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J.B.O. : Video und Tourdaten

Die deutschen J.B.O. haben ein neues Musik-Video zum Song „Du hast dein Smartphone vergessen“ veröffentlicht. Es entstammt dem neuen Album „Deutsche Vita“, das am 30. März erscheinen wird.

Darüber hinaus wird die Band ab nächster Woche an sechs Wochenenden am Stück Konzerte spielen. Anbei die Tourdaten:

30.03. Bremen, Aladin
31.03. Dillingen, Lokschuppen
06.04. Hannover, Capitol
07.04. Glauchau, Alte Spinnerei
13.04. Köln, Essigfabrik
14.04. Stuttgart, LKA
20.04. Berlin, Columbia Theater
21.04. Dresden, Reithalle
27.04. Hamburg, Markthalle
28.04. Oberhausen, Turbinenhalle
04.05. Fulda, Kreuz
05.05. München, Backstage Werk

 

 

 

 

 

Bruce Lamont – Broken Limbs Excite No Pity

(Singer/Songwriter / Ambient / Noise) Ein Solo-Album sollte nur schreiben, wer musikalisch auch etwas zu sagen hat. So gesehen ist BRUCE LAMONT sicher nicht der schlechteste Kandidat für ein solches Unterfangen. Kreativität und Talent hat der Mann aus Chicago bereits vielfach unter Beweis gestellt: Mit Yakuza macht er Jazz-Metal, mit Corrections House – gemeinsam mit Mike IX Williams (Eyehategod), Scott Kelly (Neurosis) – elektronischen Noise. Und zu guter letzt hat LAMONT mit “ Feral Songs for the Epic Decline“ (2011) auch schon ein erstes Solo-Werk veröffentlicht.

Mit „Broken Limbs Excite No Pity“ legt BRUCE LAMONT nun eine weitere Einzelarbeit nach – eine wilde, aber nicht undurchdachte Mischung aus Ambient, Noise und Saxophon wartet darauf, vom Hörer erkundet zu werden. Bereits der Opener, „Excite No Pity“ vereint LAMONTs ruhigen Gesang, sein behäbiges Saxophonspiel und atmosphärische Sounds zu einer stimmigen Klang-Collage, die gegen Ende immer weiter ins Noisige abdriftet und im kreativen Chaos endet.

Wer denkt, damit bereits alles gehört zu haben, irrt. Denn auch, wenn LAMONT damit schon ein breites musikalisches Spektrum abdeckt, ist hier stilistisch noch lange nicht Schluss. Zunächst geht es in Richtung Ambient-Noise („8-9-3“, später nochmal in „The Crystal Effect“), dann wird „Broken Limbs Excite No Pity“ mit einer kratzigen Clean-Gitarre mit subtilem Southern-Einschlag düster-rockig („Maclean“, „“Goodbye Electric Sunday“), ehe „Neither Spare Nor Dispose“ beide Extreme geschickt verknüpft.

Dass dabei gesanglich von Zeit zu Zeit („Maclean“) nicht jeder Ton astrein sitzt, mag Perfektionisten vielleicht stören, passt aber eigentlich gut zum Charakter der Songs. Souveräner wirkt LAMONT jedoch zweifelsohne am Saxophon, wie der finale Instrumental-Track „Moonlight And The Sea“ abschließend beweist.

Eine gewisse Parallele zu den Solo-Werken von Steve Von Till (Neurosis) ist – gerade bei den gitarrenlastigen Songs von „Broken Limbs Excite No Pity“ – nicht von der Hand zu weisen. Durch die Noise-Elemente sowie insbesondere das Saxophon verleiht BRUCE LAMONT seinem Album jedoch zugleich einen unverwechselbaren, ur-eigenen Charakter – genau das also, was ein Solo-Album ausmacht.

Ulvesang – The Hunt

ULVESANG haben es geschafft, bereits vor Veröffentlichung des neuen Albums „The Hunt“ mit den vorab online gestellten Tracks auf Bandcamp Platz 1 zu sein. Das sollte den Folk-Musikern aus Kanada erst einmal jemand nachmachen. Und dies bei einem Album, welches fast ganz ohne Gesang auskommt. Dazu kommt, dass die Band nicht live auftritt, also für ihre Fans gar nicht wirklich greifbar ist.

