir haben auch an manchen Labels mehrere Jahre rumgebaggert, bevor wir einen Fuß in die Tür bekommen haben.
MG: Wir können uns unsere Haltung, nichts auf große Namen zu geben, und auch mal einer Genregröße eine niedrige Wertung zu verpassen, wenn es uns gerechtfertigt erscheint, nur leisten, weil wir mit vielen unserer Kontakte schon über viele Jahre zusammenarbeiten. Unsere Partner wissen, dass eine positive Wertung bei uns viel bedeutet – und respektieren deswegen auch, dass wir mit unseren Rezension, wenn nötig, auch mal gegen den Strom schwimmen und nicht in den allgemeinen Kanon einstimmen. Dieses Netzwerk an guten Kontakten ist das A und O, um ein Magazin wie METAL1.info zu etablieren. Das ist heute, da alles im Musikbusiness mit Labels, Promofirmen, ausgelagerten Projekten, zuarbeitenden Promofirmen, bei denen dann der Praktikant zuständig und im nächsten Monat wieder weg ist, kaum noch so aufzubauen. Es gibt auch einfach genug etablierte Magazine, der Markt ist meiner Ansicht nach gesättigt. Wenn du heute so etwas startest, muss es außerdem Erfolg haben, weil viel Geld in Webdesign und dergleichen fließt – das ist ein ganz anderer Druck als 2002, als die drei METAL1.info aus Idealismus und Hingabe zur Musik gegründet haben. Insofern schließe ich mich Sigi an: Ich würde ein solches Projekt heute nicht mehr starten wollen.
SJM: Das gesamte Influencer-Marketing von heute auf Instragram und Co. wird die relevanten Zielgruppen irgendwann vielleicht auch nerven, gerade wenn sie älter werden. Dann orientieren sich Online-Leser nicht mehr an dem, der am lautesten schreit, sondern an demjenigen, der nicht fremdgesteuert wird. Langfristig hoffe ich, dass sich Qualität wieder vermehrt durchsetzt und weniger die beste Selbstvermarktung, auch bei Kindern und Jugendlichen. Thomas, wenn deine Tochter 12 Jahre alt ist, guckt sie hoffentlich nicht Bibi’s Beauty Palace …
MG: … sondern liest Metal1.info!
SJM: Es kann nicht die Zukunft sein, dass sich Millionen Menschen angucken, wie jemand in Nutella badet.
MG: Manches wird bleiben, das Interesse an Bands zum Beispiel. Die Leute wollen etwas über die Menschen hinter der Musik erfahren. Um das zu befriedigen, eignen sich Interviews mit guten Fragen, die für Fans interessant zu lesen sind und auch den Charakter des Musikers herausarbeiten, immer noch am besten. Ob ich mir das dann lieber im Video anschaue oder lese, ist Geschmackssache.

TL: Apropos Interviews. Im Printbereich gab es die Galore, die nur aus mehrseitigen Interviews querbeet durch den musikalischen Gemüsegarten bestanden hat. Diese hielt sich nicht lange …
MG: Das ist genau der Punkt, da sind wir wieder bei den Limitierungen im Printbereich. Das Magazin hat eine begrenzte Anzahl an Seiten, wenn die auch noch quer durch verschiedene Genres gefüllt werden, bleibt weniger Platz für jedes Genre. Aber wer kauft sich für teures Geld dann ein Magazin, in dem er sich für eines von knapp zehn Interviews interessiert? Dieses Problem haben wir nicht: Wir können prinzipiell jeder Band den Platz einräumen, den sie braucht – nicht den, den wir ihr zugestehen. Garniert mit Verlinkungen zu den erwähnten Bands, den dazugehörigen Reviews oder auch Konzertberichten und älteren Interviews. Und das Ganze ständig und von überall aus abrufbar. All das hat der Printbereich nicht zu bieten.
SJM: Für den Folk-Bereich haben wir bereits vor über zehn Jahren ein Interview-Special gemacht und uns für Bands interessiert, die damals kein Schwein kannte. Manche headlinen heute größere Festivals, andere sind in der Versenkung verschwunden. Deswegen werfen wir selbst manchmal auch gern einen Blick in unser Archiv. Im Print muss jede Ausgabe funktionieren und sich rechnen. Für uns ist es nicht schlimm, wenn drei Interviews in Folge wenig Klicks generieren – dafür unterstützen wir so viele kleinere Formationen. Und wer weiß, was später aus diesen wird und über welche Artikel man dann in zehn Jahren wieder stolpert.

SL: Wenn ich mir vorstelle, dass ich 15 Jahre Black Metal höre und darüber schreibe, dann wandeln sich die Generationen, aber die Musik bleibt unter dem Strich gleich. Kann man mit zunehmender Erfahrung besonders Nachwuchskünstlern in ihren Anfängen überhaupt noch gerecht werden? Besonders, wenn man die Einflüsse sofort hört, egal ob im Folk-Rock oder Metal? Geht da nicht die eigene Freude, der eigene Enthusiasmus und die Frische verloren?
SJM: Im Folk hat für mich jeder und alles eine gewisse Halbwertszeit. Ein Bordunton ist und bleibt ein Bordunton. Ich für mich habe das Gefühl, dass sich alles, was ich erzählen will und machen kann, langsam dem Ende neigt. Weitere fünf bis zehn Jahre wird das nicht so weitergehen. Ich selbst werde auch älter, entwickle mich weiter und habe dadurch andere Fixpunkte im Leben. Dann fehlt irgendwann etwas, was dich schiebt und inspiriert. Zum Glück bin ich in der angenehmen Lage, dass ich von heute auf morgen aufhören kann. Ich fände es umgekehrt viel schlimmer, wenn ich nach 15 Jahren nur Musiker sein könnte, der immer neues Material produzieren, touren und einfach weitermachen muss.

SL: Das ist die eine Sache. Aber ich lese zum Beispiel Kundenrezensionen bei Amazon, in denen Leute das neue Drei-Fragezeichen-Hörspiel oder den neuen Star-Wars-Film „vorhersehbar“ nennen. Ich denke mir: Klar, irgendwann hast du 500 Hörspiele gehört und 1000 Science-Fiction-Filme gesehen. Nur: Für die junge Generation funktioniert das heute wie damals, weil es für sie neu ist.
SJM: Für Musik gibt es dafür ein passendes Zitat aus einem Song von Curse: „Du musst Musik lieben, als wärst du immer nur Fan geblieben.“ Und ich will Fan von Musik sein. Wenn ich Konzerte nur als Konzertberichterstatter besuche, finde ich das scheiße. Wenn mich Dudelsäcke gerade langweilen oder nicht kicken, dann darf gerne jemand anderes ran.
MG: Wir haben in unserer Redaktion auch eine recht bunte Truppe, allein vom Alter und den individuellen Hintergründen. Manche hören nicht mehr so viel Metal wie früher, andere sind gerade frisch dabei und entdecken vieles noch für sich. Das ist ein spannender Mix, da das Ergebnis heterogener wird. Ich höre beispielsweise heute noch gerne Thrash, verstehe aber selbst manchmal nicht, warum. Früher haben fünf Gruppen musikalisch das gemacht, was heute 500 tun. Aber das funktioniert erstaunlich gut, wie junge Bands wie Shrapnel beweisen: Die klingt wie Kreator früher. Macht aber nichts, es fetzt einfach.
Im Black Metal ist es genau konträr: Da schreit jeder sofort, dass er das bereits vor 20 Jahren von Band XY gehört hat. Im Endeffekt ist das vom Genre abhängig und davon, wie die Fans dem Material begegnen. Im Thrash will niemand eine Evolution haben, das soll am besten so bleiben, wie es ist. Im Black Metal reichen vielen die ersten fünf Platten, mit denen sie zu dieser Musik gefunden haben. Alles danach kann nur „untrve“ sein.
Ich bewege mich nach all den Jahren irgendwo dazwischen. Im Black habe ich sicher eine andere Herangehensweise als unsere Jungredakteure. „To The Elements” von Sun Of The Sleepless ist da ein gutes Beispiel. Der Kollege hat dem Album 10 Punkte geben, weil er findet, dass das Album alles hat, was Black Metal ausmacht. Ich finde das auch, würde aber allein deswegen noch nicht mehr als 7, vielleicht 8 Punkte geben, weil mir eben das allein nicht mehr reicht. Die Wirkung der Musik und damit die Wertung hängt also natürlich auch von den individuellen Referenzen ab – und die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen. Wenn ich das Gefühl habe, dass mir ein Genre gar nichts mehr gibt, arbeite ich dem bewusst entgegen und höre eben mal eine Zeit lang bewusst etwas ganz anderes. Das frischt mein Gehör auf und man kann sich wieder für Musik begeistern, die das Rad nicht neu erfindet.
SJM: Langfristig tauscht man immer Unverbrauchtheit gegen Erfahrung. Am Ende entscheidet immer der Leser, worauf er mehr gibt. Bei Moritz wissen unsere Leser nach all den Jahren, dass er zum Beispiel nicht der größte Fan von Eïs ist. Bei mir sind meine Vorlieben im Folk auch bekannt. Man muss sich aber immer wieder selbst hinterfragen und auf größtmögliche Objektivität prüfen. Das ist quasi wie in einer Beziehung, bei der am Anfang alles neu ist und man sich im Laufe der Jahre mehr Mühe geben muss, etwas Frisches zu finden.
MG: Oft hat das natürlich auch Einfluss auf die Produktivität: Die wenigsten unserer langjährigen Redakteure liefern noch die Quantität der Anfangsjahre. Ich selbst bin auch selektiver geworden, weil sich vieles für mich abgenutzt hat und ich nicht die 100. Review über ein durchschnittliches Black-Metal-Album schreiben will. Früher habe ich über alles geschrieben, was mir über den Weg gelaufen ist. Heute habe ich oft keinen Nerv mehr für mittelmäßigen Scheiß, der nur meine Lebenszeit frisst, weil er zu gut ist für einen unterhaltsamen Verriss und trotzdem keinen wirklichen Spaß macht. Da halte ich mich lieber an bestimmte Bands oder Vorlieben meinerseits. Manche verlieren aber auch komplett das Interesse. Wir beide haben bei METAL1.info viele Mitstreiter kommen und gehen sehen.