Die beiden jungen Musiker Alex Boyd und Ana Dujaković fanden bereits mit ihrem 2015 veröffentlichten, einfach „Ulvesang“ betitelten Erstling im Underground viel Gehör. Nun schieben sie „The Hunt“ nach haben damit ein musikalisches Kunstwerk erschaffen, welches mit Worten eher schwer zu beschreiben ist. Vielmehr muss man die Melancholie, die ULVESANG vertonen und mit Folk-Elementen mischen, einfach auf sich wirken lassen. Wer beispielsweise die ruhige Art von Lönndom mag, es aber noch ein wenig trauriger und zurückgenommener bevorzugt, könnte bei ULVESANG fündig werden.

In den meisten Songs beherrschen auf der Akustikgitarre gespielte, atmosphärische, leicht folkig angehauchte Melodien die Komposition, oftmals gepaart mit einer zweiten Gitarre oder manchmal mit sanften Klängen anderer Folkinstrumente. Hin und wieder summt Alex Boyd etwas dazu, als würde er am Lagerfeuer sitzen und vor sich hin musizieren. Andermals wird das Summen mit Hall unterlegt und dazu benutzt, eine Klangwand zu kreieren, die den sentimentalen, mystischen Charakter der Songs unterstreichen soll. Aber immer leben die Lieder hauptsächlich von der Eingängigkeit und Schönheit der emotionalen Hauptmelodien. Hin und wieder werden diese ausgereizt und manch Song wie beispielsweise „The Gloom“ wird in die Länge gezogen, ganz so, als wäre der Musiker beim Spielen so sehr in sich selbst versunken, dass er einfach immer weiterspielt, um die gerade erschaffene, magische Stimmung immerfort zu genießen.

Erst gegen Ende von „The Hunt“ überraschen ULVESANG im inbrünstigen Track „The Truth“ mit Gesang. Allerdings ist Alex Boyds Vocal-Performance hier eher eine Art schamanischer Traditionsgesang, der mit viel Hall unterlegt ist und sehr dumpf im Hintergrund gehalten wird, so dass weiterhin der Akustikgitarrenklang die Oberhand behält. So kurz „The Truth“ auch ist, so leidenschaftlich ist es und stellt sicherlich ein Highlight dar.

Danach folgt der Schlusstrack „Mocvara“, welches der geheimnisumwobenste, mystischste Track von „The Hunt“ ist und gut Teil des Soundtracks zu „Die Nebel von Avalon“ hätte sein können. Hin und wieder hört man eine Glocke, ein tragender, langsamer, dump-dröhnender Klangton bildet die Basis, bevor zu Naturklängen wie Wasserplätschern Song und Album sehnsuchtsvoll ausklingen.

ULVESANG selbst verwehren sich dagegen, als Neo-Folk bezeichnet zu werden, da sie sich keiner neuen Elemente bedienen, sondern ihre Instrumentierung denkbar rudimentär halten und die Musik als Vertonung dessen sehen, was bereits da ist, nämlich die Magie und Kraft der Wälder, die Schönheit der Natur und die berauschende Vielfalt der Tierwelt. Dass der Mensch das alles zerstört, ist die subtile Botschaft in den traurigen Melodielinien vieler Songs. Doch bei aller Melancholie wird doch mit jedem Track eine wunderschöne, reichhaltige Klanglandschaft gemalt, in die man eintauchen und sich treiben lassen kann. Man kann es nicht anders sagen: ULVESANG sind ein Geschenk an alle, die Musik mögen, die dem Wesen der Natur selbst entsprungen zu sein scheint.

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Phantom Winter – Into Dark Science

(Doom / Black Metal / Post-Hardcore) Was lange der Black Metal war, ist heute das Mischgenre aus Post-Metal, Post-Hardcore und Sludge: Die hässlichste, dreckigste und düsterste Musik, die man weit und breit finden kann. Mit ihrem nunmehr bereits dritten Album, „Into Dark Science“, liefern die erst seit 2014 als PHANTOM WINTER vereinten Würzburger einmal mehr reichlich Anschauungsmaterial, um diese These zu untermauern.

Bereits der erste Song, „The Initiation Of Darkness“, reicht mit seinen knapp zehn Minuten Spielzeit zur Beweisführung eigentlich aus. Ob nun der extreme, vollkommen panisch-paranoid klingende Schreigesang, der kratzig-rohe Gitarrensound, die creepy Noise-Sounds im Hintergrund oder der sinistre Cleanteil, der mit seiner weiblichen Erzählerstimme merklich an Bethlehem erinnert: PHANTOM WINTER gewähren dem Hörer wahrlich keine lange Schonfrist.