Wir ihr wisst, gibt es in der Regel kein Metal1.info-Interview ohne das obligatorische Brainstorming – für dieses Special-Interview haben wir das Abschluss-Spielchen als Video aufgezeichnet!

 

The Hirsch Effekt w/ PeroPero

Für manche Bands gibt es die treffende Bezeichnung „MusikerInnen-Musik“: Musik, die hauptsächlich von Menschen gehört wird, die selbst Musik machen oder Musik studieren. Darunter fallen häufig Bands aus den Bereichen Progressive und Avantgarde. THE HIRSCH EFFEKT sprechen mit ihrer Mischung aus Mathcore, Punk, Metal und Indierock und -pop mit Symphonie-Einschlag sicher auch diese Klientel an. Dass die Hannoveraner gleichzeitig einen unbestreitbaren Popappeal besitzen, zeigt das zahlreiche Publikum ihrer Show in Münchner Backstage Club an Halloween.

Während im benachbarten Werk eine Halloween-Party für Jugendliche mit Chartsmusik aufwartet, eröffnet das Duo PEROPERO pünktlich um 20 Uhr den Abend. Die Band spielt einen vertrackten Sound zwischen Progressive Rock, Hard Rock und Metal, den sie mit pathetischem Gesang verbindet. Ihr ausgefallenes Outfit steht exemplarisch für die Verschrobenheit der knapp 40-minütigen Show. Leider ist der Gesang an einigen Stellen doch etwas schief und trotz knackigen Sounds schleichen sich einige Längen ein. Das Publikum tanzt allerdings losgelassen und spendet lauten Applaus.

Nach einer halbstündigen Umbaupause ertönt „Like A Bridge Over Troubled Water“ als Intro, bevor THE HIRSCH EFFEKT unter lautem Jubel vor einem sehr gut gefüllten Backstage Club die Bühne betreten. Die in Sicherheit wiegende Stimmung wird vom Opener „Lifnej“ jäh zerstört. Nach anfänglichen Soundproblemen pendelt sich die Abmischung ein und die drei Jungs geben absolut alles auf der Bühne. Erstaunlicherweise wirken THE HIRSCH EFFEKT bei den neuen Songs deutlich souveräner, was allerdings nicht bedeutet, dass sich in die alten Nummern Fehler einschleichen.