Dergestalt eingestimmt (beziehungsweise abgehärtet), kann man die folgenden Songs erst so richtig genießen – wenn PHANTOM WINTER dann nämlich alle Register ziehen: Die Riffs schwer und fett, das Songwriting impulsiv und eruptiv, bleiben selbst die längsten Songs von „Into Dark Science“ stets dynamisch und packend. Das liegt nicht zuletzt daran, dass PHANTOM WINTER mehr denn je auf Kontraste setzen: „Into Dark Science“ beinhaltet die extremsten, aber mitunter auch die ruhigsten Passagen, die man von der Band bislang zu hören bekommen hat.

Mit ihrem dritten Album entwickeln sich die Würzburger genau im richtigen Maße weiter: So knüpfen PHANTOM WINTER mit „Into Dark Science“ einerseits ganz logisch dort an, wo sie mit „Sundown Pleasures“ aufgehört hatten, haben durch Änderungen im Feintuning aber trotzdem viel Neues zu bieten. Freunden der vorangegangenen Werke kann das Album deswegen ohne Vorbehalte empfohlen werden. Neueinsteiger sollten vielleicht trotzdem erst einmal rein hören – gerade der wirklich extreme Gesang, kombiniert mit den noisigen Elementen, ist (nach wie vor) gewiss nicht jedermanns Sache.

[b.abuse] – Memories Of Better Days Are Gone

(Crust Punk / Post-Rock / Noise) Dass sich eine Band von vielen verschiedenen Musikrichtungen inspirieren lässt, sagt grundsätzlich noch nichts über ihre eigene Musik aus. Viele Black-Metal-Interpreten haben zum Beispiel eine Vorliebe für klassischen Heavy Metal oder gänzlich andere Genres, ohne dass sich davon etwas in ihren Kompositionen widerspiegelt. Wenn sich aber eine Musikgruppe gleichermaßen von Neurosis, The Cure, Godflesh, Voivod und Discharge beeinflusst sieht und man diese Einflüsse dann auch noch glasklar heraushört, kann es sich nur um ein außergewöhnliches Stück Tonkunst handeln. Und genau das ist „Memories Of Better Days Are Gone“, die fünfte Platte der deutschen Experimental-Crust-Punker [B.ABUSE].

„A Promise Empty“ bildet erst einmal noch einen recht leicht zugänglichen Einstieg in das Album. Wütende Hardcore-Screams, in denen bisweilen auch eine gewisse Verzweiflung mitschwingt, werden von bedrückenden, aber auch schwungvollen Gitarren und ebenso kräftigen Drums begleitet. Der eher lässige Mittelteil mit seinen schrägen, etwas schiefen Clean-Vocals gibt jedoch bereits einen ersten Vorgeschmack auf die Kuriositäten, mit denen [B.ABUSE] den Hörer in weiterer Folge noch konfrontieren werden.

Zwischen und passagenweise in den rohen Crust-Punk-Tracks, die ihren Höhepunkt auch schon mal in einem geradezu schmerzhaft unharmonischen Chaos finden („Reward Prediction Error“), haben [B.ABUSE] nämlich so manches unkonventionelles Arrangement eingestreut. Tatsächlich handelt es sich bei diesen ruhigeren, oft weitgehend instrumentalen Einschüben nicht nur um kurze Unterbrechungen in Form von Zwischenspielen, sondern um eigenständige Songs, die das Album mindestens genau so prägen wie ihre Hardcore-lastigen Gegenstücke. In puncto Eindringlichkeit stehen sie diesen jedenfalls in nichts nach.

Auf „Alte Haeuser ohne Namen“ vertonen [B.ABUSE] beispielsweise ihre per Spoken-Word verkündete, dystopische Zukunftsvision lediglich über trostlos hallende Clean-Akkorde und minimalistische Percussions, was die desolate Weltuntergangsstimmung geradezu greifbar macht. Zudem kommt in den stimmungsvollen, fast schon Ambient-artigen Nummern der Bass mehr durch und auf „Days Gone By“ bekommt man zusätzlich triste Pianotöne zu hören, die [B.ABUSE] gekonnt in die Songstrukturen integrieren und diese damit noch melancholischer einfärben. Abgerundet wird der ungewöhnliche Stil-Mix durch die kräftige und zugleich klare Produktion, die einerseits den härteren Abschnitten viel Wucht verleiht und andererseits die Atmosphäre in den beklemmenden Passagen weiter vertieft.

Angesichts der Dualität in der Stilistik der Tracks sollte man wohl meinen, dass „Memories Of Better Days Are Gone“ einem Wechselbad der Gefühle gleicht. In Wahrheit ist es jedoch nur ein einziges Bild, das [B.ABUSE] dem Hörer die vollen 42 Minuten über in den Kopf pflanzen: die düstere Szenerie einer vom Menschen verursachten Verwüstung, wie sie auf dem Artwork abgebildet ist. Ob nun grobes Hardcore-Geknüppel oder verschrobene, hypnotisierende Clean-Gitarren und Percussions, die Grundstimmung, die [B.ABUSE] damit vermitteln, bleibt stets dieselbe. „Memories Of Better Days Are Gone“ eignet sich somit perfekt für eine Playlist zur musikalischen Untermalung der Apokalypse.

Sikth – The Future In Whose Eyes

(Mathcore/ Progressive Metal) Die Discografie von SIKTH ist ebenso durcheinander wie die Musik der Briten selbst; neben drei Demos und vier EPs veröffentlichten die sechs Musiker erst in diesem Jahr ihre dritte Full-Length. „The Future In Whose Eyes“ stellt somit den längst überfälligen Nachfolger von „Death Of A Dead Day“ (2006) dar. Eingeleitet mit drei Vorab-Singles ist dieses Album mehr als nur der dritte Silberling, sondern auch das erste Studio-Album von SIKTH nach ihrer Wiedervereinigung vor vier Jahren. Mit der EP „Opacities“ (2015) haben sie diese bereits fulminant zelebriert und den Weg für „The Future In Whose Eyes“ mit besonders sperrigen Steinen zugebaut, denn die Qualität der EP müssen SIKTH erst einmal wieder erreichen und halten können.

Bereits der Opener „Vivid“ steigert sich zu einem typisch-verkorksten Hit, dessen Melodik im Refrain sofort im Gehörgang bleibt, ebenso wie „Golden Cufflinks“, ein verhältnismäßig geradliniger Track, und selbst wenn ein Song nicht nur durch den bemerkenswerten Zwiegesang oder dem komplexen Aufbau in der Erinnerung bleibt, ist es die Detailverliebtheit von SIKTH, wie in „No Wishbones“ oder „Ride The Illusion“, mit denen sie punkten. Dennoch: Die Melodik nimmt auf „The Future In Whose Eyes“ mehr Raum ein, die Riffs sind weniger herausfordernd als auf „Death Of A Dead Day“ und die Bass-Spuren grooven enorm; summa summarum ist die Hit-Dichte auf „The Future In Whose Eyes“ hoch, biedert sich zugleich aber mitnichten dem Hörer an.

Unklar, dass jemand ernsthaft daran zweifeln könnte, dass SIKTH die Qualität ihrer letzten Veröffentlichung erreichen könnten, denn nur, weil die Briten einige Jahre ruhten, verlernten sie nicht ihr Geschick, aus purem Chaos schmissige Hits zu kreieren. Im direkten Vergleich zum Vorgänger „Death Of A Dead Day“ fällt zwar auf, dass SIKTH in geordneteren Bahnen musizieren als bisher gewohnt, rückblickend betrachtet sogar so gering durcheinander, dass es fast ungewohnt ist.

Dennoch: Obgleich der Zugang zu SIKTHs drittem Album leichter möglich ist als zuvor, ist dieser Umstand eher damit zu begründen, dass die sechs Britten zuvor hochgratig verkopft und chaotisch agierten, anstatt zu behaupten, dass SIKTH ihren Biss verloren haben – diesen Vorwurf können die Briten mit Leichtigkeit in jedem ihrer Songs auf „The Future In Whose Eyes“ widerlegen. Kantig, verspielt und immer wieder mit einer neuen Überraschung im Gepäck treiben die Briten ihrer Hörerschaft vor sich her, nur selten ist dabei eine Verschnaufpause in „The Future In Whose Eyes“ eingeplant.