Nach ungefähr 40 Minuten kommt auch einiges an Bewegung in das bis dahin wild kopfnickende, allerdings recht statische Publikum. Dabei knickt eine Besucherin leider um, woraufhin die Intensität wieder zurückgefahren wird. Sowohl die zwei Zugaben als auch das schelmische Grinsen der Band weist darauf hin, dass THE HIRSCH EFFEKT an diesem Abend genau so viel Spaß haben wie das Publikum. Das finale „Agitation“ beendet eine 90-minütige, atemlose Show.

Setlist THE HIRSCH EFFEKT

  1. Lifnej
  2. Agnosie
  3. Cotard
  4. Inukshuk
  5. Ligaphob
  6. Lentevelt
  7. Laxamentum
  8. Xenophotopia
  9. Berceuse
  10. Tardigrada
  11. Mara
  12. ----------
  13. Athesie
  14. Agitation


PeroPero waren ein dezenter Auftakt für den Wahnsinn, der THE HIRSCH EFFEKT live sind – dabei kamen allerdings auch die emotionalen Momente nicht zu kurz. Die neuen Songs von „Eskapist“ haben sich nahtlos in das bestehende Set der Hannoveraner eingefügt. Sieht man sich die Publikumsentwicklung der letzten Jahre an, dürfte der Backstage Club nächstes Mal zu klein geworden sein.

Grave Pleasures – Motherblood

(Post-Punk / Rock) Aus Beastmilk wurden GRAVE PLEASURES, von Svart Records ging es über Columbia zu Century Media, auf „Dreamcrash“ folgt „Motherblood“ – so knapp lässt sich die Geschichte der Post-Punk-Newcomer um Ausnahme-Sänger Mat „Kvohst“ McNerney (Hexvessel, Ex-Dødheimsgard, Ex-Code) und Lead-Gitarrist Juho Vanhanen (Oranssi Pazuzu) zusammenfassen. Mehr Worte wären eigentlich auch gar nicht nötig.

Denn bis auf ein paar Namen hat sich bei GRAVE PLEASURES seit Beginn der Reise nicht viel geändert: Bereits mit dem Debüt „Climax“ gelang der Band (damals noch als Beastmilk) ein großer Wurf – wer hätte schließlich damit gerechnet, dass Post-Punk im Stile von Killing Joke, Joy Division und Konsorten im Jahr 2013 noch irgendwen vom Hocker reißen könnte? Das Kunststück gelang dank einfühlsam dargebotener, schmissiger Songs mit hohem Wiedererkennungswert.

Von da an brauchten GRAVE PLEASURES nur noch sie selbst zu sein – denn genau darin liegt ja die Stärke der trotz aller herauszuhörenden Vorbilder unverwechselbaren Band. Eine Stärke, die der Truppe auch auf ihrem zweiten GRAVE-PLEASURES-Album, „Motherblood“, nicht abhanden gekommen ist.

War „Dreamcrash“ bisweilen (verglichen mit „Climax“) recht straight und kam bisweilen gar punkig statt post-punkig daher, kehren GRAVE PLEASURES mit „Motherblood“ zur Eingängigkeit von „Climax“ zurück: Sanftere Gitarren und in quasi jedem Song eine Gesangslinie, die direkt im Ohr kleben bleibt – GRAVE PLEASURES haben nicht verlernt, wie man Hits schreibt.

Dabei gelingt es der Band trotzdem, nicht nach billiger Selbst-Kopie zu klingen – nicht, weil die Songs maßgeblich anders klingen als das bisher veröffentlichte Material, sondern weil es immer noch absolut authentisch wirkt. Abgerundet wird „Motherblood“ durch den schlichtweg perfekten Sound: War „Climax“ vielleicht einen Tick zu verwaschen, „Dreamcrash“ einen Zacken zu trocken, pendelt sich „Motherblood“ auch in Sachen Sound genau zwischen beiden Alben ein: Beim perfekten Post-Punk-Sound im Jahr 2017!

Von Beastmilk zu „Motherblood“ – weit ist der Weg nicht, den GRAVE PLEASURES in den letzten fünf Jahren gegangen sind. Verwunderlich ist das nicht: Warum sollte sich schließlich auf Wanderschaft begeben, wer sein Ziel bereits erreicht hat? GRAVE PLEASURES wirken seit ihrem ersten Album (als Beastmilk) so abgeklärt und mit sich im reinen wie nur wenige Bands. Das Resultat ist „Motherblood“ – ein weiteres unbeschwertes, absolut rundes Album, das nicht nur im Post-Punk seinesgleichen sucht.

Celeste – Infidèle(s)

(Post-Hardcore / Black Metal / Sludge) Sucht man nach einem Beispiel dafür, dass die Grenzen zwischen Back Metal und Hardcore mittlerweile fließend sind, sobald man dem Genre-Namen ein „Post“ voran stellt, ist bei CELESTE richtig. Seit nunmehr zwölf Jahren musizieren die vier Herren aus Lyon irgendwo in der Grauzone beider Sparten. Und das absolut mitreißend.

Nach beachtlichen vier Veröffentlichungen in den Jahren 2007 bis 2010 haben die Franzosen ihr Releasetempo zuletzt heruntergeschraubt: Bereits für Album Nummer vier, „Animale(s)“, ließen sich CELESTE drei Jahre Zeit. Für die Fertigstellung des nun erschienenen Nachfolgers „Infidèle(s)“ benötigten sie sogar vier Jahre. Die Zeit scheint jedoch gut investiert.

Bereits der Opener, „Cette Chute Brutale“ ist ein regelrechter Tritt ins Gemächt: Roh und brutal springt der Song dem Hörer förmlich aus den Boxen entgegen. Wie in der Musik, so steckt auch im Mix reinste Aggression – hart, steril und druckvoll untermauert er diesen ersten Eindruck. Die Doublebass, die mit dem Attack einer MG aus den Boxen tackert, ist symbolisch für den aggressiven Ton, den CELESTE diesmal anschlagen.

Sieht man vom Sound ab, ist bei CELESTE vieles beim Alten geblieben: Black-Metal-Schlagzeug fügt sich mit Post-Hardcore-Gesang und Riffs aus dem Sludge- oder Post-Metal-Sektor zum unverkennbaren Stil von CELESTE zusammen: Hinsichtlich der Gitarren prägen weiterhin vornehmlich langatmige, meist durchgehend geschrammelte Akkordfolgen mit wenig Akzentuierungen, dafür massenweise Dissonanzen das Bild. Verschnaufpausen wie die zweite Hälfte von „Sombres Sont Tes Deboires“ eine darstellt gibt es nur selten. Und wenn, bieten diese kaum Gelegenheit für mehr als ein, zwei Atemzüge, ehe der Wahnsinn weitergeht.

Das klingt nicht per se spannend – und tatsächlich ist die Frage, ob „Infidèle(s)“ ein „spannendes“ Album ist, nicht ganz trivial. Durch viele Wiederholungen, quasi kultivierte Monotonie, und den sehr charakteristischen Stil der Band, der auch diesmal in sämtlichen Songs zum Ausdruck gebracht wird, ist es nicht etwa Abwechslungsreichtum oder Innovation, womit CELESTE hier punkten.

Allein die hässliche Attitüde, die unterschwellige Aggression, die den Kompositionen innewohnt, macht „Infidèle(s)“ jedoch zu einem faszinierenden Album, dem nicht nur altgediente CELESTE-Fans den einen oder anderen Durchlauf gönnen sollten. Wer mit der Band jedoch noch nie etwas anzufangen wusste, den überzeugen CELESTE wohl auch im fünften Anlauf nicht.

Igorrr gehen auf Tour und zeigen Live-Video

Der französische Musiker Gautier Serre kommt mit seinem Projekt IGORRR auf Tour. Die Band macht dabei in folgenden deutschen Städten Halt:

28/10/17 DE – Berlin – Bi Nuu
29/10/17 DE – Dresden – Scheune
30/10/17 DE – Hamburg – Logo
01/11/17 DE – Hannover – Glocksee

Als kleinen Vorgeschmack könnt ihr euch unten das Video des Auftritts der Band beim Dour Festival in Belgien ansehen.